Tanzt in Freundschaft, tanzt aus Liebe! Fast sechs Stunden Ballettkultur vom Feinsten mit John Neumeier und „Song and Dance“: Die Nijinsky-Gala XLV (2019) läutete beim Hamburg Ballett mit zwei neuen Ersten Solisten sowie fünf Verabschiedungen das Spielzeitende ein

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Matias Oberlin bei der Nijinsky-Gala XLV bei John Neumeier im „Bernstein Dances“-Stück „What a waste“ – er macht eine sehr gute Figur. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Es handelt sich um den alljährlich wichtigsten Termin in der deutschen Ballettsaison: Die „Njinsky-Gala XLV“ beendet mit gloriosen Ausmaßen und moderiert vom Ballettchef John Neumeier persönlich beim Hamburg Ballett eine jede Spielzeit. Dieses Jahr stand sie unter dem Motto „Song and Dance“, was im Amerikanischen ein stehender Begriff für einen ganz bestimmten künstlerischen Bereich ist. Eine Mischung aus Gesangsmusik und Tanz ist ja die Grundlage des Musicals, und dieses wiederum ist eine amerikanische Erfindung, die von New York, vom Broadway aus in die Weltkultur einging. Aber auch Ballett kennt Mischungen  aus Gesangskunst und Bühnentanz, und gerade der Meisterchoreograf John Neumeier hat etliche Werke in seinem Schaffen, die Gesang und Ballett verbinden. Selbst ein so unkonventionell langer Gala-Abend (der in Hamburg indes Tradition hat) kann da nur eine Auswahl in Auszügen zeigen. Bei der 45. Nijinsky-Gala am 30. Juni 2019 bildete diese einen Kosmos aus flirrenden Stücken, die wie nebenbei die USA mit Russland und Europa verbanden.

Da außerdem die immer absolut beeindruckende Primaballerina Carolina Agüero, ihr Mann, der superbe Solist Dario Franconi, die ebenfalls beeindruckende Solistin Mayo Arii sowie der stets mit eigenem Profil brillierende Erste Solist Karen Azatyan– und auch noch die männliche Neumeier-Muse Carsten Jung, ein unverwüstlicher Erster Solist und durch etliche Kreationen mit dem Repertoire des Hamburg Ballett sehr eng verbunden, ihren Abschied von der Hamburger Truppe nahmen, flossen deutlich mehr Tränen, als bei einer Gala üblich.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Gruppenbild mit Gastgeber John Neumeier, mittig hinter den Blumen, beim Schlussapplaus nach der Nijinsky-Gala XLV beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Üppige Blumensträuße mit Pfingstrosen in Rosarot- und Flieder-Tönen, nur für Neumeier im von ihm geschätzten klassischen Weiß, säumten am Ende die Bühnenwege wie lebende Teppiche. Das bunte Rautenkonfetti musste dazu in mehreren Ladungen aus dem Bühnenhimmel herabgelassen werden, um der Situation der vom Publikum mit stehenden Ovationen bedachten Künstler auf der Bühne genüge zu leisten.

Was für eine Mischung aus Gefühlen!

Dabei fing alles so brav an. Neumeier, in weißem Hemd mit Stehkragen, elegant-grauem Jackett und dunkler Hose festlich gewandet, erklärt zunächst den für die Gala untertitelspendenden Begriff „Song and Dance“, der früher häufig für Künstler verwendet wurde, die sowohl singen als auch tanzen konnten. Und Neumeier ergänzte, dass es auch den Begriff „tripple threat“ gibt, der Künstler bezeichnet, die sowohl singen und tanzen als auch musizieren können. Es mag dem theateralltäglichen Sarkasmus geschuldet sein, dass man sie eine „dreifache Gefahr“ nennt, so die wörtliche Übersetzung.

Dem Hamburger Ballettintendanten ist jedoch auch bekannt, dass es Menschen gibt, die Probleme damit haben, Text und Musik zusammenzudenken. Weil der Text bei ihnen nur den Verstand anspricht und die Musik nur das Gefühl. In solchen Fällen ist, wenn ich das jetzt mal anmerken darf, ein gezieltes Trainieren der Vernetzung der beiden Hirnhälften unbedingt empfehlenswert. Übungen dafür gibt es allerdings nicht im Internet, man sollte den Selbstversuch machen, um Gefühle und Gedanken gemeinsam zuzulassen. Es lernt sich erwiesenermaßen dann auch besser!

Wer gern tanzen geht, weiß zudem, dass er zumeist die Melodie, den Rhythmus, die Musik tanzt. Und kaum an den Text denkt. Oder? Siehe oben!

Üben lässt sich also auch im Club!

Und natürlich beim Ballett! Sogar beim Zusehen, etwa bei den „Bernstein Dances“ von 1998, zu denen Giorgio Armani die sexy Kostüme schuf, und die vom knallharten Alltag junger Künstlertalente in New York erzählen. Leonard Bernstein hat mit diesen Songs wirklich ins Herz der Überlebenskämpfe getroffen, und Neumeier tut es ihm mit den Choreografien gleich bzw. setzt hier und da noch schön eine Pointe dazu.

Dorothea Bauman– eine vielseitige, himmlisch-klare Sopranstimme – und Benjamin Appl– der dankenswerterweise kurzfristig eingesprungen war, was man ob der brillanten Festigkeit seiner Baritonstimme aber nur im positiven Sinn bemerkt – liefern dazu den gesanglichen Sound.

Die Sänger sind hier ein gehend, stehend, sitzend, schauend ein Teil des Bühnengeschehens, auch wenn die fetzigen, flippigen Tänze, die Neumeier choreografierte, natürlich seiner Company vorbehalten sind.

Madoka Sugai und Alexandr Trusch, Hayley Page  und Leeroy BooneGraeme Fuhrman und Aleix Martínez, Yaiza Coll und Florian PohlSara Coffield und Marcelino Libao – um nur einige zu nennen – berücken hierin mit ihren individuellen Befähigungen, Tanz akkurat zu interpretieren. Ha! Was für eine Freude, das zu sehen!

