Die Extraportion Glück Von der Potenzierung der Effekte: "Der Nussknacker" von John Neumeier ist beim Hamburg Ballett in der Silvester-Ausgabe ein Highlight ohnegleichen

"Der Nussknacker" von John Neumeier in der Silvester-Ausgabe

John Neumeier, Hamburgs wandelndes Ballettwunder, bei seiner Silvesteransprache vor der Aufführung seines „Nussknackers“ in speziellem Besetzungsformat. Foto: Kiran West

Die Infantilisierung dieser Gesellschaft ist nicht mehr aufzuhalten. Aber bei John Neumeier und dem Hamburg Ballett lernen sogar die Kinder, was Eleganz, Liebe, Gemeinsamkeit, Glück und die Verdoppelung, Verdreifachung, Vervierfachung all dessen sind. „Der Nussknacker“ , in Neumeiers Version für Kinder wie für Erwachsene gleichermaßen geeignet und zudem weihnachtsbaumunabhängig, glänzt bei einer besonderen Gelegenheit mit der Spezialbesetzung: In der Silvester-Ausgabe lässt Ballettdoyen Neumeier die fünf Hauptrollen dreifach besetzt tanzen. Am letzten Abend des Jahres 2018 sogar teilweise vierfach! Den Spaß, den dabei die Tanzkünstler und vor allem auch die Zuschauer haben, kann man sich kaum ausmalen, wenn man nicht dabei war. Wirklich: Einmal im Leben sollten Ballettomanen sich dieses Vergnügen der Luxusklasse gönnen.

Letztes Silvester handelte es sich außerdem auch noch um die 300. Vorstellung des „Nussknackers“ seit der Hamburger Premiere 1974 – was für ein hübsches Jubiläum!

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Dabei muss man bedenken, dass nicht nur 500 oder 600 Menschen pro Vorstellung in die Hamburgische Staatsoper kommen (wie in vergleichbare Sprechtheater), sondern jedes Mal 1.690 Leute (es ist ja meistens ausverkauft). Die Dimensionen sind im Opernhaus nun mal immens – und umso besser passt die Vervielfachung der Figuren auf die große Bühne.

Vorab und bevor er seinem Publikum ein „friedliches, friedliches, friedliches 2019“ wünschte, gab John Neumeier – charmant wie immer – in einer kleinen Ansprache zu verstehen, dass es ganz sicher nicht am Champagner liegen würde, wenn man im Folgenden die kleine Marie gleich doppelt und dreifach tanzen sehen wird.

Dreimal steht sie an diesem Abend im Besetzungszettel: Alina Cojocaru, die brillante Londoner Stammgastballerina vom Hamburg Ballett, ist die erste, Giorgia Giani, die atemberaubend niedliche Nachwuchsballerina, die zweite, und Emilie Mazon, die schon gestandene, weiterhin aufstrebende Solistin vom Hamburg Ballett ist die dritte Marie.

In der Spielhandlung feiert das Mädchen seinen zwölften Geburtstag, und jede der drei Tänzerinnen sieht im Babydoll-Kleidchen und mit am Hinterkopf zusammengefassten Haaren wie ein süßer, fastpubertärer Backfisch aus.

"Der Nussknacker" von John Neumeier in der Silvester-Ausgabe

Emilie Mazon, Alina Cojocaru und Giorgia Giani sind alle drei Marie, das träumende Mädchen in John Neumeiers kongenialer Version vom „Nussknacker“ in der Silvester-Ausgabe 2018. Foto: Kiran West

Den Beginn macht Alina, die als Marie am Geburtstagmorgen ins Wohnzimmer kommt und das tänzerische Spiel mit ihrer Puppe ausprobiert. Dann kommt Emilie dazu und beschäftigt sich mit der Porzellanballerina vom Regal. Schließlich tänzelt auch Giorgia heran, widmet sich dem auf dem Boden stehenden Theatermodell aus Papier – und flugs liegen alle drei Marien bäuchlings nebeneinander, wie drei muntere Gören auf der Lauer nach kleinen Abenteuern.

