Sex und Lügen – und große Oper Frank Castorf traut sich was: Für „molto agitato“ wirbelt er an der Hamburgischen Staatsoper zur Saisoneröffnung Ligeti, Brahms, Händel und Weill durcheinander

"molto agitato" ist eine Opernrevue von Frank Castorf in Hamburg

Bariton Georg Nigl mit skelettiertem Partner auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper: in „molto agitato“ von Frank Castorf, existenzialistisch, aber nicht aussichtslos. Ein ganz großer zeitgenössischer Abend! Foto: Monika Rittershaus

Es wäre zynisch, dem Corona-Virus dankbar zu sein. Aber einen so kreischmodernen und doch auch so berührenden Abend hätte es zumindest in dieser Form und in diesem Format ohne die Corona-Schutzmaßnahmen nicht gegeben. Regie-As Frank Castorf nahm es auf sich, die Hamburgische Staatsoper – die sich immer öfter „Staatsoper Hamburg“ nennt – in die neue Saison zu führen. Es ist die erste, deren laufender Betrieb von einer Pandemie respektive von den Regeln, die sie uns aufzwingt, gekennzeichnet ist. Populismus zur Aufmunterung darf man nun allerdings von Castorf nicht erwarten. Wäre ja auch schlimm. Er, der in seinen viel beschäftigten Jahren nicht nur in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, sondern auch in Bayreuth mit einem eigenen „Ring“ zugleich erfreute und schockierte, steht für solide Provokationen: megaprofessionell gemacht und doch auch aufbegehrend, gegen die Gesellschaft ebenso wie gegen den Routinebetrieb. So auch jetzt. Sein zweistündiger Abend mit dem Titel „molto agitato“ („sehr aufgeregt“) bezeichnet derweil weniger das Tempo des Dargebotenen als vielmehr die Stimmung, in der sich nicht wenige Zuschauerinnen und Zuschauer befinden, wenn es unter den Vorzeichen von Covid-19 erstmals ins Theater geht. Erregung spielt da eine große Rolle, auch wenn es nicht jede und jeder zeigen mag. Eine starke Spannung herrscht aber auch in der Inszenierung vor, die Vieles durcheinanderwürfelt und doch am Ende im Kopf des Betrachters die Fäden zusammenlaufen lässt.

Die rührende Geschichte von Anna aus „Die sieben Todsünden“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill bildet dabei die festlich aufgebrezelte Apotheose, während viele Szenen wie Splitter aus dem Fernsehprogramm vorab dorthin leiten.

Mehr als 40 Musikerinnen und Musiker sind in drei Orchester aufgeteilt, die alternierend spielen. Bei der sensiblen, aber auf den Punkt exakten Leitung durch Generalmusikdirektor Kent Nagano ist das ein Hörgenuss, der zudem durch die Epochen führt: vom Barock in die Moderne, zurück in die Romantik und vorwärts – durch den Barock hindurch – zu Kurt Weills unverwechselbarer Trötmusik. Das ist zeitgenössisches Musiktheater, das seine Herkunft ebenso wenig vergisst wie seine Gegenwart und Zukunft.

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Bevor es losgeht, tritt Intendant Georges Delnon – mit Maske, aber man erkennt ihn gleich – bescheiden in der ersten Reihe vors Publikum und heißt es herzlich willkommen. Seit dem 12. März 20 hob sich hier für keine Vorstellung mehr der „Lappen“, wie Theaterleute sagen (Delnon sagt vornehm „Vorhang“). Was für eine lange Pause liegt hinter uns!

„Eine harte Diät ohne Seelennahrung“ war das, befindet Delnon – und spricht damit den meisten der rund 500 Anwesenden aus dem Herzen.

Wir sitzen mit personalisierten Tickets auf unseren Sitzplätzen – und gewöhnen uns an die Situation. Jede zweite Reihe bleibt leer, und seitlich lockt der dunkelrote Samt der freien Plätze, die nicht mit Tüchern oder Bändern abgehängt sind wie in anderen Opernhäusern. So sieht es fast irgendwie normal aus. Als hätten die Hamburger nur mal eben nicht für „ausverkauft“ gesorgt. Pustekuchen!

Natürlich ist es ausverkauft an diesem besonderen Abend, wenn Künstler wie Frank Castorf und Kent Nagano den Neuanfang vollführen.