Als Überraschungsg ast bezaubert dann auch noch die weltberühmte Seniorballerina Alessandra Ferri im Pas de trois „Lonely Town“, gepartnert von dem elegant-souveränen Marc Jubete und dem immer ein wenig köstlich melancholisch-trotzig wirkenden Matias Oberlin.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Alessandra Ferri auf den Armen von Marc Jubete: in „Lonely Town“. So exquisit zu sehen auf der Nijinsky-Gala XLV beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Dieses Trio, das tanzenderweise von Sehnsucht und Träumen erzählt, ist so anregend in der Mischung seiner verschiedenen Energien, und es ist so faszinierend zu sehen, wie Ferri die gleichmäßig fließenden Bewegungen von Pose zu Pose platziert, dass man sich wünscht, sie würde in diesem Stück auch künftig bei Repertoire-Vorstellungen gastieren. Überhaupt wäre es großartig, wenn sie dem Hamburg Ballett, nachdem die „Duse“, die Neumeier für sie und für Karen Azatyan kreierte, als gelegentlicher Gaststar erhalten bliebe.

Dasselbe wünscht man sich für Carolina Agüero, die tänzerisch noch längst nicht am Ende ist, sondern im Gegenteil immer mehr Reinheit und Tiefe in ihre Kunst zu legen weiß, wie sie unter anderem mit ihren letzten Vorstellungen als Romola in Neumeiers „Nijinsky“ bewies. Wäre es nicht hinreißend, sie ab und an als einen Gaststar aus der Vergangenheit des Hamburg Balletts auf der Bühne zu sehen?

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Diese drei Grundfesten der menschlichen Entwicklung sind auch im Ballett unzertrennbar miteinander verbunden. Dem zu huldigen, ist eine Ehre, keine Schande, und darum muss an dieser Stelle betont werden, dass die Zukunft der Kultur in ihrer Anbindung an die Kulturgeschichte liegt – und nicht darin, alles wegzuwerfen, was in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden entstand, um mit bunten oder auch vor allem dunklen Techno-Events den Werbeclips und Videos der Musikindustrie Konkurrenz zu machen.

Man muss John Neumeier für seine Beachtung dieser Qualitätsmaßstäbe beim Hamburg Ballett immer wieder danken, denn nur so ist eine hochwertige Vorwärtsbewegung des Ballettgeschehens auf international sinnvoller Ebene nachhaltig machbar.

Auch „Shall we dance?“, der frühe Neumeier’sche Revuebogen von 1986, der auf Kampnagel in Hamburg uraufgeführt wurde, referiert auf die Geschichte der „Song and Dance“-Kultur. John Neumeier recherchierte damals die Anfänge der Broadway-Erfolge und stieß dabei auf Marilyn Miller, die als eine Pawlowa des Broadway galt.

Ein imaginäres Portrait“ schuf Neumeier ihr zu Ehren und schuf sechs Soli für sechs Tänzerinnen, die jede eine bestimmte Seite der Miller darstellen.

Oh, wie lieblich und wie sanft, wie verführerisch und wie natürlich lasziv sind die ausgewählten Mädchen vom Hamburg Ballett in diesen Parts!

In eisfarbenen Flattergewändern und in rosafarbigen Spitzenschuhen bilden sie mit voluminös hochgesteckten Haaren eine frühsommerliche Reminiszenz ans Paradies des Tanzens. Es ist, als wollten sie mit jeder Bewegung sagen, dass wahre Liebe keine Worte braucht, so wie auch hier die Songs – bis auf den letzten – ohne Vocals, also melodiös vom Orchester dargeboten werden.

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Mayo Arii, ein letztes Mal beim Hamburg Ballett während der „Nijinsky-Gala XLV“ zu sehen- in „Shall we dance?“ mit Oliver Kern (Klavier). Sehr schade, dass Erneuerung immer auch mit Abschied zu tun hat. Foto: Kiran West

Da ist Emilie Mazon im Vanille-Look.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Lucia Ríos, ganz ladylike und lasziv in „Shall we dance?“ von John Neumeier auf der Nijinsky-Gala XLV. Foto: Kiran West

Da ist – außergewöhnlich und so erotisch, dass man aufspringen und „da capo“ brüllen möchte – Lucia Ríos in hellem Bleu. So ladylike und lasziv, dass man ins Schwelgen kommt. Es gab übrigens in Italien früher ein Eis am Stiel, das sich frivolerweise „Blue Curacao“ nannte, obwohl es alkoholfrei war. Sehr lecker war das, und so erfrischend… An dieses erinnert Lucia in ihrem keck-passionierten Körperspiel zur Melodie von „Who cares“.

Da diese Songs von George Gershwin stammen, atmen sie unisono den Swing und das Vertrauen in die Verführbarkeit des Menschen – und es geht dabei auch um die Verführbarkeit zum Guten.

Oliver Kern am Piano auf der Bühne spielt mit aller gebotenen Raffinesse, zudem punktgenau in den Tempi, was für die Tänzerinnen wiederum besonders wichtig ist.

Yun-Su Park, Xue Lin und Patricia Friza verkörpern jeweils eigene Stimmungen, die allerdings das Tändelnde, Weibliche, Bezaubernde gemeinsam haben.

Mayo Arii fällt mit „Liza“ ganz besonders auf – delikat und vornehm.

Schließlich singt Ella Fitzgerald– die, wie Neumeier süffisant anmerkte, leider nicht persönlich kommen konnte – vom Band das Finale dieser kleinen Show-in-der-Show, die ganz den Frauen gehört: „The Man I Love“ ist ein überzeitlicher Song, der von Herzenswünschen spricht, wie sie inniger und sinnlicher nicht sein könnten.

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Sechs Facetten einer Frau: Xue Lin, Mayo Arii, Patricia Friza, Yun-Su Park und Lucia Ríos in „Shall we dance?“ von John Neumeier auf der Nijinsky-Gala XLV beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Ebenfalls um die Liebe geht es in dem ersten Gastbeitrag auf dieser Gala. Er kommt vom Chinesischen Nationalballett, dieser weltweit noch viel zu wenig bekannten Supertruppe, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Peking unter tatkräftiger Hilfe von sowjetischen Ballettkünstlern aufgebaut wurde.

Permanent Yesterday“ („Immerzu gestern“) heißt das eindringliche Pas de deux, das der noch junge Choreograf Fei Bo schuf.

John Neumeier dazu: „Manchmal gibt es keine Worte, sondern Laute“ – so den lautmalerischen Singsang von Xu Qingyuan. Darin werden buddhistische Gesänge zitiert, ohne sie in Worte zu fassen. Was zählt, ist die – junge, erfrischende – Stimme und die – elegische – Stimmung.

