Gefangene der eigenen Triebhaftigkeit Johan Inger interpretierte „Carmen“ ganz neu, wie ein modernes Ballettical – und das Semperoper Ballett zeigt, was es kann, in einem spannenden Abend

"Carmen" von Johan Inger in Dresden

Hübsch, naiv, verlockend: Ayaha Tsunaki als moderne „Carmen“ in der Choreografie von Johan Inger beim Semperoper Ballett. Foto: Ian Whalen

Alter Schwede! Auch einem schon erfahrenen Choreografen wie dem 1967 in Stockholm geborenen Johan Inger passiert ab und an noch etwas völlig Neues. Schon seit 1995 choreografiert Inger hintergründige Stücke wie das den Kunstmarkt ironisierende, abstrakte Ballett „Cacti – aber seine „Carmen“, die er 2015 in Madrid uraufführen ließ, ist sein erstes Handlungsballett: Die Compania Nacional de la Danza erteilte ihm hierzu den Auftrag. Zwanzig Jahre agile Berufserfahrung des kreativen Haudegens merkt man dem Stück nun höchstens im positiven Sinne an: Der Stil der Inszenierung ist jung und modern, unkonventionell und originell, dennoch leicht verständlich. Konsequenterweise sollte der nicht mal zweistündige Abend zwar besser „Don José“ heißen als „Carmen“, denn es geht vornehmlich um die Probleme dieses einen Mannes. Doch die intensive Raffung der Geschehnisse auf der Bühne ergibt ein zu schlüssiges Psychogramm, um es abzulehnen. Nach dem Ballett im Theater Basel zelebriert jetzt als dritte Compagnie das Semperoper Ballett das rasante Stück: als klassischen Zweiakter in fast brutal zeitgenössischem Outfit.

Der stärkte Kunstgriff, den Inger sich hier zutraute, zeigt sich gleich zu Beginn. Da spielt ein Bub, das kindliche Alter ego von Don José, mit einem Ball. Bis eine schwarze Schattengestalt ihm diesen entwendet und in Richtung Fabrik trudeln lässt… Das Schicksal hat somit eingegriffen, und für Don José geht es von nun an im Grunde immer nur bergab.

Der Besuch“ ist ein Ballett nach dem Stück „Der Besuch der alten Dame“ über weibliche Rache und die Käuflichkeit der Welt von Friedrich Dürrenmatt. Der souveräne Ballettchoreograf des Nordens Ralf Dörnen hat daraus ein sozialkritisches, spannendes Tanzdrama gemacht, das am 2. Februar 2019 vom BallettVorpommern in Stralsund uraufgeführt wird. Das ist eine Reise Richtung Ostsee wert! Mehr Infos und Tickets bitte hier! Foto: Anzeige / BallettVorpommern

Der Junge, den Inger einführte, ist übrigens en travestie besetzt, mit der Ersten Solistin Anna Merkulova.  Wer sie noch als Brangäne aus David Dawsons „Tristan + Isolde“, im selben Stück in der weiblichen Titelrolle oder auch schlicht als träumendes kleines Mädchen im „Nussknacker“ in Erinnerung hat, bewundert jetzt neben ihrer Bühnenpräsenz auch ihre Bandbreite. Man hätte ihr nur mehr Tanz gewünscht, aber dafür hat sie von Anfang bis Ende des Stücks eine Schlüsselposition.

Merkulova ist hier ein Kind, das Kind schlechthin, aus dessen Perspektive das Geschehen – stellvertretend für das große Weltgeschehen – erlebt wird.

Im ersten Teil trägt sie ein weißes Outfit, im zweiten ein schwarzes, und so krass sind auch die Stimmungsunterschiede der beiden Akte. Seit „Giselle“ (1841) ist diese Zweiteilung im Ballett nachgerade klassisch zu nennen.

