Geburtstagsständchen Kevin Haigen, Erster Ballettmeister vom Hamburg Ballett, wird 60: ein Berufsjugendlicher und doch alter Ballettadel

Kevin Haigen auf einer Probe

Gut gelaunt: Kevin Haigen bei einem Pressetermin im Ballettzentrum Hamburg – John Neumeier. Neben ihm Yohan Stegli, Ballettmeister des Bundesjugendballetts. Foto: Gisela Sonnenburg

Eigentlich hat er gerade vier Jobs auf einmal: Kevin Haigen, der am 6. November 2014 ein Alter erreicht, das man ihm nicht ansieht – nämlich 60 Jahre – ist Ballettlehrer, Gast-Coach, Erster Ballettmeister beim Hamburg Ballett sowie pädagogisch-künstlerischer Leiter des Bundesjugendballetts (BJB). Er gilt als wandelnde Geheimwaffe von John Neumeier, dem Impresario des Hamburg Balletts, und wenn irgendwer sagen kann, was gut getanztes Ballett und was schlecht getanztes Ballett ist, dann Kevin Haigen.

Geboren in Miami, wurde Kevin Carlisle Haigen früh von der Primaballerina Violette Verdy für New York entdeckt. Verdy ließ den Teenager Kevin bei ihrer Mutter wohnen, tagsüber besuchte er die Ausbildung der School of American Ballet. Er kannte noch George Balanchine, den legendären Begründer der School (und Mitbegründer des New York City Ballet). Von seinem wichtigsten Lehrer dort – dem „Tänzermacher“ Stanley Williams – schwärmt Haigen noch heute. Dabei lieben seine eigenen Studenten vor allem Kevin Haigen selbst, weil er die schwierigen Regeln und Vorgaben des Bühnentanzes so zauberhaft eingängig vormachen und erklären kann.

Dass Ballett auch mit starkem Leistungsdruck und ständiger Mühsal zu tun hat, kann man darüber fast vergessen. Das ist seine Magie: Wenn Haigen als junger Mann tanzte, dann versank die Welt in Träumerei; wenn Haigen heute unterrichtet oder coacht, haben seine Tänzerinnen und Tänzer die Chance, ihre Körper jedes Mal neu zu entdecken – und dadurch ihr Publikum zum Träumen zu bringen. Die Ergebnisse sind immer wieder beglückend, Haigens Handschrift als Coach ist unverkennbar. Sie ist in Details besonders stimmig: Bestimmte Armhaltungen, Posen, Kopfbewegungen sind für seine Einstudierungen typisch.

Expressiv und schön: Kevin Haigen

Als junger Tänzer hatte er bereits eine außergewöhnliche und vielseitige Ausdruckskraft: Kevin Haigen, der schon mit Anfang 20 Erster Solist bei John Neumeier wurde. Foto: privat

Man kann zudem vom „Haigen’schen Schwebe-Effekt“ sprechen. Mit äußerster Anmut bis in die Fingerspitzen. Mit einem schwerelosen,  spannungsgeladenen Bewegungsfluss. Mit elegant abgerundeten, aber  betont einfachen Linien. „Legato“ würde man in der Musik sagen: wie verbunden. Und stets findet sich eine vorwitzige Pointe in der Mitte oder am Ende einer Bewegungsphrase. In den letzten 15 Jahren formulierte Kevin Haigen sich immer prägnanter, reifte noch zusehends, um die Tänzer abheben zu lassen. Sein Stil ist intensivierte Grazie, sozusagen.

Auch beim Darstellerischen zeichnet ihn, zumal als Ausbilder, ein Blick fürs Wesentliche aus, gepaart mit dem Wissen um die unbedingte Notwendigkeit, jede Sekunde auf der Bühne sinnvoll zu füllen. Manche seiner Schüler betonen, dass sie dieses Eine nur von ihm lernen konnten: das SEIN auf der Bühne. Nicht ohne Grund bucht ihn die  renommierteste Ballettschule Westeuropas – nämlich die der Pariser Oper – regelmäßig als Gastlehrer.

