Über die russische Seelenkraft John Neumeier, das Hamburg Ballett und seine Gäste brillierten bei der Nijinsky-Gala XLIII

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

John Neumeier, stilbewusst und kenntnisreich, bei der Moderation der Nijinsky-Gala XLIII – 2017 in der Hamburgischen Staatsoper. Foto: Kiran West

„Inspiriert von Russland“ – mit dieser Referenz bezeichnete der Chef vom Hamburg Ballett, John Neumeier, titelspendend den Gehalt seines jüngsten Gala-Marathons. Die rund fünfstündige Nijinsky-Gala XLIII, mit der die 43. Hamburger Ballett-Tage am letzten Sonntag ihren Abschluss in der Hamburgischen Staatsoper fanden, strotzte nur so vor all den Tugenden und Leidenschaften, die man der russischen Kultur und insbesondere dem russischen (oder eben russisch inspirierten) Ballett zuschreibt. Wie immer beim Hausherrn Neumeier, wenn er eine Gala gibt, hatte der Abend voller Stars und Highlights zudem eine sinnstiftende Dramaturgie: Er bot in historisch-wissenschaftlicher Hinsicht ebenso viele Erkenntnisse wie mit emotional-begeisternden Aspekten Gelegenheiten zum Mitfühlen. Vielleicht war es die schönste aller Nijinsky-Galas, die es bislang in der Hamburgischen Staatsoper zu erleben gab – zumindest aber eine der in sich geschlossensten. Eine Gala als Gesamtkunstwerk!

Musiken vor allem von Peter I. Tschaikowsky, Igor Strawinsky und Sergej Prokofjew sowie Auszüge aus sechzehn verschiedenen Balletten entführten in Welten voller Leben. Das russische Temperament war dabei allgegenwärtig – und auch das, was man „russische Seele“ nennt, verlieh der Megashow einen besonderen Geschmack: Wehmut und Inbrunst, Freude und Melancholie gingen vielfältige Verbindungen ein.

Der Schwerpunkt der genannten drei Komponisten kommt dem entgegen – er erklärt sich aber auch damit, dass sie die bedeutendsten (nicht nur russischen) Ballettkomponisten des 19., 20. und auch des beginnenden 20. Jahrhunderts sind.

Das russische Thema beherrschte aber auch die gesamte Spielzeit 2016 / 2017 beim Hamburg Ballett: mit der jüngsten Uraufführung von „Anna Karenina“ vollendete sich Neumeiers russische Trilogie, die mit „Die Möwe“ begann und sich mit „Tatjana“ fortsetzte (mehr dazu unter anderem hier: www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-werkstatt-anna-karenina-russische-liebe/).

Der erste Teil der Gala – „Die klassische Tradition“ benannt – ist aber dennoch rein jenem Humus gewidmet, auf welchem das Ballett an sich von jeher gedeiht: der Klassik.

Leidenschaft in Anna Karenina

Auch sie stehen für eine lebendige Show mit spannenden Geschichten: Die Tänzer vom Alvin Ailey American Dance Theater sind auf Tournee und im August 2017 in Hamburg – und vorher und nachher in anderen Städten (www.ballett-journal.de/alvin-ailey-american-dance-theater-2017/). Jetzt schon mal schnell hier die Tickets sichern: www.bb-promotion.com/veranstaltungen/alvin-ailey-american-dance-theater/ Foto: Annonce / BB Promotion

Ohne Folklore, ohne fetzige Volkstänze, ist klassischer Tanz wiederum gar nicht erst denkbar, auch wenn es mit dem höfischen Gesellschaftstanz und wahrscheinlich mit von christlichen Mönchen nach Frankreich gebrachten fernöstlichen Bewegungstechniken wie Qi Gong noch weitere Wurzeln dieser mit knapp 400 Jahren jüngsten aller klassischen Kunstarten gibt.

Die Folklore ist aber oft das, was ins Auge springt am klassischen Ballett, sie ist das Impulsive, das Rhythmische, das Mitreißende daran.

Der Nachwuchs in Gestalt der Kinder von der Ballettschule des Hamburg Ballett absolviert denn auch ab 18 Uhr die der Folklore gewidmete Ouvertüre zur Gala. Das Stück, das sie zunächst tanzen – „Winter“ in der Choreografie ihrer Lehrerin für Charaktertanz, Viktoria Zaripova – zeigt in kühl-blauem Licht eine stilisierte, harmonisch-elegante Gruppenchoreografie für die Mädchen.

Sanft wiegen sie sich, verschränken die Arme vor der Brust, eine glitzernde Tiara und ein langes, silbrig schimmerndes Gewand tragend. Sie muten an wie lauter kleine Feen der Wintersphären, die sich musikalisch im „Schneesturm“ („Troika“) von Georgi Swiridow äußern.

Dass man hier den ganzen Abend über mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter Simon Hewett ein Live-Orchester bei der Gala hat, ist übrigens eine dankenswerte Besonderheit dieses alljährlichen Superhighlights der Ballettwelt.

Cinderella - ein Märchen für Menschen.

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Außerdem gab es dieses Jahr für jeden Ballettauszug auch ein Bühnenbild zu bestaunen – ohne, dass lange Umbaupausen störten. Die Techniker boten so auf ihrem Gebiet ebenso wie die Ballerinen und Ballerinen richtige Meisterleistungen.

John Neumeier hatte Recht, wenn er darauf ganz am Ende der Veranstaltung auch extra hinwies.

Jetzt aber zurück zum Beginn.

Als ergänzendes Gegenstück zum „Winter“-Tanz der Kinder hatte der Hamburg-Ballett-Solist Konstantin Tselikov einen „Frühling“ – zu Klängen von Peter I. Tschaikowsky – für die angehenden Tänzerinnen und Tänzer choreografiert.

Und hier kommen die Jungs ins Spiel. Heißa! In schwarzen Hosen und hellen Kaftanen springen sie munter über die Bühne, übertroffen nur noch von den mit bunten Bändern am Dutt in rot-orangenen Röcken graziös umher laufenden Mädchen.

Die Höhepunkte dessen: Die Paar-Choreografie, in der die folkloristische Anmut der Mädchen sich mit der jungmännlichen Muskelkraft der Burschen paart – sowie das Finale mit allen Schülern, auch den jüngsten, was ein außerordentlich niedliches Bild abgibt.

Dann trat John Neumeier auf den Plan bzw. auf die Bühne, und ein Sturm aus Applaus begrüßte ihn.

Tanguera ist ein tänzerisch-dramatisches Musical

„Tanguera – das Tango Musical“ begeisterte schon in vier Kontinenten – und ist endlich wieder in Deutschland zu sehen! In einer Top-Besetzung, die keinen Zweifel an der Schönheit und der Passion des Tangos lässt (www.ballett-journal.de/musical-tanguera-tango/ ). Schnell Tickets sichern unter: www.bb-promotion.com/veranstaltungen/tanguera/ Bildmotiv: Annonce / BB Promotion

Im dunklen Anzug mit hellglänzend abgesetztem 70er-Jahre-Retro-Kragen ist er der Ballettintendant topmodisch und dennoch adrett gekleidet. Gern erklärte er dem Publikum, dass die nun bald abgeschlossene Spielzeit und die Gala im Zeichen von Russland stünden – und zwar nicht im Zeichen der russischen Politik, sondern im Zeichen der russischen Kultur, speziell des Tanzes.