Akt eins entfaltet Lebenslust und Aufbruchstimmung. Bunte, frei bewegliche Bühnenelemente – von Curt Allen Wilmer entworfen – spiegeln eine Welt, die Ungebundenheit und Freiheit verspricht – und dann später doch nur das Gegenteil einlöst.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Aidan Gibson, Susanna Santoro und Ayaha Tsunaki in „Carmen“ von Johan Inger beim Semperoper Ballett: keine Klischee-Zigeunerinnen, bravo! Foto: Ian Whalen

Carmen ist hierin die – eine Referenz an die klassische Carmen-Rezeption – rot berockte sinnliche junge Frau, und Johan Inger inszeniert sie mit Anklängen an die weltberühmte Interpretation von Maya Plisetzkaya: mit betont burschikosen Bewegungen und oftmals in den Hüften aufgestützten Händen. Spitzenschuhe gibt es bei Inger allerdings nicht, sie würden zu dieser wenig ätherischen Carmen auch nicht passen.

Sie ist hübsch, neckisch, provozierend. Sie ist ein Typ, selbstbewusst und souverän. Aber eine übermäßige Sexbombe ist Ingers Carmen absichtlich nicht, sondern einfach nur eine freizügige junge Dame, die gerne männliche Eroberungen macht, freilich ohne sich um das Seelenleben ihrer Kavaliere zu scheren.

Das entspricht weniger einem modernen Frauenbild, sondern vor allem der Literarvorlage und Verbrechertragödie von Prosper Mérimée, die 1847 erstmals als Novelle in eigenständiger Buchform erschien.

Zuvor kursierte seine „Carmen“ ab 1845 als vermeintlicher Reisebericht in Frankreich, wodurch Marius Petipa davon hörte und schon 1845/46 während seines Aufenthalts in Spanien das Ballett „Carmen et son toréro“ kreierte.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Carmen und Don José sind beide heißblütig, in positiver wie in negativer Hinsicht. Szenenfoto mit Ayaha Tsunaki und Jón Vallejo: Ian Whalen

Carmen ist – so oder so und in welcher Rezeption auch immer  – besonders heißblütig, und dass sie im Streit eine Rivalin verletzt, was auch bei Johan Inger so ist, zeigt, dass sie sich selbst nicht immer wirklich unter Kontrolle hat.

Und das hat sie mit Don José gemeinsam. In der Novelle von Mérimée (die wirklich lesenswert ist) tötet dieser nämlich schon, bevor er Carmen überhaupt kennenlernt. Mehr noch: Don José entzieht sich etwaiger Rache für seine Tötung eines Spielgegners, indem er seine Heimat, das Baskenland, verlässt und nach Andalusien geht. Andalusien, o selige Bruststätte des von Spannungen und Passionen sich nährenden Flamenco-Tanzes, olé, öle!

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Dort trifft der Unteroffizier José auf die leidenschaftliche, aber leichtlebige Zigeunerin Carmen, und hätte er nicht bereits Blut an seinen Händen, hätte das Schicksal ihn niemals zu ihr geführt.

Ob es dann eine andere Carmen in seinem Leben gegeben hätte? Oder ist es gerade der Zusammenprall zweier besonders temperamentvoller Naturen, der hier bis zum Letzten ausgelebt wird und zum Eifersuchtsmord an der Frau führt?

Man weiß es nicht. Aber man weiß, dass das Schicksal bei Inger zwar keinen Namen, dafür aber viele Arme und Beine hat. Denn schwarze Schauergestalten verkörpern es, und ihre einflussreiche Macht gleicht jener der Nornen in der griechischen antiken Mythologie. Wie in einem mystischen Film greift die schwarze Macht in die Handlung ein, reicht etwa Don José die Pistole, mit der er seinen Vorgesetzten und Rivalen bei Carmen erschießt.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Sinnlich von Natur aus: Carmen (Ayaha Tsunaki) steht für unkonventionelle Erotik, Don José (Jón Vallejo) verfällt ihr total. Wenn Männer sich nicht mehr im Griff haben… Foto vom Semperoper Ballett: Ian Whalen

Doch zunächst ist das Leben bunt und hat durchaus angenehme Seiten, die mit flippig-zeitgenössischem Tanz und reichlich Swing und Drive freundlich angereichert sind. Das hervorragend anzusehende Ensemble tanzt in Sixties-Klamotten – die einfallsreichen Kostüme stammen von David Delfin. Er hat für die Zigeuner-Girls nicht etwa die Carmen-üblichen großen Dekolletés aufgefahren, sondern lässt sie im Teenager-Look mit Mini-Rüschen-Rock auftreten, mit hoch geschlossenen, eigentlich braven Oberteilen, solange der Reißverschluss überm Busen geschlossen bleibt.