Es ist der Beginn einer neuen Ära in unserer Zivilisation, die wohl nie wieder so sorglos wie einst übertragbaren Krankheiten die kalte Schulter zeigen wird.

Dieser Meinung ist auch die Inszenierung. Frank Castorf, der sowieso nie „Werktreue“, sondern vielmehr „Wahrhaftigkeit der Kunst“ auf seine Fahnen schrieb, fügte zusammen, was bisher nicht zusammen passte. Und siehe da: Es entsteht ein Mikrokosmos aus existenzialistischen Geschichten, die sehr wohl zusammen gehen, weil sie im selben verdorbenen, amerikanisch geprägten gesellschaftlichen System angesiedelt sind.

"molto agitato" ist eine Opernrevue von Frank Castorf in Hamburg

Video und Bühnengeschehen mischen sich: „molto agitato“ von Frank Castorf in der Hamburgischen Staatsoper. Foto: Monika Rittershaus

Trump wird nicht namentlich genannt. Aber man sieht, was alles dazu führte, dass die Selbstisolation einer Weltmacht möglich wurde – und warum wir uns in Europa vor ähnlichen Vorgängen hüten müssen. Das individuelle Schicksal von Männern und Frauen spiegelt die Zerrissenheit der Welt, und wenn es mal ein Happy End gibt (wie scheinbar hier!), dann ist es zäh errungen worden.

Durchhalten – das ist derzeit das Credo der Stunde. Und siehe da: „neue künstlerische und kreative Möglichkeiten“ hatte George Delnon versprochen, und hier sind sie: mit vielen Abständen und Pausen im Kontrast zu Eruptionen und zu sehenden technischen Vorgängen auf der Bühne, was einen tief atmen und noch tiefer empfinden lässt.

Es ist eine Stimmung wie in einer kalten, finsteren Nacht, in der die Sterne allerdings umso heller leuchten.

Das Bühnenbild von Aleksandar Denic ist karg und dunkel. Zu Beginn ist die Bühne stark abschüssig, am rechten Rand ist der Blick in die Technik frei gegeben, davor sind eine Reihe Scheinwerfer am Boden wie die Lichter einer Startbahn angeordnet.

Musikalisch deutet aber alles auf Jubel: Georg Friedrich Händels „Ankunft der Königin von Saba“ erschallt, von nicht mal zwanzig vorzüglichen Musikerinnen und Musikern eindringlich vorgetragen.

Eine Frau mit roter Perücke wickelt sich in eine US-Flagge. Das Sternenbanner wird als Hintergrundkulisse noch viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Lieben Sie Blau? Wer tut es nicht?! Und elegantes Weiß dazu? Das ist das Markenzeichen der formschönen und nützlichen Gedecke aus dem Bürgelhaus: fröhliche Tüpfelchen auf tiefblauem Grund. Dabei kann jede und jeder an das denken, was er mag: an weiße Schaumkrönchen auf blauen Meereswellen, an Glanz auf Blütenblättern, an Schnee auf dem Fensterbrett. Becher und Krüge, Tassen und Teller, Schüsseln und Dosen, Salz- und Pfefferstreuer, Kännchen und Senftöpfchen, Tablette und Teelichter, sogar Tischlampen und Baumschmuck – man kann kommen, gucken und staunen oder auch online bestellen, was das Herz am meisten freut. Das Beste: Die gut gelaunten Muster im typischen Blau-Weiß aus Thüringen passen praktisch zu jedem vorhandenen Geschirr und zu jedem Einrichtungsstil. Traditionelle Gemütlichkeit wird so perfektioniert und moderne Schlichtheit wird zünftig veredelt. Solide Handwerkskunst und pfiffige Ideen gehen hier Hand in Hand, bei allen Produkten aus dem Bürgelhaus! Zum Online-Shop geht es bitte hier auf Klick, und wer die persönliche Beratung schätzt, findet das Bürgelhaus nahe dem Checkpoint Charlie in Berlin Mitte in der Friedrichstraße 194 – 199, direkt beim U-Bahnhof Mitte (U 6). Und schon ein einzelner getöpferter Eierbecher kann morgens beim Frühstück die Stimmung heben, aber wie! Foto: Promo

Erstmal darf das achtköpfige Ligeti-Orchester auf die Bühne fahren, als Ganzes, wie ein Block, der zum dort stehenden Piano gehört.