Wohin es führen kann, wenn die Ballettklassik konsequent und schön und unter anderem nach allen Regeln der Agrippina Waganowa gelehrt und gelernt wird, zeigen dann Hamburgs junger Supertänzer Alexandr Trusch mit der nachrückenden, sich von Spielzeit zu Spielzeit besser profilierenden Solistin Xue Lin sowie zwei weitere Principals vom Hamburg Ballett, Carolina Agüero und Alexandre Riabko.

Trusch und Lin hatten erst am Vorabend durch Hauptrollen in John Neumeiers Choreografie „Das Lied von der Erde“ (zu Gustav Mahlers gleichnamiger Sinfonie) mit modernem Ballett geglänzt und die Seelen berührt (siehe: www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-lied-von-der-erde/).

Jetzt zeigten sie, dass ihnen die gestrenge Klassik ebenso liegt. Hui, mit dem großen „Blauen Vogel“-Pas de deux aus „Dornröschen“ zu Tschaikowskys Highspeed-Klängen und in der traditionellen, ursprünglichen Choreografie von Marius Petipa nutzen sie alle Chancen, sich so lieblich wie kraftvoll der Magie des klassischen Tanzes hinzugeben.

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Ein „Blauer Vogel“ mit Prinzessin Florine zum Ergötzen: Alexandr Trusch und Xue Lin auf der Nijinsky-Gala 2017. Foto: Kiran West

In mittelblauen Federn springt der junge Herr als Vogel von Welt luftig-leicht durch seine Cabrioles und Tours en l’air, und in hellblauem Tüll dreht sich die junge Dame als Prinzessin Florine. Alexandr Trusch begeistert dabei mal wieder mit seiner unglaublichen Anmut und Präzision, mutmaßlich ist er der weltbeste seines Fachs derzeit, und Xue Lin weiß mit Akkuratesse und Geschmeidigkeit zunehmend auch in so klassischen Partien zu überzeugen.

Ob das noch steigerungsfähig ist?

Yaiza Coll, Lucia Ríos, Maria Tolstunova und Priscilla Tselikova tänzeln als Brautjungfern herbei – und da kommt ein Paar in festlichem Cremeweiß herein… es sind Carolina Agüero und Alexandre Riabko, und man ahnt, dass jetzt die Flammen der Klassik gleich hell auflodern werden.

Oh ja! Riabko zeigt, wozu er fähig ist, wenn man ihn mal so richtig als Cavalier classique über die Bühne preschen lässt. Hui, woooow!

Tollkühn muten die Sprünge an, rasant die Pirouetten. Plötzlich wähnt man sich mitten in Russland in einer dieser Riesenshows… Aber die Genauigkeit, mit der Riabko springt und landet, zeichnet ihn – genau wir zuvor Alexandr Trusch – eindeutig als Ballerino des Hamburg Ballett aus. Nur hier auf dem ganzen großen Ballettplaneten werden die Details des Tanzes so wichtig und ernst genommen, dass man vor Fehlern wie „reißenden“ Körpern, schludriger Fußarbeit oder „wegrudernden“ Armen ziemlich sicher geschützt ist.

Während woanders, auch in ganz großen Häusern weltweit, manchmal die Erfolgsgier die Tänzer zu ehrgeiziger Unartigkeit (im Sinne von „Zirkuskunststückchen“) antreibt – und da werden dann mal rasch etwa die gestreckten Füße der Sprunghöhe geopfert – legt man beim Hamburg Ballett stets den Akzent auf sauberes Durcharbeiten der Choreografien. Dass diese dennoch nie steril, sondern von Schauspiel und Gefühl begleitet dargeboten werden, erhöht den Reiz und macht den hohen Stellenwert dieser Compagnie aus.

Hierfür sei auch dem Ballettmeister- und Lehrerteam im Ballettzentrum Hamburg – John Neumeier aufs Herzlichste gedankt!

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Alexandre Riabko und Carolina Agüero vom Hamburg Ballett im klassischen „Nussknacker“ von Marius Petipa – wow! Foto: Kiran West

Und auch Carolina Agüero macht ihrem guten Ruf als zuverlässige Starsolistin des Hamburg Balletts alle Ehre. Sicher und charmant gleitet sie durch die komplizierten Schrittkombinationen – es ist ein Fest für die Augen und das Herz, sie zu sehen.

Alsbald betritt John Neumeier wieder die Bühne. Und erklärt, dass das Hamburg Ballett alle zwei Jahre den Silvester-Abend in der Hamburgischen Staatsoper bekommt. Oft steht dann Neumeiers beliebte Version von „Der Nussknacker“ auf dem Programm. Das sei ja auch keine schwere Entscheidung, sagt der Tanztycoon, der dieses Jahr seinen 78. Geburtstag feierte und soeben seine 44. Spielzeit als Ballettboss Hamburgs beendete. Aber es sei immer wieder schwierig, sich für eine einzige Besetzung dieses Handlungsballetts zu entscheiden.

Und gerne erleichtert sich Neumeier das, in dem er die Hauptrollen gleich dreifach besetzt auftanzen lässt!

Für alle, die das noch nie an Silvester gesehen haben, wird es eine Offenbarung, das nun ausschnittsweise bei der Nijinsky-Gala zu nachzuholen.

Mit Anna Laudere und Edvin Revazov (ach, ein so oft und doch nicht oft genug bewundertes First-Class-Ballet-Couple!), mit Leslie Heylmann und Christopher Evans (ein noch längst nicht oft genug bestauntes, ganz exquisit sich ergänzendes Tanzpaar) sowie mit Mayo Arii und Karen Azatyan (auch eine köstliche, ganz auf den Kontrast von zart und männlich setzende Paarkombination) ist der Wurf zum Dreifachcoup ganz und gar gelungen!

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Ein Multicocktail der ersten Kräfte: Edvin Revazov, Anna Laudere, Christopher Evans, Leslie Heylmann, Karen Azatyan und Mayo Arii in Neumeiers „Nussknacker“ – superbe! Foto: Kiran West

Abwechselnd und auch synchron, kanonisch und parallel tanzen nun diese drei De-luxe-Paare den Grand Pas de deux in einer Gala-Fassung – wodurch er tatsächlich noch „größer“ wirkt, „Grand“ heißt ja „groß“.

Eine köstliche Überdrehtheit ist das, eine virtuose Verrücktheit, wie man sie sich gerade an Festtagen wie Silvester oder auch zu einer Gala so richtig wünscht! Und wo bekommt man es? Richtig: beim Hamburg Ballett.

Wenn hier keine weiteren Angaben gemacht werden, handelt es sich übrigens immer um Ballerinen und Ballerinos vom Hamburg Ballett.

Und dieser „Grand grand Pas de deux“ hätte gute Chancen, eine Art neue Visitenkarte der Truppe zu werden – und bei Galas auswärts zum Importschlager zu werden. Man muss es sich halt nur leisten können, drei Hauptpaare zugleich auf die Bühne bringen zu lassen, und zwar ohne, dass diese sich gegenseitig an die Wand oder in die Kulissen tanzen noch sich in die Quere kommen. Sehr toll!

Zumal hier alle Farben des knackig-klassischen, dennoch auch herzlich-warm gefärbten Balletts furios in Tanz umgesetzt sind.

Aber auch Kooperationen mit anderen Compagnien bietet diese Gala.

So mit John Neumeiers viel geliebter Version von „Le Pavillon d’Armide“, die auf den Grundlagen von Mikhail Fokine und Alexandra Danilova beruht.

