Von der Liebe als Kraftquell Legendär und doch aktuell wie nie: „Tristan und Isolde“ in Hamburg, inszeniert nach Ruth Berghaus, dirigiert von Kent Nagano – ein Rausch für alle Sinne, auch wenn ver.di die zweite Aufführung bestreikte

"Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Ruth Berghaus - toll.

Eine riesenhafte Turbine steht symbolisch für die soghafte Kraft der Triebe, die am Hof von König Marke immer mehr Menschen immer stärker in ihren Bann zieht… Welch Sinnbild für die Liebe von „Tristan und Isolde“! So zu sehen in der Inszenierung von Ruth Berghaus an der Hamburgischen Staatsoper. Foto von 2005: Brinkhoff / Mögenburg

Glück wird ein wechselbarer Begriff, wenn man alt wird. Die Hoffnungen fliegen nicht mehr so hoch, man will gar nicht mehr soviel unbegrenzte Heiterkeit. Aber das Gefühl der Liebe wird immer stärker – und wo sie in der Jugend noch ein ungebremster Höhenflug einerseits, andererseits ein Abgrund ohne Halt war, wird sie im späteren Lebensverlauf eine Unbedingtheit, die ganz einfach dazu gehört. „Tristan und Isolde“ sind spürbar kein Jugendwerk, weder beim Dichter Gottfried von Straßburg, der um 1210 Poetenhand an das Paar anlegte, noch bei Richard Wagner, dessen Oper 1865 nach vielen Jahren des Schaffens daran uraufgeführt wurde. Wie es der „Tristan-Akkord“ schon verheißt: Hier subsummiert sich die Liebe auf Eins mit dem Sein, gerade weil beides in dieser Welt unfrei ist. Maßstäbe setzte die Brecht-Schülerin Ruth Berghaus 1988 mit ihrer körperbetonten Inszenierung für die Hamburgische Staatsoper. Der dortige heutige Generalmusikdirektor Kent Nagano dirigiert diese jetzt wiederaufgenommene Show mit derart viel Herzblut und dennoch auch Präzision, mit so viel Klarheit im Kopf, aber auch Willensstärke des Gefühls, dass er Daniel Barenboim als den weltweit führenden Wagner-Dirigenten meiner Meinung nach damit glattweg entthront.

Der Triumph von Naganos Tristan-Klangwelt beginnt mit der Ouvertüre, bereits mit dem ersten Ton, dem ersten gewichtigen Akkord, aus dem sich bald das ganze Universum dieser übergroßen Liebeskraft entfaltet.

Alles Streben, aber auch alle Tragik schwingen hier in den ersten Takten bereits mit: Es geht um eine Liebe, die so stark und umfassend ist, dass sie alles andere verdrängt und jeden anderen Lebensbezug verblassen lässt.

Die Noten hierfür gefunden zu haben, ist Richard Wagners geniale Leistung. Diese Noten aber so interpretieren zu lassen, dass sie mit lebendiger Sinnstiftung brillieren – ist das große Verdienst des Dirigenten Kent Nagano.

Nagano hat seine Musiker fest im Griff der schönen Hände – es gibt keinen Zweifel daran, dass er das Niveau des Philharmonischen Staatsorchesters in Hamburg seit seinem Amtsantritt als Generalmusikdirektor im September 2015 schon deutlich gehoben hat.

Da klingt denn auch nichts verschwommen oder zu impressionistisch, und auch zu einer prekären Vereinzelung einzelner komplizierter Phrasen kommt es mitnichten. Der Klangteppich, auf dem dieser „Tristan“ liebt, ist rundum akkurat, aber vielschichtig gewoben – und entlockt der Partitur genau die richtigen Höhepunkte.

"Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Ruth Berghaus - toll.