Ein Sänger – in Schwarz – und zwei Sängerinnen – in roten Glamourklamotten – stehen vorne. Atonale Klänge – auch gesangliche – von György Ligeti folgen, nehmen sich viel Zeit. Einzelne Buchstaben ersetzen zu singende Texte – Ligeti, ohnehin ein zeitloser Verfechter der Moderne, ahnte schon, dass das Gestammel der Menschheit ihre Sprachkünste überleben wird.

Matthias Klink, der Tenor, trägt zudem eine Art Narrenkappe, und es gibt eine Szene, in der er, weil er Zeitung liest, ausgelacht wird und weinend zusammen bricht. Er spielt sich dafür die Seele aus dem Leib, und es ist fast unglaublich, wie stark solche szenischen Fetzen im musikalischen Kontext wirken. Ist der Zeitungsleser an sich ein auslaufendes Modell?! Angesichts sinkender Auflagenzahlen ist das keine bloße Behauptung.

Die beiden Damen – Katharina Konradi (Sopran) und Jana Kurucová (Mezzosopran) – sind hingegen typische Castorf-Chickens: immer sexy, immer überdreht, immer eine Spur hysterisch leidend. Aber stets schwebt, vor allem in ihren Dialogen, eine Gloriole des Intellekts über diesen aufgezäumten Glitzer-Ladies, ganz so, als kämen sie gerade erst aus dem philosophischen Seminar. Ja, so kennen und lieben wir Castorfs Bühnengeschöpfe!

Castorfs Fans kommen also ohnehin voll auf ihre Kosten, selbst wenn sie Oper und klassische Musik sonst nicht so mögen.

"molto agitato" ist eine Opernrevue von Frank Castorf in Hamburg

Katharina Konradi, Sopran, füllt hier die Videoleinwand – live. So sieht es in „molto agitato“ von Frank Castorf in Hamburg aus, wenn Ligetis „Novelles Aventures“ gesungen werden. Oh! Foto: Monika Rittershaus

Auch die Männer sind Castorf-Typen wie aus dem Bilderbuch der besten Volksbühnen-Zeiten. Mal erinnern sie an Martin Wuttke, mal an Milan Peschel – Bariton Georg Nigl und Tenor-Kollege Matthias Klink haben denn auch deutlich mehr zu spielen als zu singen. Castorf hat ihre Spiellust entfesselt.

Und: Sie machen es alle vier großartig. Das Quartett der beiden Sängerinnen und Sänger agiert wie abgebrühte, jeden Moment wie spontan agierende Theaterschauspieler, die auch noch brillant tirilieren können – für eine Gesellschaft, die am Abgrund steht und darüber nichts als hilflos lachen kann, ist das eine ganz grandiose metaphorische Konstellation.

Es fällt denn auch der Satz: „Mach dir keine Sorgen, es kommt noch schlimmer!“

Die Beschimpfung des Regisseurs als krankes Schwein, das seine perversen Fantasien auf die Bühne bringt – ein Vorwurf aus der kleinbürgerlichen Nische, der regelmäßig und seit Jahrzehnten an moderne Kunst erhoben wird – findet sich hier auch gleich auf der Bühne mit  formuliert. Natürlich in adäquater, gut gestylter Brüllmanier. Genau: Wem wahre Kunst zu anstrengend ist, muss halt bei Operette bleiben. Oder bei Mozart. Oder daheim auf dem Sofa.

Kunst muss nicht jedem gefallen. Sie ist kein Massensport. Aber sie rührt unendlich, wer ihr nahe ist.

So ist das erste anheimelnde Lied von Johannes Brahms, diesem Hamburgisch-schwermütigen Romantiker, hier im Kontext eine kleine Sensation. Matthias Klink sinkt es aber auch mit allem Herzblut, das hier hinein gehört, es ist darum fast eine Erlösung, eine Läuterung zugleich: „Von ewiger Liebe“ wird darin geschwärmt und doch auch vor Wehmut viel gelitten, wobei sich eine Textzeile besonders einbrennt: „Unsere Liebe, sie trennt sich nicht!“

Das feste Band der Liebe und des Zusammenhalts, es gilt hier auch für das Publikum, das seinen Künstlern eben nicht den Laufpass gibt, nur weil es mal schwierig wird. Gemessen am hohen Anspruch des avantgardistischen Abends verlassen nur wenige Zuschauerpaare den Saal, belächelt von jenen, die bleiben.