Carmens Sexappeal besteht hier mal nicht in ihrer Aufmachung à la Sexmonster, sondern in ihrer sinnlichen Natur!

So kommt Ingers Choreografie mit ihrer lässigen Geschmeidigkeit und einer oft katzenhaften Pose, die sich nur manchmal in Richtung Bourlesque bewegt, ein erhöhtes Gewicht zu.

Schön, mal eine Carmen zu sehen, die nicht mit nuttenhafter Staffage zugekleistert ist!

Carmen, wegen ihrer Händel mit der Konkurrentin inhaftiert, becirct mit ihrer lieblichen Art Don José so lange, bis er sie entgegen seinem Auftrag, sie zu bewachen, frei lässt. Damit verdient er sich eine Liebesnacht – in der Novelle von Mérimée ist diese ziemlich wichtig.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Er wäre so gern jemand Besonderes mit besonderer Macht, vor allem über die Frau, die er liebt und begehrt: Don José (Jón Vallejo) im Solotanz beim Semperoper Ballett in „Carmen“ von Johan Inger. Foto: Ian Whalen

Hier auf der Bühne der Semperoper muss José vor allem dafür büßen, dass er seinem Vorgesetzten den Gehorsam versagte. Ihm werden die Insignien der Uniform entrissen, er wird zum gewöhnlichen Wachmann degradiert. Schmachvoll für einen heißblütigen, aufstrebenden Militär…

Im Ballett von Inger ist es besonders wichtig, was sich an Interessenskonflikten fortan entwickelt.

Denn Carmen zieht weiterhin Verehrer an Land, darunter auch Zuniga (schön herrisch: Joseph Hernandez) , den Vorgesetzten von José. So etwas mag die verliebte, patriarchal gestrickte Mannesseele ja nun gar nicht, und prompt kommt es zur tätlichen Auseinandersetzung zwischen den Männern.

Don José tötet Zuniga, mit der ihm aus dem Schattenreich gereichten Pistole – und er wird somit ein Outlaw. Ein Krimineller, ein Flüchtender.

Nur Eines bleibt ihm noch, um seine Männlichkeit zu beweisen: Er will mit Carmen leben, sie besitzen, sie aber zieht die Freiheit vor…

Es ist dieser Konflikt in Don José, der die Sache eskalieren lässt. Carmen will sich nicht von ihm vereinnahmen lassen, er aber will sie über alle Maße kontrollieren.

Man fragt sich, warum er sich überhaupt in sie verliebt hat, wo doch gerade sie überhaupt nicht zu haben ist. Sucht er den größtmöglichen Widerstand? Hat sie wirklich die größten Schlüsselreize für einen wie ihn?

Sie will leben wie ein ungezähmter Mann, als Donna Juana, als eine Casanova, die reihenweise Herzen bricht, ohne darüber Rechenschaft abzulegen.

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In der Novelle von Mérimée ist Carmen außerdem verheiratet, mit einem Einäugigen namens Garcia, dem sie bereits als halbes Kind anvertraut wurde – und der sich damit abgefunden hat, dass sie wie ein Single leben will.

José ist bei Mérimée konsequent in seinen tödlichen Ausrastern: Er tötet auch Garcia, um an seiner statt als Carmens Partner aufzutrumpfen.

Den sozialen Abstieg Don Josés bis hin zur Verbrecherexistenz in einer Gaunerbande, für die Carmen als Spionin arbeitet, hätte man bühnenwirksam umsetzen können. Doch darauf verzichtet Johan Inger – er reduziert die Geschichte auf den Mann-Frau-Konflikt.

Das ist die Stärke und zugleich die Schwäche der Inszenierung. Denn natürlich sind Mann und Frau nicht so, wie sie sind, vom Himmel gefallen. Wo die Literatur differenziert, wird im Ballett vereinfacht. Im Endeffekt treffen sich die beiden Entwürfe allerdings im Liebesmordmotiv:

Mérimée lässt Carmen sagen, dass sie lieber sterben würde als ihre Freiheit einer Zigeunerin aufzugeben. Darum fasst José, als er erkennt, dass sie ihm nie treu sein wird, den Plan, sie umzubringen.