An den sichtbaren Ergebnissen gemessen, ist Haigen wahrscheinlich der beste Ballettmeister, den die aktuelle Tanzwelt zu bieten hat. Es gibt überall im Ballettuniversum erfolgreiche Körperkünstler, die schwören, dass sie – in Sachen Linie, aber auch bei Pas de deux und Hebungen – immer noch etwas dazu lernen, wenn sie mit Neumeiers Haigen arbeiten. Superstars wie Svetlana Zakharova und Marcelo Gomez – mit denen Haigen nur stückbezogen arbeitete – verdanken ihm jeweils neue tanzbare Einsichten in die Körperkunst.

Bei seinen Tugenden und auch bei seinem Lebensweg kann man sagen: Kevin Haigen verkörpert zwar die good old school, ist alter Ballettadel, aber er ist dennoch – weil die Tanzkunst es so verlangt, insbesondere das Bundesjugendballett – auch ein Berufsjugendlicher im besten Sinne. Das Wort Workaholic könnte dabei für ihn erfunden worden sein: Aus seiner Sicht hat er keine Alternative, soviel zu arbeiten wie nur irgend möglich ist sein Ziel. Denn das sei nun mal seine Prioriät, mit Lebenszeit umzugehen, sagt er.

Kevin Haigen mit Wuschellocken und Porzellanteint

Mit Porzellanteint und Wuschellocken ein unverwechselbarer Typ: der junge Kevin Haigen, wie er in den 70er und 80er Jahren reüssierte. Foto: privat

Ballett als Kunst, die nie ganz vollendet ist. Weil sich das Ideal mit jeder weiteren Perfektionierung nur noch höher schraubt. Vom Prinzip her:  Sisyphos-Arbeit. Genau richtig für Nimmersatte wie Haigen! Trotzdem gehört auch Musikalität dazu. Tatsächlich: Ist Kevin Haigen gut gelaunt und redselig – was nicht immer der Fall ist – klingt seine Rede wie eine volkstümliche Melodie, mit walzernden Rhythmen und Flamenco-artigen Stampfeinlagen. In der „West Side Story“, die John Neumeier 1978 in Hamburg auf die Opernbühne brachte, sang er denn auch die Rolle von Baby John mit auszumachendem Spaß am Tönetreffen.

Kevin Haigens ballettöse Doppelbegabung – einerseits als Tänzer, andererseits als Lehrer und Ballettmeister – war früh offensichtlich. Sie veranlasste den hoch renommierten dänischen Ballettstar Erik Bruhn, den erst 17-jährigen Kevin von New York nach Kopenhagen einzuladen: um beim Coaching der Damen in „Les Sylphides“ beim Royal Danish Ballet auszuhelfen.

Videos wie die „Ballett-Werkstatt“-DVDs aus den 70er und 80er Jahren – vor allem das Kapitel „Der Mann tanzt“ von 1981 – beweisen: Als Jungtänzer hatte Haigen, damals mit Wuschellocken zum Porzellanteint ausgestattet, eine derart anmutige Aura, wie es sie bei Männern – und sogar bei Frauen – nur in Ausnahmefällen gibt. Wenn man ihn heute danach befragt, was diese für Ballett so typische Grazie seiner Meinung ausmache, sagt er nach kurzem Überlegen ganz ernsthaft: „Das ist Muskelkontrolle!“ Aber er weiß zugleich, dass das nur ein Teil von jener Kraft ist, die das Tanzen zu einer tiefgreifend wirksamen Kunst macht.

Denn Tanz sei etwas Spirituelles, betont Haigen immer wieder, da sei etwas, das man nicht erklären könne – und genau dieses Etwas sei das eigentlich das Wesentliche. Es ist nun Kevin Haigens ureigenes Talent, dieses gewisse Etwas auch in anderen Menschen hervorzurufen. Da spielen auch Gefühle und Gedanken eine wichtige Rolle. Tanz als Einheit von Körper, Geist, Seele.