Liegestühle für die Ordnungsmacht – Ruth Berghaus strotzte nur so vor subversiven Ideen. Ihre Kostümbildnerin Marie-Luise Strandt unterstütze sie dabei hervorragend. Das Ergebnis: ein sinnträchtiger erster Akt von „Tristan und Isolde“ in der Hamburgischen Staatsoper. Foto von 2005: Brinkhoff / Mögenburg

Man möchte unbedingt eine Aufzeichnung hiervon haben, also, liebe Labels, strengt euch an, das noch in die Wege zu leiten! Es mag letztlich ja auch der großartigen, legendären, mittlerweile schon historischen und dennoch topmodernen Inszenierung von Ruth Berghaus geschuldet sein, dass hier die diamantenen Funken des imaginierten Liebesfeuers so außerordentlich scharf geschliffen erscheinen.

So befindet man sich bereits gedanklich mitten im Wunderland, wenn sich der Vorhang mit seinem silbernen Planeten darauf hebt.

Das passt ins Berghaus’sche Konzept, zugleich eine metaphorische Spiegelung wie auch eine Gegenwelt auf der Bühne zu zeigen. Denn außer Kratern hat diese eigentliche Welt diesseits des Vorhangs wohl nichts mehr zu bieten, auch wenn die Milchstraße und zwei Saturne noch scheinbar verheißungsvoll im Hintergrund des Vorhangs mitglänzen.

Aber erst im Nachhinein der Opernaufführung wird sich dessen Sinn vollständig erschließen.

Zunächst mal ließ sich Ruth Berghaus von ihrem Bühnenbildner Hans-Dieter Schaal ein Totenschiff bauen, das an ein Raumschiff mit luxuriös akzentuierter Traumschiff-Note erinnert. „Tristan und Isolde“ als Sci-Fi-Märchen, nicht als mittelalterliche Schmonzette. Dennoch obsiegt der Eindruck, dass es hier um eine zeitlos erzählbare Geschichte geht, und Berghaus genau deshalb den historischen Kontext verließ, um ihn auf einer höheren Ebene doch wieder zu treffen.

So gibt es hier auch Liegestühle (wie an Deck eines Kreuzschiffs), und während eine metallglänzende Ritterrüstung zu einem Bündel verpackt hin- und hergetragen wird, als enthalte sie allerlei schuld- und problembehaftetes Material, gibt es auch ein kleines, betonschweres Boot, das gelegentlich an einem Strick über die Bühne gezogen wird, als sei hiermit die Lösung der ärgsten Konflikte gut anzubahnen.

Das sind sinnvoll sprechende Bilder, die nicht überfrachtet oder gar kitschig anmuten, die aber auf den Punkt bringen, was Gesellschaften, die die Liebe erschweren, machen: Sie liefern sich der organisierten Aggression und einem falschen Fortschrittsdenken aus.

"Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Ruth Berghaus - toll.

Isolde und Brangäne – auch sie verbindet keine einfache Geschichte… hier ist die Besetzung von 2005 von „Tristan und Isolde“ in der Inszenierung von Ruth Berghaus an der Hamburgischen Staatsoper zu sehen. Foto: Brinkhoff / Mögenburg

Der erste Akt wird denn auch beherrscht von den liebenden Frauen: Isolde wird von Ricarda Merbeth mit einer unglaublichen Einfühlung interpretiert, stark und dennoch an ihr eigenes Schicksal verloren wirkt sie. Sie ist kein Heimchen am Herd, sondern eine tätige Person – und sie verheimlicht ihre Leidenschaften nicht, was manche Isolden zu Anfang des Stücks ja versuchen. Ihr Gesang entspricht dem vollauf und ist somit über alle Kritik erhaben.

Wer noch Waltraud Meier, die Isolde des letzten Jahrzehnts schlechthin, im Ohr hat, wird hier dennoch nicht enttäuscht: Weniger gewollt leidend, dafür stärker kämpfend, überzeugt auch die stimmliche Darstellung von Merbeth als Isolde ohnegleichen.

Ricarda Merbeth wurde in Leipzig ausgebildet und trat ihr erstes Engagement in Magdeburg an. An der Wiener Staatsoper erhielt ihre Karriere mächtigen Auftrieb, dort wurde sie auch zur Kammersängerin ernannt. Als Wagner-Sängerin, aber auch in anderen Partien ist sie bereits in aller Munde. Dass die Isolde ihr Rollendebüt ist, merkt man höchstens an ihrer Frische und unerreichten Leidenschaft. Wo Meier kristallklar und lediglich stramm geradeaus sang, entlockt die Merbeth der Partitur noch ganz andere Klangweiten. Da ist ein gesungener Liebesschrei nicht schrill, sondern stark, und das Liebesweh schillert in zarten, feinen Nuancen (statt in derber Notgeilheit). Wirklich unvergesslich!