Qiu Yunting und Wu Sicong tanzen – sie im langen schwarzen Festkleid, er in scheinbar nacktem hautfarbenen Outfit – den Wunschtraum eines Mannes nach Nähe.

Sie steht hinten, mit dem Rücken zum Publikum, während er vorn im Schneidersitz die Arme wie zu einem freiheitlichen Gebet erhebt.

Es mag sein, dass hier auch eine Kritik am mönchischen Zölibat anklingt, ein Thema, das nicht nur im aktuellen Buddhismus, sondern auch die katholische Kirche an der Basis derzeit stark bewegt.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Elegant und diffizil: Qiu Yunting und Wu Sicong (The National Ballet of China) in „Permanent Yesterday“ von Fei Bo. Auf der Nijinsky-Gala XLV beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Sein Solo beschwört die Fantasie einer schönen Dame, die sich ohne Umschweife ihm zuzuneigen weiß. In souveränen Hebungen und Drehbewegungen bilden sie ein Paar, wobei stets deutlich wird, dass er ihr als Mann bestimmte Dinge geben möchte. Er ist keineswegs eine verführte Unschuld vom Lande.

Eine Solopassage macht weiterhin klar, dass diese Beziehung nicht einfach ist, vielleicht handelt es sich um eine versteckte Liebschaft, von der die Öffentlichkeit eigentlich nichts wissen darf. Nur der Tanz darf sie zeigen.

Und sie vertrauen sich, diese beiden Liebenden, und mehr als einmal fängt er sie auf, wenn sie sich rückwärts in seine Arme fällen lässt, so leichthin, als wäre das ganz ohne Risiko.

Schließlich darf er sie sogar auf den Boden legen, was hier ein Zeichen der höchsten Vertrautheit ist.

Fantastisch, wie zwei Menschen innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne vor den Augen des Publikums zusammenwachsen – so etwas schafft nur der Tanz, sowas geht nur mit einem Pas de deux.

Viel Applaus denn auch für diese drei Stars vom Chinesischen Nationalballett!

Doch dann wird es wieder Zeit für einen richtigen Song mit allem Drum und Dran, am besten mit Gitarre und Geseufze…

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Eine „Neuerwerbung“ stellt sich vor: Félix Paquet, bisher in Toronto tanzend, kommt im September 2019 zum Hamburg Ballett, und auf der Nijinsky-Gala 2019 tanzte er schon mal das „Mondlicht-Solo“ von Lewin in John Neumeiers „Anna Karenina“. Katzenhaft! Foto: Kiran West

John Neumeier erzählt von der Figur Lewin aus seinem Tolstoi-Ballett „Anna Karenina“, er sei „ein Gottsuchender“, zudem ein Landaristokrat, der seine Bäume pflegt. Und weil Cat Stevens alias Yusuf Islam auch ein Gottsuchender sei, sei er, Neumeier, bei der Suche nach Musik für ein Solo auf „Morning has broken“ als musikalische Zutat gekommen.

Kreiert hat diese Partie der unvergleichliche Aleix Martínez, ohne den Neumeiers „Anna Karenina“ in den Passagen, die Lewin betreffen, sicher nicht so geworden wäre, wie sie ist.

Da ist es nicht ganz einfach für einen anderen Tänzer, die Partie zu übernehmen.

Beim Kanadischen Nationalballett tanzte bereits Félix Paquet diese Rolle, und da er in der kommenden Saison als Solist zum Hamburg Ballett wechselt – herzlich willkommen! – ist es für das Publikum vor Ort natürlich sehr schön, ihn schon mal im „Mondlicht-Solo“ des Lewin zu sehen.

Er beginnt sitzend, auf einem aus Heubündeln bestehenden „Thron“, und endet, sich Gummistiefel anziehend, auf dem Traktor.

Dazwischen liegt die getanzte Meditation eines jungen Menschen auf der Suche nach Gott, nach sich selbst, nach den richtigen Prioritäten in seinem Leben. Nur bora et labora sollte es wohl nicht werden, aber der Einsatz für sein Land gehört in jedem Fall dazu.

Paquet ist kein Allerweltstänzer, er hat einen pfiffigen Blick und eine direkte Herangehensweise. Sein langer schöner Rücken verspricht viel Ungewöhnliches – freuen wir uns darauf, wieder ein neues Naturell im Hamburg Ballett zu sehen.

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Ein faszinierender Solist: Dario Franconi, hier auf der Nijinsky-Gala XLV in der „Matthäus-Passion“, verlässt das Hamburg Ballett. Man wird ihn vermissen. Alles Gute! Foto: Kiran West

Ein anderer Solist wird indes fehlen: Dario Franconi, der als Trigorin in der „Möwe“ von John Neumeier und als König in Neumeiers „Weihnachtsoratorium I-VI“ die bestmöglichen Interpretationen ablieferte. Heute tanzt er mit starkem Ausdruck und technischer Feinfühligkeit das Reue-Solo des Judas aus der „Matthäus-Passion“. Diese, 1981 entstanden, ist für Neumeier sein bedeutendstes Werk aus der Abteilung „Gesang und Tanz“. Viel mehr als nur ein Glaubensbekenntnis, spiegelt sich der seelenhafte Kern dieser Kreation auch und gerade in dem Solo, das Dario Franconi mit sinnlicher Leidenschaft sowie jenem Widerspiel aus Hoffnung und Selbstaufgabe präsentiert, die für die Reue kennzeichnend ist.

Auch wenn John Neumeier hier offiziell nur die Ersten Solisten verabschiedet: Viele im Publikum kennen und schätzen Franconi und zeigen, dass sie ihn vermissen werden.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Ein indianischer Einfluss ist nicht ausgeschlossen: Das Bundesjugendballett tanzt mit Natsuka Abe und Gabriel Brito „Simple Gifts“ von John Neumeier. So gesehen auf der Nijinsky-Gala XLV. Foto: Kiran West

Das Bundesjugendballett (BJB) hingegen lebt vom stetigen, spätestens zweijährlichen Wechsel seiner tänzerischen Mitglieder. Die achtköpfige Truppe, die John Neumeier 2011 gründete, begeistert vor allem Menschen, für die Ballett Neuland ist, indem an für Tanz ungewöhnlichen Orten aufgetreten wird. Das kann ein Gefängnis sein, eine Schule, ein Musikfestival, ein „normales“ Theater wie das Hamburger Ernst-Deutsch-Theater, wo in den kommenden Tagen noch Ballettvorstellungen laufen – aber es kann eben auch mal eine Gala wie diese sein, wo dann vor ballettgeschulten Zuschauern aufgetanzt wird.

