Schöpfertum und Menschheitssinn John Neumeier kreierte beim Hamburg Ballett ein großes Stück über einen Klassiker: das „Beethoven-Projekt“ definiert humanes Schaffen neu

Beethoven im Ballett

Aleix Martínez tanzt als Beethoven grandios in John Neumeiers „Beethoven-Projekt“ – auch unterm Piano. Foto: Kiran West

Beethoven. Was verbirgt sich hinter der Chimäre vom ewig gültigen musikalischen Klassiker? Was für ein Mensch war diese Ikone eines Genies? Und was macht Beethoven und seine Kunst im Kern wirklich aus? John Neumeier, das größte choreografische Genie mindestens unserer Zeit und dazu Chef vom Hamburg Ballett, widmete sich dem bombastischen Vertreter der Wiener Klassik – und schuf mit seinem „Beethoven-Projekt“ ein sowohl humoristisches als auch ernstes tänzerisches Pamphlet übers Schöpfertum und den Menschheitssinn dabei. Mit dem jungen Aleix Martínez punktete bei der stürmisch bejubelten Uraufführung ein unerbittlich grandioser, niemals nachlässiger, dafür stets expressiver Ballerino, der sowohl in die Rolle des Ludwig van Beethoven schlüpfen kann als auch in diverse andere schöpferische Lebewesen – und ehe man sich versieht, scheint John Neumeier selbst von seinem Tanzstar verkörpert. Das Komponieren als physischer Akt – weit weg ist es dann vom Tanzen eh nicht.

Mit einem solchen Bild beginnt der Abend auch: blauviolettes Licht füllt die Bühne, bis auf ein Spotlight. Rechts steht eine bordeauxrote Wand (die im wechselnden Licht später auch mal hellrot aufleuchtet und wie das ganze Bühnenbild von Heinrich Tröger stammt). Links befindet sich das mächtige schwarze Piano, schattenreich ausgeleuchtet – es ist akustisch und symbolisch vorherrschend, es ist das geliebte, stets fordernde Marterinstrument, ohne das kein Ton das Gehirn des Meisters verlassen kann.

Beethoven alias Aleix Martínez kauert am Boden, hält den schönen Leib um das Standbein des Musikmöbels geflochten.

Mensch und Instrument sind Eins – und doch ist es ein Kampf des Geistes mit der Materie, bis die fertig notierten Töne mit jenen der freien Fantasie identisch sind.

Beethoven im Ballett

Aleix Martínez als klassisch-moderner Schöpfer: im „Beethoven-Projekt“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Und dazu hängt Beethoven, dieser junge, wilde, genialische Heißsporn, der nicht nur eine Menge Talent, sondern auch ebenso viel Fleiß und Ehrgeiz in sich vereint, plötzlich kopfüber seitlich am Piano… und er lässt die Beine in die Saiten baumeln und gibt somit ein ebenso fröhliches wie arbeitsames Abbild.

Die Szene zeigt, wie absurd es sich mitunter anfühlt, einer Sache auf den Grund zu gehen, um künstlerisch schöpferisch mit ihr zu sein.

Wenn vielschichtige, brillante Werke entstehen sollen, ist der Weg dorthin alles andere als einfach, geradlinig und vorhersehbar.

Der Mensch steht Kopf in dem, was er tut – um anschließend klarer denn je vorzugehen und mit Entschiedenheit und, oh ja, deutlich aufrechter Haltung zu reüssieren.

Und flugs fängt Beethoven sich, steht auf, als wäre nichts gewesen – und tanzt, als wolle er die Welt damit neu erschaffen.

Aleix Martínez, in Barcelona gebürtiger Spanier, ist ein ballettöses Ausnahmetalent, das mit Geschmeidigkeit, Gelenkigkeit und Sprungkraft, mit Balancen, schönen Linien und einer Akkuratesse bis in die Finger- und Zehenspitzen ohnehin in jeder Rolle das Publikum zu begeistern weiß.

Beethoven im Ballett

Kraftvolle Sprünge: Aleix Martínez im „Beethoven-Projekt“ beim Hamburg Ballett vor der roten Wand. Foto: Kiran West

Ich erinnere mich noch gut an den Sommer 2010, als ich ihn, kurz bevor er die Schule vom Hamburg Ballett – John Neumeier mit der glanzvoll bestandenen Abschlussprüfung verließ, beim täglichen Unterricht sah. Er fiel auf – so sauber und kraftvoll, so passioniert und doch verspielt wusste er schon damals zu tanzen. Man konnte sein letztes Hemd darauf verwetten, dass er in die Compagnie vom Hamburg Ballett übernommen wurde, zumal er bereits 2008 den Prix de Lausanne gewonnen hatte. Und schon bald erhielt Martínez Solo-Aufgaben für die Aufführungen, wie den Part des Einsiedlers in „Parzival – Episoden und Echo“.