Zum Lohn entstehen – ohne Hetze, eher mit langen Pausen und in aller Ruhe – Bilder, die für sich stehen könnten und zugleich wie Puzzleteile in einer Abrechnung mit dem Kapitalismus amerikanischer Prägung einher kommen.

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Da wickelt sich die Frau ins Sternenbanner wie in einen textilen Schutz, doch die Männer versuchen, es ihr wegzureißen. Dem ersten gelingt das nicht, sie kann mit der Stange des Banners kämpfen wie mit einer Lanze. Der zweite legt sie rein, nutzt einen Moment ihrer Unachtsamkeit – und sofort steht sie blank da, in Kleidung zwar, aber ohne ihren Bannerschutz.

Es überträgt sich, wie desavouierend, demütigend, enthüllend die Situation für sie ist, die sich gerade eben nicht unterwerfen wollte.

Dialogfetzen, die aus Filmen stammen könnten, bringen neue quietschbunte Farben ins dramaturgische Gefüge. Um einen Job geht es da, der irgendwie schmutzig ist, und bei dem man so ein komisches Gefühl bekommt. Dabei ist auch der Trost vom Kumpel nicht wirklich beruhigend: „Die Panik findet im Kopf statt.“ Wo sonst?

Auf Weanerisch wirken all diese Phrasen, die mal nach Comic, mal nach Western, mal nach großer Welt, mal nach Milieu klingen, noch schräger.

Georg Nigl, der zudem eindringlich Brahms wie auch Händel interpretiert, hat den subtilen Weaner Schmäh ebenso raus wie das nasskalte Geschimpfe eines Durchschnittsmannes, ganz so, als wäre er just ein gestresster Wiener Taxifahrer, der morgens um 5 Uhr seine letzte Runde dreht.

Wenn allerdings gebrüllt wird: „Ich glaube, ich habe die Seuche!“ – dann denkt heute niemand mehr an Aids und lange Nächte voller Sex ohne Sinn und Verstand. Man denkt an Corona, und das ist Absicht. Das Virus hat uns alle fest im Griff, was das angeht – und es wäre fatal, das zu leugnen.

Um den Tod geht es auch bei den Damen. „Oh Gott, ich muss sterben!“ So kreischt die Diva, bevor sie wegrennt, um sich hinten am Bühnengrund – angefeuert und begafft von ihren MitspielerInnen – vor Schmerz am Boden zu wälzen. Ob ein Blinddarmdurchbruch oder ein Organversagen, eine Kolik oder Gift die Ursache ist: Was für ein Ausbruch des echten Lebens in hochartifizieller Form!

"molto agitato" ist eine Opernrevue von Frank Castorf in Hamburg

Bis zum Gehtnichtmehr sexy und provokant: Valery Tscheplanowa in „molto agitato“ vorm erleuchteten Sternenbanner. Nur an der Hamburgischen Staatsoper zu sehen! Foto: Monika Rittershaus

Castorfs Werk lebt von krassen Gegensätzen. Das muss man aushalten und mögen, man kann sich auch mit etwas Geduld daran gewöhnen. Und, Vorsicht, danach süchtig werden! Denn inmitten der krachledernen Provokationen steckt unendlich viel Herz, gerade wie hier: Der drohende Tod, ob hysterisch gemimt oder sogar mit Understatement verschwiegen, ist keine bloße Theatererfindung.

Das ist der Background, vor den Castorf „Die sieben Todsünden“ platziert, es ist das Hier und Heute, das ewige Moment der gegenwärtigen Kunst.