Durch die Verdreifachung wird aber nicht einfach nur die Bühne voller. Es ergeben sich tatsächlich Effekte der Potenzierung, die die positive Ausstrahlung der Ballerinen bzw. ihrer Figur betreffen.

Einfach gefragt: Sind drei Marien knuddeliger, witziger, quirliger als eine Marie? – In diesem Fall: ja!

Noch deutlicher tritt der Vervielfachungseffekt bei dem erotisch-elegischen Liebhaberpaar Louise und Günther auf. Louise, als große Schwester von Marie von Beruf Ballerina, wird von der zarten Japanerin Mayo Arii, der eleganten Anna Laudere und von der unbeschreiblich lyrischen Hélène Bouchet getanzt, während ihr Verlobter, der gutaussehende Kadett Günther, von dem galanten Christopher Evans, dem souveränen Edvin Revazov und dem bildhübschen Alexandr Trusch verkörpert wird.

Aber hoppla, da ist noch ein Paar… Genau: Günther und Louise sind heute sogar vierfach besetzt, wie auch Fritz, der Bruder der Mädchen Louise und Marie.

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Hier ist was los! Vier „Louisengünthers“ in der ersten Reihe, dahinter vier Fritzens, zudem drei Drosselmeiers und drei Marien… sowie natürlich das wunderbare Ensemble vom Hamburg Ballett. Die ebenfalls wunderbaren Fotos stammen von Kiran West.

Die vor Lebenslust Funken sprühende Lucia Ríos und der absolut aparte Matias Oberlin bilden das weitere begeisternde Louisengüntherpaar. Unbedingt auch eine Traumbesetzung!

Der kecke Fritz hingegen kommt durch den fantastisch smarten Aleix Martínez, den schalkhaften Konstantin Tselikov, den burschenhaften Ricardo Urbina und, ganz neu, durch den auf den Punkt genau agierenden, gleichermaßen lustigen und geschmeidigen Marcelino Libao auf die Bühne.

Es freut mich natürlich sehr zu sehen, dass meine weihnachtliche Empfehlung, Marcelino Libao solistisch verstärkt einzusetzen, auf Zustimmung stieß. Und man wird hier wirklich keinesfalls enttäuscht. Mit clownesk hängenden Schultern als Ausdruck für eine jungenhafte Empörung, aber vor allem auch mit feinen, ausbalancierten, harmonischen Bewegungen beim Tanzen erweist sich Marcelino als seiner Sache sicherer Solist, der in jeder Sekunde weiß, was er macht.

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So geht Ballett mit Herz, Hirn und Humor der absoluten Spitzenklasse: Marc Jubete, Alexandre Riabko, Alina Cojocaru, Emilie Mazon, Giorgia Giani und das Ensemble im „Nussknacker“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Das ist ja der große Reiz dieses „Nussknackers“ : Jede Figur ist psychologisch durchgestylt, es ergibt sich ein Szenario aus lauter Mini-Slapstick-Momenten, weil zum Beispiel die kunstbeflissene Tante (rührend lieblich auch in rollengerechter Altjüngferlichkeit: Georgina Hills) den Ballettmeister Drosselmeier anhimmelt, während Maries betrunkene Tante (toll intensiv bei ihrer einsamen Tätigkeit: Yun-Su Park) ihre ganze Aufmerksamkeit trotz braven Mittanzens im Reigen heimlich auf ihren Alkoholkonsum wie auf ein etwas anrüchiges Hobby konzentriert.

Jetzt aber wirkt jede Bühnenhandlung umso stärker, weil durch die verdreifachte, vervierfachte Solistenanzahl die tänzerische Dynamik zunimmt.

Da nun die anderen Tänzerinnen und Tänzer, die die Eltern von Marie, die Freunde, die Verwandten, das Dienstpersonal darstellen, auch auf der Bühne sind, hat man dann und wann eine Ahnung davon, wie die oftmals regelrecht vollgestellten Originalbühnen der frühen Belle Époque oder des 19. Jahrhunderts aussahen.