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Neumeier erklärt, dass Danilova sich ihrerzeit bereit erklärt hatte, das Stück zu rekonstruieren. Sie hatte als Anfängerin bei den Ballets Russes – von denen der „Pavillon“ 1909 in Paris gezeigt wurde – eine kleine Rolle getanzt und das ganze Stück angeblich recht gut memoriert.

Neumeier wiederum schuf seine eigene, von modernen Passagen durchwirkte Version, die die Gedankenwelt Vaslav Nijinskys schildert, als dieser sich in einem Schweizer Sanatorium befindet. Nijinsky, an Schizophrenie erkrankt, sinniert hier anhand eines in seiner Traumwelt lebendig werdenden Goblins über sein Leben und seine Karriere als, wie Neumeier es klug sagt, „einer der ersten Superstars des 20. Jahrhunderts“.

Nijinsky wurde mit dem „Pavillon“ von Paris aus schlagartig berühmt, obwohl er weder die Hauptrolle tanzte noch mit seiner Technik allzu sehr brillieren konnte. Aber es war erstens das erste Stück, das der Impresario Serge Diaghilev mit seinen Ballets Russes an der Seine zeigte, und zweitens war Nijinskys Befähigung, scheinbar zu fliegen, wenn er tanzte, hierin bereits unübersehbar.

Darum ist die Nijinsky-Gala von John Neumeier ja seit ihrem Bestehen nach der Tänzerlegende benannt, zumal Neumeier selbst bereits seit seiner Jugend eine enge, aufregende Beziehung zu dem Phänomen und dem Künstler Nijinsky hat.

Im Frühjahr 2017 studierten Neumeier und sein Stab beim Wiener Staatsballett den „Pavillon“ ein. Der Hamburg-Ballett-Chef war so angetan von der Interpretation seines Stücks in Wien, dass er die Einladung zur Gala aussprach.

Und jetzt kooperieren also das Wiener Staatsballett und das Hamburg Ballett, um auf der Nijinsky-Gala einen Auszug aus diesem hinreißend Traum und Wirklichkeit verwebenden Ballett zu zeigen!

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Mihail Sosnovschi (vorne) aus Wien mit Ivan Urban aus Hamburg in „Pavillon d’Armide“ – eine großartige Vorstellung während der Nijinsky-Gala 2017. Foto: Kiran West

Mihail Sosnovschi als Nijinsky begeistert denn auch völlig.

Wenn er in der zweiten Position steht, mit dem Rücken und im Halbprofil zum Publikum, um mit starker Rücken- und Armarbeit das Entgleiten Nijinskys in seine Gedankenwelt zu tanzen, dann rührt einen das zu Tränen. Immer wieder kämpft dieser Nijinsky um seine Würde – und immer wieder verliert er sich in imaginären Dialogen mit Gestalten aus seinem vergangenen Leben.

Denys Cherevychko, Nina Tonoli und Maria Yakovleva aus Wien sowie Carolina Agüero und Ivan Urban vom Hamburg Ballett reichern diese Szenen an und liefern – gemeinsam mit dem Hamburger Corps – ein Feuerwerk hochfeiner, ziselierter, psychologisch durchwirkter und dennoch insgesamt klassisch zu nennender Bühnenkunst.

Welch schöne Kooperation dieser beiden Compagnien, die ja ohnehin beide, jede auf ihre Art, kontinuierlich bestrebt sind, der Klassik zu ihrem Recht zu verhelfen – auch wenn die Spielpläne beider selbstredend sowohl in Wien als auch in Hamburg die Moderne und das Zeitgenössische keineswegs außer Acht lassen.

Aber man weiß eben, wo man herkommt, welcher Tradition man im Ballett verpflichtet ist.

Auch wenn man sich hier den diesjährigen Bolschoi-Beitrag zur Nijinsky-Gala (also „La Sylphide“) als klassisch-romantische Gabe allerbest im ersten Teil des Abends hätte vorstellen können und dafür den „Pavillon“ als modern-klassisch gemischtes Stück im dritten „Akt“ der Gala.

Zeitlich passte es aber anders wohl besser, denn der „Pavillon“-Auszug ist deutlich länger als der noch kommende Pas de deux der beiden Bolschoi-Stars.

Beim folgenden Beitrag gibt es allerdings keine Zweifel, dass es sich um klassisch-russische Tanzkunst handelt: „Don Quixote“ wird in der kommenden Saison in der Version von Rudolf Nurejew neu auf dem Spielplan des Hamburg Balletts stehen. Und jetzt gibt es eine Kostprobe dieser Choreografie, getanzt von der frisch gebackenen Solistin Madoka Sugai und dem versierten Ersten Solisten Karen Azatyan.

Wieder gibt es muntere Brautjungern (Mayo Arii, Sara Coffield, Yaiza Coll, Giorgia Giani, Greta Jörgens, Yun-Su Park, Mengting You), wie schon im klassischen „Nussknacker“, und wieder ist die Stimmung des Grand Pas de deux aus dem 3. Akt allerbest!

Vorab seit erwähnt, dass die zarte, dennoch feminine Giorgia Giani hier wie auch sonst oftmals mit ganz hervorragenden Vorträgen in Technik und Ausdruck auffällt, sodass man – obwohl man vom Verstand her weiß, dass nun mal nicht alle großen Talente eine Blitzkarriere machen können – sich sehnlichst wünscht, sie bald auch in größeren und großen Solopartien zu sehen. Man hofft und wartet darauf!

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Madoka Sugai und Karen Azatyan machen Appetit auf die kommende Spielzeit: mit „Don Quixote“ beim Hamburg Ballett, hier bei der Nijinsky-Gala 2017. Foto: Kiran West

Spritzig und so sexy wie erwartet, tanzt indes Madoka Sugai die Partie der Kitri. Hui, es sprüht Funken, wie sie hier die Spitzenschuhe einsetzt, mit dem Fächer in absolut delikatem Tempo spielt, wie sie die Beine schwingt, die Pirouetten dreht, auch die mitunter doppelten Fouettés und die mehrfache en dehors, und der sprungmächtige Karen Azatyan als Basil – der diese Rolle auch schon vor Jahren beim Bayerischen Staatsballett tanzte – hat beinahe Mühe, mit ihrem Schmiss mitzuhalten.

Das nach hinten gegelte Haar steht dem gebürtigen Armenier indes famos, und auch Madoka setzt mit ihrem Kostüm hier inspirierende Maßstäbe.

Endlich mal ein „Don Quixote“-Paar ohne Rotschwarz!

Man kann all diese rot-orange-schwarz gestreiften Paare ja schon fast nicht mehr sehen, die einem überall auf der Welt „serviert“ werden, kaum dass es „Don Quixote“ heißt, egal, welche Version gezeigt wird.

Dabei gibt es hier inhaltlich keinen Grund für Rotschwarz… und das zarte, warme Sandgelb, das Madoka Sugai hier als Tellertut trägt, raffinierterweise mit lachsfarben schattiertem Unterbau augestattet, trägt eine passend fröhliche Note in das Bühnengeschehen.

Die Bravos sind jedenfalls ungetrübt bei dieser Super-Mega-Himmels-Gala!

Es ist ja interessant, dass es – wenige – Zuschauer gibt, die rein klassisches Ballett nicht besonders mögen, während die meisten Ballettfans die Klassik goutieren wie ein Lebenselixier.

Da verfliegt die Zeit völlig unbemerkt, aber gegen 19.50 Uhr ist es dann auch mal Zeit für eine ausgiebige Pause – und dann für den zweiten Teil.

Igor Stravinsky und der Durchbruch im 20. Jahrhundert“ ist er benannt.