Die Liebe als Kraftquell – das glaubt man dieser Isolde sofort und in jedem gesungenen Ton sowie in jeder Regung des lieblichen Gesichts erneut.

Isoldes Beraterin und Freundin, ihre Aufpasserin und Dienerin ist die ebenfalls bemerkenswerte Lioba Braun als treu ergebene, in dieser Hinsicht auch liebende, stets mit dem Brautschleier winkende Brangäne – auch sie eine Erbauung an Hingabe an ihre Rolle, die sie mit Bemühung, Zweifel und letztlicher Entschiedenheit füllt.

Es schön zu sehen und zu hören, dass Wagner auch für Frauen komponierte (in manchen Inszenierungen wirken sie ja eher wie Staffagen oder Kostümfetische). Obwohl der Meister es ja leider unterließ, mit Isolde von Arundel die eigentlich fällige dritte große Frauenfigur einzuflechten.

Im Versepos von Gottfried von Straßburg heiratet nämlich der frustrierte Tristan nach einigen Jahren des Ehebruchs selbst: ein adliges Mädchen mit dem Kosenamen „Isolde Weißhand“ (Isolde von Arundel). Er geht diese Verbindung ein, ohne die junge Frau zu lieben – immerhin aber trägt sie denselben Vornamen wie seine ebenfalls verheiratete Herzensgöttin.

"Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Ruth Berghaus - toll.

Bei Richard Wagner gibt es keine „falsche“ Isolde von Arundel, und bei Ruth Berghaus ist nicht die echte Isolde die Blondine, sondern Brangäne, ihre treue Dienerin: Letztere opfert ihre Jungfernschaft, um König Marke darüber hinweg zu täuschen, dass Isolde die Ehe mit ihm schon vor ihrer Besiegelung brach… Hier ein Foto aus „Tristan und Isolde“ von 2005 aus der Inszenierung von 1988 durch Ruth Berghaus. Foto: Brinkhoff / Mögenburg

Diese zweite Isolde trägt bei Gottfried die Schuld am Tod der beiden grandiosen Liebenden, denn sie belügt Tristan aus Eifersucht bezüglich seiner Geliebten; damit bricht sie seinen Lebenswillen.

Bei Wagner aber ist es anders, bei ihm lässt sich Tristan vom Schwert eines denunzierenden Rivalen die tödliche Wunde zufügen. Er entscheidet so selbst über sein Leben und seinen Tod, nachdem die Liebe von ihm und Isolde offenbar und verraten wurde. Hier macht Wagner Anleihen beim Lanzelot-Mythos: Ritter Lanzelot liebt heimlich Ginevra, die Gattin des Königs Artus, und Lanzelot wird von Artus mit ihr verstoßen, weil der Ehebruch ans Licht kommt.

Wagners Tristan aber will kein Lanzelot sein, seine Liebe war nur solange für ihn tragbar, wie sie heimlich stattfand. (Die ödipale Bindung Wagners dürfte im übrigen sehr stark gewesen sein, wenn ich das hier richtig interpretiere.)

Der Grund für Wagners Tristan, seiner Liebeserfüllung zu Gunsten des Todes zu entsagen, ist die Einsicht, dass er sein Glück mit Isolde selbst dann nicht ungetrübt genießen könnte, wenn er mit ihr vom Hof verstoßen und offen leben würde. Die Schuldgefühle, die Ehrlosigkeit, auch das Leiden unter sozialer Verdammnis wären für seine Begriffe zu groß. Der Held entscheidet sich deshalb, als der tragische Konflikt gerade aufbricht, zu sterben, nachdem er sich jahrelang immer wieder nur auf das Glück von Minuten vertröstet sah.

