Baryshnikov, der unbewusste Superstar Mikhail Baryshnikov wurde 70 Jahre alt – und lebt gut von seinem Mythos

Mikhail Baryshnikov ist ein Superstar des Balletts

Einst ein Superstar des Balletts, heute ein Kassenmagnet in illustren Spektakeln: „Misha“ Baryshnikov 2016 in „Letter to a Man“ in der Regie von Robert Wilson. Faksimile: Gisela Sonnenburg / Werbetrailer „Letter to a Man“

Er wolle gar nicht wissen, wie hoch er springe, sagte Mikhail Baryshnikov mal. Denn er werde versuchen, beim nächsten Mal noch höher zu springen. So eine selbstvergessene Unermüdlichkeit gehört zum Ballett wie das Amen in die Kirche. Und Misha hatte mit Alexander Puschkin im damaligen Leningrad einen Ballettlehrer, der für eben diese Mentalität persönlich jederzeit gerade stand. Puschkin war übrigens auch der Lehrer und Macher von Rudolf Nurejew, der in diesem Jahr 80 werden würde. Mit Rudi wurde Misha denn auch zeitweise gerade im Westen, wohin beide flüchteten, immer wieder verglichen. In der Selbstvermarktung gingen beide zwar unterschiedliche Wege, sie versuchten aber auch, einander zu übertrumpfen. Vom künstlerischen Profil her waren die zwei einmalige Superstars – Baryshnikov allerdings wusste neben seinen weltberühmten Sprüngen vor allem auch seinen Charme einzusetzen. So in Hollywoodfilmen wie „White Nights“ und in Fernsehserien wie „Sex and the City“, die ihn möglicherweise erst recht unsterblich machten. Am 27. Januar 1948 in Riga (Lettland) als Sohn russischer Eltern geboren, wurde er jetzt stolze 70 Jahre alt. Was man ihm selbstredend nicht ansieht. Herzlichen Glückwunsch zu beidem!

Der Wahlamerikaner, der sich 1974 während einer Tournee des Kirov-Balletts in Kanada absetzte, um dann in die USA zu übersiedeln und der viele Jahre in New York brillierte, machte später mit dem White Oak Dance Project einen Versuch, auch ältere Balletttänzer künstlerisch mit modernem Ballett noch zu fordern und zu fördern.

Mit diesem Ensemble tourte er auch in den 90er Jahren durch Deutschland. Ansonsten aber macht Misha sich hier zu Lande eher rar; seine oft mehr oder weniger schlüpfrig-skurrilen Selbstinszenierungen wie in Paris hätten hier vermutlich auch keinen großen Erfolg.

Mikhail Baryshnikov ist ein Superstar des Balletts

Blick über die Schulter: Mikhail Baryshnikov als Vaslav Nijinsky in Robert Wilsons Regiearbeit „Letter to a Man“, die auch in Paris zu sehen war. Faksimile: Gisela Sonnenburg / Werbetrailer „Letter to a Man“

Während es Nurejew bis zu seinem Tod 1993 immer knallhart um die Kunst ging, flirtet Baryshnikov doch allzu gern mit seinem Dasein als Star – als jemand, der es geschafft hat, ganz oben zu stehen und der als wandelnde Marke heiß begehrt ist, egal, womit er sich öffentlich zeigt.

Aber er war mal fabelhaft! Was für ein Basil, was für ein Solor! Was für ein Robbins-Interpret, und natürlich: Was für ein Balanchine-Ballerino!

John Neumeier holte ihn nicht umsonst mit Lynn Seymour zu seiner ersten Nijinsky-Gala 1975 nach Hamburg:  Baryshnikov stand für Glamour pur.

Wie Rudi hat auch Misha eher kurze Beine, was fürs Ballett und gerade für dessen traditionelle, männliche Sprungkraft durchaus passend ist. Allerdings muss man konstatieren, dass junge Tänzer mit einer solchen Statur, also mit sehr breiten Schultern im Vergleich zur sehr kleinen Körperhöhe, immer seltener werden und womöglich an den Profi-Schulen von heute oftmals frühzeitig „aussortiert“ werden. Ob ein Baryshnikov heute noch eine Chance auf der immer technischer werdenden Ballettbühne hätte?

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Umso bedeutsamer sind sein Flair und sein Talent in der Hardcore-Ausprägung des klassischen Tanzes, wie es auch auf zahlreichen Videos und Filmen dokumentiert ist. Diese scheinbare Atemlosigkeit, mit der Misha tanzte und die sich auf sein wie hypnotisiertes, so begeistertes Publikum übertrug, muss man sich da zwar denken. Aber man kann sich durchaus fallen lassen und eintauchen in ein Fluidum, das den Tanz an sich Sekundenbruchteil für Sekundenbruchteil zelebriert.

Der Genuss des Gegenwärtigen, den gerade Baryshnikovs spannender, wie unter Strom stehender Stil gewährleistet, rührt vielleicht aus der Bewältigung eines Kindheitstraumas. Denn seine musische Mutter brachte sich um, als der Junge mit zwölf Jahren gerade zu pubertieren begann.

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Tanz – das war die Rettung, die Ersatzwelt für den hyperbegabten jugendlichen Tänzer, der später auch mit schier endlos wirkenden Pirouettenserien für Erstaunen sorgte. In seiner Generation zählte Baryshnikov zu den Vorreitern eines technisch fortschrittlichen, in seinen Erfolgen nachgerade messbar erscheinenden akrobatischen Balletts.

Aber gerade das wollte er eben nie: Kunst messbar machen oder sie technokratisch überformen lassen.

Freiheit – sie, die sich im übrigen mit Dummheit noch nie gut vertragen hat, ist vielmehr das Credo des auratischen Misha. Dass er, als Künstlerischer Leiter des auch die Avantgarde fördernden Mikhail Baryshnikov Arts Center in New York, im April letzten Jahres an seine Gönner und Bewunderer appellierte, daran zu denken, dass die USA immer eine Nation von Einwanderern waren, belegt seinen auch politischen Mut.

Seine jüngeren Auftritte allerdings schnuppern am Gefälligen. Mit „Letter to a Man“ beispielsweise trat er erstmals 2016 im italienischen Spoleto auf. In der Regie des ebenfalls sehr bekannten Robert Wilson verkörpert er darin, grotesk-clownesk geschminkt, in Wilsons typischer Stummfilm-Ästhetik Vaslav Nijinsky, den schizophren gewordenen frühen Übertänzer aller Ballettbegeisterten. Letzte Saison wurde das Stück im Pariser Théatre de la Ville wieder gezeigt.

Mikhail Baryshnikov ist ein Superstar des Balletts

Ein Griff in die Trickkiste der Vergangenheit: Baryshnikov spielt Nijinsky, in „Letter to a Man“ von Robert Wilson. Faksimile: Gisela Sonnenburg / Werbetrailer „Letter to a Man“

Kommerz für Touristen und künstlerischer Anspruch verschmelzen darin zur Unkenntlichkeit, wie seit vielen Jahren in den Pariser Events, in denen Baryshnikov sich regelmäßig selbst vorführt und gern mit Revue-artigen Elementen umgibt.

Irgendeinen nächsten Auftritt mit so einem Hauch Geschmacklosigkeit wird er wohl auch schon wieder ausbaldowern. Er ist eben unermüdlich, der gute Misha – auch wenn die Selbstvergessenheit, für die er steht, in Zeiten echter Kämpfe um Kultur und ihre Werte ein wenig vorgestrig wirkt.
Gisela Sonnenburg

 

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