Ein irres Paar Nachklapp: aus gegebenem Anlass eine Kurzkritik von „Othello“ vom 9. November

Othello von Neumeier

Zart und hart: Anna Laudere als Desdemona und Carsten Jung als Othello. Foto: Holger Badekow

Die Nachmittagsvorstellung am 9. November 2014 – 25 Jahre nach Mauerfall – hatte alles, was eine großartige, harmonisierende und dennoch beklemmende „Othello“-Aufführung haben sollte. Sogar die Musiker unter Garrett Keast – auf einer Galerie hinten auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper positioniert – spielten wie rundum erneuert. Die Choreografie von John Neumeier (1985, also zur besten Mauerzeit entstanden) wirkte dazu so frisch wie bei der Uraufführung. Manchen im Publikum war sie glatt zu modern!

Die Krieger waren vor allem dann, wenn sie nicht zu laut brüllten und stampften, beängstigend aggressiv. Das Ensemble bot in seinen weißen Festoutfits das Abbild einer vornehmen Oberschicht, die nicht sehen will, was sich zu ihren Füßen abspielt. Der Vortänzer der bunten Multi-Kulti-Truppe schwenkte damenhaft sein Tuch – und wusste die Hüften so smart zu bewegen wie ein asiatischer Transvestit. Die Begleiterinnen der Primavera waren unheimlich in ihrer Nettigkeit. La Primavera selbst war so zart und menschlich, dass sie wohl eines Tages selbst eine entzückende Desdemona sein wird. Obwohl ihr hämisches Gelächter eine Gänsehaut verursachte. Der wilde Krieger mit der schwarz angemalten Haut verstarb denn auch punktgenau kurz nach ihr.

DAS UNMÖGLICHE MÖGLICH MACHEN

Alexandr Trusch als Cassio war äußerst liebenswert. Zachary Clark als Brabantio fühlte seelennah mit Othello. Leslie Heylmann als Emilia spielte hervorragend und en detail schlüssig das Grauen einer Ehefrau, die erkennen muss, dass ihr Mann ein echt mieses Stück ist. Mit Grund: Alexandre Riabko war als Jago derart dämonisch, heimtückisch, sadistisch vergnügt und zudem noch kreativ, dass man für ihn ein Mephisto-Ballett schöpfen sollte. Damit nicht genug: Carsten Jung als karamellbrauner Othello war in jedem Sekundenbruchteil auf der Bühne derart glaubhaft, dass ich ihm fast einen Psychoanalytiker anempfohlen hätte, denn er rührte vom ersten Auftritt an, und zwar so stark, dass man jede Regung mit ihm empfinden und sogar zusammen mit ihm morden musste. Man könnte ihn sich auch mit Hélène Bouchet als Desdemona vorstellen.

Anna Laudere vollbrachte hingegen als Desdemona etwas eigentlich Unmögliches. Sie tanzte die Partie „wie gegen den Strich gebürstet“, war zu Beginn erstaunlich direkt, später überraschend schüchtern, ergriff einen dennoch oder gerade deshalb von Anfang bis Ende direkt dort, wo das Herz auf dem richtigen Fleck sitzt. Als ihre Rollenfigur nach langem Kampf starb, erstarb auch der Glanz des Theaters für eine Sekunde mit ihr, in zackigen, wie abgehackt-entseelten Bewegungen, gruselig echt. Möglicherweise wäre sie auch mit Amilcar Moret Gonzalez ein irres Paar. Die Liebesszenen zwischen Annas Desdemona und Carstens Othello aber bleiben für immer wie ein Lichtblick im Gedächtnis: so zart und erbebend, so fein und rätselhaft waren sie.

Danke, lieber Kevin Haigen, denn nur mit ihm als Coach und Meister waren all diese aufwühlenden Rolleninterpretationen so möglich!
Gisela Sonnenburg

www.hamburgballett.de

Siehe auch:

http://ballett-journal.de/ein-liebesmord-im-multi-kulti-idyll/

http://ballett-journal.de/geburtstagsstaendchen/

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