Humor ist inbegriffen. Als ich Haigen mal als „Papst in Sachen Anmut“ bezeichnete, lachte er und korrigierte mich: „Oh nein, ich bin kein Papst!“ Wir einigten uns auf „Großmeister der Grazie“ – so ein Stabreim macht auch ihm Spaß.

BEI DER ANMUTSARBEIT – WIE EIN FUSSBALLTRAINER ODER WIE EIN SCHAMANE

Bei der ANMUTSARBEIT im Ballettsaal wirkt Haigen manchmal wie ein Fußballtrainer, manchmal aber auch wie ein Schamane in Trance. So hatte er schon immer einen ausgeprägten Instinkt für Qualität im Ballett. Darum fing er auch sofort Feuer, als John Neumeier in den 70ern in New York als Choreograph gastierte, mit „Der Kuss der Fee“. Zu diesem Zeitpunkt war Kevin Haigen in New York nicht mehr ganz glücklich. Denn Balanchine wollte ihn, das vielseitige Balletttalent, vor allem als Choreographen für die Junior-Company heranziehen. Als kommenden Bühnenstar sah er den klein gewachsenen Brünetten weniger.

Für Kevin Haigen aber stand fest: „Ich wollte tanzen!“ Aber was? Neumeiers dramatisch-modernisierende, auch intellektuelle Art, mit traditionellen Libretti und überlieferten Choreos umzugehen, war genau das, wo Haigen mitmachen wollte: Da erkannte ein Genie das andere! Doch dazu musste es der junge Haigen aus den USA in ein Engagement nach Hamburg schaffen – für einen Anfänger auch mit viel Ausnahmetalent nicht einfach.

Das Schicksal war hilfreich. Der amerikanische Choreograph Glen Tetley war damals Ballettdirektor in Stuttgart. Haigen kannte Tetley aus New York und ließ sich und die damalige Tanzkollegin und Freundin Giselle Roberge für Stuttgart verpflichten. So landeten die zwei späteren Neumeier-Solisten zunächst im Schwabenland. Haigen telefonierte von da aus nach Hamburg, bis Neumeier Bedarf hatte und nachgab: „Du kannst kommen!“ Haigens erste Rolle in Hamburg war Prinz Alexander in „Illusionen – wie Schwanensee“. Er tanzte diesen frisch verlobten Vertrauten des durchgeknallten Königs Ludwig II. mit burschikoser Lieblichkeit und, natürlich, dem Haigen’schen Schwebe-Effekt. Ein Ausbund an jugendlicher Schönheit und Sexiness!

Auf der bis vor kurzem und bald wieder im Handel erhältlichen DVD des Stücks tanzt der ehemalige Haigen-Student Alexandre Riabko diesen Part: sichtlich vom Großmeister der Grazie in die Geheimnisse derselben eingeweiht, ebenso wie Silvia Azzoni, die Riabko auf der DVD zärtlich partnert (und im wahren Leben geheiratet hat).

"Opus 100" von John Neumeier

Veritable Seniortänzer: Kevin Haigen und Ivan Liska in John Neumeiers „Opus 100 – for Maurice“. Foto: Charles Tandy

Man darf zusammen fassen: Wann immer Tänzer vom Hamburg Ballett besonders anmutig, aber präzise und synchron tanzen, kann man davon ausgehen, dass Kevin Haigen sie beprobte. Unter seinen Händen entsteht jene scheinbar naive Poetik, die Haigens Spezialität auch als Tänzer war: einerseits kindhaft, andererseits sexy. Eine übermächtige Poesie der Unschuld, wenn man so will. Je nach Stück und Szenerie changiert diese Grundfärbung, mal ins Leichte, mal ins Düstere hinein, wird mal komödiantisch, mal leidenschaftlich, mal tragisch; mal mehr klassisch, mal mehr zeitgenössisch.