Wer jetzt sofort an „Le Sacre du Printemps“ denkt, sollte die alten Denkgeleise besser erstmal verlassen und sich einen großen gedanklichen Sprung in die USA zutrauen.

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Ich werde jetzt mal penetrant: Es ist zwar ungewöhnlich, für Journalismus im Internet zu bezahlen. Aber das Ballett-Journal ist auch sehr ungewöhnlich, es ist ein einzigartiges Projekt, das viel Kraft und Zeit kostet und Ihnen als Ballettinteressent deutlich weiter helfen kann. Ob privat oder beruflich. Wenn Sie wollen, dass dieses Portal hier weiterhin besteht, dann spenden Sie bitte jetzt! Jeder Euro zählt, um die Medienlandschaft etwas bunter und ballettfreundlicher zu machen! Danke.

Dumbarton Oaks“ ist ein berühmtes Landhaus mit diversen bemerkenswerten Gärten im Washingtoner Stadtteil Georgetown (dort befindet sich auch die Universität). Und es beherbergt eine der bedeutendsten Sammlungen byzantinischer Kunst.

Igor Stravinsky nannte sein ungemein frohgemutes Konzert in Es für Kammerorchester nach dieser kulturhistorischen Stätte. Denn die Besitzer von Dumbarton Oaks hatten es bei dem russisch geborenen Komponisten in Auftrag gegeben, um damit ihr 30-jährige Ehe zu befeiern.

Das Bundesjugendballett (BJB), dem John Neumeier seit 2011, seit Bestehen der Nachwuchstruppe, „nebenbei“ auch als Intendant vorsteht, kreierte unter der Künstlerischen Leitung von Kevin Haigen und seinem Stellvertreter Yohan Stegli nun ein witziges, aber keineswegs oberflächliches Teamwork-Stück zu „Dumbarton Oaks“.

Der Titel kann mit „Die Eichen von Dumbarton“ übersetzt werden. Allerdings geht es hier weniger um einen Wald noch um ein Anwesen, dafür um das Verhältnis von Paaren zur Gesellschaft.

Insofern greift das BJB mustergültig das Thema der Musik auf, um etwas Eigenes darauf zu machen. „Die Kreativität dieses Ensembles ist neben seinen vielen sozialen Projekten eines seiner Kennzeichen“, betont denn auch John Neumeier, der nicht müde wird, darauf hinzuweisen, dass das BJB alle vier Jahre erneut seine Fördersumme vom Bund benötigt. Nur bis September 2019 ist diese derzeit gesichert .

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

„Dumbarton Oaks“ heißt das neue Stück vom Bundesjugendballett, das eine kollektive Arbeit, also das Ergebnis der Teamwork der Tänzer ist: witzig und für Toleranz plädierend, versetzt es einen in eine richtig swingende Stimmung! Foto: Kiran West

Das neue Stück, das wir sehen, ist aber sehr geeignet, die Abgeordneten im Bundestag zu überzeugen! Dass hier vier Choreografinnen und vier Choreografen gemeinsam tätig waren, bemerkt man keineswegs negativ – wie aus einem Guss, zudem sorgsam einstudiert, kommt das Gemeinschaftswerk einher.

Sara Ezzell, Charlotte Larzelere, Larissa Machado, Teresa Silva Dias, Kristian Lever, Tilman Patzak, Joel Paulin und Ricardo Urbina Reyes kreierten und tanzen – und lassen einen die Energie spüren, die für ein solches Jugendensemble charakteristisch ist.

Als vier Paare, die sich zu einer Gruppe oder auch zu acht Individuen neu aufteilen, treten sie in Aktion.

Da ist das Spiel mit dem Lichtkreis ebenso angesagt wie das mit dem Kostüm. Denn während sie zunächst in schwarzen modernen Ober- und Unterteilen tanzen, kommen dann hellere knöchellange Tellerröcke ins Spiel. Sowohl die Jungs als auch die Mädchen tanzen darin – und nutzen sie, um den Saum hoch über den Kopf zu heben.

Scherzhaft, aber auch eigensinnig wirkt das, und wo zunächst nur ein Paar dieser Rockmode frönt und dadurch das Außenseiterpärchen abgibt, kehrt sich die Sache bald um – und alle bis auf ein letztes Pärchen tragen Rock, wodurch dann dieses letzte behoste Paar zum Außenseiterteam wird.

Tänzerisch wird dem jeweils sehr einfühlsam Rechnung getragen.

Toleranz und ein swingender, nachgerade stummfilmartiger, fingerschnippsender Humor erlösen die Außenseiter schließlich. Man fügt sich zu einer Gruppe, probiert aus, wo man darin stehen kann – und findet auch rhythmisch zusammen.

Da wiegen sie im Takt die Hüften, da wippen sie mit den Ellenbogen, die geschmeidigen BJB-TänzerInnen, und wenn sich jetzt ein Paar in die Augen sieht, dann weiß man, dass die Partner Spiel und Ernst sehr wohl unterscheiden können!

Schmunzeln und heftiger Applaus sind der Lohn für diese außergewöhnliche Arbeit, die man am liebsten gleich nochmal sehen möchte.

Nach so viel zeitgenössischer Moderne wird es allerdings auch mal wieder Zeit für ein Stück, in dem sich die Klassik stärker zeigt. So folgt ein Kleinod der klassischen Moderne, getanzt von dem darin so überaus versierten Lloyd Riggins.

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Lloyd Riggins als ein neu angezogener „Petruschka“ von Mikhail Fokine: eine ergreifende Symbolgestalt für alle Kümstler und Individualisten. Foto: Kiran West

Petruschka“, der anrührende russische Clownspuppenmann, ist in der Originalchoreografie von Mikhail Fokine ohnehin seine Spezialität.

Er zeigt das Solo des gefangenen Petruschka aber nicht im Originalkostüm mit großem Clowns-Make-up, sondern im übergroßen, tristen, lotternden, sackfarbenen Anzug mit schmaler Krawatte. An sich schon fast eine Tragödie, dieser Aufzug! Den Hut verliert er gleich zu Beginn als er eine wörtliche Bruchlandung hinlegt. Ach, Petruschka, man fühlt mit dir!

Als Sinnbild des darstellenden Künstlers, der zur Unterhaltung erst benutzt und dann abserviert wird, ist Petruschka viel mehr als nur eine beseelte, leidende Puppe.

Und: Er ist so typisch russisch, dass er wohl kaum in einem anderen Land hätte erfunden werden können.

Seine berühmten Pantomimen und Gestiken zeigen, wie unglücklich und doch auch gefühlsstark dieser früher Anti-Held ist. Liebt er doch noch die hochmütige Ballerina und wirft ihr in Gedanken von Herzen kommende Küsschens zu. Wie geht das mit der Liebe? Für Petruschka ist sie das Unvorhergesehene, das nicht Eingeplante, das, was ihn zusätzlich zu seinem bitteren Los aus dem Gleis bringt.

Im getanzten Monolog macht Petruschka die Rechnungen seines Daseins auf.

Da schlackern die Arme, da stolpern die Beine im melancholischen Wirbel durch die Luft – als sei das ganze Leben ein gefährliches Spiel und jeder Moment ein Risiko abzustürzen.