Aber was hat er seither noch alles gelernt, um zum Beispiel diese Mammut-Partie im „Beethoven-Projekt“ so grandios auszufüllen!

Mit Louis kreierte er 2012 bereits hoch professionell die Jungenrolle an der Seite von Alina Cojocaru als verzweifelter Mutter und Carsten Jung als sündigem Vater in Neumeiers „Liliom“.

Und als er die Titelrolle in „Messias“ übernahm, war aus dem einst beim Tanzen recht introvertiert wirkenden, weil noch zu sehr auf sich selbst konzentrierten Jungmann ein ernst zu nehmender Bühnenkünstler geworden, der mit seiner Aura und Ausstrahlung zunehmend meisterhaft umzugehen weiß.

In jeder Vorstellung, die er tanzt, ist er etwas Besonderes – sogar dann, wenn die Rolle klein und eigentlich mehr Bestandteil des Gruppentanzes ist. Doch Aleix Martínez macht sie zu etwas Größerem, zeigt so viel von sich und seinem Können, bis man ihn als unverwechselbar im Gedächtnis hat und ihn sozusagen blind, in wildester Kostümierung steckend, auch von der Seite oder von hinten und nur am Gang oder an einer kleinen Bewegung erkennen könnte.

Michal Bialk spielt, Aleix Martínez tanzt: das „Beethoven-Projekt“ von John Neumeier vereint beim Hamburg Ballett verschiedenste Ausdrucksmittel. Foto: Kiran West

Letzten Sommer begeisterte er mit der von ihm kreierten Rolle des Lewin in Neumeiers „Anna Karenina“: als ganz heutiger, vom Landleben wie von der dauerhaften Liebe begeisterter Landwirt von Adel; als ein Gutsbesitzer ohne Fehl und Tadel, der seinen Naturbezug mit wirtschaftlicher Rentabilität auch zu Schmonzetten wie „Morning has broken“ hoch emotional zelebriert.

So kompliziert diese Tolstoi-Rolle war und ist, so einleuchtend wirkt nun der Beethoven-Part. Ecken und Kanten hat auch diese Rolle, aber insgesamt wirkt sie wie aus einem Guss entstanden, und ihr Wesenskern ist, was sonst, das Schöpferische, das den heißblütigen Beethoven stets und ständig – und als Einziges – wirklich zu beflügeln vermochte.

Beethoven als Inbegriff der Kreation, des Kreateurs, der Kreativität.

Martínez wurde diese Rolle von John Neumeier minutiös auf den Leib choreografiert, und der Chefchoreograf, um dessen 160. Ballett es sich beim „Beethoven-Projekt“ übrigens handelt, lobte auf dem Empfang nach der Uraufführung die unbedingte und schier unerschöpfliche Bereitschaft seines blonden spanischen Ballerinos, jede Probe mit einem Elan mitzumachen, als sei sie die erste und letzte zugleich.

Dabei spielt so manch anderes Neumeier-Ballett – das beiden, dem Tänzer wie dem Choeografen – bestens bekannt ist – als Zitat und Anspielung mit hinein.

Vaslaw“ heißt ein Kurzballett von Neumeier zu Musik von Johann Sebastian Bach über Vaslav Nijinsky, das 1979 in Hamburg uraufgeführt wurde. Nuancen hieraus finden sich im ersten Teil vom „Beethoven-Projekt“, und der zarte Anklang gelegentlicher Marionettenhaftigkeit im Bach-Ballett ist beim Beethoven-Ballett zur leitenden Metapher der Puppigkeit hochstilisiert.

Beethoven, der charakterlich ein Stur- wie auch ein Wirrkopf war, bringt sich hier selbst zur Ordnung, erdet sich, hält sich nach dem freien Flug der Fantasie an der Gesellschaft wie an Konventionen fest, indem er immer mal wieder eine melodisch getanzte oder auch energisch gestampfte Phrase in eine ruckelnd-puppenhaft eingenommene Pose münden lässt.

Fast mutet er an wie eine weibliche Coppélia!

Als Komponist im 18. und 19. Jahrhundert war Beethoven einer der ersten, die nicht als angestellter Hofkompositeur, sondern als freischaffender Auftragskünstler gut zu überleben wussten.

Selbstbewusst und zielgerichtet arbeitete er und konnte sich wie sein Werk auch nach außen als hochkarätig und persönlichkeitsstark vertreten.

„Beethoven-Projekt“

Aleix Martínez als Beethoven, in den Händen des Ensembles vom Hamburg Ballett: Im „Beethoven-Projekt“ zeigt Choreograf John Neumeier das Widerspiel von Künstler, Fantasie und Gesellschaft. Foto: Kiran West

Aber: Ein wirklich autonomer Künstler, der unabhängig von Geldgebern machen konnte, was er wollte, war Beethoven natürlich nicht. Niemand sponserte ihn rein aus Vertrauen heraus. Niemand förderte ihn von vornherein. Kein Gehalt gab ihm Ruhe und Gelassenheit, kein anderes Einkommen verlieh ihm absolute Sicherheit.