Zuvor aber noch ein Wort zur Kameraführung des Abends. Tatsächlich ist diese hier so wichtig wie die übrige Bühnentechnik zusammen. Denn Andreas Deinert, Kathrin Krottenthaler und Severin Renke halten mit ihrer Videokamera kontinuierlich und sichtlich drauf auf das Geschehen – und übertragen erst auf eine kleinere, dann auf eine große Leinwand, was ihre Kameras im Close-up erhaschen. Mal grast die Optik die Mimik einer Sängerin ab, dann wieder zeigt sie einen Körper in Großaufnahme. Mal ist es ein Gesicht, dann eine ganze Figur, die solchermaßen verdoppelt und vergrößert wird. Mal ist es das, was wir ohnehin auf der Bühne sehen – und mal ist es der Backstage-Bereich, wobei die Garderoben zu Bühnenbildern umfunktioniert und dafür reichlich geschmückt sind.

Intimität wird dadurch öffentlich, es setzt ein Big-Brother-Effekt ein.

Und die Übertragung auf große Leinwände macht aus dem Theater zeitgleich ein Kino.

Die Ästhetik von Werbeschautafeln wird so außerdem noch ad absurdum geführt.

Es ist denn auch einer der älteren Tricks, die Frank Castorf für sich erfunden hat, um Theater jenseits der gewohnten Erwartungshaltungen erfahrbar zu machen.

Er beherrscht das lässig-perfide Spiel mit der Simultantechnik per Video grandios, es ist immer für eine Überraschung gut. Nicht selten singen die Sänger mit Mikrofon darum auch aus dem Backstage-Bereich, dabei Teebeutel oder Blumen schwenkend.

Eine andere Räumlichkeit, eine andere szenische Nähe wird so vermittelt, und das auch, wenn mal wieder jemand auf der Bühne einen tobsüchtigen Anfall hat.

"molto agitato" ist eine Opernrevue von Frank Castorf in Hamburg

Und irgendwann kommt dann das Glück auf Rädern: „Die sieben Todsünden“ mit Happy End – in „molto agitato“ von Frank Castorf in Hamburg zu erleben. Foto: Monika Rittershaus

Das ist aber noch nicht das Maximum des Abends. Blutig und gewalttätig wird es in Video-Arrangements mit Texten von Brutalo-Filmer Quentin Tarantino. Die Sinnlosigkeit von Gewalt wird exemplarisch vorgemacht.

Und es ist vorgeführt sexistisch, wenn in Stöckelschuhen Witze erzählt werden. Etwa der vom Skorpion, der den Frosch, nachdem er ihm hilfreich war, mit dem Stachel absticht – weil das nun mal seine Natur sei. Genau so sei es doch mit Harvey Weinstein, wird gehöhnt.

Allerdings ist das Frauenbild von Frank Castorf auch nicht wirklich fortschrittlich, das sei an dieser Stelle mal angemerkt. Leider ist es damit noch lange nicht obsolet, denn solange Frauen sich zu Sexobjekten der Männer machen, ohne auf die eigene Befindlichkeit Rücksicht zu nehmen, sind Stöckelschuhe, Marilyn-Perücken und Silikonbrüste aus der erotischen Welt nicht wegzudenken.

Damit sind wir auch schon beim wichtigsten Thema: Bei den „Sieben Todsünden“ von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Ihr Stück, das eigentlich ein satirisches Ballett ist (aber als solches fast nie mehr aufgeführt wird), dient hier als Höhepunkt und auch als rührselig-moralisches Extrem, zu dem all die bunten Einzelszenen nachgerade zwangsläufig hinführen.

Denn es geht dabei um die Frage, ob und wann sich ein Mensch sexuell verkaufen darf – oder eben gerade nicht.

Anna und ihre Schwester, die ebenso heißt wie sie und im Grunde dieselbe Person ist, reist vom Mississippi in die großen Städte, um Geld zu verdienen. Verhältnismäßig viel Geld, denn die zuhause gebliebene Familie soll und will sich davon ein Haus bauen. Um tatsächlich mehr zu verdienen als einen Hungerlohn, muss Anna sich prostituieren.

Das kommt einem nun ziemlich aktuell vor, wenn man – außerhalb der Corona-Krise – an all die Bordelle denkt, die mit jungen Mädchen aus dem Ausland gefüllt sind, die einen Großteil des verdienten Geldes in die Heimat schicken.

Die Uraufführung dieses Stücks war 1933 in Paris. Aber die Fabel von der talentierten Anna, die – um die Gelüste ihrer Familie zu befriedigen – von der Cabaret-Tänzerin zur Luxus-Hure wird, wirkt heute immer noch nicht altbacken und auch nicht überholt.