Insofern ist der Tristan nach wie vor eine der interessantesten Rollen für wirklich auch schauspielbegabte Tenöre.

TRISTAN – DIE VIELLEICHT INTERESSANTESTE ROLLE FÜR EINEN TENOR

Tristan war in Hamburg jetzt ursprünglich mit Stephen Gould besetzt, der wegen eines akuten Allergieschubs, wie der Intendant des Hauses, George Delnon, vorm Premierenvorhang stehend charmant mitteilte, sehr kurzfristig absagen musste. Dabei hatte Gould noch die Generalprobe gesungen!

Mit nicht mal zwei Tagen Probenzeit sprang der großartige Ian Storey für ihn ein – und er meisterte seinen Part hervorragend, er spielte den Tristan hier mit wie unter einer Last gebeugten Schultern, er war ein hoffnungsvoll-schuldbeladenes, von der eigenen Liebeslust verzehrtes Mannsbild. Mir hat seine reduzierte, aber ausdrucksstarke Darstellung exzellent gefallen.

Stimmlich hielt Storey sich bewusst etwas zurück, was im Zusammenspiel mit der starken Merbeth als Isolde aber eine ganz fantastische Ergänzung ergab.

Die Duette der beiden Liebenden in der Premierenvorstellung perlten nur so vor Liebesglanz! Und es darf ruhig mal so sein, dass die weibliche Stimme leicht dominiert.

Für mich war Ian Storey, der die Partie ja auch schon mit Waltraud Meier sang, mit seiner solchermaßen aufs Wesentliche reduzierten stimmlichen und schauspielerischen Darstellung ein Optimum. Dass er ein geübter, aber eben kein routinierter Tristan ist, merkte man ihm an, und es aus meiner Sicht sogar traurig, dass er „nur“ der Notnagel der Premiere war und vermutlich in den folgenden Vorstellungen nicht auftreten wird.

"Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Ruth Berghaus - toll.

Ein Blick in den zweiten Akt: Eine Turbine als Symbol für die alles verschlingende, alles verwehende Liebe… Ruth Berghaus und ihr Bühnenbildner Hans-Dieter Schaal hatten sich klug beraten für „Tristan und Isolde“. Foto: Brinkhoff / Mögenburg

Sein Kurvenal, also sein einstiger Lehrer und Aufpasser und jetziger Diener und Gefährte (in der Oper das Gegenstück zu Brangäne) wird von Werner Von Mechelen aber in jedem Fall mit dem zur Rolle passenden didaktischen Impetus gegeben: Dieser Kurvenal hat auch Leidenschaft und Feuer, aber nicht im erotischen Sinn, sondern für seine Aufgabe, für seine Mission, sein Bestes für Tristan und die höfische Welt zu geben.

König Marke, von Wilhelm Schwinghammer tapfer als redlicher König gespielt und gesungen, ist hingegen nolens volens der Überflüssige in diesem Liebesspiel, eine Art betrogener Trottel: Für ihn hat Tristan Isolde als Braut geworben, aber ihn betrügen dann beide, Tristan und Isolde, nach Leibeskräften. Faktisch steht Marke, der den Ehebruch seiner Gattin mit seinem Lieblingsritter geflissentlich nicht sehen will, dennoch als lebende unverrückbarer Barriere da, als großes Hindernis, um der größten aller Lieben in der Welt ihre Erfüllung zu verwehren.

Positiv kann Marke nur durch eine nonchalante, noble Lässigkeit wirken: Indem er fast absichtlich Toleranz ausübt und die beiden nacheinander Verrückten gewähren lässt, solange dieses nicht auch den anderen zu sehr auffällt.

Dass die verbotene Liebe zwischen den beiden Ehebrechern sanktioniert ist von einem Liebestrank, der eigentlich für Isolde und Marke bestimmt war, macht sie umso pikanter. Im Mittelalter sollte der Trank vor allem die Schuld von beiden nehmen, sie entlasten, nach dem Motto: Fehl geleiteter Zauber war dran schuld. Bei Wagner aber ist der Trank vor allem die Manifestierung der Liebe für alle Ewigkeit, durch das verzaubernde Gesöff entheben sich die Liebenden der irdischen Moral und Gerichtsbarkeit, um mit übermoralischem Wertmaßstab allein an der Stärke ihrer Liebe zueinander gemessen zu werden.