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Alina Cojocaru in den sanften Händen von Edvin Revazov: Marie erträumt sich ihren Wunsch-Pas-de-deux für ihre Zukunft und erlernt solchermaßen den Paartanz. Nur bei John Neumeier im „Nussknacker“ zu sehen! Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Als Peter I. Tschaikowsky 1892 seine unsterbliche Partitur fertig stellte, als „Der Nussknacker“ im selben Jahr von Lew Iwanow nach den Plänen von Marius Petipa urchoreografiert wurde, war es üblich, den Bühnenraum mit Künstlern und Staffage nachgerade zuzuräumen. Historische Fotos belegen, das das dem damaligen Empfinden von Schönheit und Action vollauf entsprach.

Der Vorteil: Es ist so viel los im Bühnenbild, dass der Betrachter einen wirklich riesengroßen Augenschmaus zu fassen hat. Der Blick kann den Guckkasten Stückchen für Stückchen abwandern und andauernd offenbart sich ihm Neues. Da ist noch etwas und dort – und hier gibt es ein weiteres Detail und gleich daneben, davor, dahinter ebenfalls. Dennoch handelt es sich um wohlstrukturierte, organisch platzierte Formen, die man erblickt – und eben nicht um zusammengedrängelte Menschenmassen. Man kann tatsächlich viel von dieser Art, Theater zu machen, lernen, gerade in Zeiten, in denen der existenzialistische Purismus, der mit Bühnenbildnern wie Karl-Ernst Herrmann in den 80er Jahren aufkam, weitgehend überwunden wurde, weil er auf Dauer einfach zu langweilig ist.

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Mayo Arii, Carsten Jung, Lucia Ríos und Marc Jubete: Man kann die Schönheit beim Tanz der Ballerina Louise mit Ballettmeister Drosselmeier auch glatt verdoppeln… in der Silvester-Ausgabe vom „Nussknacker“ beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Hingegen sind die Bühnenbilder und Kostüme von Jürgen Rose, der dank John Cranko und John Neumeier zu dem wurde, was er war und ist, von einer unanfechtbaren Ästhetik, die zugleich sinnstiftend und das Auge erfreuend ist. Rose weiß vielleicht selbst nicht, warum seine Ausstattungen so unsterblich wurden wie die Partituren von Tschaikowsky und die Choreografien von John Neumeier. Aber er trifft mit seinem Gefühl für Proportionen den Nerv der Dimensionen, wie ich es mal nennen möchte, sein Farbsinn schießt nie willkürlich übers Ziel hinaus (was vielen anderen Designern passiert) und seine personenbezogenen „dramatischen“ Kostümkreationen lassen die Tänzerinnen und Tänzer bereits durch den Auftritt selbst ein Statement ihrer Figur darstellen. Dafür immer wieder: Chapeau, Monsieur Rose!

All das nun noch verdreifacht und vervierfacht sehen zu können, ist schlichtweg toll.

John Neumeier muss eine Erleuchtung gehabt haben, als er entschied, die Silvester-Ausgabe solchermaßen zu besetzen. All die Arbeit, die für alle beteiligten Ballettkünstler dahinter steckt – schließlich muss Manches sozusagen umchoreografiert und umplatziert werden – lohnt sich wirklich. Ein großes Dankeschön bei dieser Gelegenheit!

Es ist ja so eine Gaudi, das Ergebnis anschauen zu dürfen, auch im Detail!

"Der Nussknacker" von John Neumeier in der Silvester-Ausgabe

Alexandre Riabko, Yaiza Coll, Marc Jubete, Patricia Friza, Carsten Jung und Sara Coffield sorgen für spanische Stimmung im dritten Bild vom „Nussknacker“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Da wuselt und wimmelt es nur so vor Haupt- und Nebenfiguren, aber stets ergeben sich organische Muster und Linien, und es ist der Kunst von John Neumeier und seinem Ballettmeisterteam zu verdanken, dass sich hier nichts ins Gehege kommt, sondern alles superbe, hoch ästhetische Formen und Bildkompositionen ergibt.