Seit letzter Spielzeit wirken Kevin Haigen und sein Know how allerdings zunehmend vor allem im Ausland, bei den zahlreichen Einstudierungen der Neumeier-Ballette: in Metropolen wie Kopenhagen und Moskau, San Francisco und Houston, Peking und Paris. Sein nächster diesbezüglicher Coup wird eine Arbeit in Wien sein, wo im Februar 2015 die „Josephs Legende“ premiert.

Zu diesem Stück hat Haigen eine besondere Beziehung, seit Neumeier es 1977 für ihn, den damals erst 22-jährigen, kreierte. „Das war wohl meine wichtigste Rolle“, sagt Haigen rückblickend, „sie war damals so sehr in mir drin.“ Dass ein so junger Tänzer schon eine so große, auch schwierige Solopartie gestalten konnte, mutet heute wie ein Rätsel an. Videos belegen: Mit Anmut und Androgynität, mit auffallenden Sprüngen – wie den „Luftritten“ der Grands Pas de chats – sowie mit häufigen vierfachen Pirouetten konnte Haigen als Joseph seine technische Souveränität wie auf Knopfdruck schön vorzeigen.

Vor allem aber verlangt die Rolle eine bestimmte typgerechte Ausstrahlung: eine erotische Vielseitigkeit, auch eine zur Schau gestellte Wachheit, die in dieser Kombination nur sehr selten zu finden sind. Weshalb das Ballett über den alttestamentarischen, visionär begabten  Joseph – der von einer Herrschersgattin verbotenerweise verführt wird – von allen Welterfolgen Neumeiers am seltensten einstudiert wird. An der Wiener Staatsoper soll es nun, 38 Jahre nach der dortigen Uraufführung, gelingen, einen neuen Joseph passend zu prägen, mit einem Tänzer wie etwa dem noch blutjungen Italiener Davide Dato oder dem dann auch erst 24-jährigen Ersten Solisten Denys Cherevychko, einem Russen. Mit letzterem bimste Haigen schon erfolgreich die Titelpartie des „Vaslaw“. Und vielleicht wird Joseph ja auch dieses Mal ein Künstlerschicksal, nicht nur eine Rolle.

„JOSEPH“ WAR MEHR ALS NUR EINE ROLLE

In Haigens Leben folgten weitere prägende Neumeier-Hauptrollen: Puck in „Ein Sommernachtstraum“, der Junge in der „Vierten Sinfonie von Gustav Mahler“, Désiré in „Dornröschen“, Armand in der Hamburger Fassung der „Kameliendame“, Lancelot in der „Artus-Sage“, Petruschka im hypermodernen „Petruschka“ von 1982. Und, und, und. Bis 1983 prägte Haigens Tänzerpersönlichkeit zusammen mit anderen untypischen Tanzstars das Ballett der Hamburgischen Staatsoper, wie Neumeiers Truppe damals hieß.

Dann verließ Kevin Haigen aus privaten Gründen das Ensemble an der Alster. Er wollte – ein einziges Mal – das Ballett aufgeben, aus Liebe zu einem Mann. Doch kaum hatte der zierliche Ballerino in der tanzlosen  Fremde seinen Koffer abgestellt, wurde ihm klar: „Das ist nichts für mich.“

Jiří Kylián fing den frei gewordenen Neumeier-Star auf, integrierte ihn in das damals trendige Nederlands Dans Theater in Den Haag. Haigen reüssierte vor allem im preisgekrönten Erstling „Jardi tancat“ von Nacho Duato sowie in einer Rolle, die Glen Tetley einstmals choreographiert hatte: „The Anatomy Lesson“ („Die Anatomiestunde“). Es war nach einem opulent-geheimnisvollen Gemälde eines alten holländischen Meisters, nämlich Rembrandt, entstanden und sprengte mit subtilen Andeutungen ziemlich viele künstlerische Tabus in der Ballettwelt. Tod und Eros, Wissen und Verdrängen, Aufklärung und Vergessen: Haigen avancierte darin zu einem diabolischen Meister des Unheimlichen.