Vaslav Nijinsky tanzte diese Partie bei der Uraufführung 1911 – und es gibt unzählige Fotos und Zeichnungen, die darauf referieren. Der damals neue Urtypus des traurigen Clowns im Ballett findet bis heute seine Fortsetzungen und brillierte bereits 1912 als mondsüchtiger, dafür verführerischer „Pierrot lunaire“ in der Zwölftonmusik von Arnold Schönberg, wurde aber erst 1967 durch Glen Tetley eine indes unsterbliche Ballettchoreografie. Man sieht, wie weit Nijinsky und die Ballets Russes ihrer Zeit voraus waren…

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Nijinsky als „Petruschka“ – Google hat hierzu viele Bildvorschläge… Faksimile: Gisela Sonnenburg

23 Jahre jung war Nijinsky, als er den „Petruschka“ kreierte. Aber Lloyd Riggins zeigt, dass die Rolle alterslos ist – sie ist ein Charakter, ein Prototyp, ein großer Tragöde modernen Zuschnitts.

Und wenn seine Hände flatternd die Wände seiner Gefangenschaft abtasten, dann ahnt man, dass auch die symbolisierte Situation des Bühnenkünstlers an sich wiederum als Symbol für die Unfreiheit eines jeden in einer einengenden Gesellschaft stehen kann.

Gerade heute, wo global die Scheren zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gehen und in vielen Bereichen schon wieder von neuartigem Sklaventum gesprochen wird, ist „Petruschka“ von hoher Brisanz und Aktualität.

Eine der Gesellschaften, die sich gerade neu formieren, ist China.

Das National Ballet of China war zu Gast bei den 43. Hamburger Ballett-Tagen und bringt jetzt mit „Fusing“ („Verschmelzen“) eine Uraufführung auf die Nijinsky-Gala – und ein neues Licht in die zeitgenössische Tanzszene.

Zhang Zhenxin, Co-Choreograf vom „Ruf des Kranichs“ – des aktuell wohl bedeutendsten chinesischen Balletts (www.ballett-journal.de/national-ballet-of-china-hamburger-ballett-tage-2017/ ) – schuf mit „Fusing“ die allegorische Utopie vom harmonischen Ineinandergreifen von drei verschiedenen gesellschaftlichen Anteilen.

Choreograf Zhang Zhenxin tanzt selbst, zusammen mit Zhang Jian und Wu Siming. Letzere ist die Dame in bauchnabelfreiem, eleganten Rot, während Jian ganz in festlich-modischem Weiß und Zhenxin in alltagstauglichem Jeansblau erscheinen.

Stehen sie für drei Säulen der Gesellschaft? Für das Erotische, das Festliche, den Alltag?

Zu Beginn sieht man die drei allerdings als eine einzige Silhouette vor blauem Horizont, wie eine göttliche Einheit schieben sie, hintereinander stehend, Arme und Beine aus der Mittelachse.

Als das Licht und die Musik von Strawinsky schlagartig einsetzen – es ist der aufregende „Höllentanz“ aus dem „Feuervogel“ – vereinzeln die Protagonisten, finden sich aber auch zu Pas de deux und zum Pas de trois wieder zusammen.

www.ballett-journal.de/national-ballet-of-china-hamburger-ballett-tage-2017/

„Fusing“, not „Confusing“: Zhang Zhenxin, Zhang Jian und Wu Siming in der Uraufführung des Abends der Nijinsky-Gala XLIII in Hamburg. Foto: Kiran West

Modern und frei von erkennbaren Vorbildern zeigt Zhang Zhenxin Tanz hier als eine Möglichkeit, sportive Dynamik mit gesellschaftlichen Aussagen zu koppeln. Auch wenn das Ende scheinbar offen bleibt: Ein Miteinander aller sich ergänzenden Kräfte scheint unabdingbar für jedes weitere Existieren, so die Botschaft des Stücks.

Oh, die Zukunft der Menschheit! Noch nie stand dieses so auf dem Prüfstand wie heute, da nicht mehr nur hochgerüstete kriegerische Auseinandersetzungen drohen, sondern auch die kontinuierliche Zerstörung der Umwelt durch ihren Hauptnutzer, den Menschen.

Das deutsche Umweltministerium warnte übrigens jüngst: ein Umdenken in der hiesigen Landwirtschaft müsse stattfinden, weil es schon jetzt zu wenig Blühwiesen und Hecken zwischen all den bewirtschafteten, oft mit Pestiziden verseuchten Feldern gibt. Dadurch sind viele Arten von Insekten im Aussterben begriffen – und auch die Vögel, die dem Menschen für Vieles nützen, werden dadurch, das ihnen mit den Insekten die Nahrungsgrundlage fehlt, immer weniger und weniger.

Aber der Profit brüllt nach mehr – offenbar so laut, dass die Entscheidungsträger in den Ländern nur die Eurozeichen glitzern sehen und das hilflose Vogelpiepen mutwillig überhören.

Hier ist jede und jeder gefordert, sich einzubringen und Zeichen zu setzen. Für den Fortbestand auf lebenswertem Niveau genügt es nämlich nicht, ins Theater oder Ballett zu gehen, und es genügt auch nicht, sein schlechtes Gewissen mit einer Tierschutzspende oder einem Ehrenamt zu beruhigen.

Und Plastiktüten einzusammeln oder gleich ganz auf sie zu verzichten, ist sicher eine feine Sache. Aber sie rettet nicht einen Sperling, nicht ein Rotkehlchen, nicht eine Amsel und nicht mal einen Schmetterling.

Viele Falter, Symbole der auch im Ballett so beliebten poetisch anzuschauenden Flugbefähigung, stehen übrigens schon auf den Listen der bedrohten Arten, auch hier, mitten in Europa.

Solche Dinge sind Skandale, die viel zu selten und viel zu klein überhaupt abgehandelt werden.

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Ein Berliner Amselmann am künstlerisch gestalteten Futtertrog… Aber an der Außenalter in Hamburg etwa überwiegen schon die Krähen. Und Amseln und kleinere Singvögel gibt es dort kaum noch. Weil Insekten als Nahrung für Vögel knapp werden… aufgrund von Pestiziden auf den Feldern und zu wenigen naturbelassenen Hecken und Wiesen in Deutschland. Im Vergleich zu 1982 sind die Insektenbestände hier zu Lande sage und schreibe um 80 Prozent geschrumpft! Das ist absolut alarmierend und nur der Gier der Menschen nach Profit und Expansion zuzuschreiben. Foto: Gisela Sonnenburg

Noch nie waren darum existenzielle Auseinandersetzungen der Spezies Mensch mit sich selbst, wie in „Le Sacre“ von John Neumeier, so wichtig wie heute.

Neumeier schuf seine geniale Version des „Opfers“ als ganz junger Mann bereits 1975 in Frankfurt, wo er seine erste Ballettdirektion inne hatte.

Anders als etwa Maurice Béjart feiert er aber den Sexus nicht als alles allein antreibende positive Kraft. Sondern Neumeier setzt sich mit der Gesamtheit von Trieben und Emotionen urmenschlicher Natur auseinander.

Die unkonventionellen, sich oft verschiebenden Rhythmen vom „Sacre du Printemps“ legen das ja auch nahe. Aber verstanden haben das wirklich nicht alle der zahllosen Choreografen, die sich das Werk seit seiner (skandalisierten) Uraufführung 1913 in Paris schon vornahmen.

Wir sehen jetzt den zweiten Teil des Stücks in der Neumeier-Version.

Er beginnt ohne Musik, das Ensemble zeigt einige Mädchen und Jungen, die einer Art Urhorde zugehören. Allerdings ist hier jede Bewegung symbolisch zu überhöhen, so kompakt und dicht ist die Choreografie.