„Sex and lies“ („Sex und Lügen“) sprüht Anna auf ein Transparent, mit roter Farbe. Es ist das Motto des Abends, vielleicht auch des Lebens überhaupt?

"molto agitato" ist eine Opernrevue von Frank Castorf in Hamburg

Frank Castorfs Damen sind zumeist schöne Schlampen mit Herz und Hirn. So auch hier: Valery Tscheplanowa in „molto agitato“. Brava! Foto: Monika Rittershaus

In einen hautengen roten Body aus Lack gewandet, mit Ballerinendutt dominant angehaucht und natürlich unvermeidlich stöckelnd, bietet Valery Tscheplanowa als Anna den Anblick einer Sexbombe per se. Wie sie dann aber mit diesem Abziehbild einer Frau spielt, wie sie in die Hülle der Selbstverkäuferin hineinkriecht und sich ihrer wieder entledigt, um nicht nur Haut, sondern vor allem Gefühl zu zeigen, ist schlichtweg großartig.

Und Tscheplanowa – die seit 2017, als sie das „Gretchen“ spielte, gut und gern als Castorfs neue Muse gelten kann – singt mit einem Vibrato, das deutlich an der ersten Sängerin der Anna überhaupt, an Lotte Lenya geschult ist.

Zart und weinerlich, aber auch klar und stark ertönen ihre Klänge. Es ist die Stimme einer Frau, die fraglos etwas mitzuteilen hat. Und der Titel „molto agitato“ trifft den Zustand ihrer Seele: haargenau.

All das, was sonst die große Oper mit dem Gesang verdeutlicht, erhält hier durch die schauspielerische Erzählung mit Nachdruck ein neues Gesicht.

Wir erleben große Oper mit dem Körper, dem Gesicht, der Sprechstimme – und natürlich auch mit dem Gesang. Denn die Lieder, die Kurt Weill in seiner unverwechselbaren, rhythmisch-synkopisch zuckenden Manier komponierte, sind eingängig und aufstachelnd zugleich und haben kein Jota ihrer fremdartigen Wirkung seit der Uraufführung verloren.

Da geht es um die Lauterbarkeit und um die Unmöglichkeit, damit Karriere zu machen. Es geht ums Glück und um seine Machbarkeit nur gegen Dollars. Es geht um die Treue als höchstem Gut – und doch kann kein Mädchen, das seine Familie ernähren will, auf das Freiersgeld verzichten.

Nur für sexuelle Dienstleistungen werden Frauen gut bezahlt oder entsprechend belohnt – seit der „Me, too“-Debatte wissen wir, dass das oft genug auch für viele andere Berufe gilt, die nicht dezidiert der Prostitution zuzurechnen sind.

Anna jedenfalls schreibt nachhause, sie habe einen Kontrakt als Solistin erhalten, derweil sie ihre körperliche Liebe en masse und zu den zu erzielenden Höchstpreisen vergibt. Bis sie sich verliebt und selbst für die Liebe zahlt.

Auch die andere Anna, ihre Bericht erstattende Schwester, verfällt dem Charme von Fernando, erzählt sie. Und es dauert eine Weile, bis die Schwestern unter reichlich Druck von dem begabten Liebhaber lassen und zum finanziell großzügigen Edward aus Boston zurückfinden. Um dann weiter bis nach San Francisco zu tingeln.

Der Neid auf andere Menschen, die ohne gesellschaftliches Stigma und ohne die Qual der Überwindung bei jedem bezahlten Verkehr ihren Gelüsten nachgehen können, wächst derweil. Anstand und Genuss – ist wirklich beides auf einmal zu haben? – Wie fantastisch!

In der Erzählung, gespickt mit Musik, wird all das lebendig.

Schließlich ist das Ziel erreicht, das Haus, das die Verwandtschaft in Louisiana baute, steht – und Anna, die Managerin, fährt, aufgezäumt mit toupierter Punkerfrisur, im Militärjeep vor. Anna, die Lady in Red, braucht nur noch aufzuspringen. Happy End!