Haigen und Liska tanzen Neumeier

Hilfe und Konfliktaustragung, Nähe und Distanz: Ivan Liska und Kevin Haigen in John Neumeiers „Opus 100 – for Maurice“. Foto: Charles Tandy

Weitere Stationen wurden zu einem zweiten Lehrweg für den genialischen Tanzstar: In Monaco wurde er Étoile, begann zeitgleich seine Arbeit als Ballettmeister, choreographierte auch. Auch in London war er zugleich Tänzer und Ballettmeister – eine Doppelbelastung, die nur wenige aushalten und bei der die Kräfteverhältnisse innerhalb einer Person ganz schön ins Wanken geraten können. Aber auch die Talentsuche beschäftigte Haigen schon damals, es macht ihm stets Spaß, das individuelle Flair eines Tänzers zu erfühlen. Auf einer Tournee mit dem London Festival Ballet, für das er damals arbeitete, entdeckte er die spätere Primaballerina und Ballettdirektorin Marguerite Donlon, die er einlud, mit der Truppe zu trainieren.

Die Exilrussin Natalia Makarova bat ihn dann noch, für sie und Martin James als ihren Partner ein Gala-Stück zu choreographieren. Haigen tat es, nach Musik von Tschaikowski. Ein Riesenerfolg. Dass Kevin Haigen für Choreographie ein Händchen hat, wusste ja schon der alte Balanchine.

Heute genießt er es als Leiter des BJB, sowohl modifizierte als auch brandneue Neumeier-Stücke mit seinen Elite-Schülern zu zeigen. Nur gelegentlich schöpft er auch selbst, allein oder im Team, etwa mit einer ehemaligen Pariser Startänzerin. Apropos Schwebe-Effekt: Die „Raymonda“-Fantasie von Haigen bebildert einen klassisch-liebreizenden Reigen für Paare, ist aber, wie eigentlich alle Haigen-Choreographien, vor allem als Lehrstück zu verstehen. Er choreographiere, damit sich die Tänzer noch weiter verbessern, sagt „Kehvin Cheygn“, wie ihn die Russen nennen.

Von daher ist es nicht verwunderlich, dass auch die Abende „Erste Schritte“ von John Neumeiers Ballettschule zumeist von Kevin Haigens Anmutsarbeit geprägt sind. Gerade die ganz jungen Tänzerinnen und Tänzer bedürfen dieser „Dressur zur Schönheit“, wenigstens einmal im Jahr! Typisch in den Jugendprogrammen: eine Haigen’sche „Rosette“, in deren Mitte sich die Tanzenden akrobatisch türmen, während die anderen in mehreren Kreisen drumrum posieren.

MÄNNERTÄNZE BEI MAURICE BÉJART

Einen Teil seines Könnens verfertigte Haigen allerdings nicht in Hamburg, Monaco, Den Haag oder London. Sondern bei einem Meister des Tanzens, der ein guter Freund von John Neumeier war: Maurice Béjart. Dessen sinnliche Männertänze und populären Spektakel lagen dem charismatischen Haigen, der bei Béjart weitere Facetten an sich entdeckte.

Zeitweise tanzte er sogar mit Vollbart, für einen Balletttänzer damals absolut ungewöhnlich. Der Versuch, zusammen mit Jorge Donn aus der französischen Provinz heraus das „Ballet de l’Europe“ zu leiten, scheiterte allerdings. 1990 kreierte Kevin Haigen dann noch einmal eine ganz große, bedeutende Bühnenpartie: aufwühlend, dubios und rückhaltlos geriet sein Alberich in Béjarts „Ring um den Ring“ in Berlin. Das war ein Höhepunkt und zugleich schon fast der Endpunkt in Haigens aktiver Tänzerkarriere.

Denn 1991 kehrte Haigen zu seinem Herzenschef John Neumeier zurück nach Hamburg, als Ballettmeister. Bald unterrichtete er mehr und mehr auch in Neumeiers Schule; Tänzer wie Yohan Stegli und Carsten Jung hat Haigen schon als Kinder ausgebildet. Seit einigen Jahren lehrt er allerdings vor allem die Jungs der Theaterklassen, also die fast fertigen Studenten, und natürlich die Tänzer vom BJB.