Simple Gifts“, einfache Geschenke, heißt das berückende Stück, das John Neumeier 2013 für das BJB zur Musik von Aaron Copland ersann. Amerikanische Volkslieder liegen dem zu Grunde, und die in Weiß gekleideten Tänzerpaare zitieren gestisch denn auch die Zeit der Siedler und Pioniere, wobei indianischer Einfluss nicht ausgeschlossen wird.

Und kann es bessere Geschenke geben als einfache, was Nützlichkeit impliziert?!

Bei der Uraufführung dominierte zudem die tolle Madoka Sugai, die heute eine der großen Hoffnungsträgerinnen und Haupttänzerinnen beim Hamburg Ballett ist, das Stück.

Ihren Part in den „Gifts“ übernahm in der heurigen Gala die schmächtigere Natsuka Abe, die die Rolle etwas weniger entschieden als Sugai tanzt, aber durchaus eigenes Potenzial erkennen lässt. Ihre MitstreiterInnen beim BJB sind derzeit Rebecca Gollwitzer, Madeleine Skippen, Ida-Sofia Stempelmann, Gabriel Brito, Marcelo Ferreira, Artem Prokopchuk und Emiliano Torres. Aber Achtung: Kommende Saison wird sich die Zusammensetzung dieser sich häufig auf Tourneen befindenden Truppe wieder ändern. Wer diese Generation von Jungtänzern noch sehen möchte, sollte sich schleunigst ins EDT begeben! Artem Prokopchuk und Emiliano Torres werden hingegen ab September 2019 in den Reihen des Hamburg Ballett zu sehen sein.

Auf der Gala folgte indes einer ihrer Höhepunkte: Das Pas de deux von Prinzessin Natalia und dem König aus Neumeiers „Illusionen – wie Schwanensee“. Carolina Agüero und Alexandr Trusch tanzten es so erlesen wie fein austariert in den Originalkostümen von Jürgen Rose, und die Bemühungen einer Frau um einen komplizierten Mann haben wohl selten tiefere Bedeutung erhalten als hier.

Doch der König – gemeint ist Ludwig II. von Bayern– entgleitet der Liebenden immer wieder, immer stärker, schließlich umarmt er aus dem Tanz heraus nicht sie, sondern den auftauchenden Mann im Schatten, den David Rodriguez mit angemessener Haltung gibt.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Unvergesslich: Carolina Agüero als Prinzessin Natalia und Alexandr Trusch als König in „Illusionen – wie Schwanensee“ von John Neumeier auf der Nijinsky-Gala XLV. Foto: Kiran West

Nun kennt man Carolina Agüero als ätherische, gleichsam sinnenhafte Primaballerina aus Titelpartien wie „Giselle“ (ganz ätherisch, dennoch virtuos) und „Sylvia“ (sehr erdverbunden und erotisch), als Königin der Dryaden in „Don Quixote“ (wieder erlesen lyrisch) und als Teresina in „Napoli“ (mädchenhaft verliebt), auch als Henriette in „Die kleine Meerjungfrau“ (modebewusst und kokett) und, und das vor allem, als Romola in „Nijinsky“ (als die tapfer liebende Frau mit dem Schlitten, so auch auf der im Handel erhältlichen DVD zu sehen).

An all diese Rollen erinnerte man sich jetzt, als Agüero den zarten, leisen, verinnerlichten Paartanz mit dem schwer zu fassenden „Illusionen“-König tanzte.

Jedes Penché ist da ein Innehalten voller Hingabe, ein Festhaltenwollen der Nähe, und jedes Trippeln ist ein weiterer Versuch größtmöglicher Zärtlichkeit, bishin zum Schwebezustand der Transzendenz. Danke, Carolina!

Der Applaus war überwältigend und rührend. Alexandr Trusch, der Wunderbare, erwies sich einmal mehr als Kavalier und unterstützte die Kollegin auch beim Annehmen des übergroßen Jubels.

Schön und ausdrucksstark: Carolina Agüero, bejubelte scheidende Primaballerina beim Hamburg Ballett. Hier das Presseportrait von Kiran West

Natürlich flossen reichlich Tränen, auf der Bühne wie im Zuschauerraum. Immerhin: Diese edle Ballerina assoluta wird nicht aufhören zu tanzen, und fleißige Leser hier vom Ballett-Journal werden erfahren, wo und wann sie anzutreffen ist.

Auf der Nijinsky-Gala erfolgte jedoch gleich der nächste Abschied.

Carsten Jung, der 2012 mit dem Prix de Benois für die von ihm kreierte Titelrolle in „Liliom“ ausgezeichnet wurde und der mit Rollen wie dem Prinzen in „Die kleine Meerjungfrau“, dem Mann in „Vierte Sinfonie von Gustav Mahler“ und dem Erzähler Jacques in „Wie es euch gefällt“ auffiel, der als Stanley in „Endstation Sehnsucht“ virtuos mit ballettösen Mitteln einen Gewalttäter darstellte und den erotisch-urigen Bären / Prinz N. in „Tatjana“ von John Neumeier mit erschuf, gehört für viele Fans vom Hamburg Ballett so sehr zu dieser außergewöhnlichen Truppe dazu, dass es schwer fällt, sich vorzustellen, man würde ihn dort nun nie wieder sehen.

Weil seine zweite Frau Hélène Bouchet hier Erste Solistin ist, seine geschiedene Gattin Elisabeth Jung die Spitzenschuhe der Company verwaltet und Jungs beiden Töchter die Ballettschule vom Hamburg Ballett– John Neumeier besuchen, wird er sicher auch nicht ganz aus dem Hamburger Horizont verschwinden. Aber als Star auf der Ballettbühne werden wir ihn nicht mehr erleben, damit muss man sich abfinden.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Eine typische Neumeier-Szene, voller Spannung und Erotik: Alina Cojocaru und Carsten Jung in „Liliom“ von John Neumeier auf der Nijinsky-Gala XLV. Foto: Kiran West

Zwei Szenen aus „Liliom“, die das Kennenlernen und Verlieben des machohaften Titelhelden und der zarten Julie (immer sehenswert: Alina Cojocaru) schildern, berühren erneut, zumal die Musik hier von Michel Legrand stammt, und John Neumeier erklärt, dass er dieses Stück für den Abschied von „Car“ auch deshalb wählte, um an Legrand zu erinnern, der in diesem Jahr verstorben ist.