Das Marionettenhafte der Künstler, so sie denn überleben und Erfolg haben wollen (und nicht in jeder Hinsicht bis zum Wahnsinn darben wie etwa Vincent van Gogh), erschließt sich aus der Sache an sich: Ohne Moos nix los, würde ein heutiger Comic-Autor texten, und auch, wenn Beethoven sich aufgrund seiner charismatischen Erscheinung viel Spielraum für eigene Entscheidungen nehmen konnte – wirklich unabhängig war er nicht.

Das Gefällige findet sich denn auch in seiner Musik wie ein ironisch zitiertes Theorem. Da winden sich musikalische Schnörkel und Lieblichkeiten, offenbar nicht nur, um als Kontrast zu den pompösen, manchmal einschüchternden Paukenschlägen zuvor zu besänftigen und zu becircen, sondern auch, um etwaige Bedenken, dieser Komponist sei etwa kein williger Höfling, zu zerstreuen.

Für John Neumeier, der sich ebenso wie sein Dramaturg Jörn Rieckhoff intensiv mit dem Schaffen Beethovens auseinander setzte, gehören die Situation Beethovens und sein Antrieb zu komponieren, zusammen. Da nutzt jemand alles, was er hat und kann, um sich mitzuteilen – und muss doch mit den Geistern, die ihm in Form von Ängsten und Fantasiegestalten erscheinen, irgendwie fertig werden.

Beethoven im Ballett

Aleix Martínez und das Ensemble vom Hamburg Ballett: Die Fantasien eines schöpferischen Menschen lassen ihn leiden oder kreieren… Foto: Kiran West

Höchst spannend ist das anzuschauen: Wenn die Figuren, die Beethovens Fantasie entspringen, nicht mehr nur freundlich sind, sondern einen wahren Alptraum bilden. Es geht dabei weniger um rein private Erlebnisse oder persönliche Beziehungen des Komponisten, sondern um Beethoven als Künstler, als Schöpfer, als Erschaffer unsterblicher Musiken.

Als erste Mensch gewordene Vorstellung wird Edvin Revazov hereingefahren, und zwar von einem Helfershelfer, der ein Rollbrett (so etwas, das man bei Umzügen „Hund“ nennt), auf dem Revazov steht, per Hand bedient.

Ein silbrig glänzendes, gemustertes Frackkleid über dunkelsilbrig schimmernder Knickerbocker-Leggings machen aus diesem Auftritt bereits eine kleine niedliche Sensation. Das Kostüm (erlesen wie das Licht und ebenso aus der geübten multitalentierten Hand des Choreografen Neumeier stammend) betont die Freiheiten der Fantasie, aber auch deren an die Gesellschaft zurückgebundene Schwerkraft.

Heiter und bildschön tanzt Revazov für seinen Schöpfer – und alsbald erweist sich der große Blonde als äußerst hilfreich für den kleinen Blonden, den er hebt und durch die Luft setzen kann, wie beide es gerade gern möchten.

Der Komponist, der kleine Blonde, ist schier erstaunt über die Kraft seiner Kreatur, seines „Kindes“, das er kompositorisch schuf.

Beethoven im Ballett

Aleix Martínez als Beethoven: im „Beethoven-Projekt“ von John Neumeier spielt er mit und ohne Luftnummer… Foto: Kiran West

Die von Michal Bialk sanft und fast romantisch am Flügel gespielten „Eroica-Variationen“ 1 bis 15 sind aber auch wie gemacht, um die Nüchternheit einer Komposition, wie sie in Heimarbeit beim Tonkünstler entsteht, mit all den Höhenflügen, zu denen sie Anlass geben soll, zu verbinden.

Dass Schöpfung an sich nicht immer nur Flow und Happiness bedeutet, sondern auch Kampf und Krampf und Kummer und Erschütterung – ist ebenso zu sehen wie zu fühlen.

Einsam spielt Beethoven Luftklavier – oder sieht sich von seinen eigenen Vorstellungen übermannt.

Matias Oberlin, David Rodriguez, Madoka Sugai, Jacopo Bellussi, Florencia Chinellato (die wie Sugai stark an Gewicht verlor und wie jene nunmehr eher gewöhnlich schlank statt eigenwillig schön wirkt), Borja Bermudez sowie Christopher Evans, Florian Pohl, Nicolas Gläsmann, Marià Huguet, Xue Lin und Greta Jörgens illustrieren mit Elan und Feingefühl, welche „Diener“ und „Aggressoren“ die mentale Befindlichkeit eines stürmischen Genies, wie Beethoven es ist, in der Fantasie gebiert.

