In Zeiten wie diesen… … kann es vorkommen, dass Vorstellungen wegen der Corona-Viren ausfallen. So beim Semperoper Ballett in Dresden. Trost kommt mal wieder online daher: mit „7 Portraits of Solitude“ von David Dawson. Man könnte aber auch ein Experiment wagen.

Keine Ballettgala "We will dance" in Dresden

„Die Tempeltänzerin – La Bayadère“ sollte mit einem schönen Auszug in der Gala „Semper Essenz – We will dance!“ begeistern: mit Svetlana Gilova und Denis Vegeny im Pas de deux. Jetzt heißt es: Bitte warten, das Corona-Virus hat die Premiere verunmöglicht. Foto: Ian Whalen

Es sollte mal wieder voll abgehen in der schönen barocken Semperoper in Dresden, denn das Ballett plante für heute die Premiere der vielseitigen Gala „Semper Essenz: We will dance!“ Doch das Schicksal will es anders. Wegen eines Positiv-Corona-Tests im Ensemble müssen die Vorstellungen des Semperoper Balletts heute, am 18.9.20, und übermorgen, am 20.9.20, abgesagt werden. Vermutlich wird auch die Vorstellung am 25.09.20 nicht stattfinden können. Jetzt bitte nicht aufregen, sondern froh sein, dass die Infektion im Dresdner Ballett bislang symptomfrei verläuft. Das ist doch das Wichtigste! Wir wünschen darum gelassen alles Gute und freuen uns auf den Oktober, wenn das Gala-Erlebnis hoffentlich mit mehreren Vorstellungen nachgeholt werden kann. Tolle Fotos gibt es davon übrigens, denn die Bühnenproben wurden plangemäß vor wenigen Tagen abgehalten. Ganz ehrlich: Man sollte aus der kurzfristigen Absage lernen und künftig auf eine solide Aufzeichnung der  Haupt- oder Generalprobe achten. Denn zur Not kann man dann die Aufzeichnung via Beamer im Opernhaus zeigen, vielleicht sogar begleitet von Live-Musik aus dem Orchestergraben. Dieses Experiment sollte man wagen. Für nicht wenige Fans wäre das immerhin ein schöner Event-Trost: Ballett mit Kino- und Konzert-Effekten. Trost kommt statt dessen mal wieder aus dem Internet: Gestern hatte die neue – dieses Mal filmische – Arbeit von Starchoreograf David Dawson ihre Online-Premiere. „7 Portraits of Solitude“ („7 Portraits der Einsamkeit“) zeigt sieben vom Corona-Lockdown inspirierte Soli mit Tänzerinnen und Tänzern vom Semperoper Ballett. Und weil als Locations meistens Outdoor-Räume gewählt wurden, sind die Ansichten so poetisch wie überraschend.

Die Musiken wechseln, sind aber alle vom leichten Schwebesound der minimal music geprägt.

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Herausragend: „Portrait # 5“ – unter diesem Zwischentitel ist Courtney Richardson zur Musik von Gavin Bryars unterwegs. Hohe Orgelpfeifen und ein sanftes, redundantes „Atmen“ von mittleren Klängen erzeugen einen Klangteppich, über den die Ballerina förmlich zu gleiten scheint. Fließend ausgeübte Verrenkungen, ein leichtfüßiges Schlieren über den Boden, himmelwärts gerichtete Blicke – Courtney gelingt die melancholische Mitteilung von Wehmut auch ohne flatterndes Kostüm, das man ihr hier durchaus gewünscht hätte.

Keine Ballettgala "We will dance" in Dresden

Aidon Gibson tanzt das Solo mit Hashtag 3, in „7 Portraits of Solitude“, online bei David Dawson zu sehen. Videostill: Gisela Sonnenburg

Noch aufregender ist allerdings die Musik von Szymon Brzóska, der auch die Musik für „Tristan + Isolde“ schrieb. „Tristan“ ist Dawsons bestes Stück, zumindest meiner Ansicht nach – 2015 wurde es in Dresden mit dem Semperoper Ballett uraufgeführt. Bei der Gelegenheit betörte auch schon die vielschichtige, die Nerven keineswegs strapazierende, vielmehr nachgerade beruhigende Musik von Brzóska.