Bei Inger ist es fast eine Tat im Affekt, zumindest steht José unter hoch emotionalem Eindruck. Er ist wie Othello, er stirbt fast vor Eifersucht, wird rasend, als er Carmen mit dem Torero, ihrem eifrigsten Verehrer, sieht.

Zunächst aber geht es nach der Degradierung Josés durch seinen Vorgesetzten in die Pause, und als diese endet, ist die Bühne zum Dauergefängnis mutiert, in dem José rennt und rennt und rennt – und doch im Grunde nicht voran kommt.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Schattengestalten greifen in sein Leben ein, verkörpern seine unbewussten Triebe: Jón Vallejo als Don Juan in „Carmen“ von Johan Inger beim Semperoper Ballett. Foto: Ian Whalen

Mal sieht man gitterartige Fäden, mal muss man sich die Fesseln dazu denken. Klar aber wird, dass José aus seiner Gefangenheit in seinen eigenen Gefühlen, aus seiner eigenen Triebhaftigkeit, nicht mehr herauskommt. Er hat es nie gelernt, sich seinem eigenen Innenleben zu stellen und es zu handeln.

Das eigentliche Gefängnis Josés trägt er mit sich herum…

Alles ist dunkel und düster in diesem zweiten Teil, die Macht der Schatten wächst, damit auch der Einfluss der dunklen Gedanken…

Und die Musik kreiert dazu eine Stimmung, die nichts Gutes verheißt.

Kein Geringerer als Rodion Schtschedrin, der Gatte der sowjetischen Supraballerina Maya Plisetzkaya, schuf auf der Grundlage der gassenhauerischen Melodien der „Carmen“-Oper von Georges Bizetvon 1875eine moderne, einaktige Ballettpartitur,  „Carmen-Suite“ genannt, die gleichsam eine analytische Kommentierung Bizets mit musikalischen Mitteln ist.

Mächtig bimmeln darin die Glocken, wenn sie die bekannten „Ja, die Liebe hat bunte Flügel“- und „Auf in den Kampf“-Melodien nicht etwa zustimmend, sondern sie in Fragmente zerlegend und mit Zwölftonkanonaden zugleich begleitend wie auch hinterfragend zitieren.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Ach, wilde Carmen! Ayaha Tsunaki und das Ensemble vom Semperoper Ballett in „Carmen“ von Johan Inger. Foto: Ian Whalen

Diese Musik prägte auch die Uraufführung des Balletts „Carmen-Suite1967 in Moskau am Bolschoi-Theater, hingegen die Kostüme mit Anklängen an eine „Raumschiff Enterprise“-Utopie eher an eine Modenschau als an ein herkömmliches Psychodrama erinnerten. Das Ganze war ein sehr avantgardistisches Werk, äußerst mutig für seine Zeit.

Allerdings war es wohl kein Zufall, dass man sich für die Illustrierung dieser komplizierten Musik den kubanischen Gastchoreografen Alberto Alonso kommen ließ. Niemand aus Moskau wollte einen Eklat zu eigenen Lasten riskieren – man konnte die Verantwortung für das Stück und sein etwaiges Missfallen auf den Gast Alonso schieben. Allen Zweifeln zum Trotz: Für Viele ist das Stück von 1967 bis heute Kult.

Einzelne Bruchstücke der Choreografie des Kubaners Alberto Alonso sind denn auch maßgeblich genug, als dass auch Johan Inger nicht an ihnen vorbei kommt und sie zitiert.

Eine prägnante Szene gilt bei Inger allerdings nicht nur Carmen, sondern einem Damen-Ensemble mit Carmen in der Mitte: geballte Frauenpower geht davon aus und quält den armen Don José, der immer mehr ein Macho im sozialen Miniaturformat wird. Die heutige Flutung der Männer mit sexistischen Werbebildern könnte man dazu assoziieren – man verspürt Mitleid mit den solchermaßen völlig überforderten, auch belogenen Männern.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Wenn Männer zu sehr lieben… Jón Vallejo ist als Don José in Johan Inger Version von „Carmen“ eine Traumbesetzung, denn er ist kein testosterongestählter Macker, sondern der ganz normale Psychopath  von nebenan. Foto vom Semperoper Ballett: Ian Whalen

Jón Vallejo ist allerdings eine Traumbesetzung für diese Partie! Er ist tatsächlich Spanier, wurde dort auch ausgebildet und begann seine Karriere unter anderem in Madrid. Seit 2006 tanzt er in Dresden, er begann dort gleich auf dem Niveau als Coryphée, und seit 2016 ist er Erster Solist. Den aufgedrehten Macker muss er nicht markieren, er hat genügend männliche Ausstrahlung, einfach, indem er da ist.