Die Truppe formiert sich zu Kampfeinheiten, zu Liebeseinheiten, zu berauschten oder berauschenden, höchst modernen Szenen. Hand aufs Herz: Der „Sacre“ von Pina Bausch, mit hüpfenden Tänzen auf echter schwarzer Erde oftmals als Gipfel der neueren Tanzrevolutionen überhaupt gefeiert, sieht dagegen schon ganz schön altbacken aus.

Hier zählt die Choreografie, die die Körperkünstler sich lüstern verrenken und dynamisch verbiegen lässt.

Das große Männer-Solo tanzt in der Gala-Besetzung Aleix Martínez, und er macht es großartig. Ein Meilenstein für diesen Ausnahme-Tänzer, und auch ein Meilenstein in der Geschichte des „Sacre“.

www.ballett-journal.de/national-ballet-of-china-hamburger-ballett-tage-2017/

Aleix Martínez in „Le Sacre“ von John Neumeier: ein Lehrstück über Trieb und Selbstkontrolle. Foto: Kiran West

Ja, hier zeigt Martínez, dass er mächtig Power hat, dass er energetisch mit allen Elementen in Verbindung steht und auch immer wieder versucht, sich über alle zu erheben. Aber dieser Mann im „Sacre“ kennt auch seine Grenzen, sogar, wenn er sich in Ekstase übt. Er stirbt nicht daran.

Er findet, nach jazzigen, affigen, hochstürmenden Sprüngen, nach lauerndem Spannungsauf- und Abbau, zurück auf den Boden der Tatsachen. Er ist erschöpft, ruht sich aus, wartet hechelnd auf Neuigkeiten.

Die kommen, und zwar in Gestalt von Konstantin Tselikov, der sich mit großer Präsenz erst von einem wandelnden Menschentrum herbeibringen lässt, um dann wie eine tierische Kreatur in Gegenstellung zu Martínez zu gehen.

Ein Ringen, ein Kampf, ein Koitus beginnt – die Männer messen ihre Kräfte, verklammern und umwinden sich, und wann etwas heißer Sex ist oder kräftezehrende Attacke, ist nicht immer ganz klar.

Das betrifft auch den Pas de deux von Aleix Martínez mit Emilie Mazon. Notgeilheit und Sichverausgabung, ein Ausprobieren und Loslegen treffen zusammen, die beiden zelebrieren exemplarisch den puren, fast entseelten Trieb.

Und dann! Patricia Friza tanzt seit 2012 das Opfer mit dem großen, absolut vereinnahmenden Schluss-Solo im „Sacre“.

Bei der Uraufführung und auch in den ersten Hamburger Jahren tanzte Beatrice Cordua es splitterfasernackt.

Und sie war kein Stückchen obszön damit – die Nacktheit bedeutet laut Neumeier hier ja auch vor allem Schutzlosigkeit, und genau das transportierte der sinnliche Körper der Cordua.

Sie stand im Lichtkegel wie eine Außerirdische, wie ein Alien, der seine Schutzhülle verloren hat. Das häufige Kopfüber, das Hippie-artige wilde Kopfschütteln der Choreografie bewirkten fast eine Gehirnerschütterung. Aber die Wirkung dessen war immens.

Jimi Hendrix hätte davon träumen können!

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Patricia Friza tanzt das Opfersolo in „Le Sacre“ mit einer aggressiven Energie, aber ohne Kontrollverlust. Foto: Kiran West

Nackt muss sich Friza nun nicht in den Part trauen. Sie trägt, wie die anderen Tänzer hier auch, ein hautfarbenes Trikot, allerdings sind ihre Beine und ihr Bauch, ihr Rücken und ihre Arme unbedeckt.

Und sie gibt alles, tanzt die tödliche Tanzwut allerdings deutlich härter und kontrollierter als 2012.

Wie ein Mann knallt sie jetzt die Arme kräftig vor dem Körper über Kreuz aufeinander, es ist bewusste Gewalt gegen sich selbst, die von ihr ausgeht.

Sie arbeitet sich sozusagen am Ritual ab, sie gibt sich nicht hin, sie ergibt sich auch nicht, sondern sie pusht und pusht und pusht und pusht… bis sie zusammen bricht.

Dieses hohe Maß an Aggression geht indes auf Kosten der Erotik, der Passion, der glaubhaften Leidensbefähigung. Dieses Opfer hier ist eines seines eigenen Fitnesswahns – jedes spirituelle Element, auch jede Spontaneität, fehlt.

Das Ritual als Ausdruck des puren Sadismus gegen sich selbst; der masochistische Leidensgenuss ist indes verlustig gegangen.

Vielleicht ist diese Deutung sogar die zeitgemäßeste eines in vielen Interpretationen gültigen Stücks. Vielleicht tanzt Patricia Friza hier den neuen Futurismus.

Und vielleicht gehen die Menschen heute klaren Kopfes der absehbaren Selbstauslöschung entgegen – und eben nicht von Obsessionen benebelt. Umso trauriger…

Imposant ist eine so knallharte Tanzmaschine als Opfer allemal.

Und eine weitere Pause ist danach in jedem Fall verdient.

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Herzerwärmend: Christopher Evans und Florencia Chinellato im Orangen-Pas-de-deux aus „A Cinderella Story“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Um dann, im dritten und letzten Teil, weitere ballettöse Juwelen des 20. und 21. Jahrhunderts zu genießen. „Die Tradition geht weiter“ ist dieses Kapitel von Neumeier betitelt.

A Cinderella Story“ ist da nun ein Musterballett von John Neumeier, um zu zeigen, wie die Märchenwelt, die Sergej Prokofjew in der ersten Hälfte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts schuf, auch heute noch eine Gegenwelt zur Realität ist. Und das umso stärker, als sie Elemente aus dem wahren Leben beinhaltet und durchaus geeignet ist, cineastisch-realistische Fantasien von einer besseren Welt durch Liebe zu nähren.

Es gibt übrigens „Vogel-Geister“ als tragende Partie in „A Cinderella Story“, und auch, wenn diese jetzt im Gala-Ausschnitt nicht mitfliegen, so bezeugen sie doch den hohen Stellenwert der gefiederten Artgenossen jenseits der Grillspieße für den Menschen und sein Überleben mit der Natur.

Auf der Gala geht es derweil um die verliebten Hauptpersonen des Stücks.

Die Solistin Florencia Chinellato sollte eigentlich in der ausklingenden Spielzeit die Titelrolle schon getanzt haben. Eine Verletzung verhinderte das aber (und ermöglichte dafür das fabelhafte Debüt von Madoka Sugai, siehe www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-a-cinderella-story-2017/).

Aber jetzt kann die genesene Florencia voll aufdrehen und ihre Cinderella endlich mit allem ihr eigenen Charme tanzen und darstellen. Sie macht es naiver als Sugai und Hélène Bouchet (die wegen ihrer Schwangerschaft bei der diesjährigen Gala nicht dabei war), sie ist eine richtige Julia-Cinderella, und weil sie dabei so voller vorbehaltloser Freude ist, bezaubert sie ungemein. Präzision und Einfachheit verquicken sich in ihrer Darstellung zum Inbegriff des Virtuos-Mädchenhaften – sehr fein!

Christopher Evans ist ihr im „Orangen-Pas-de-deux“ aber auch ein motivierender, hoch akkurater Partner, ein Traumprinz, der sich mit künstlerischer Seelenkraft auch an das Projekt LIEBE macht. Man glaubt ihm jede Geste, jeden Blick – und seine Pirouetten, ach, sind so feinfühlig und doch brillant, dass man niederknien möchte.