Da stehen die vier schönen Louisengünthers nebeneinander, tanzen den verliebten, klassisch-modernen Paartanz – und man hat das Gefühl, es müsse genauso sein und kein einziges Pärchen sollte dabei fehlen. Wunderbar synchron, dennoch lebendig und jeweils unique kommen die Liebenden über die Rampe – und wenn sie statt einer Rokoko-Asymmetrie eine barocke Symmetrie formieren, dann ist die ohnehin schon großartige Choreografie nahezu nochmals getoppt.

Aber auch der zackige Junge Fritz macht sich als Trio oder auch Quartett statt als Einzelfigur einfach famos! Zumal er ja in Begleitung weiterer Kadetten ist, und wenn dann ein Geschwader aus feschen Boys akkurat dreht, springt, salutiert, dann hängt der Balletthimmel schon wirklich voller Geigen.

"Der Nussknacker" von John Neumeier in der Silvester-Ausgabe

Ricardo Urbina, Marcelino Libao und Aleix Martinez, der den beiden Kollegen soeben geradewegs graziös auf die Arme sprang, sind die drei rasanten, auch mannshohe Bockssprünge bietenden Leutnants zur Kosakenmusik von Tschaikowskys „Nussknacker“. Yeah! Sie sind übrigens in jeder  Vorstellung zu dritt ein Team. Yeahyeahyeah! Foto: Kiran West

Die Neumeier’sche Inszenierung betont ja zudem das Psychologische, das Handlungstreibende, auch das Zwischenmenschliche. Und es ist einfach entzückend zu sehen, wie verschieden die tänzerischen Interpretationen dessen sein dürfen und sollen.

Das hoch ästhetische Paar Laudere-Revazov zum Beispiel hat viel Übung in diesen Parts und beherrscht einen repräsentativen Stil, der jeder Bewegung die Anmutung einer Festlichkeit verleiht, ganz so, als seien sie in Öl gemalt, auf Hunderte oder Tausende von Ölgemälden, die ganz rasch vorbeiziehen wie im Film die Einzelfotos.

Die jungen Damen Mayo Arii und Lucia Ríos hingegen wirken wie in einem lebenden Aquarell aus weichen Farben agierend, sie sind mit der Verausgabung bis zur Grandezza noch vorsichtig und setzen lieber auf den mädchenhaften Charme der puren Grazie und auf die akkurate Präzision. Was auch ein Genuss ist!

Hélène Bouchet aber, neu in der Rolle der Louise (man erinnert sich noch an sie als Marie in ihren flachen Stiefelchen), zeigt ein derart „romantisch schwebendes“ Tanzverhalten, dass man sich an Stücke wie „La Sylphide“ oder „Giselle“ ermahnt fühlt. Ja, diese Louise ist wohl eine Pavlova! Ihre Ports de bras sind einfach ein Glück für jede und jeden, hinzu kommen die perfekten Spitzenschuhproportionen ihrer Füße.

"Der Nussknacker" von John Neumeier in der Silvester-Ausgabe

Unnachahmliche Lyrik, gepaart mit der männlichen Eleganz in Person: Hélène Bouchet und Christopher Evans als einer von vier „Louisengünther“ in Neumeiers Silvesterausgabe vom „Nussknacker“ beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Die großen Sprünge der Herren und ihre fantastischen Pirouetten – etwa die Grand jetés von Revazov, die Pirouettes en attitudes von Evans und die seriellen Pirouettes à la seconde von Trusch – sind so blendend makellos und doch ausdrucksstark, dass man es nur immer wieder bedauert, wenn so eine Variation beendet ist und man leider nicht wie im Film einfach den Knopf „zurückspulen“ drücken kann.

Aber der fortlaufende Fluss des Bühnengeschehens macht natürlich gerade den Effekt einer Live-Vorstellung aus!