Akkordeon, Orchester, Bigband – schon die Orchestrierung von „Liliom“ ist unkonventionell, und liebliche Melodiebögen wechseln darin mit jazzigen Harmonien wie auch schrägen Anklängen.

Arabesken und Sprünge, Hebungen und tiefe Blicke – vor allem der „Park-Pas-de-deux“ von Liliom und Julie entführt in eine Welt der sozialen Unsicherheit, in der die Liebe Halt und Hoffnung bildet. Ein rosa Luftballon symbolisiert das Gefühl, das in intensiver Form aber vor allem durch den Zweitanz gezeigt wird.

Ach, wie gern erinnere ich mich an eine Doppelvorstellung von „Liliom“ an einem Sonntag im September 2012. Es konnte keinen besseren Trost geben, egal, für welchen Kummer.

Carsten Jung – eine Legende beim Hamburg Ballett. Hier das Presseportrait von Kiran West

Natürlich brandete der Beifall auch jetzt für „Liliom“ auf, als wäre das Ballett als Kunstform soeben neu erfunden worden. Und Carsten Jung setzte sich später lässig einfach auf den Boden an der Rampe und genoss den Dank für viele unvergessliche Momente.

Ach, er ist so ein ausgeprägter Theatermensch! Und aus jeder Rolle und Partie wusste er etwas Besonderes zu machen…

Aber da gab es noch ein Ritual, das zelebriert wurde und das nicht jedem Ballerino am Ende seiner Bühnenlaufbahn zuteil wird: Die Kollegen – in diesem Fall die Damen – kamen zu Jung und jede überreichte ihm eine rote Rose, was mit einer herzlichen Umarmung quittiert wurde.

Den Anfang macht Carolina Agüero, die jetzt noch einmal Applaus erhält.

Dann sind Silvia Azzoni– passenderweise im „Meerjungfrau“-Kostüm – und Hélène Bouchet dabei, die Ballettmeisterinnen Niurka Moredo und Laura Cazzaniga, und schließlich kommen auch Jungs Töchter mit Blumen dazu – für sie war der Tanz ihres Vaters stets ein Ansporn, es ihm gleich zu tun.

Vom Emotionspegel her könnte man meinen, die Gala sei beendet. Aber natürlich sind zwei Stunden bei John Neumeiers Nijinsky-Gala nur ein Auftakt – und nach der ersten Pause lockt sogar ein besonderer „Leckerbissen“.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Ein sehr besonderes Ballett mit einer starken eigenen Geschichte: „Um Mitternacht“ von John Neumeier, hier mit Jacopo Bellussi, Edvin Revazov, Christopher Evans, James Baillieu (Klavier), Benjamin Appl (Bariton), Mayo Arii und Xue Lin. Foto von der Nijinsky-Gala XLV vom Hamburg Ballett: Kiran West

Um Mitternacht“ heißt das Ballett mit Musik von Gustav Mahler, das 2014 entstand und das wie kein anderes die Sehnsüchte und Möglichkeiten eines Mannes, sich mit einer Frau zu vergesellschaften, beleuchtet und auslotet.

„Der Text bildet nur die Spitze eines Eisbergs“, sagt Neumeier zu den Rückert-Liedern von Mahler (die Gedichte von Friedrich Rückert vertonen). Schon zwei Mal hat der Choreograf diese Werke eines seiner Lieblingskomponisten „vertanzt“ – und in „Um Mitternacht“ erzählen sie durch den Tanz eine ganz neue, eigene Geschichte.

Das Gefühl, bei einer Kreation mehr und mehr weggetrieben zu werden, teilt Neumeier mit Mahler. Es ist dem schöpferischen Vorgang zueigen, dass das Eintauchen in den „Flow“ nicht nur Entfernung von der Oberfläche, sondern auch das Entdecken neuer Schichten bedeutet.

Es beginnt a cappella, zwei Paare zeigen ihr Miteinander, simultan und synchron.

Aber im Grunde geht es um die Fantasie und das Leben der Hauptperson: Es ist eine Paradepartie für Edvin Revazov.

Vordergründig steht er zwischen zwei Frauen. Da ist Anna Laudere, mit der er Hand in Hand in der Hocke nach vorn geht und zu der er nach einigen Wirrungen auch zurückfindet.

Aber da ist auch Silvia Azzoni in einem grünen Schleierkleid, und die Art, wie sie ihn betört und mit sanfter Poesie vereinnahmt, erinnert an den Mythos von der grünen Fee, die dem Absinth, dem einst legendären Gesöff der Bohemiens in Paris, zugesprochen wird.

In Werbebildern, die über hundert Jahre alt sind, sitzt diese grüne Elfe dem Trinkenden auf der Schulter, um ihm süße Träume und verwirrende Ideen einzuflüstern.

Und so leitet auch Azzoni den träumenden Mann weit fort von seiner eigentlichen Liebe.

„Ich atme einen Lindenduft“ – dieses Lied zeitigt dazu erotische Erweckungsmetaphern.

Das noch berühmtere „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ passt dann haargenau auf die Situation der Hauptperson, die Edvin Revazov mit so viel Esprit und Amour tanzt, dass man beim Mitleiden schier vergehen möchte.

Das Pas de deux von Azzoni und Revazov hat denn auch einen unnachahmlich entrückten Ausdruck trotz aller Sinnlichkeit.

Doch dann erscheint die wahre Liebe als Erlösung.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Noch einmal „Um Mitternacht“ von 2014 von John Neumeier. Mit James Baillieu (Klavier), Benjamin Appl (Bariton), Anna Laudere, Edvin Revazov und Silvia Azzoni auf der Nijinsky-Gala XLV. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

„Liebe die Sonne, sie trägt ein goldenes Band“ – Benjamin Appl singt voll Gefühl, während Edvin Revazov im Stück zu Anna Laudere zurückfindet. Am Ende sitzen die beiden am Boden, und er legt sachte seinen Kopf auf ihr Knie. Was für eine starke Liebe, und wie filigran vermag sie sich zu äußern!

Neben den grandiosen drei Hauptdarstellern tanzten aber auch Mayo Arii, Xue Lin, Jacopo Bellussi (ganz besonders schön) und Christopher Evans hingebungsvoll in diesem Juwel von einem Stück, das ein hervorragendes Beispiel dafür ist zu zeigen, dass man auch im „Kammerballett“, also mit kleiner Besetzung sehr viel erreichen und aussagen kann.