Beethoven im Ballett

Patricia Friza und Aleix Martínez in einem atemberaubend schönen, vielschichtigen Paartanz: Beethoven mit Muse, Mutter(ersatz), Partnerin. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Zum 2. Satz, dem Largo, aus dem „Geistertrio“, also dem Klaviertrio D-Dur op. 70 Nr. 1, hat dann eine Neumeier-Muse, die sich nach längerer Ensemblezugehörigkeit in den letzten Jahren voll entfaltete, einen starken Auftritt: Patricia Friza taucht im dunkelroten Kleid (passend zur roten Wand rechts) auf, als sei sie Muse und Mutter des komponierenden Mannes zugleich.

Ein bezaubernd bestrickender, jede Faser der beiden Menschen miteinander verwickelnder Pas de deux macht klar, wie komplex unsere Gedanken sein können, zumal, wenn sie von Menschen und unterschwelliger Erotik angeregt sind.

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Und als er friert, sorgt sie für ihn, indem sie ihm eine schwarze Jacke anzieht – gegen die menschliche Kälte da draußen in dieser Welt, die jedes Mal aufs Neue davon überzeugt werden muss, dass Musik und Harmonie, Kunst und Tanz höchste Wertigkeiten sind.

Und auch der starke, groß gewachsene, dennoch sanft wirkende Florian Pohl kann trösten, wenn er den Zuckenden empor hebt und ihm solchermaßen Freiraum verschafft, um mit tretenden Bewegungen in neue geistige Sphären aufzubrechen.

Aber auch Todesahnungen überkommen den Komponisten, der im wahren Leben langsam taub wurde, was für einen Musiker ein besonders hartes gesundheitliches Schicksal darstellt. Beethoven konnte dennoch fortfahren zu komponieren, hörte dann aber alles nur noch in seiner inneren Welt, in seiner sehr ausgeprägten Vorstellungskraft.

Neumeier lässt akustisch ein Flugzeug immer wieder starten, und das zusätzlich verfremdete Geräusch bildet einen harten Kontrast zu den Harmonien und Schönheiten der Beethoven-Klänge. Aber auch dieses destruktive Grauen gehört – mit der einsetzenden Taubheit – fortan zu Beethovens Kosmos.

Dass der Krieg zu seinen Lebzeiten allgegenwärtig war, versinnbildlicht ein Soldat (Borja Bermudez), der mit Gewehr und später ohne Stiefel tanzt. Es dauert eine Weile, bis man den Sinn dieses Pas de deux von Kunst und Krieg (von Beethoven und dem Soldaten) versteht. Aber dann ist klar: Ohne Gewalt überzeugt die Kunst, und der Soldat wird ohne Waffe und ohne Marschwerkzeug ein neuer Mensch, ein friedlicher Tänzer. Nur ein Traum?

Beethoven im Ballett

Tanz zu dritt, mit Notenblatt: Anna Laudere als Muse und Aleix Martínez als Beethoven, in John Neumeiers „Beethoven-Projekt“ beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Träume sind auch die in sich abgerundeten einzelnen Musikteile. Eine Klaviersonate und ein Streichquartett liefern außer den Eroica-Variationen weitere akustische Vorlagen für die „Beethoven-Fragmente“, so nämlich ist dieser erste Teil des Abends vor der Pause benannt.

Dessen abschließendes „Intermezzo“ umfasst „Die Geschöpfe des Promotheus“, hier als Ballett im Ballett mit einer urkomisch als Preisverleihung inszenierten Spielhandlung garniert.

Ein Gewitter mit Donner und Blitzen zieht allerdings vorher auf, zeigt die harte Seite der Natur, ironisiert von einem ungerührt dreinschauenden Bühnenarbeiter, der die rechte rote Wand abtransportiert.

Beethoven – jetzt im schwarzen Frack überm nackten Oberkörper – wundert sich…

… und versucht, durch den Orchestergraben zu entfliehen.

Vladimir Kocic, als „Dispatcher“, hindert ihn daran. Mit zünftiger Miene, als wolle er sagen: Na, unser von den Musen so oft geküsster Weltstar will doch nicht etwa abhauen? So kurz vor einem Höhepunkt seiner Karriere?

Patricia Friza im roten Kleid taucht auf, mit Mikrofon in der Hand und High Heels an den Füßen: an die souveräne Pressesprecherin des Bolschoi Theaters bei Kino-Übertragungen erinnernd. Sie verkündet, man werde „Die Geschöpfe des Prometheus“ sehen, ein Ballett von Beethoven, das 1801 von Salvatore Viganò in Wien uraufgeführt worden war.

Beethoven im Ballett

Auch das ist das „Beethoven-Projekt“: Aleix Martínez mit Preisrolle und Goldlyra – das Künstlertum als zwischen Komödie und Groteske changierend. Foto: Kiran West

Ballett-Theater: Friza spricht ihren Text schauspielreif, Beethoven wird zudem mit Preisrolle und goldener Lyra bestückt, und wie in einem Alptraum vom Kulturzirkus soll jetzt auf Knopfdruck die große Kunst stattfinden, zur Bespaßung eher statt zur Erbauung – Beethoven fühlt sich anscheinend so grässlich unpassend, als sei er im falschen Film.