Ebenfalls sehr erhebend: der zukunftsbezogene Pas de deux von Marie mit ihrem Schwarm Günther in ihrem Traum von der Theaterprobe, getanzt von Alina Cojocaru und Edvin Revazov, und später, im dritten Bild, natürlich auch der berühmte Grand Pas de deux en Bordeaux, wie ich ihn wegen der Kostümfarbe mal nenne – und den die Louisengünthers (oder auch Güntherlouisen) hier mit so viel Verve und Poesie darbieten, dass man vor Begeisterung förmlich zerfließt.

Überraschungen gibt es außerdem immer wieder, wie die, dass die flotte kleine Marie von Giorgia Giani sich im Theatertraum von ihrem sie begleitenden Ballettmeister Drosselmeier ausreißerisch löst – und sich mit Jacopo Bellussi einen einfach wunderbaren Kavalier schnappt, um mit ihm auftrumpfend das in Weiß auftanzende Ensemble in der ersten Reihe zu verstärken.

Schön anzuschauen sind aber auch neue Paarkonstellationen, die sich zwischendurch ergeben, etwa Trusch-Giani. Oh ja, auch hier könnte man sich weitere edle Pas de deux vorstellen…

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Das Solo der Zuckerfee zu den exotischen Klängen der Celesta darf hingegen Alina Cojocaru mal ganz alleine tanzen: ein so hübscher wie fetziger Anblick. Marie versteht hierin ja erstmals die Regeln der feminin interpretierten Theaterkunst, und sie wendet sie vollauf beglückend an, zum Stolz ihres Lehrers Drosselmeier.

Jetzt wird es aber allerhöchste Zeit, endlich die drei Ballettmeister Drosselmeier zu nennen, ohne die es hier ja gar nicht gehen würde:

Carsten Jung, Marc Jubete und Alexandre Riabko sind drei so köstliche und anrührende Ballettmeister-Karikaturen – mit aller gebotenen Strenge, aller Eitelkeit und aller Generosität, auch mit aller tänzerischen und schauspielerischen Virtuosität – dass man ihnen nur zu gern zuschaut, wenn sie ihre Marie (jeder eine) in die Theaterwelt einführen und ihr zeigen, was Ballett bedeutet.

Auch hier gilt, wie bei den anderen vier Hauptpersonen: Die Vervielfachung potenziert die Wirkung!

Indes hatte sogar die Musik, so schien es, einen Zauber wie noch nie.

Man kann ohnehin sehr schnell hochgradig süchtig werden nach dieser Partitur von Tschaikowsky, aber der hier mal hauchzarte, mal präzise anschwellende Spezialsound, den der Erste Ballettdirigent Simon Hewett mit den Musikerinnen und Musikern vom Philharmonischen Staatsorchester Hamburg zu erzeugen weiß, peppt sogar die beiden mich sonst immer ein wenig langweilenden Ouvertüren (die zu Beginn und nach der Pause gespielt werden) – und Hewett und sein Sound verleihen dem tänzerischen Geschehen seine unbedingt notwendige, mitreißende akustische Einbettung.

Madoka Sugai und Carsten Jung in „Der chinesische Vogel“ in Neumeiers „Nussknacker“ beim Hamburg Ballett. So fein und furios! Foto: Kiran West

Das dritte Bild mit seinen furiosen Einzeltänzen – hervorzuheben: die fulminante Madoka Sugai als Chinesischer Vogel – bestürmt einen ohnehin nachgerade mit seiner tänzerischen Vielfalt, seiner Delikatheit in den Posen, und durch die zusätzlichen Heldinnen und Helden auf der Bühne gewannen die Formierungen nur nochmals. Exquisit!

Dem Ensemble vom Hamburg Ballett sei außerdem insgesamt, inklusive allen, für so viel vor Begeisterung brodelnden Tanz gedankt!

Solchermaßen mit einer nun wirklich propperen Extraportion Glück in jeder Hinsicht ausgestattet, ließ es sich dann wie von selbst in die Silvesternacht gleiten.

Übrigens: Wer nach Mitternacht und den damit verbundenen üblichen Segenswünschen den Fernsehsender arte einschaltete, konnte da überraschenderweise Eleonora Abbagnato und Stéphane Bouillon vom Ballett der Pariser Opéra den leidenschaftlichen Schwarzen Pas de deux aus John Neumeiers „Die Kameliendame“ mit voller Hingabe tanzen sehen: auf der live übertragenen Gala zum 350-jährigen Bestehen der Pariser Oper.