James Baillieu am Piano konnte das mit seiner Maßarbeit nur unterstreichen.

Anna Laudere und Edvin Revazov mit James Baillieu (Klavier) in „Um Mitternacht“ – auf der Nijinsky-Gala 2019. Foto: Kiran West

Der dritte Teil des Abends bestand dann aus lauter Steigerungen.

Insgesamt war das Programm ja kein kleinteiliger Nümmerchen-auf-Nümmerchen-Ablauf, wie er für viele Galas typisch ist, sondern John Neumeier hatte bei der Konzeption sozusagen auf ganz große Tortenstücke gesetzt. So hatte man Zeit, sich auf das jeweilige Stück einzulassen und viel davon zu erschmecken, bevor ein neues anfing.

Als „eine Art Preview“, als Vorgeschmack auf die kommende Spielzeit, konnte der Ballettchef uns da einen voluminösen Auszug aus „Ein Sommernachtstraum“ anbieten, ein Stück, das, 1977 uraufgeführt, sicher den Weltruhm Neumeiers maßgeblich mitbegründet hat.

Zur Musik von Felix Mendelsohn-Bartholdy – und jetzt muss endlich mal Simon Hewett am Pult des Ersten Ballettdirigenten mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg nicht nur erwähnt, sondern vor allem für die vorzügliche Arbeit herzlich bedankt sein – zeigte das Hamburg Ballett das Hochzeitsfest aus dem „Sommernachtstraum“, jene groß angelegte, vorletzte Szene des Stücks, in der einem die Augen übergehen vor lauter Charme bis ins letzte Detail.

Alexandr Trusch als fabelhafter Zeremonienmeister Philostrat im hellblauen Gehrock beginnt die Szene mit formvollendeten Tours en l’air, um nacheinander die drei Paare sowie das Ensemble antanzen zu lassen. Was für ein virtuoser Schelm! Man freut sich schon wegen ihm in der Doppelrolle des Puck / Philostrat auf die kommenden Aufführungen.

Man hat es ja mal wieder mit einer formidablen Ausstattung im romantisch-barocken Märchenstil von Jürgen Rose zu tun, und das Hinschauen macht wirklich bei jeder Spitzenrüsche Spaß.

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Madoka Sugai erfreut als selbstbewusste Hermia, Matias Oberlin als ihr verträumter Lysander. Leslie Heylmann platzt fast vor Lebensfreude als bebrillte Helena, während Alexandre Riabko (der in den vergangenen Jahren schon ein hinreißender Puck und sehr souveränder Oberon war) ihr superkorrekter Demetrius ist.

Vor allem aber überrascht eine neue, prickelnde Paarkombination: Jacopo Bellussi als Oberon / Theseus und Hélène Bouchet als Titania / Hippolyta. Trotz seiner Jugend – er ist 26 Jahre jung – gibt Bellussi bei seinem Debüt hier bereits einen sehr überzeugenden Theseus ab, das heißt: Er springt und partnert exzellent als geläuterter Schürzenjäger, der ab seinem Hochzeitstag ein liebender Gatte sein wird. Vielleicht sogar ein treuer…

Es ist ja schon fast unheimlich, wie viele Rollen und Partien sich Jacopo Bellussi in der letzten Spielzeit erobert hat. Schlag auf Schlag hat er sein Repertoire immens erweitert und vollzog in wenigen Monaten den Aufstieg vom Gruppentänzer zum Ersten Solisten, was jetzt mit der Ernennung dazu durch John Neumeier auch amtlich so ist. Man muss einfach sehr, sehr herzlich gratulieren!

Ebenfalls befördert, zur Ersten Solistin (was in diesem Fall überfällig war), ist Madoka Sugai. Auch ihr, die bereits als Kitri / Dulcinea sowie in etlichen Neumeier-Balletten ihre herausragenden Qualitäten zeigte, sei ein superherzlicher Glückwunsch gesagt!

Florian Pohl ist ebenfalls zu beglückwünschen, absolut verdienterweise ist er ab sofort Solist.

Und auch Lizhong Wang gebührt ein herzlicher Glückwunsch, denn auch er wurde vom Gruppentänzer zum Solisten ernannt.

Allerdings gibt es auch in den Corps-Reihen einige Abschiede zu vermelden: Sara Coffield, Sara Ezzell, Graeme Fuhrman und Pascal Schmidt – die drei letzteren kannte man bereits vom Bundesjugendballett– verlassen das Hamburg Ballett. Man wünscht ihnen natürlich alles Gute!

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Hélène Bouchet in den Armen des frisch gebackenen Ersten Solisten Jacopo Bellussi – in „Ein Sommernachtstraum“, bei der Debüt-Preview während der Nijinsky-Gala 2019 beim Hamburg Ballett. Bravo! Foto: Kiran West

Der Hochzeitsmarsch aus dem „Sommernachtstraum“ entführt derweil in eine Welt der Erwartung und Erfüllung – und sollte irgendein Ballettfan auf diesem Planeten dieses Stück von John Neumeier noch nicht gesehen haben, so kann man nur sagen: Aber nix wie hin! Ab dem 8. September 2019 ist er wieder in Hamburg zu sehen, und Probenausschnitte gibt es bereits in der Theaternacht am Abend vorher!

Die Galanacht geht indessen weiter. „Two and Only“ nennt sich ganz keck ein Männer-Pas-de-deux von Wubkje Kuindersma, dargeboten von Jozef Varga und Giovanni Adriano Princi vom Het Nationale Ballet aus Amsterdam. Der Musiker, der mit seinem seichten, selbstgeschriebenen Pop zur Klampfe im Arm ein wenig wie der Kumpel aus der nächsten Eckkneipe wirkt, ist Michael Benjamin.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Taugt nichts: Giovanni Adriano Princic und Jozef Varga (Het Nationale Ballet) in dem irgendwie nur nachäffenden Pas de deux “ Two and only“ von Wubkje Kuindersma, zu Gast auf der Nijinsky-Gala 2019 beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Diese Nummer ist nun ein gutes Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte. Kuindersmas Choreografie beschreibt eine Männerfreundschaft, die auch Aggressionen und Konflikte kennt, allerdings bleibt hier alles gymnastisch und an der Oberfläche.