Doch die Probensituation auf der Bühne fängt ihn auf.

Als lebendig gewordene Statuen (man fühlt sich an „Pygmalion“ erinnert) kommen mit spitzen Avantgarde-Polstern versehene Gestalten herein, denen offenkundig die richtige tänzerische Erziehung noch fehlt.

Madoka Sugai und Borja Bermudez werden von Beethoven nach und nach entkleidet, bis auf weiße Hosen und ein Oberteil. Ihnen fehlt noch das Menschliche, denn zunächst wurden sie nur so lebendig wie zappelige Bestien oder auch  klonartigen Kreaturen aus einem Fantasie-Labor.

Mit Goethes aufrüherischer Bedecke-deinen-Himmel-Zeus-mit-Wolkendunst-Hymne auf Prometheus (der der antiken Saga nach den Menschen das Feuer und somit alle künstlerischen und wissenschaftlichen Fortschritte brachte) hat Beethovens Ballett übrigens nichts zu tun, auch nicht hier in der Neumeier-Rezeption. Auch die Bestrafung des Prometheus für seine Hybris, Zeus nicht mehr dienen zu wollen, ist hier gegenstandslos.

Statt als ewiger Gemarterter (dem in gefesseltem Zustand stets aufs Neue die Leber von einem Adler weggefressen wird) erscheint Prometheus hier als rundum autarker Herrscher über seine beiden seltsamen Geschöpfe. Die Götter höchstselbst stehen ihm dabei hilfreich zur Seite – Neumeier machte aus dem Beethoven’schen Idyll mit liebevollem Zwinkern eine feinsinnige Ballettsatire.

Und natürlich ist auch diese wieder ein Fest für die hoch begabten Tänzerinnen und Tänzer vom Hamburg Ballett.

Edvin Revazov als Musengott Apollo, mit wallendem Haar und durchsichtiger Toga, sowie Anna Laudere als edle Balanchine-Terpsichore und somit als Göttin der Tanzkunst werden von MartínezBeethoven-Prometheus flugs dazu gebracht, die beiden ungestümen, tölpelhaften Geschöpfe des Prometheus (als welcher Ludwig van Beethoven hier eben selbst firmiert) zu unterrichten.

Revazov macht das mit köstlicher Satire in jeder Geste, er tanzt, hält sein edles Weib in Arabesken in Schach und hüpft immer mal wieder gönnerhaft zu den Neulingen, um diesen feine Posen und schöne Schritte beizubringen.

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Laudere unterstützt ihn und zeigt Sugai saubere Échapés in Spitzenschuhen – die Erziehung fruchtet, aus den sich holprig bewegenden kleinen Ungetümen werden ansehnliche Balletttänzer.

Dass Revazov auch in Neumeiers Ballett „Orpheus“ den Apoll tanzte, ist eine Petitesse, die den Reiz des zu Sehenden für Insider noch erhöht.

Ein großes Ensemble feiert nun mit, strickt am Mythos der Antike – und Neumeier zitiert „Faust II – Erlösung!“ von Xin Peng Wang, der ein neoklassisches Ballett aus lauter Paaren idealtypisch für die Utopie der alten Griechen inszenierte.

Drei Damen haben antikisch aufgetürmte Frisuren mit leuchtenden Haarbändern, ganz wie Lucia Lacarra als Helena in Wangs Stück von 2016.

Eine nette Hommage, die zudem den „Redefluss“ der Beethoven’schen Musik hier unterstreicht. Denn es ist ja die große Spezialität der sinfonischen Beethoven-Werke, zugleich maximal eingängig und dennoch postulierend eigensinnig zu wirken.

Beethoven im Ballett

Aleix Martínez im „Beethoven-Projekt“: eine Mammutpartie mit Luftdirigenten-Zulage. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Beethoven alias Aleix Martínez dirigiert derweil in die Luft, mit entzückter Miene – für solche Momente lohnen sich offenbar all der Schweiß, all die Sorgen, die das Künstlerleben so mit sich bringt.

Dass sich dann das Ensemble in unterschiedlichsten Kostümen – auch die Moderatorin Friza ist dabei – zum höfischen Tanz in zwei gegenüberliegenden Reihen aufstellt, bezeugt die ständeversöhnende, in festlicher Fröhlichkeit beschwingende Macht des Kontretanzes, welcher auch musikalisch ein Leitmotiv der Inszenierung ist.

Der dazu passende Text wird auch gleich noch auf der Bühne aufgefahren – voilà!

