Ein Romeo in der Erinnerung Vor 50 Jahren und 6 Tagen premierte die Erstfassung von „Romeo und Julia“ von John Neumeier

John Neumeier schuf vor über 50 Jahren seinen tollen Romeo

John Neumeier in einem Bildausschnitt von 1974 als Romeo in seiner eigenen Inszenierung von „Romeo und Julia“, getanzt mit dem Ballett der Hamburgischen Staatsoper. Foto: Fritz Peyer (Quelle: „Zehn Jahre John Neumeier und das Hamburger Ballett 1973-1983“, Christians, Hamburg, 1983 – Faksimile: Gisela Sonnenburg)

Es muss um 1974 gewesen sein. John Neumeier, damals noch „der Neue“ in der Reihe der Theaterdirektoren in Hamburg, tanzte selbst den Romeo in seiner Inszenierung von „Romeo und Julia“ zu der Musik von Sergej Prokofiew. Er war kein typischer Jüngling im Sinne des Stürmens und Drängens. Neumeier war ein sehr zielgerichteter Romeo, einer, der seiner Julia so etwas wie Vertrauen und Zuversicht einflößte. Ein sehr mannhafter Romeo. Ein Träumer zwar, aber kein Bruder Leichtfuß. Eher ein Macher als ein Abenteurer. Seine Partnerin als Julia war mit Keckheit und anmutigem Witz seine kindhafte Erste Solistin Marianne Kruuse. Sie hatte ihre Partie einige Jahre zuvor mit Neumeier in Frankfurt am Main kreiert, sie verkörperte die Originalbesetzung. Man könnte auch sagen: die Idealbesetzung. Ein Mädel wie aus dem Leben gegriffen! Die Choreografie ist den auch voller mimischer Realismen. Neumeier hat sie bewusst gegen die beiden in der westlichen Welt damals berühmten Fassungen gesetzt, also gegen die von John Cranko (1962) und von Kenneth MacMillan (1965). Nur die hochgelegte Taille der flatternden Gewänder der Damen, das blousonartige Hemd von Romeo und die Kutte des Mönchs Lorenzo vereinen die drei Versionen, die zudem – wie damals üblich – werktreu in der Renaissance angesiedelt sind.

William Shakespeare hätte sich vielleicht gar nicht entscheiden können, welches Ballett ihm am nächsten käme. Dabei hat keines von diesen dreien den die Clans versöhnenden Schluss Shakespeares übernommen. Ihn findet man nur bei Yuri Grigorovich, damals Chef vom Bolschoi-Ballett in Moskau.

Die Droge Romeo

Alexandr Trusch als Romeo und Florencia Chinellato als Julia in John Neumeiers „Romeo und Julia“ beim Hamburg Ballett. Ein Dreamteam vor wenigen Jahren! Foto: Holger Badekow (Ausschnitt)

Neumeiers Inszenierung bildet mit ihren zahlreichen Anspielungen auf andere Shakespeare-Ballette sowie auf die Kulturtraditionen des Elisabethanischen Zeitalters aber gewiss eine besonders intelligente  Fassung von „Romeo und Julia“. Viele sagen: Neumeiers Version ist auch die herzlichste, weil sie mit am meisten Menschenkenntnis und trotzdem Menschenliebe geschöpft ist.

So verfügt jede Figur auf der Bühne über ein eigenes Psychogramm, über einen Charakter und einen personellen Hintergrund. Dabei sind es fast 80 an der Zahl, die Statisten nicht eingerechnet. Eine so starke Durchstrukturierung einer Inszenierung ist selten, nicht nur im Ballett, auch in den anderen Sparten wie Theater oder Oper. Aber das ist sicher genau das, was Neumeier wollte: ein grundlegend neues Ballettverständnis mit grundlegend neuen Inszenierungen schaffen. Das ist ihm ja auch vorzüglich gelungen, bisher öfter als 160 Mal. Sein „Romeo“ markiert den Beginn seiner Kreationen abendfüllender Handlungsballette.

Neumeier selbst zu seinem unermüdlichen Streben: „Ich möchte etwas Poetisch-Fragmentarisches, was vielleicht mit dem Film zu vergleichen wäre: schnelle Schnitte, Bühnenbildveränderungen, die sichtbar hergestellt werden.“ Aber damit wären  nur winzige Partikel des Neumeier’schen Kosmos beschrieben.

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So bildet Neumeiers „Romeo“ den Beginn seiner literarischen Großtaten im Ballett, nämlich die Vertanzung von Weltliteratur im abendfüllenden Format. Man sollte meinen, es sei ganz normal, dass sich Choreografen Weltliteratur suchen, um sie für die stilisierte Tanzform Ballett zu vereinnahmen. Faktisch ist man überrascht, weil so wenige lebende Choreografen von diesem Vorrecht der Spätgeborenen noch Gebrauch machen. Ob sie alle etwas lesefaul sind?

Neumeier lebt mit Literatur ebenso wie mit Musik, bildender Kunst, Design, Tanz. In Frankfurt am Main besorgte ihm noch Filippo Sanjust eine eher spartanische Ausstattung für den„Romeo“. Aber schon in Kopenhagen, wo das Stück bis heute zum Repertoire gehört, war ein Anderer, jemand mit viel Liebe zum verspielten Detail, am Werk. Und zwar Jürgen Rose, dessen Nachname wirklich eine starke Bedeutung für seine Berufung zu haben scheint.