Als die beiden nach perfekten Hebungen im emotionalen Schwebezustand der Verliebtheit wieder bei ihrer Orange am Boden landen – die Frucht ist hier ein Liebessymbol – hat man das Gefühl, ein ganzes Universum aus getanzten Zärtlichkeiten mit ihnen durchquert zu haben. Dankeschön! (Mehr über das Stück: www.ballett-journal.de/hamburger-theaternacht-2015/)

Und noch mehr Liebe! Ach!

Weil John Neumeiers jüngstes abendfüllendes Ballett, „Anna Karenina“, ein so überwältigender Erfolg ist und es bislang aber nur drei Vorstellungen dessen gab, und auch, weil es das Thema der russischen Seele so typisch bebildert, gibt es jetzt auch einen Auszug aus dieser Neuschöpfung auf der Gala (was gar nicht angekündigt und darum sozusagen eine schöne Überraschung war).

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Edvin Revazov und Anna Laudere in „Anna Karenina“ von John Neumeier – immer wieder toll anzusehen. Foto: Kiran West

Anna Laudere als „Anna Karenina“ überwältigt mit ihrer liebesbereiten Darstellung der gefrusteten Ehefrau, und Edvin Revazov als Graf Wronski ist so lebensfroh-charmant, dass wohl keine Frau widerstehen könnte.

Neckisch-verspielt tanzen sie ihren Pas de deux, während Emilie Mazon als Kitty hinnehmen muss, dass ihre Verlobungsfeier mit Wronski sich just in ihr Gegenteil verkehrt.

Eine pikante, gefühlsgeladene Stimmung… die Freuden der frisch Verliebten bringen die versetzte Braut an den Rand des Wahnsinns.

Großes, ganz großes Welttheater, Ballett vom Allerfeinsten, und wer sich jetzt nicht auf die kommende Spielzeit schon wegen dieser „Anna Karenina“ freut, dem kann ich dann auch nicht mehr helfen. Mehr zum Thema bitte hier: www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-anna-karenina-rezension/)

Und noch mehr Liebe erwartet uns auf der Gala, sie ist ja das Lieblingsthema des Balletts, der großen klassischen Handlungsballette allemal.

La Sylphide“ ist hierfür immer gut, und es ist interessant, dass John Neumeier die Version von Auguste Bournonville aus Kopenhagen mit in das „russische“ Programm aufnahm. Denn die gegenseitige Befruchtung französischer, dänischer und russischer Ballettkunst war im 19. Jahrhundert bereits stark – man darf keinesfalls glauben, die internationale Hochkultur sei eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Auch bevor es Flugzeuge für den allgemeinen Bedarf gab, reisten Künstler, gerade aus West- nach Osteuropa. Die russische Seele der Kultur war also immer auch von näheren und entfernteren Nachbarländern beeinflusst, in gewisser Weise war Hochkultur stets ein melting pot der Kunsttalente.

Russland mit seinem ehrgeizigen Zarenhof orderte denn auch häufig Musiker aus Italien und Ballettmeister aus Paris und Kopenhagen – man ließ die Künste sich unter hohen Opfern verfeinern und entwickeln.

Das Bolschoi-Ballett bietet nun höchst gegenwärtige Exzellenz in Verbindung mit lyrischer Hochleistung, die auch, wenn man daran kaum zuvor gedacht hat, in dieser Tradition des kulturellen Austauschs stehen.

www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-a-cinderella-story-2017/

Anastasia Stashkevich und Artem Ovcharenko vom Bolschoi aus Moskau mit ihrer superschönen „La Sylphide“ auf der Nijinsky-Gala XLIII. Foto: Kiran West

Mit der erfahrenen Anastasia Stakhevitch und dem markanten Artem Ovcharenko, einem vielmals verehrten Primoballerino, beehren zwei absolute Stargäste die Gala. Artem war bereits 2014, damals mit Olga Smirnova, bei der Nijinsky-Gala, und er beeindruckt zudem ja auch als Filmstar, in der Rolle des, na klar, Rudolf Nurejev: www.ballett-journal.de/tv-termine-nurejew-der-sprung/).

Da nun auch das Bühnenbild für „La Sylphide“ eine neue alte Welt entfächert, mit Nebelschwaden im Wald und Blattgebälk und allem Drum und Dran einer romantischen Ich-treffe-ein-überirdisches-Wesen-Kulisse, fühlt man sich sofort in eine andere Zeit versetzt.

Ist es nicht Mitte des 19. Jahrhunderts? Dieser Zeitreisen-Effekt auf der Gala bringt die Seele so richtig zum Schweben…

Und die beiden Bolschoi-Stars begeistern mit den wie mühelos hingelegten kleinen dänischen Schritten, den Battements, und den großen Sprüngen, dem „Fliegen“ durch die Lüfte.

Am Ende des Pas de deux posieren sie postkartenreif – er auf Knien, sie in einer hohen Attitude und neckischen Armhaltungen an ihn gelehnt.

Elfenfrau und Menschenmann – auch hier ist das Crossover und das Miteinander in der Natur wieder das große Thema! (Übrigens stirbt auch in „La Sylphide“ die Elfe, der Naturgeist… und zwar nicht etwa notgedrungen, sondern durch die Bosheit einer alten Frau…)

Liebe im Ballett hat aber auch andere Gesichter.

Das Bayerische Staatsballett wagte ja im Dezember 2016 den Versuch, als erste westliche Compagnie das Paradestück des Bolschoi, den „Spartacus“ von Yuri Grigorovich aufzuführen. Ein voller Erfolg, wie sollte es auch anders sein!

Neben der politischen Komponente im Stück, das einen Sklavenaufstand zum Thema hat, gibt es hierin aber auch eine der schönsten getanzten Liebesgeschichten: Titelheld Spartacus liebt Phrygia, Phrygia liebt ihn – gemeinsam wollen sie für die Menschen Freiheit erreichen, und beinahe gelingt ihnen auch eine Art Neubeginn der Zivilisation.

Die Pas de deux der beiden sind geprägt von aufstrebender gegenseitiger Verehrung, und die Innerlichkeit, die sich hier in einfachen, aber originellen Bewegungen ebenso wie in mit exaltiert-ästhetischen, akrobatischen Posen ausdrückt, ist einmalig! (Mehr dazu hier: www.ballett-journal.de/bayerisches-staatsballett-spartacus-grigorovich/)

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Ksenia Ryzhkova und Erik Murzagaliyev vom Bayerischen Staatsballett in „Spartacus“ – eine Erbauung! Foto: Kiran West

Ksenia Ryzhkova als Phrygia ist nun eine der aufstrebenden Startänzerinnen Europas überhaupt. Wer sie noch nie tanzen sei, dem kann ich eine Fahrt nach München wegen ihr nur ans Herz legen. Wenn sie springt, so bewegt das so viele unsichtbare Schleier, dass man meint, ein neues Aufscheinen des Glücks zu entdecken. Und wenn sie lächelt, müssten sich eigentlich die Tauben auf dem Dach des Opernhauses versammeln, so viel Wärme und ungekünstelte Schönheit liegen darin.

Mit dem bestrebten, sehr gut aussehenden Erik Murzagaliyev hat sie zwar keinen perfekten Partner, aber er bemüht sich. Er ist von Natur aus kein begabter Schauspieler, bessert sich darin aber langsam, wie ich mit Freuden feststellen durfte. Ein wenig weniger Pathos noch – und ein wenig mehr Differenzierung, und schon dürfen wir hoffen, mit Murzagaliyev ein Beispiel für die Früchte tänzerischer Redlichkeit zu haben.