"molto agitato" ist eine Opernrevue von Frank Castorf in Hamburg

Matthias Klink fackelt eine weiße Fahne ab. Die Friedensfahne oder irgendeine? Hier lässt Frank Castorf mit „molto agitato“ in der Hamburgischen Staatsoper Spielraum zum Rätseln. Foto: Monika Rittershaus

Happy End? Nicht ganz. Eine weiße Flagge – es ist nicht das Sternenbanner, sondern es könnte jede Flagge sein – wird auf der Bühne in einen kontrollierten Brand gesetzt. Was für ein Bild: Ein Mann fackelt eine Fahne ab, ein zweiter löscht sie mit professionellem Gerät.

Kommt ein Krieg auf uns zu? Oder gerade nicht? Alles nur Show oder auch Warnung?

Es gibt Spielraum für die Deutung des Schlussbildes. Zumal noch die Moral von der Geschicht‘ ertönt: „Wer über sich selber den Sieg erringt, der erringt auch den Lohn.“

Wenn es in Zeiten einer pandemisch geprägten Massenarbeitslosigkeit mal immer so wäre…

Anna traut dem Braten vom selbst geschmiedeten Glück denn auch nicht. Sie huscht noch einmal auf die Bühne und holt sich das – unversehrte – amerikanische Sternenbanner. Wie eine Diebin schleicht sie sich damit auf und davon. Steht am Ende ein Sieg der Frauen übers perfide System?

Eine solche Frage verdient es, am Ende eines großen Abends gestellt zu werden. Insofern auch von feministischer Seite: Vielen Dank, Frank Castorf! Und: Der silbergraue Anzug zur silbergrauen Haarpracht für den Applaus war wirklich schick.

Vor allem aber muss auch Folgendes gesagt sein: Dank an alle Menschen, die diesen aufregend anderen Opernabend ermöglichten! Es ist ein schweres Stück, und es wurde mit Verve und Leidenschaft gehoben. Bravi! Bravissimi!

Dass es außerdem bald wieder einen Opernchor und mehr Solisten auf der Bühne geben wird, hofft man außerdem. Und natürlich hofft man auch auf mehr erlaubte Zuschauer auf den knapp 1700 Plätzen.

Lieben Sie Blau? Wer tut es nicht?! Und elegantes Weiß dazu? Das ist das Markenzeichen der formschönen und nützlichen Gedecke aus dem Bürgelhaus: fröhliche Tüpfelchen auf tiefblauem Grund. Dabei kann jede und jeder an das denken, was er mag: an weiße Schaumkrönchen auf blauen Meereswellen, an Glanz auf Blütenblättern, an Schnee auf dem Fensterbrett. Becher und Krüge, Tassen und Teller, Schüsseln und Dosen, Salz- und Pfefferstreuer, Kännchen und Senftöpfchen, Tablette und Teelichter, sogar Tischlampen und Baumschmuck – man kann kommen, gucken und staunen oder auch online bestellen, was das Herz am meisten freut. Das Beste: Die gut gelaunten Muster im typischen Blau-Weiß aus Thüringen passen praktisch zu jedem vorhandenen Geschirr und zu jedem Einrichtungsstil. Traditionelle Gemütlichkeit wird so perfektioniert und moderne Schlichtheit wird zünftig veredelt. Solide Handwerkskunst und pfiffige Ideen gehen hier Hand in Hand, bei allen Produkten aus dem Bürgelhaus! Zum Online-Shop geht es bitte hier auf Klick, und wer die persönliche Beratung schätzt, findet das Bürgelhaus nahe dem Checkpoint Charlie in Berlin Mitte in der Friedrichstraße 194 – 199, direkt beim U-Bahnhof Mitte (U 6). Und schon ein einzelner getöpferter Eierbecher kann morgens beim Frühstück die Stimmung heben, aber wie! Foto: Promo

Aber zunächst ist es einfach wohltuend, den Orchestergraben in Hamburg wieder exzellent spielen zu hören und die Bühne wieder mitreißend belebt zu sehen.

Georges Delnon verspricht für die kommenden Wochen gleich zwei Mal Mozart („Così fan tutte“ und die „Zauberflöte“) – und für den Dezember 20 eine ganz neue „Fledermaus“.

Die Hauptbotschaft des Abends aber sei, in Anlehnung an das Lebensmotto der Schauspielerlegende Will Quadflieg („Wir spielen immer“): „Wir spielen wieder!“

Und wie!
Gisela Sonnenburg

www.staatsoper-hamburg.de

 

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