Jetzt tanzt Alejandro Martínez den Brzóskas Sound: auf einer ansonsten leeren Dachterrasse.  Die Mühen der Einsamkeit zeigen sich im typischen Dawson-Stil: Aalglatt und supersauber gleitet der Körper durch die Musik, durch deren Sphären, der Tänzer hebt die Hände wie aus Protest, sich indes bald wieder den schmeichelnden Melodiefragmenten ergebend.

Auch Houston Thomas fasziniert mit seinem schönen, eleganten Körper, und Sangeun Lee, die große Überschlanke aus Dresden, tanzt sogar das allererste der Hashtag-Soli, zu Musik von Max Richter.

Auf der Gala hätte sie den „Sterbenden Schwan“ – den Mikhail Fokine 1905 für Anna Pavlova kreierte – neu interpretieren sollen. Jetzt fegt der Wind durch ihren Pferdeschwanz – und am Horizont wartet Dresden auf die Normalität.

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Das siebte der Portraits – die nicht wirklich Portraits sind, sondern einfach abstrakte Tänze zum Thema „Einsamkeit“ – findet dann schließlich in der Semperoper statt, und zwar auf der leeren Bühne mit dem Hintergrund des leeren Zuschauersaals. Alice Mariani tanzt diese Referenz an das Theater voll Anmut und Erhabenheit.

Die Kostüme bestehen hier nur in schlicht edler Trainingskleidung von Yumiko Takeshima. Allerdings hätte man den Tänzerinnen und Tänzern durchaus zum Umfeld passende Kostüme, Frisuren und Make-up gewünscht. So ganz schlicht wirkt das alles doch ein bisschen banal, was auch daran liegt, dass die Soli kein weiteres Thema haben als die Einsamkeit – und keine individuelle Note den Tanzstil der einzelnen Stücke unterscheidet.

Keine Ballettgala "We will dance" in Dresden

Sofiane Sylve und Carlo Di Lanno sollten einen Pas de deux aus „The Nature of Daylight“ von David Dawson auf der Gala in der Semperoper tanzen – das ist jetzt verschoben worden. Aber das Foto ist schön – es entstand auf einer Bühnenprobe und stammt von Ian Whalen.

David Dawson kann einem allerdings besonders Leid tun. Ihm brach bereits im Mai 2020 eine Uraufführung mit dem Bayerischen Staatsballett weg („Affairs of the Heart“) – und im Juni die in Dresden geplante Kreation „Vier letzte Lieder“ zur Musik von Richard Strauss. Jetzt verlor auch ein Auszug aus „On the Nature of Daylight“ seinen Auftritt in der Gala-Premiere. Gut, dass Dawson sich nicht unterkriegen lässt und weitermacht!

Dasselbe gilt natürlich für alle Künstlerinnen und Künstler: Kopf hoch und durchhalten! Wir sind dankbar, wenn getanzt wird – und niemand schwer erkrankt.

Bei der Gelegenheit schicken wir alle guten Genesungswünsche zu allen, die sie benötigen, und zwar bis nach Moskau, wo die Stardiva Anna Netrebko, zweifelsohne eine der aufregendsten Sopranstimmen unserer Zeit, mit einer Corona-Lungenentzündung im Krankenhaus liegt. Sie befindet sich nach eigenen Worten aber auf dem Weg der Besserung. Zum Glück!

Also nochmals: Kopf hoch! Wir alle warten gerne. Dafür sind wir Menschen. Wir können Rücksicht nehmen! Und vielleicht wird ja der eine oder andere Opern- oder Ballettchef angeregt, für solche Fälle ein Ersatzprogramm – Ballett als Stummfilm-Video mit Live-Musik des Orchesters – vorzubereiten. Die Kunst gibt jedenfalls nie auf!
Gisela Sonnenburg

www.semperoper.de

www.daviddawson.com/work/7portraitsofsolitude/

 

 

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