EINE GRANDIOSE, ABER DEKADENTE LIEBE 

Natürlich ist das eine dekadente Vorstellung von Liebe – aber eben auch zugleich Sinnbild der romantischen Liebe, wie sie schon im Historikerbuch steht.

Man muss allerdings dazu sagen, dass zur Entstehungszeit des „Tristan“ die Ehe keineswegs sakrosankt war. Es gab durchaus bereits im Mittelalter die Möglichkeit zur Scheidung, die durch die Zustellung des so genannten Scheidebriefes an den abzulegenden Ehepartner vollzogen wurde. Erst im Zuge der Reformation – also, um sich von Luthers Vorgaben abzugrenzen – versteifte sich die Katholische Kirche immer mehr darauf, die Ehe als generell heilig und als unauflösbar zu postulieren. Insofern war Ehebruch zwar auch im 13. Jahrhundert kein Kavaliersdelikt, aber mit dem ungeheuren Todesmal, mit dem er bis heute in retardierten Gesellschaften belegt ist, war er damals nicht gleichzusetzen.

Dafür galt auch der Verrat Tristans an seinem König, dem er durch Eid zur Treue verpflichtet war, als schwere Sünde. Insofern ist hier der männliche Part der unerlaubten Liebe – also Tristan – noch weitaus schuldbeladener als die Frau, als Isolde. Während sie „nur“ die Ehe bricht, verstößt er sowohl gegen ihre eheliche als auch gegen seine ritterliche Treue.

Im Libretto von Richard Wagner, das der Meister wie stets bei der Abhandlung von Sagen und Mythen mit seinen eigenen Fanatasien frisierte, spielt zudem ein die Emotionalität stark aufschaukelnder Todeswille von Tristan und Isolde bereits im ersten Akt eine Rolle.

Um ihre Schuld zu sühnen, die sie noch gar nicht begingen, wollen sie gemeinsam in den Tod gehen, auf Isoldens Vorschlag hin. Doch der vermeintliche Todestrank entpuppt sich als Liebestrank, der die Leidenschaft vor allem Isoldes für Tristan nur noch verstärkt. Von jetzt an sind sie die beiden Pole der Welt, in ihrer starken Empfindung füreinander, und auch wenn sie sich räumlich weit auseinander befinden, bestimmt das Spannungsfeld zwischen ihnen alles, was ihnen geschieht.

Ruth Berghaus hat das szenisch so umgesetzt, dass man die beiden nie wie ein gewöhnliches Liebespaar Arm in Arm oder Mund an Mund sieht.

Vielmehr leiden und lieben sie synchron nebeneinander; wenn sich eines von ihnen über die Reling hängt, und somit mit dem Blick ins Publikum, dann nicht, um der Seekrankheit Herr zu werden, sondern um mit eindringlichem Blick diesen unerhörten Liebeskummer zu verwinden. Dann steht das andere von beiden daneben und leidet mit. Oftmals stehen sie aber auch nur nebeneinander, werden dabei aber von dem Gefühl verbunden, zusammen zu gehören, als wären sie ein Organismus.

Das wirklich außergewöhnlich lohnenswerte Programmheft, von Sigrid Neef, Annedore Cordes und Wolfgang Willaschek klug mit Lyrik und Kurztexten gespickt, holt dieses Gefühl nochmals ins 20. Jahrhundert.

Walter Benjamin, Theodor W. Adorno, Heiner Müller, Annett Gröschner und natürlich auch Richard Wagner sprechen darin zu uns.

"Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Ruth Berghaus - toll.

Der „Tristan-Akkord“ und seine Analyse: nachzulesen im Programmheft zu „Tristan und Isolde“ an der Hamburgischen Staatsoper. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Einzig Ruth Berghaus fehlt im Programmheft: Die 1996 verstorbene Brecht-Schülerin, die ursprünglich vom Ausdruckstanz und der Lehre von Gret Palucca kam, bleibt dadurch merkwürdig blass, was angesichts der prägnanten, bildhaften und auch körperlich interessant gemachten Inszenierung aufstößt.