Wer den fulminanten Männer-Pas-de-deux „Les intermittences du coeur: Morel & St. Loup“ von Roland Petit kennt (den sogenannten „Proust-Pas-de-deux“), der in den letzten Jahren häufig auf internationalen Galas von den Primoballerinos Rainer Krenstetter (Miami City Ballet) und Marian Walter (Staatsballett Berlin) getanzt wurde (auch mal bei einer Benois-Gala in Moskau), dem kam Kuindersmas Werk vor wie eine sehr schlechte Kopie dessen.

Wo bei Petit gerungen wird, sodass man an antike Kampfdarstellungen denken muss, stellen sich Kuindersmas Jungs nur mit Drohgebärden – wie gereizte Krebse – gegenüber auf.

Das Miteinander ist entsprechend flach: Man mag sich, also tanzt man eine Runde miteinander.

Und auch von einem Neumeier-Pas-de-deux wurde hier weniger zitiert als vielmehr schlecht übernommen.

Später werden zwei Tänzer ganz anderen Kalibers zeigen, was so ein Männer-Pas-de-deux alles kann!

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Alessandra Ferri und Karen Azatyan in „Duse“ auf der Nijinsky-Gala XLV beim Hamburg Ballett. Wird man so nie wieder sehen können, leider nicht! Foto: Kiran West

Zunächst aber tanzt die großartige Alessandra Ferri noch einmal ihre große Neumeier-Kreation der „Duse“: mit dem leider wegen einer Dauerverletzung aus dem Tänzerberuf ausscheidenden Karen Azatyan, der sich hier aber nochmal wortwörtlich rückhaltlos in die Rolle des präpotenten Dichters Gabriele D’Annunzio hineinschmeißt.

Was für ein big ego dieser ruhmsüchtige Mann doch hatte! Nicht Azatyan, sondern D’Annunzio, der später als faschistoider Dichter von Mussolinis Gnaden auch nicht eben ehrbar bekannt wurde. Karen Azatyan zeigt ihn als überdrehten, passionierten Liebhaber der weltberühmten Schauspielerin Eleonora Duse, der sie herzlos sitzen lässt, als er hat, was er wollte: Befriedigung und einen Abglanz vom Medienrummel um die Diva.

Am Ende wirft er ihr noch eine Rose zu, herablassend, fast erniedrigend, bevor er sich die Hose hochzieht und geht.

Aber die Ferri! Wie sie das Hin und Her der Gefühle hier meistert! Wie sie reinfällt auf den Blender, wie sie sich ihm hingibt, wie sie sich sogar mit ihm lächerlich macht. Alles für die Liebe!

Es ist ein Stück wie aus dem wahren Leben, nicht aus einem Hochglanzmagazin, das Neumeier hier szenisch mit hoher Tanzkunst umgesetzt hat, und man kann nicht anders, als es zu bedauern, dass das Stück nicht mehr auf dem Spielplan steht.

Aber dann kommt noch ein Vorgeschmack auf die nächste Saison, der es in sich hat, wobei die Interpretation hier eine andere, durchaus sehr interessante ist. Die Rede ist von „Das Lied von der Erde“: John Neumeier berichtet, dass er aus übergroßem Respekt vor diesem musikalischen Werk von Gustav Mahler es viele Jahre lang – fast fünfzig Jahre lang – nicht hat choreografieren mögen. Ein zusätzliches Hemmnis war vielleicht, dass sowohl Antony Tudor (ein frühes Vorbild von Neumeier) als auch Kenneth MacMillan (ein Weggefährte von John Cranko, bei dessen Stuttgarter Ballett Neumeier einst Tänzer war) Ballettversionen zu der „Ersatzsinfonie“ von Mahler geschaffen hatten.

Außerdem, so Neumeier, schildert dieses einen chinesischen Gedichtzyklus vertonende Werk auf konzise Weise Mahlers eigenen Zustand in der Entstehungszeit 1908. Beruflich und privat erlitt er Katastrophen, und seine Erkrankung am Herzen ließ ihn zusätzlich verzweifeln.

In dieser Lage entdeckte er die Gedichte als Heilsbringer – und schrieb manche von ihnen sogar um, damit sie in sein eigenes Welt- und Lebensbild besser einzupassen waren.

„Der Einsame im Herbst“ – das mag dann wohl wirklich Gustav Mahler selbst sein.

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Cao Shuci und Sun Ruichen (The National Ballet of China) tanzen „Das Lied von der Erde“ von John Neumeier. Exzellent! Zu sehen war es auf der Nijinsky-Gala XLV. Foto: Kiran West

Cao Shuci und Sun Ruichen vom Chinesischen Nationalballett tanzen nun ein Pas de deux, das beim Hamburg Ballett noch emotionsgeladener einher kommt, das aber auch in der dezenten, mimisch zurückhaltenden Version aus Peking wirklich viele Facetten zeigt. Am Ende ist der Mann wieder allein, die Liebe, sie hat sich nicht von ihm halten lassen. Oder war sie ohnehin nur ein Traumbild?

Das Bühnenbild – von John Neumeier– ist komplett: ein grüner Hügel mit einer Plattform wie ein Deich obenauf, darüber ein Mond mit quergelegter Mondsichel davor, außerdem etwas Nebel.

Die Atmosphäre ist sphärisch-surreal, alptraumhaft und dennoch erregend.

Ab 10. Oktober 2019 tanzt das Hamburg Ballett wieder dieses Meisterwerk, das 2015 in Paris uraufgeführt wurde und in dessen Hamburger Besetzung bislang Alexandr Trusch allen voran brilliert hat – und es ist ratsam, sich rechtzeitig Karten zu sichern.

Einen Auszug daraus auf einer Gala zu sehen, ist allerdings exotisch.

„Ein Gala-Favorit“ ist auch laut Neumeier hingegen der schon angedeutete Männer-Pas-de-deux „Opus 100 – For Maurice“.  Diese Neumeier‘sche Hommage an Maurice Béjart, dem Choreografenkollegen, mit dem Neumeier befreundet war, ist zugleich das hundertste Werk des Hamburger Chefchoreografen, und außer einer unglaublichen Kraft in der Fügung der Schritte und Posen hat das Stück auch eine starke Wirkung, die von den beiden Temperamenten der Tanzenden ausgeht.

Vor dem Hintergrund der vielen Abschiede in diesem Jahr beim Hamburg Ballett erhält das Stück nun nochmals zusätzlich gefühlvollen Raum.