Diese Aufschrift auf dem am Ende des ersten Teils herabsinkenden Gaze-Vorhang bleibt in der Pause bestehen und lesbar. Es ist eine Reflexion von Friedrich Schiller, der 1793 befand, dass der höfische „englische Tanz“, also das Vorbild vom Kontretanz, der seine Paare verwickelt und durcheinander wirbelt, das „treffendste Sinnbild der behaupteten eigenen Freiheit und der geschonten Freiheit des anderen“ sei.

Tanz gleich Freiheit, Freiheit gleich Tanz – wenn das kein Triumphwort für einen Ballettabend ist!

Das demokratische Element, das Schiller im Englischen Tanz erblickte, es hat etwas Revolutionäres, unbestreitbar. Beethoven wird somit auch zu einem implizit politischen Ideenträger von Hoffnung und Gerechtigkeit.

Aber auch die Musik und ihre Interpretation in diesem Programm sind unbedingt zu erwähnen.

Michal Bialk am Klavier verleiht Beethoven mitunter die Anmutung von Schumann oder Chopin, romantisch dramatisiert statt immerzu nur festgezurrt auf den einen pumpernden Taktschlag.

Beethoven wird ja oft ziemlich pompös und populistisch interpretiert; die Gefahr des Mitschunkelns ist dann nicht selten gegeben.

Dieser Abend steuert dagegen an, sehr erfolgreich!

Denn die instrumentalen Solisten wie auch der Dirigent Simon Hewett mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg verstehen es, dem sonst oft bis zum akustischen Pudding zugemanschten Beethoven wieder starke Konturen und fein ziselierte Linien zu verleihen.

Da wird differenziert und da werden Horizonte eröffnet! Da kann man jede Note einzeln wie als Gruppenklang hören – und doch die melodischen Streicher von den drängenden Bässen nur zu gern unterscheiden.

Präzision ja, kalte Gefühllosigkeit nein – mit diesem Entscheid hat Hewett einfach nur Recht.

Der Prunk und Protz der klassischen Partituren weicht hier ihrer eigenen Gefühligkeit und ihrem romantischen Potenzial. Rhythmisch stark bleibt Beethoven natürlich – aber das Mozartianische seiner Musik wirkt nicht mehr so süßlich, weil die Paukenschläge nicht mehr bis ins Militärische überdreht sind.

Und während Beethoven oftmals viel zu wuchtig und schwer serviert wird, gewinnt er hier wieder eine Leichtigkeit, die auch der tänzelnden Biedermeier-Epoche Rechnung trägt. Das ist historisch korrekt und doch ein Genuss!

Solchermaßen kann man Beethoven ernst nehmen, ohne ihn an die musealen Maßstäbe, die nur allzu rasch ihrer Inhalte verlustig gehen, zu verraten.

Beethoven und Ballett – dieser Abend ist ein voller Treffer, in tänzerischer, aber eben auch in musikalischer Hinsicht.

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Dabei hing die Messlatte mal wieder hoch. Der Choreograf Uwe Scholz (1958 bis 2004) schuf mit der „Siebten Sinfonie“ das bislang ultimative Beethoven-Ballett unserer Zeit, zumindest ist es sein eigenes bestes Stück überhaupt. Schwebend-futuristisch, in neoklassischer Manier, lässt Scholz mit erhaben-musischem Gestus darin auftanzen, vor allem paarweise – das Stück ist ein Triumph für die Beziehungsfähigkeit im ballettösen Bühnengeschehen.

Ein eher typisches Beethoven-bringt-Popularität-Stück inszenierte hingegen Maurice Béjart mit seiner „Neunten Sinfonie“. Ihm ging es hierin um Breitenwirkung, darum, eine Masse Mensch zu erreichen, die auf subtilere Musiken eher gar nicht reagiert. Anklänge an ein Basket-Ball-Spiel im Bühnenbild (vor allem mit dem entsprechenden Bühnenboden) waren da kein Zufall.

John Neumeier nun hat sich nicht zum ersten Mal mit Ludwig van B. choreografisch auseinandergesetzt. Es ist seine dritte Schöpfung zu Beethoven-Musik; allerdings sind die beiden vorangegangenen gut und gerne als Marginalien im Vergleich zu diesem abendfüllenden Wurf zu bezeichnen.

Beides sind Kurzballette. So wurden im August 2012 die „Beethoven Episodes“ im Berliner Konzerthaus uraufgeführt, vom dort gastierenden Bundesjugendballett, dessen Intendant Neumeier zusätzlich zu seinem Hauptposten beim Hamburg Ballett ist.