John Neumeier ersparte sich bei dieser Gala übrigens das mühsame Ablesen all der für Westler so komplizierten russischen Namen… zum Glück genügen in der Ballettwelt ja auch die freundlich ausgesprochenen und meist weniger komplizierten Vornamen der Tänzer, um sie mündlich zu präsentieren. Auf dem Programmzettel stehen ihre Namen selbstredend in voller und korrekter Länge.

Aber vielleicht denkt jetzt auch der eine oder andere Leser hier mal darüber nach, was für eine Arbeit stets das richtige Schreiben ungewöhnlicher Künstlernamen auch für Journalisten bedeutet. Neben allem anderen…

Nach den himmelhoch strebenden, auch kopfüber berückenden Hebungen des „Spartacus“ gibt es jedenfalls auf der Gala eine weitere Besonderheit: Weltstar Alessandra Ferri, mit 54 Jahren wirklich eine Wunderballerina, tanzt zusammen mit Edvin Revazov den ergreifenden Schluss-Pas-de-deux aus „Onegin“.

Oh, „Onegin“! John Cranko, der im August seinen 90. Geburtstag feiern könnte, würde er noch leben, schuf mit diesem von ihm zwei Mal für dieses Ballett bearbeiteten Stoff nach Puschkins Versroman zweifellos ein Meisterwerk. Die Musik von Tschaikowsky, oft sind es fürs Orchester von Kurt-Heinz Stolze bearbeitete Klavierstücke, ist ein Gefühlsdrama für sich – die Choreografie weiß das geschickt zu nutzen.

Soeben hat ja Nadja Saidakova beim Staatsballett Berlin ihren Bühnenabschied mit dieser Partie der Tatjana in „Onegin“ genommen (www.ballett-journal.de/staatsballett-berlin-onegin-nadja-saidakova-jason-reilly/). Und dann nahm auch noch Diana Vishneva just eben ihren Abschied vom American Ballet Theatre in New York mit dieser Partie.

Und jetzt? Jetzt bot Ferri in Hamburg ein Meisterstück, eine detailreich durchgearbeitete exquisite Delikatesse, ein Gefühlsstück mit dem langen Atem der Erfahrung– von Edvin Revazov, der die berühmten Ballerinen in seinen Armen langsam zu sammeln scheint (tanzte er doch auch schon mit Svetlana Zakharova am Bolschoi und auf der Nijinsky-Gala die „Kameliendame“ – siehe hier: www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-nijinsky-gala-xli/), souverän geleitet.

Am Ende wirft Ferri langsam den Kopf in den Nacken, während ihre auf Brusthöhe erhobenen, zu Fäusten geballten Hände niedersinken… sie hat ja auch mit Neumeier die Partie der „Duse“ kreiert, und diese Rollenerfahrung scheint ihr auch als Tatjana unendlich gut zu tun.

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

Einmalig:Wunderballerina Alessandra Ferri tanzt mit Edvin Revazov den Schluss von „Onegin“ von John Cranko. Ooooh, wow! Foto: Kiran West

Es ist ja die Entscheidung einer Frau gegen die große, wilde, unbezähmbare Leidenschaft und für die solide, brave Ehe, die in dieser Szene fällt. Und bei Ferri ist es bis zum vorletzten Moment so, dass man mit ihr bangt und hofft, auch, als sie Onegin, den Lebemann und Wüstling, schon hinauswarf, läuft sie noch Gefahr, ihm einfach nachzurennen und ihre Ehe mit  Fürst Gremin doch noch zu opfern. Ach, die große Liebe!

Wie glücklich können sich diejenigen unter uns nennen, die sie in Eintracht und Frieden gefunden haben… und wie vielen geht es doch wie Tatjana und Onegin: Die Verhältnisse, sie sind nicht so, als dass man gemeinsam eine Partnerschaft leben könnte.

Auch dafür ist die Nijinsky-Gala wichtig: um Konflikte aus erhabener Position zu betrachten. Darum passte ja auch der Auszug aus „Anna Karenina“ so vorzüglich in dieses Programm.

Die tänzerische Abschiedsmelodie an diesem draußen verregneten, in der Oper aber glückselig strahlenden Sommerabend kam dann wieder vom Hausherrn John Neumeier: zu festlich-rührenden Klängen von Peter I. Tschaikowsky.

Klein Russland“ ist eine Choreografie zur gleichnamigen Sinfonie von Tschaikowsky, und sie ist für einen Gala-Abschluss wie gemacht (und wurde auch schon als solches in Hamburg getanzt). Der Titel bezeichnet übrigens die nördliche Region der heutigen Ukraine. Dass örtliche Politiker dort just am Montag nach der Gala einen neuen Staat mit diesem Namen ausriefen, ist purer Zufall und ganz sicher nicht John Neumeier anzulasten!

Sein kleines Russland ist ein Stück subtil nachempfundene Klassik, gewidmet dem russischen Esprit der Musik.

Ein Solistenpaar – Leslie Heylmann, die für die erkrankte Silvia Azzoni einsprang (gute Besserung, liebe Silvia!), und Alexandre Riabko, der ja schon im ersten Gala-Akt seine Topform unter Beweis stellte – zelebriert in optimistisch-hellem Outfit den russischen Stolz, die russische Würde, das russische Temperament im edelmütigen Paartanz.

Leslie Heylmann berückt mit zarten, aber niemals süßlichen oder zu pastellenen Bewegungen. Sie ist ja eine Klassikerin par excellance, und das frohgemute Naturell ihrer Partie hier liegt ihr ebenso wie das der Olga aus „Onegin“ und „Tatjana“. Ein Augenschmaus!

Alexandre Riabko ergänzt das mit wirklich „leckeren“ Partnerposen und Solosprüngen – er führt und hebt und scherzt und lacht und springt ja ohnehin, als sei er praktisch auf der Ballettbühne geboren.

Die Nijinsky-Gala XLIII erstrahlte

John Neumeier und alle Mitwirkenden der Nijinsky-Gala XLIII am 16. Juli 2017 in der Hamburgischen Staatsoper. Voilà! Foto: Kiran West

Das Ensemble leistet aber ebenfalls Großartiges. Perfekt synchron und doch so individuell zu tanzen – das kann so nur das Hamburg Ballett.

Darunter sind jetzt auch manche, die zum letzten Mal in der Hamburgischen Staatsoper auftreten, weil sie das Ensemble verlassen.

So Jemina Bowring, Filip Clefos und Thomas Stuhrmann – wir wünschen ihnen alles Gute!

Nachrückende Kräfte von der Ballettschule des Hamburg Ballett tanzen dafür bereits mit, so Frederike Midderhoff und Olivia Betteridge. Herzlich willkommen!

So ergibt sich ein feierliches Finale mit hoffnungsstiftendem Flair, das nur einen kleinen Makel hat: Es hat, leider, naturgemäß irgendwann ein Ende.

Gegen 23 Uhr ergießt sich der stürmende Beifall über die Mitwirkenden, vor allem natürlich über John Neumeier, diesen definitiven Superkünstler und Megaintendanten, dem nicht nur Hamburg, sondern die gesamte Kulturwelt so viel zu verdanken hat.

Die gespendeten Blumen bestanden übrigens dieses Jahr nicht, wie sonst, vor allem aus Pfingstrosen (weiße Pfingstrosen gelten als bisherige Lieblingsblumen Neumeiers), sondern rundum aus großen, bunten, für John Neumeiers Strauß aus grün-weißen Hortensien. Sehr nobel.

Auf ein Neues also – die nächste Saison kommt bestimmt!
Gisela Sonnenburg

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