Zu den beiden Simon and Garfunkel-Songs „Old Friends“ und „Bridge over troubled water“ zelebrieren nun Alexandre Riabko und Ivan Urban das absolute Meisterwerk, was choreografische Arbeit zum Thema Freundschaft und Liebe angeht. Und sie haben es schon des öfteren getanzt – aber noch nie so akkurat, so auf den Punkt gebracht, so hervorragend emotional in jeder Vierteldrehung und jeder Achtelsekunde.

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Das Original: „Opus 100 – For Maurice“ von John Neumeier mit Alexandre Riabko und Ivan Urban vom Hamburg Ballett. Wowowow, das geht ganz weit! Foto von der Nijinsky-Gala XLV: Kiran West

Und das Stück bringt das Haus zum Brodeln! Zwischen den beiden Songs gibt es übrigens einen Text, den John Neumeier einspricht, und darin geht es um eine Art Liebeserklärung an einen guten alten Freund. „Ich habe Sie geliebt.“ Pause. „Ich liebe Sie.“

Die Wirkung dessen ist großartig, denn hier werden Zuneigung und Sympathie nicht auf Party-Wohlfühl-Faktor-Niveau abgehandelt, sondern ganz tief ausgelotet, auch die Komplikationen und Schwächen, die sich in einer engen zwischenmenschlichen Beziehung zeigen.

Im Pas de deux geht es um Ähnlichkeiten und Unterschiede zweier Männer, darum, wie Einer dem Anderen zu helfen vermag – zum Beispiel mit spektakulären Hebungen, aber auch mit sanfter Handreichung – und um den Gleichklang der Seelen und ihre schlussendliche Gemeinsamkeit.

Diese liegt vor allem darin, dasselbe für die Zukunft zu wollen: In der Endpose stützt der Eine den Anderen, und zusammen ergeben sie einen Organismus mit vorgestreckter Hand.

Wie gesagt: Das ausverkaufte Haus tobt vor Begeisterung.

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Christopher Evans springt! Wow! So in der „Fünften Sinfonie von Gustav Mahler“ auf der Nijinsky-Gala XLV. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Nach diesem Highlight getanzter Songs erfolgt der musikalische radikale Wechsel: auf die „Fünfte Sinfonie von Gustav Mahler“, womit das letzte Glanzstück dieser Gala ohne Gesang einher kommt. Hört man jedoch auf die innere Stimme, so jubiliert diese, denn die Jungs und Mädels in adrettem Knallweiß (Kostüme: John Neumeier) wirken so dermaßen erfrischend und belebend, dass man eine Ahnung vom Paradies bekommt.

Bevor es in diese Schlussrunde geht, dankt Neumeier seinen diversen Teams, den Organisatoren, den Technikern, den Musikern, natürlich auch den Tänzern, die für ihn „wirkliche Helden“ sind – und wenn man sich ansieht, was dieses Ensemble in der ablaufenden Spielzeit alles geleistet hat, so ist das ganz sicher nicht übertrieben.

Jetzt aber rasch zum vierten und fünften Satz besagter Sinfonie: Es starten die aufregend langbeinige, sehr schön strenge, dennoch nicht kalt wirkende Svetlana Lunkina als Gast vom Kanadischen Nationalballett und ihr Bühnenpartner ganz in Weiß, der hoch elegante Christopher Evans vom Hamburg Ballett.

Auch hierin geht es um Freundschaft und Liebe, und nichts davon darf man als selbstverständlich voraussetzen.

Schließlich umarmt er ihre Beine und Füße mit seinem Oberkörper, verharrt in dieser Position, macht eine schöne Figur von der Rückseite her dabei, übrigens, während sie mit ihren Armen ein außergewöhnliches Port de bras zelebriert.

Solche Posen atmen den Geist dieser Choreografie.

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Svetlana Lunkina (The National Ballet of Canada), beschützt von Christopher Evans vom Hamburg Ballett auf der Nijinsky-Gala XLV, im vierten Satz der „Fünften Sinfonie von Gustav Mahler“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Und wenn er sie dann beschützt, indem seine ausgestreckte Hand über ihrem Kopf schwebt, während sie in Rückenlage auf seinen knieenden Schenkeln liegt, hat man das Gefühl, dass jeder Liebe ein naturhaft transzendierendes Moment innewohnt, das ihren eigentlichen Kern ausmacht.

Da ist es Zeit, auch andere davon profitieren zu lassen! Das Corps de ballet inklusive der Solisten strömt zum „Rondo-Finale“ auf die Bühne, man kreiselt, man dreht sich, muntere Paare verströmen Power, und die Jungs wie Trusch, Bellussi, Libao, Oberlin springen so simultan und begeisternd, dass man glaubt, sie hätten die ganze Spielzeit über nichts anderes getan, als sich auf diesen Auftritt vorzubereiten.

Es sind aber auch tolle Schrittkombinationen dabei!

Sprünge, bei denen die Jungs ihr eigenes, nach vorn gerecktes Vorderbein im Spung umklammern.

Und dann leitet ein großer Tusch sie alle ins strudelige Endlosfinale, bei dem es nur so wimmelt vor ausgetüftelten Bewegungen.

Bis Yun-Su Park plötzlich allein auf der Bühne steht und ein sorgfältiges modernes Port de bras vollführt, stramm in der fünften Position stehend.

Das ist die Leitidee, die weitergegeben wird.

Die Bewegung steht für Hoffnung, für Machbarkeit, für Zukunft, für Zusammenhalt – für eine klare Linie mit menschlichen Entscheidungen.

Und weil das Paradies hier ganz nahe ist, übernehmen die anderen diese Geste, zudem wird wieder getanzt, auf dem Platz gesprungen, gekreiselt, gehüpft, was das Zeug hält.

Die Nijinsky-Gala -Höhepunkte

Sich in paradiesischem Zustand selbst aus der Hand lesend: Ensemble des Hamburg Ballett im letzten Satz der „Fünften Sinfonie von Gustav Mahler“ von John Neumeier, so gesehen auf der Nijinsky-Gala XLV. Foto: Kiran West

Der Vorhang schließt sich… und gibt dann erneut den Blick frei auf die weiterhin tanzenden Glückseligen… und dass es jetzt ein Ende hat, hat rein organisatorische Gründe und keineswegs inhaltliche. Versteht sich doch von selbst!

Die Bravo-Rufe dauerten bis Viertel vor Mitternacht – und man konnte sich kein schöneres Erwarten der Geisterstunde denken.
Gisela Sonnenburg

www.hamburgballett.de

 

 

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