Der Wagner-Experte Helmuth Weinland analysiert dafür den „Tristan-Akkord“, und Schwarz-weiß-Abbildungen von surrealistischer Malerei – endlich mal nicht von Salvatore Dalí, sondern von Edgar Ende und Rudolf Lichtsteiner – rücken das Tristan’sche Lebensgefühl in den Kontext der Vereinzelung, ja zum Absturz in die innere Einsamkeit gehörend.

Auf der Bühne nimmt indes die Tragödie der größten Liebe der Welt ihren Lauf.

Eine besondere Rolle nimmt dabei der Chor ein, der stumm als Wachmannschaft an Bord erscheint und sich unter zusammen geklappten Liegestühlen verschanzt. Wie diese Männer mit ihrem absurden Mummenschanz hantieren, sagt etwas aus über die Gesellschaft, in der Tristan und Isolde sich bewegen: Auf Kommando wird bewacht, bespitzelt, sich versteckt, es wird abgetaucht und aufgetaucht, ohne, dass dieses so richtig sinnvoll wäre. Wenn man große Firmen als Schiffe bezeichnet, dann kommt einem dieses willenlos-idiotische Corps aus Gehorsamen wieder in den Sinn.

Im zweiten Akt erfüllt sich die Liebe und doch nicht wirklich: Berghaus ließ sich von Schaal eine überdimensionale Turbine auf die Bühne setzen. In ihren Sog geraten nacheinander alle, die das Spektrum des liebeswütigen Heldenpaares betreten.

Einen Koitus muss man hier gar nicht simulieren. Es genügt, wenn sich Tristan auf der einen Seite und Isolde sich auf der anderen in dem Turbinentriebwerk aufhalten. Man versteht – und seufzt ob so starker Emotion, die so wenig mit dem bloß Pornografischen der Liebe zu tun hat.

"Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Ruth Berghaus - toll.

Der Nachen erinnert nicht von ungefähr an den von Charon, der die Menschen über die Styx ins Jenseits rudert (in der antiken Sagenwelt). Ruth Berghaus reicherte in ihrer Inszenierung von „Tristan und Isolde“ den sagenhaften Stoff um weitere Mythen an. Hier ein Bild aus dem dritten Akt von 2005. Foto: Brinkhoff / Mögenburg

Der dritte Akt dann ist apokalyptisch angelegt. Die Mission „Liebe“ ist gescheitert, die der sie unterdrückenden Gesellschaft ebenfalls. Es sieht aus wie in einer Replik auf das Kinoerlebnis „Planet der Affen“. Zerschellt gibt ein Raketenartiges Raumschiff rechterhand ein Improvisorium ab. Links füllt eine riesenhafte silberne Planetenkugel den Raum.

Tristan stirbt in einem Boot, einem Nachen, ähnlich dem aus Beton, der mitunter über die Bühne gezogen wurde. Er bäumt sich nicht auf, er sträubt sich nicht, er will sterben. Er gleitet hinüber, nippelt ab, Isolde steht neben der Leiche und ist nicht mal sonderlich geschockt.

Am Ende darf oder muss sie ihn überleben. Ein ungeheuer humanitärer Akt der Ruth Berghaus: Sie entdeckte als erste Regiekraft das utopisch-lebensbejahende Potential in Isoldes letzter großer Arie, dem „Liebestod“.

Katharina Wagner hat 2015 diese Idee bei den Bayreuther Festspielen für ihre „Tristan“-Inszenierung ebenfalls verwandt, wie so mancher Regisseur, dem sonst nichts weiter einfiel. Aber wirklich motiviert ist das Weiterleben der Isolde vor allem in dieser Original-Inszenierung von Ruth Berghaus, die eben schon 1988 und mit einem ganzen Konzept eine solche damals skandalträchtigte Abänderung des Librettos vornahm.

"Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Ruth Berghaus - toll.