Zappelig und wüst, kraftgeladen und unglücklich ist sein José, und man versteht ganz ohne Skandal und Testosteronüberschuss, warum dieses Würstchen von einem Mann sein Ego klammheimlich in scheinbarer Überlegenheit den Frauen gegenüber aufbauen muss.

Er hat mit der Japanerin Ayaha Tsunaki als Carmen aber auch ein wunderbares Gegenüber!

Sie ist keine superzarte Elfe, sondern wirkt bodenständig, ist dennoch geschmeidig und seidenglatt, wenn sie in den Spagat geht oder mit keckem Lächeln das Weibchenhafte herauskehrt. Tsunaki  wurde in Japan, in der Ballettschule vom Hamburg Ballett – John Neumeier und auf der Palucca Hochschule für Tanz Dresden ausgebildet. Seit 2015 gehört sie zum Semperoper Ballett, derzeit im Rang einer Coryphée – und man hofft nach dieser Performance, dass sie weitere Hauptrollen ergattern wird.

Überhaupt müssen die Tänzerinnen und Tänzer vom Semperoper Ballett mal wieder kräftig gelobt werden, denn ihr Niveau und ihr Einsatz, ihre Fitness und ihre Flexibilität sind sprichwörtlich vorbildhaft zu nennen.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Carmen zwischen zwei Männern: Don José (Jón Vallejo) erschießt seinen Vorgesetzten (Joseph Hernandez, links). Männer unter sich… Foto vom Semperoper Ballett: Ian Whalen

Dass die Tänzer hier zudem auch mal fetzenartig auf spanisch singen dürfen – in Anlehnung an den Chor in der Oper „Carmen“ – und auch mal frech gerufen wird, etwa „Carmen!“ , verstärkt die moderne Anmutung der Inszenierung und entspricht ihrem Ballettical-Aspekt.

Wenn es etwas zu bemängeln gäbe, dann, ja dann würde man sich noch etwas mehr Tanz, etwas mehr modernes Ballett wünschen! Dafür könnte das Stück auch gut und gern eine Stunde länger sein. Eindreiviertel Stunden inklusive einer ausgiebigen Pause sind etwas kurz, auch wenn man – Pluspunkt für Johan Inger– immerhin nicht eine Sekunde gelangweilt wird.

Die Novelle von Mérimée gibt eigentlich genügend Anreize, den Abstieg des Don José stückweise zu illustrieren und ihn aus Liebe und Abenteuerlust erst zum Gauner, zum Berufskriminellen, werden zu lassen und dann zum Frauenmörder.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Nach der Arbeit ist vor der Arbeit: Ayaha Tsunaki und Jón Vallejo beim Applaus. In kollegialer Hinsicht verstehen sich Carmen und Don José sehr gut, was man ihrem Tanz ansieht. Foto vom Schlussapplaus nach Johan Inger „Carmen“-Premiere am 25.1.2019 in der Semperoper in Dresden: Franka Maria Selz

Doch Johan Inger hat sich auf den Kern der Zweierbeziehung zu Carmen konzentriert und darum vieles weggelassen, was seinem Antihelden noch mehr Sozialkolorit hätte verleihen können.

Zwei Szenen aus dem zweiten Teil bleiben indes besonders im Gedächtnis haften, bevor es zum Abgrund des blutigen Endes kommt. Beide Male geht es um den Jungen und sein Verhältnis zum erwachsenen José und seiner großen Liebe.

Einmal ahmt das Kind die Bewegungen des Erwachsenen nach, der sich mit Carmen im Pas de deux befindet. So funktioniert das mit Kindern: Sie machen nach, übernehmen, was die Erwachsenen ihnen vormachen.