Beethoven im Ballett

Florencia Chinellato im Arm von Aleix Martínez als Beethoven im „Beethoven-Projekt“: Figuren aus der Fantasie führen ein Eigenleben…  Foto: Kiran West

Es wurde als „work in progress“ deklariert, blieb aber bislang nur in der ersten Version bestehen. Der heute in Stuttgart bei Gauthier Dance tanzende Maurus Gauthier tanzte die Hauptrolle: einen jungen Mann, der sich auf der Suche nach sich selbst, den anderen und der Liebe befindet. Besonders ergreifend darin: ein Männer-Pas-de-deux, der kraftvoll-poetisch zwischen Freundschaftsakt und Ringkampf changiert. Die Musik dazu: ein Auszug aus Beethovens Streichquartett B-Dur op.130 (das vom Eroica-Motiv weit entfernt ist).

Ein zweites Beethoven-Stück Neumeiers entstand erst dieses Jahr, sozusagen im Vorfeld der Uraufführung des „Beethoven-Projekts“: Die „Beethoven Dances“ frönen aber nicht der Freiheit des Künstlers an sich, sondern den Fähigkeiten der Hamburger Ballettkinder von Neumeiers Schule. Für die diesjährige Show „Erste Schritte“ der Schule gönnte der Ballettboss solchermaßen sich eine Beethoven-Übung und den Gören maßgeschneiderte Tänze.

Das „Beethoven-Projekt“ behielt übrigens schlicht seinen Arbeitstitel. Da es darin sowohl um die Musik des Titanen als auch um seine Persönlichkeit geht, passt die Betitelung ja auch allerbest.

John Neumeier, mit stilechtem Beethoven-Halswickel, bei seiner Rede nach der Uraufführung vom „Beethoven-Projekt“: ein Genie spricht über ein Genie. Foto: Gisela Sonnenburg

Musikalisch hat der Abend einen Leitfaden: Eine relativ einfache, aber sehr effektvolle Melodie, die das Hauptthema der dritten Sinfonie bildet, welche auch als „Die Heroische“ bzw. als „Eroica“ bekannt ist.

Beethoven wollte mit ihr mutmaßlich Napoleon Bonaparte wegen seines demokratischen Ansinnens ehren. Weil Napoleon sich aber dann selbst zum Kaiser krönte – was Beethoven herbe enttäuschte – blieb er in dem Musikstück unerwähnt.

Aber die Melodie lobt unverdrossen den „demokratischen“ Tanz, den Kontretanz, der deshalb als demokratisch galt, weil er unterschiedliche Stände miteinander tanzen ließ. Er ist zudem eine französische Variante des Englischen Tanzes, der Friedrich Schiller so gefiel.

Auch in den „Eroica“-Variationen, mit denen Neumeiers „Beethoven-Projekt“ beginnt, wird diese Kontretanz-Melodie zitiert. Und auch in den „Geschöpfen des Prometheus“, Beethovens Ballett von 1801, spielt das melodische Motiv eine Rolle (und zwar in deren Finale).

Ursprünglich zählt dieser Kontretanz zu einer Sammlung von Kontretänzen von Beethoven, von denen Neumeier etliche für seine „Beethoven Dances“ verwendet.

Umso erstaunlicher ist, dass man keineswegs das Gefühl hat, Opfer eines „Ohrwurmes“ zu werden. Die jeweilige Einbindung der Melodie in das es umgebende Stück gelingt Beethoven mit so viel Raffinement, dass man sich anstrengen muss, um die Phrase jeweils zu identifizieren.

Als Künstler macht man manchmal ganz schön was durch: John Neumeier – hier nach der Uraufführung vom „Beethoven-Projekt“ in der Hamburgischen Staatsoper – erlitt während der Arbeit über den taub werdenden Beethoven eine schmerzhafte Mittelohrentzündung. Foto: Gisela Sonnenburg

Dass Neumeier während der Kreation vom „Beethoven-Projekt“ eine Mittelohrentzündung erlitt, mit der er vorübergehend auf einem Ohr erschwert hörte, hat mit dieser Melodie jedenfalls ganz sicher nichts zu tun. Aber der Choreograf verdächtigte sich in seinem Tagebuch der „zu intensiven Identifikation mit Beethoven“ – wie viele andere interessante Details ist das im Begleitbuch der 44. Hamburger Ballett-Tage, die mit der Uraufführung am 24. Juni 2018 eröffnet wurden, sowie ab kommender Saison im Programmheft zum „Beethoven-Projekt“ nachzulesen.

Vier Sätze hat die „Eroica“, die vieldiskutierte, leidenschaftliche Heldenhafte, die in Es-Dur gehaltene 3. Sinfonie op. 55, an der Ludwig van Beethoven 1802 und 1803 komponierte.

Drei dieser Sätze enthalten das Allegro im Tempo – und während der erste Teil des Abends abstürzende Stimmungen und starke Wechsel zwischen Ernst und Heiterkeit evozierte, bildet der zweite Teil ein in sich geschlossenes, gleichwohl gesteigertes Konglomerat aus Angstvisionen und Hoffnungsideen.

Aleix Martínez klettert hier (man erinnert sich dabei an Neumeiers „Nussknacker“) aus dem Orchestergraben auf die Bühne. Er trägt den Frack zum nackten Oberkörper – und taucht ein in den Zauber, den die Musik in ihm bewirkt.