1996 und 1997 stieg der charmante Haigen mit dem souveränen Ivan Liška, dem früheren Tänzer-Kollegen und heutigen Münchner Ballettdirektor, nochmals auf die Bretter, die die Welt bedeuten – für eine Schöpfung Neumeiers. „Opus 100 – for Maurice“ ist eine Hommage an Béjart zu dessen 70. Geburtstag. Das Stück zitiert Gesten, Drehungen und Hebungen aus Neumeier-Balletten wie „Josephs Legende“, es spielt zudem mit Zitaten aus Maurice Béjarts „Die Stühle“. Es hat aber ein ganz eigenes Thema und zeigt, zum kuscheligen Gesang mit Gitarre von Simon & Garfunkel sowie zu einer von Neumeier flüsternd eingesprochenen, künstlerischen Liebeserklärung an Béjart, die Aufs und Abs einer intensiven Männerfreundschaft.

Da sind Nähe und Streit, Hilfe und Gemeinsamkeit, Gegensatz und Konfliktaustragung und vor allem solidarische Verhaltensweisen tänzerisch verdichtet zu besehen: in schnellen, oft originell-kleinteiligen Schrittabfolgen. Ohne Liška und Haigen hätte dieses Werk nie entstehen können. Aber: Es gibt Fans dieses ungewöhnlichen Paartanzes, die meinen, er sei vielleicht Neumeiers Bestling.

Kevin Haigen und Ivan Liska

Intensive Männerfreundschaft als Paartanz: Kevin Haigen und Ivan Liska in „Opus 100 – for Maurice“ von John Neumeier. Foto (Ausschnitt): Charles Tandy

2004 rief die Bühne noch einmal nach Kevin Haigen: Er tanzte die Witwe Simone in „La Fille mal gardée“, eine klassische Travestie-Rolle, mit Spitzenhaube, Holzschuhtanz und vornehm abgefedertem Klamauk. Ein weiteres Comeback auf die Bühne steht aus – vielleicht wird das ja in den kommenden Jahren noch mal was: Senioren-Tänzer mit Lebenserfahrung sind immer öfter für Choreographen und Regisseure als Inspirationsquelle interessant. Immerhin war er bei der Hamburger „Nijinsky-Gala XXXIX“ 2013 in einer nostalgischen Seniorenbesetzung mit Neumeiers „Dritter Sinfonie von Gustav Mahler“ zu sehen. Seine wie von innen leuchtende Power und seine verbindliche Art zu partnern hat der zierliche Ballettmann – der seit 2006 als Erster Ballettmeister die Proben kontrolliert –  allemal noch.

Vor allem aber hat der Trainer und Talenteförderer Haigen — seit der Spielzeit 2011/2012 — mit dem Bundesjugendballett noch ganz andere Aufgaben wahrzunehmen: Das Projekt, das tänzerische Berufsanfänger mit zahlreichen Auftritten und Workshops an ungewöhnlichen Orten auf ihre Zukunft vorbereiten will, ist auch mit etlichen repräsentativen Aufgaben verbunden.

Privat bleibt dem Überflieger Kevin Haigen bei so vielen beruflichen Aktivitäten nur wenig Zeit. Die verbringt er bevorzugt mit seinem hündischen Anhang, der – ganz standesgemäß  – sogar eine eigene Hunde-Nanny hat. Aber sonntags ist manchmal eine Extra-Runde mit Herrchen drin, im Alsterpark und gern mit einem Kaffee im Anschluss. Jetzt heißt es erstmal: Herzlichen Glückwunsch, Ballettfürst!
Gisela Sonnenburg

Ein schönes Video mit Kevin Haigen von 2016 gibt es hier:

www.hamburgballett.de

www.bundesjugendballett.de

UND SEHEN SIE BITTE HIERHIN: www.ballett-journal.de/impresssum/ 

ballett journal