Dann, beim zweiten Pas de trois, hält der Junge den erwachsenen Mann davon ab, Carmen zu schlagen. Der Arm von José erstarrt in der Luft, mitten in der Bewegung. Und fast scheint es, als könnte aus den Dreien eine heile Welt, eine funktionierende, liebevolle Familie werden, als Deckerinnerung Josés an eine Kindheit, die er so vielleicht nie hatte.

Doch am Ende dieser Sentenz steht wieder der Arm, der in der Bewegung des Schlagens in der Luft erstarrt ist – eine traurige Poesie geht von diesem missratenen Familienidyll aus, ganz so, wie José es in seiner Kindheit wirklich gefühlt haben mag.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Der Junge (Anna Merkulova) weiß, dass Gewalt kein Spiel ist. Don José (Jón Vallejo) ist kein gutes Vorbild. Carmen (Ayaha Tsunaki) unterliegt. Szenenfoto von der Semoperoper: Ian Whalen

Mann schlägt Frau – Johan Inger kocht die mordlüsterne Carmen-Story erfolgreich runter auf ein begreifliches Normalomaß. Er weist somit auf das immer noch große und von hohen Dunkelziffern belastete Gebiet der häuslichen Gewalt hin. Mann schlägt Frau – ist das nicht der Beginn aller Probleme der Zivilisation?

Dass das Hauptproblem solcher Männer womöglich nicht nur in ihrer Kindheit liegt, sondern vor allem auch darin, dass sie nicht lernen, sich mit ihrer eigenen Neigung zu Gewalt und somit auch mit ihrer eigenen Sexualität auseinanderzusetzen und sich entsprechend selbst zu beherrschen, mag der Choreograf Inger uns vielleicht nur deshalb nicht tänzerisch mitteilen, weil das schwieriger wäre als die Andeutung einer verkorksten Kindheit.

Vielleicht aber weiß er es auch nicht – er ist schließlich auch nur ein Mann, und er wäre nicht der erste, der den Wald vor lauter Bäumen nicht erkennt, wenn es um Frauen, Macht und Sex geht. Denn wo steht in seiner Geschichte die Figur der Carmen? Ist es plausibel, sie auf das Naturell einer Donna Juanna zu reduzieren? Zu leicht ist es in dieser Gesellschaft, von Frauen ein Klischeebild zu fabrizieren, das sie auf ihre optischen Reize zurückschraubt. Die Frau, das Sexmonster – so ganz kann sich auch Inger nicht von dieser männlichen Fantasie lösen.

Immerhin aber bricht Johan Inger dennoch für die Emanzipation eine Bresche.

Denn seine Carmen ist gerade kein typischer Pin-up-Verschnitt, sondern eine normale, emanzipierte junge Frau, die das macht, was sonst zumeist die Männer machen: verführen, Spaß haben und sitzen lassen. Das ist nicht gerade die feine Art, mit den Gefühlen anderer Menschen umzugehen, aber es ist an sich kein Verbrechen. Nur mag die Männergesellschaft solch ein Verhalten bei einer Frau nicht zu akzeptieren.

Welche Gedanken und Wünsche Carmen sonst beherrschen, erfahren wir allerdings nicht.

Mann und Frau existieren hier nur in ihrer Definition über ihren Sexus.

Aber jeder Mensch träumt von einer sozialen Umgebung, die zu ihm passt, oder? Don José hat für sich das Militär gewählt, Carmen wurde in das Zigeuner-Milieu hineingeboren. Doch wovon träumt sie? Wirklich nur von Freiheit? Freiheit wozu, Freiheit, was zu tun? Schwer vorstellbar, dass bloßes Herumvögeln ihr als Lebensinhalt tauglich sein soll. Zumal sie nicht mal Geld damit verdient, sie ist ja gerade keine Hure, hat dafür aber eine umso stärkere erotische Wirkung auf José.

Bleibt die Möglichkeit, Carmen als wandelnde Provokateurin zu interpretieren.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Don José (Jón Vallejo) als Spielball emotionaler Kräfte… so zu sehen in „Carmen“ von Johan Inger beim Semperoper Ballett. Foto: Ian Whalen

Die Rache des Patriarchats in Gestalt von Don José ist denn auch schrecklich.