Nichts bleibt im dritten Akt bestehen – außer der Liebe und dem Tod. Ruth Berghaus`Inszenierung von „Tristan und Isolde“ an der Hamburgischen Staatsoper. Foto von 2005: Brinkhoff / Mögenburg

Sie beschwört hier aber auch das Wissen um die Vergänglichkeit, und gerade das macht die Figur Isolde in dieser Inszenierung so stark. Tristan starb hier aus einer selbstsicheren, todtraurigen Entscheidung heraus, aber nicht wie in einer Kurzschlusshandlung. Er ist ja kein Jugendlicher mehr! Entsprechend ist auch diese Isolde ein gereifter Mensch, eine verlässliche Persönlichkeit – und keineswegs eine im Vollrausch des Liebesleids dahin Scheidende. Das ist eben der Unterschied zu Romeo und Julia, und es ist gut, dass es die wahre, vollendete Liebe auch im höheren Alter geben darf.

So bleibt Isolde stehen, stolz und schön, statt mit ihrem lyrischen Gesang zu sterben. Sie singt ihren großen Song, ihre „Verklärung“, wie Wagner die Arie nannte, vielmehr als ein Hallo zu einem neuen, neuartigen Leben – es wird ein Leben sein, das aus Gegenwart besteht. Und: Es wird nicht ohne Tristan sein. Isolde wird ihn mit jedem Atemzug bei sich haben.
Gisela Sonnenburg

Wieder am 1. Mai und am 5. Mai 2016 in der Hamburgischen Staatsoper

"Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Ruth Berghaus - toll.

Mit einem Warnstreik bedachte ver.di die zweite Vorstellung von „Tristan und Isolde“, die darum als konzertante Aufführung stattfand. Faksimile: Gisela Sonnenburg

P.S. Die auf die Premiere folgende Vorstellung am 22. April 2016 wurde von ver.di durch Bühnen- und andere Techniker der Hamburgischen Staatsoper wegen der Verlangung von Gehaltserhöhungen bestreikt. Da aber die Orchestermusiker eine eigene Gewerkschaft haben und sich die Sänger sowie der Herr Generalmusikdirektor einsatzbereit zeigten, fand statt der regulären Vorstellung eine konzertante Aufführung statt.

Das Orchester saß hierzu im Licht auf der Bühne. Stephen Gould war fit genug, um im Abendanzug mit Fliege davor stehend den „Tristan“ zu singen – aber wieder bezauberte vor allem Ricarda Merbeth, jetzt im schillernden schwarzen Abendkleid statt im Kostüm, als Isolde. Was für eine großartige stimmliche und auch körperhafte Darstellung dieser Partie!

Im Verein mit Lioba Braun, in pinkfarbener Robe, als Brangäne, brillierte hier erneut die Frauenkunst mit höchster Virtuosität – fantastisch unterstützt vom Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano.

Es war höchst interessant, den agilen Nagano von hinten im Bühnenlicht präzise dirigieren zu sehen. Leider übertrug keine Kamera seine Gesichtszüge, aber sein tänzelnder Körper und die energisch taktstockschwingende Rechte sowie der sanfte, ergänzende linke Arm waren durchaus beredt.

Der Klangkörper, den er erneut zur Bestleistung antrieb, griff jede Führungsgeste auf – und erzeugte Schallräume, die zu Tränen rührend schön waren.

"Tristan und Isolde" in der Inszenierung von Ruth Berghaus - toll.

Der Besetzungszettel für die konzertante Aufführung von „Tristan und Isolde“ vom Freitag, dem 22. April 2016. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Da jedoch die Regelung der Heizung durch Streikeinwirkung nicht richtig bedient wurde, war es bald so bitter kalt, dass man abwägen musste: Gesundheitsrisiko oder Kunstgenuss? Angesichts der Tatsache, dass ein Teil des Opernpublikums sachbedingt weder jung noch robust ist – für die Liebe zur Oper ist meistens ein gewisses Quantum Lebenserfahrung notwendig – wirkte das nicht besonders rücksichtsvoll.
Gisela Sonnenburg

www.hamburgische-staatsoper.de

 

 

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