Auch für die aktuelle, einige Male überarbeitete Fassung von Neumeiers „Romeo“ schuf der da schon legendäre Ausstatter Jürgen Rose 1981 eine Erneuerung der Bühnenbilder und Kostüme. Dem Stil der Renaissance ist Neumeier dabei treu geblieben. Denn so modern die Musik von Prokofiew auch ist, optisch entführt das Libretto mit gebührender Nostalgie in die frühe Neuzeit.

John Neumeier schuf vor über 50 Jahren seinen tollen Romeo

Marianne Kruuse, hingegeben an die Titelpartie der Julia in „Romeo und Julia“ von John Neumeier, 1974 in Hamburg. Foto (Ausschnitt): Fritz Peyer. (Quelle: „Zehn Jahre John Neumeier und das Hamburger Ballett 1973-1983“, Christians, Hamburg, 1983 – Faksimile: Gisela Sonnenburg)

Am Valentinstag 1971, also am 14.2., brachte Neumeier dieses sein erstes Shakespeare-Ballett, eben „Romeo und Julia“, in Frankfurt am Main zur Uraufführung. Truman Finney und Marianne Kruuse tanzten die Titelpartien. Der schlaksige Max Midinet war – wie auch später in Hamburg – ein brillant-diabolischer Mercutio. Beatrice Cordua gab mit großen Beinwürfen die etwas herrschsüchtige Mutter Capulet ab. Und Stephan Mettin, später Theaterintendant in Flensburg, spielte den etwas schrägen Mönch Lorenzo, wobei er wie nebenbei die Dänin Marianne Kruuse, also die Julia, verführte und ehelichte. Oder sie ihn? Jedenfalls lernten sie sich bei dieser Arbeit kennen und lieben.

Später leitete Kruuse die Ballettschule vom Hamburg Ballett, und sie lehrte die jungen Mädchen, wie einst sie selbst, also wie Julia zu fühlen und zu denken. Weltweit gibt es mittlerweile Dutzende von Ballerinen, die in Neumeiers „Julia“-Struktur ein Stück von sich selbst gefunden und zum Ausdruck gebracht haben.

Das Besondere an dieser Julia: Sie lernt erst durch die Liebe, schön zu tanzen. Vorher springt sie munter herum, versucht sich beim Repräsentationstanz graziös – aber sie scheitert. Mit Romeo hingegen fliegt sie nur so dahin, verleiht ihrer Liebe mit Bravour den nötigen Nimbus: virtuos und doch menschlich. Das war schon in Frankfurt am Main so, damals, als Marianne Kruuse sich in ihren späteren Ehemann verguckte.

Der 14.2.71 war übrigens ein wolkiger, leicht regnerischer Tag in Hessen, gerade richtig, um sich ins Opernhaus zu flüchten und sich in diese tragische Märchenwelt nach Shakespeare’schem Zuschnitt entführen zu lassen.

Wer damals bei der Uraufführung dabei war, ahnte vielleicht nicht, dass diese getanzte Inszenierung eines fast allzu beliebten Theaterstoffs um die Welt gehen und auch rund 50 Jahre später noch die Zuschauer bezaubern würde. Ein Ende ist (trotz Corona) nicht abzusehen!

Auch überwältigend intensiv: Hier tanzen Jacopo Bellussi und Emilie Mazon die Titelfiguren „Romeo und Julia“ in der Inszenierung von John Neumeier beim Hamburg. Das Foto von Kiran West stammt von 2015.

Die Jahreszeit, in der Romeo und Julia sich verlieben und fast zusammen sterben, ist bei Shakespeare genau datiert: auf die Zeitspanne vom 11. April bis zum 14. April. In Verona herrscht dann tagsüber eine Durchschnittstemperatur von 18 Grad, nachts sind es oft um die 7 Grad. Auch bei Neumeier geht es um diesen Zeitraum, er hat den Festtag des Schutzheiligen der Stadt Verona zum Fixpunkt gemacht.

In der Lockerheit der Open-air-Choreografie auf der Bühne ist es zwar eher schon frühsommerlich, aber die Frische der Nächte ist dennoch zu spüren. Die meisten Bürger verzichten da noch auf nächtliche Ausflüge. Sonst hätte man Romeo und Julia bei ihrer Balkonszene ja vielleicht auch entdeckt.

John Neumeier schuf vor über 50 Jahren seinen tollen Romeo

Aus den 70er-Jahren: Die Ur-Julia Neumeiers Marianne Kruuse mit Truman Finney als „Romeo und Julia“ von John Neumeier. Das Foto wurde in Hamburg von Fritz Peyer aufgenommen. (Quelle: „Zehn Jahre John Neumeier und das Hamburger Ballett 1973-1983“, Christians, Hamburg, 1983 – Faksimile: Gisela Sonnenburg)

Bald ist es wieder Frühling, bald werden wieder junge Leute einander in die Augen sehen und sich vielleicht – trotz medizinischer Masken – auf den ersten Blick ineinander verlieben.

Wünschen wir ihnen Glück – und ein Umfeld, das ihre Liebe unterstützt. Sonst wäre „Romeo und Julia“ nämlich ganz umsonst getanzt worden…
Gisela Sonnenburg

www.hamburgballett.de

Viele weitere Berichte zu „Romeo und Julia“ gibt es im Ballett-Journal! Zum Beispiel hier:

http://ballett-journal.de/hamburg-ballett-romeo-und-julia/

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