Als sei Egoismus ein männliches Privileg, kocht in Don José etwas hoch, von dem er wohl nie annahm, dass es sich verselbständigen könnte. Aber Gefühle sind nun mal gefährlich – nicht nur für den Leidenden, sondern auch für jene, die wiederum unter ihm leiden.

Am Ende erwischt José „seine“ Carmen wieder beim Fremdflirten, mit dem Torero (verführerisch in der Premierenbesetzung: Joseph Gray) – und er zwingt sie mit physischer Gewalt, mit ihm zu kommen.

Ob er da schon weiß, dass er das Messer zücken wird, ist nicht sicher zu erkennen. Aber man ahnt, dass das Ende der Sackgasse in ihm selbst erreicht ist.

Als Carmen stirbt, zieht er sie aus und hält, langsam aus seinem Mordrausch erwachend, fassungslos ihr rot gerüschtes Kleid in den Händen. Carmen hingegen erhebt sich und geht, im hautfarbenen Trikot scheinbar nackt, leichtfüßig ins Jenseits; ihr Gang hat etwas von Erlösung.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Jón Vallejo als Don José ist am Ende, seine Carmen Ayaha Tsunaki entfernt sich ins Jenseits… so zu sehen in „Carmen“ von Johan Inger beim Semperoper Ballett. Foto: Ian Whalen

Das Kind aber hat plötzlich eine Carmen-Puppe. Und was macht es damit? Es zerreißt sie, es zerstört sie, es vernichtet die puppige Frau, wie es die Frauenzerstörung soeben bei den Erwachsenen beobachtet hat.

Das ist symbolisch zu deuten, sonst wirkt es platt – denn nicht jedes Kind, das unter gewalttätigen Verhältnissen aufwuchs, wird selbst auch zum Täter. Umgekehrt hat nicht jeder Täter eine wirklich grässliche Kindheit vorzuweisen.

Es geht darum, gesellschaftlich propagierte Bilder von Frauen und Männern anzugreifen und zu entkräften. Es ist nicht männlich zu töten. Schon gar nicht, Frauen zu töten. Und es ist nicht weiblich, sich töten zu lassen, auch nicht von einem Mann.

Diese Lehre sollen wir aus Johan Ingers „Carmen“ ziehen, und er fand eine durchaus raffinierte und unterhaltsame Möglichkeit, uns die Geschichte vom Femme-fatale-Syndrom der Männer nahe zu bringen.

Man wird nicht erschüttert und nicht zu Tränen gerührt. Aber man beginnt nachzudenken – und hat zudem sein Vergnügen an einer gut nachvollziehbaren, plastisch erzählten Geschichte auf der Bühne.

Im Reigen der historischen „Carmen“-Rezeption ist sie sogar fortschrittlich zu nennen.

Denn nach dem spanischen Ballett von Marius Petipa kam, erst drei Jahrzehnte später, Georges Bizet mit seiner Oper heraus, die unglücklicherweise ein Libretto präsentiert, das vor üblen Klischees nur so strotzt. Hierin ist Carmen eine Art besessene Monsterhure, die Männer aus purem Spaß in die sexuelle Abhängigkeit treiben und solchermaßen beherrschen will. Die Frau als Provokateurin ihres eigenen Todes – so ein Konzept taugt vielleicht für eine einzelne Szene, niemals aber für einen ganzen Theaterabend. Es entspricht zwar männlichen sexuellen Fantasien – aber keinesfalls irgendeiner Realität aus Frauensicht.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

„Carmen“ als Oper bei Wikipedia: Die Schuldigen am scheußlichen Opern-Libretto werden genannt, ansonsten wird der globale Triumphzug dieser Männerfantasie dokumentiert. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Entsprechend gequält wirken viele „Carmen“-Inszenierungen, der unverwüstlich melodiösen Musik Bizets zum Trotz.

In der Belle Époque wurden verschiedene „Carmen“-Ballette aufgeführt, aber keines überlebte den Zeitgeist des Jugendstils, in dem die Titelheldin als eine Art Salome und auch wiederum als eine negative Inkarnation der dräuenden Gleichstellung von Frauen stilisiert wurde.

1949 entdeckte dann der Franzose Roland Petit die anti-bürgerliche, erotische Sprengkraft des „Carmen“-Motivs. Er stellte die Hauptfigur als sexuelle Liebesgöttin in Mieder und schwarzen Netzstrümpfen auf die Bühne. Das war ziemlich revolutionär, aber leider auch wieder sehr klischeebehaftet.