Der beliebte Étoile Karl Paquette nahm dann im Rahmen dessen auch noch in Paris seinen Bühnenabschied, in der Rolle als Prinz in Rudolf Nurejevs „Cendrillon“ . Dieses spielt in den nostalgisch aufgemotzten USA zwischen Hochhäusern, und Aschenbrödel träumt darin von einer Filmkarriere mit Charlie ChaplinNurejev hatte ja selbst Filmambitionen, spielte etwa den glamourösen Rodolfo Valentino auf der Leinwand, und dieser seiner berechtigten Neigung zum Massenmedium Kino ist seine Inszenierung wohl geschuldet.

An all die schmunzel-, lach- und tränenseligen Momente im „Silvester-Nussknacker“ beim Hamburg Ballett kam die etwas gestelzt wirkende „Cendrillon“ -Darbietung aus Paris allerdings nicht an. Doch weil nächstes Silvester in Hamburg die Oper dran ist, lohnt es sich glatt, Aschenbrödel-Fantasien schon mal auf Vorrat auf Silvesterart zu interpretieren… Wie wäre es denn mit Neumeiers „A Cinderella Story“ mit mehreren Aschenbrödels, mehreren Prinzen, viel mehr Stiefschwestern, etlichen Vätern und noch mehr bösen Stiefmüttern – na, da genügt vielleicht auch eine einfache Besetzung – auf der Bühne?

Armer John Neumeier. Jetzt wird er die Geister, die er rief, nie mehr los: Natürlich werde ich mir fortan bei jeder Vorstellung eines Stücks von ihm vorstellen, ob das nicht auch mit einer Vervielfachung der Personen gehen würde…

Von John Neumeier selbst ist hingegen eine einfache Besetzung völlig ausreichend, er ist sowieso einmalig.

Dass er, der ehemalige Tänzer, noch immer auch die entsprechende Bühnenpräsenz hat, bewies er denn auch sogleich.

"Der Nussknacker" von John Neumeier in der Silvester-Ausgabe

Die neckische Gruppe rechts, bestehend aus zwei Marien und zwei Drosselmeiern, gibt es so nur zu Silvester – und links steht das dritte nette Mariendrosselmeierpaar. Mittig: Nako Hiraki mit sechs fitten Jungs als „Esmeralda und die Narren“, einer Anspielung auf Petipas Ballett „Esmeralda“ in John Neumeiers „Nussknacker“ beim Hamburg Ballett. Juchhe! Das exzellente Foto: Kiran West

Denn nachdem sich die drei Marien mit ihren drei Holznussknackern ermüdet vom nächtlichen Traumausflug ins Theater wieder auf den Wohnzimmerboden zum Schlafen legten (ein supersüßer Anblick!), kommt in der Silvester-Ausgabe der Chef, also Neumeier persönlich, auf die Bühne, mit einigen um den Hals und Oberkörper neckisch drapierten Luftschlangen, und er weckt die drei jungen Damen…

Was für ein zauberhaftes Ende!

Der jubelnde Applaus hatte denn auch selbst beinahe Festakt-Charakter, und als dann noch Konfetti und Luftschlangen auf die Bühne gebombt wurden, musste selbst der ärgste Silvestermuffel zugeben, dass bei John Neumeier alles anders ist anderswo, nämlich einfach viel besser.

"Der Nussknacker" von John Neumeier in der Silvester-Ausgabe

Anna Laudere, Edvin Revazov, John Neumeier, Simon Hewett, Carsten Jung, Alina Cojocaru und das Ensemble vom Hamburg Ballett beim letzten Applaus 2018 – mit jeder Menge Extraportionen Glück! Foto: Kiran West

Dankeschön nach Hamburg für ein wunderbares Jahr – und auf das kommende!
Gisela Sonnenburg

www.hamburgballett.de

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