Vorzüglich zusammen gestellte Paare – wie Mayo Arii mit Karen Azatyan, Yun-Su Park mit Marc Jubete, Kristina Borbelyová mit Leeroy Boone und Sara Coffield mit Marcelino Libao – tanzen ein Halleluja, ohne dass man es als solches hören kann. Aber die festlich-schwebende Stimmung erinnert mal an die Gruppentänze in Neumeiers „Vierte Sinfonie an Gustav Mahler“, mal an sein „Weihnachtsoratorium I – VI“.

In delikaten Kostümen tanzen auch Männergruppen heran, die – auch mal paarweise – zeigen, was an Ästhetik beim starken Geschlecht möglich ist. Bordeauxrote, seidene Westen zu mittelblauen Hosen haben einen sehr modischen Effekt und betonen zudem die muskulösen Oberkörper.

Beethoven im Ballett

Faszinierend wie Adam und Eva: Edvin Revazov und Anna Laudere vor der höllischen Feuerwand im „Beethoven-Projekt“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Die Hauptdarsteller aber sind Anna Laudere und Edvin Revazov, die in einer Art Endzeit-Pas-de-deux anmuten wie Adam und Eva nach dem Rauswurf aus dem Paradies. Exquisite Hebungen, zarte Berührungen, trostreiche Handlungen schmieden die beiden zunächst aneinander.

Hinter ihnen mahnt ein Fegefeuer auf einer hängenden Glasmauer die ewige Sühne ebenso an wie die triste soziale Realität.

In diesem Bereich – einer Vorhölle auf Erden vielleicht – befinden sich Tänzerinnen und Tänzer, die sich langsam, aber sicher schmachtend, dem Elend des Stillstands ergeben, in die Knie und zu Boden sinken.

Schließlich verlässt „Adam“ seine Frau, um zu diesen Elenden zu gehen – und sie bleibt allein, auch als der Komponist Beethoven kommt, um sie zu trösten. Sie lehnt diese mitmenschliche Berührung aber ab, sie geht – und Martínez als Beethoven muss so die Erfahrung machen, dass seine Fantasien ein Eigenleben führen, das er nicht immer wirklich kontrollieren kann.

Schlagworte wie „soziale Gerechtigkeit“, „Komfortzone der Privilegierten“ oder „Weltverbesserung“ können einem einfallen. Man kann aber auch rein emotional reagieren – und die Konflikte eines zuvor miteinander glücklichen Paares als schon vorher im Glück latent vorhandenes Unglück deuten.

Für Beethoven wird die Welt immer mal wieder bunter, dann wieder strahlender und reiner, nämlich weiß.

Weiß, aber festlich gekleidete Paare bilden schließlich das euphorisierende Finale mit Martínez, der indes längst zu einem Zeitgenossen unserer Tage mutiert ist, der ein schlichtes T-Shirt und eine Blue Jeans trägt.

Wer will, erkennt hier fraglos den Meisterchoreografen Neumeier, und prompt tanzt Martínez mit seinem letzten Solo hier so moderne, mit zum Flex erhobener Fußspitze demonstrativ ausprobierende Schrittkombinationen, dass man sich beinahe im Ballettsaal bei einer kreativen Handlung wähnt.

Kollektiv und synchron tanzen dann alle auf der Bühne das Finale, ein mitreißendes, begeisterndes Stück aus dem Kabinett eines absoluten Könners – mir fällt kein Choreograf ein, der wie John Neumeier so glaubhaft und so stark positive menschliche Gefühle auf der Bühne mit Tanz inszenieren kann.

Die Schlusspose, von köstlicher Beseelung getragen, lässt das großartige Ensemble mit dem furiosen Aleix Martínez als Beethoven die Arme seitlich ausstrecken, die Hände sind dabei wie Schüsseln weich gerundet und nach oben gekehrt – und die ganze große Gruppe verfällt in ein hingebungsvolles Cambré, beugt also Kopf und Schultern leidenschaftlich nach hinten.

Als seien dieses die personifizierten Melodien Beethovens, während die dagegen anstrebenden dunkleren Rhythmen von einigen männlichen Tänzern weiter hinten dargestellt sind: Sie haben die Arme geradewegs himmelwärts erhoben.

Dies ist der bildgewordene Abschluss der dritten Beethoven-Sinfonie – und doch ist es auch noch mehr. Denn:

Noch einmal Aleix Martínez im blauvioletten Licht mit dem Piano: Musik und Tanz als höchste Kulturgüter! Foto: Kiran West

Diese Menschen, diese Künstler, sind bereit für eine Veränderung – ohne Hysterie, ohne Verblendung, ohne Einbüßung des Verstands oder gar des Mitgefühls. Und Sie?
Gisela Sonnenburg

Termine: siehe „Spielplan“

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