Die sowjetische Aufarbeitung 1967 am Bolschoi war dagegen viel differenzierter – und wurde schon weiter oben ausführlich erwähnt.

Aber: So richtig hundertprozentig kamen die Männer auch dieses Mal nicht heran an ihre heiß geliebte Carmen.

Vielleicht sollte mal eine Frau das Stück untersuchen und inszenieren?

1971 nahm sich John Cranko– wieder nur ein Mann – der Sache an. Mit Marcia Haydée , Egon Madsen und Richard Cragun– also den üblichen Cranko-Uraufführungsverdächtigen – in den Hauptrollen schuf er ein abendfüllendes Ballett, von dem man zuletzt allerdings nur wenig sah und hörte. Das liegt vielleicht daran, dass sich Cranko in seinem Libretto arg deutlich an Bizets Oper „Carmen“ orientierte und das Ganze darum trotz neuer Musik wie ein getanzter Abklatsch von der Oper wirkt.

1992 versuchte dann Mats Ek bei den Cullberg Balletten in Stockholm, dem Thema beizukommen. Eine frauenemanzipierende Sicht war da von vornherein nicht zu erwarten: Ek lässt Damen gern Nervenzusammenbrüche haben und scheint sich in seinen Stücken immer wieder an seiner allzu dominanten Mutter, der Choreografin und Compagnieleiterin Birgit Cullberg, zu rächen.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Ein Screenshot von der Homepage vom Hamburg Ballett zeigt den Pas de deux „Carmen“ von John Neumeier. Foto: Holger Badekow / Faksimile: Gisela Sonnenburg

1994 kreierte das choreografische Genie John Neumeier einen Pas de deux namens „Carmen“ mit einem Auszug aus Schtschedrins Musik für eine Gala. Darin geht es um soliden Geschlechterkampf, der von beiden Seiten bis aufs Blut, bis auf Leben und Tod geht – und der nicht zufällig, aber auch nicht ganz zwangsläufig zu Ungunsten Carmens ausgeht. Sehr spannend! Zu einer abendfüllenden Auseinandersetzung mit dem Thema durch Neumeier kam es bislang allerdings nicht.

2015 mühte sich Carlos Acosta in London mit einer „Carmen“ ab, die sich zu stark auf die Show-Effekte und die expressive Rhythmik der Musik verlässt. Inhalte gehen darin unter, es handelt sich um Mief und Muff auf hohem technischem Niveau.

Ach, Carmen! Unzählige Verfilmungen, Musicals und natürlich Tonaufnahmen der Oper kreiseln um sie und treten doch auf der Stelle. Aber sie runden das Bild eines gesellschaftlichen Gesamteindrucks ab:

Die männliche Menschheit kann von dem Sujet „Carmen“ offenbar gar nicht genug bekommen, aber so richtig überzeugend gelingt es ihr zumindest aus feministischer Sicht nicht, das Thema glaubhaft zu inszenieren.

Man darf vermuten, dass dieses mit den unbewussten Allmachtsfantasien zu tun hat, von denen sich die meisten Männer in ihrem Sexleben leiten lassen.

Und wer weiß, vielleicht wird Johan Inger sich eines Tages das Thema erneut vornehmen – oder eine weibliche Choreografin wie etwa Aszure Barton interpretiert den Mythos ganz neu. Bis dahin lohnt sich die Dresdner Ballett-Carmen ganz gewiss, mutmaßlich auch in der Alternativbesetzung, die von Duosi Zhu und Francesco Pio Ricci in den Hauptrollen getanzt wird.

Carmen" von Johan Inger in Dresden

Von außen ebenso eine Augenweide wie von innen – und vor allem mit einer fantastischen Akustik gesegnet: die Semperoper in Dresden, fotografiert bei Nacht von Franka Maria Selz

Zumal der junge spanische Dirigent Manuel Coves das Stück auch schon in Madrid dirigierte. Er, die Staatskapelle Dresden und nicht zuletzt die nachgerade exquisite Akustik in der Semperoper machen das Programm auch akustisch zu einem Genuss. Olé!
Franka Maria Selz / Gisela Sonnenburg

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