Eine Glasmenagerie aus Träumen Mit einer amerikanischen Trilogie: John Neumeier, bleibender Chef vom Hamburg Ballett, stellte seine Pläne für die Saison 2018/19 vor

Pressekonferenz bei John Neumeier

John Neumeier stellte auf einer Pressekonferenz der Hamburgischen Staatsoper sein Programm für die Spielzeit 2018/19 vor. Kichern war dabei auch erlaubt! Foto: Gisela Sonnenburg

So etwas schafft wohl nur John Neumeier: Fast fünf Jahre lang sagte er, dass er seine Ämter als Hamburger Ballettchef 2019 abgeben werde, was vielen seiner Fans so schrecklich erschien, dass sie es nicht glauben wollten. Zurecht, denn jetzt hat Neumeier einen neuen Vertrag und schon ab kommender Spielzeit drei Tänzer mehr im Ensemble. Yeah! Bis 2023 laufen seine aktuellen Verpflichtungen der Stadt Hamburg gegenüber, und das Ziel wird stetige weitere Verlängerung sein: als Ballettintendant, Chefchoreograf und Schuldirektor beim Hamburg Ballett. Es handelt sich ja auch um ein Lebenswerk, das sowohl in qualitativer wie in quantitativer Hinsicht so hochkarätig wie einmalig ist. Und noch bevor im Sommer mit dem „Beethoven-Projekt“ seine nächste Uraufführung beim Hamburg Ballett ansteht, gab Neumeier jetzt seine Pläne für die Spielzeit 2018/19 bekannt.

Deren kreativer Höhepunkt: Die Sommerpremiere am 16. Juni 2019 mit der brandneuen Kreation „Die Glasmenagerie“ nach dem Theaterstück von Tennessee Williams. Was bei dem amerikanischen Dramatiker ein Kammerspiel mit nur vier Akteuren ist, wird bei Neumeier ein Kosmos aus Traum- und Gedächtniswelten zu Musiken von Philip Glass und Charles Ives werden, angefüllt mit viel tänzerischem Personal und entsprechend weit aufgefächerten, ins Absurde spielenden Situationen. Williams’ biografisch gefärbtes Stück, in das er die Schicksale seiner Mutter und seiner Schwester einbrachte, wurde übrigens 1944 in Chicago uraufgeführt, drei Jahre vor der „Endstation Sehnsucht“, die Neumeier wiederum 1987 zunächst beim Stuttgarter Ballett in ein modernes Tanzstück umgesetzt hat.

Pressekonferenz bei John Neumeier

Manches musste erklärt werden: John Neumeier vom Hamburg Ballett in Aktion, in der Stifter-Lounge der Hamburgischen Staatsoper. Foto: Gisela Sonnenburg

Apropos Chicago: Dort wurde im September 2017 Neumeiers aktuelle Inszenierung von „Orphée et Eurydice“ des barocken Komponisten Christoph Willibald Gluck zur umjubelten Premiere gebracht. Und ab 3. Februar 2019 wird auch das Publikum der Hamburgischen Staatsoper in den Genuss dieser Crossover-Kreation zwischen Oper und Ballett kommen können. Es ist bereits die vierte Auseinandersetzung des choreografischen Genies mit dem antiken Orpheus-Mythos: „Ich habe 1971 – damals noch in Frankfurt am Main – erstmals damit zu tun gehabt, als ich zu der Inszenierung von Filippo Sanjust die Choreografie schuf“, erklärte Neumeier auf Nachfrage.

Unter dem deutschen Titel „Orpheus und Eurydike“ kreierte Neumeier dann 1978 in Hamburg die tanzträchtige Oper, mit einem abstrakt-modernen, zeitlos in Weiß gehaltenen Elysium. Die Parallelität von tänzerischem und sängerischem Geschehen auf der Bühne war nicht nur für damalige Verhältnisse nachgerade revolutionär.

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2009 kreierte er dann das Ballett „Orpheus“ – ohne Bezug zur Oper. Höhepunkte waren die Vorstellungen mit Roberto Bolle in der Titelrolle, die 2011 in Hamburg zu sehen waren.

Jetzt ist die nochmalige, völlig neu gemachte, so autarke wie tanzstarke Operninszenierung der vorläufige Schlusspunkt dieser künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Neumeier wählte die zweite Fassung der Oper, die Gluck erstellt hat; seine kreative Zusammenarbeit mit dem Joffrey Ballet in Chicago trug dieser Truppe endlich die lang ersehnte feste Integration ans dortige Opernhaus, die Lyric Opera, ein.

Aus den USA kommt auch die erste Ballettpremiere der Spielzeit 2018/19 in Hamburg: „Brahms / Balanchine“ fasst zwei selten getanzte Pretiosen von George Balanchine zusammen zu einem Abend, ab 9. Dezember 2018. „Es gibt eine lange Tradition mit Balanchine in Hamburg“, stellte Neumeier fest, denn von 1973, seinem ersten Hamburger Jahr, bis 2006, als „Jewels“ mit dem Hamburg Ballett premierte, gab es bereits acht Stücke des neoklassizistischen Altmeisters aus New York an der Alster zu sehen.

Pressekonferenz bei John Neumeier

Von Balanchine über Williams bis zu Bernstein und Neumeier ergibt sich eine Kulturgeschichte der amerikanischen Moderne: John Neumeier bei der Pressekonferenz für die Spielzeit 2018/19. Foto: Gisela Sonnenburg

So wurde es denn auch mal wieder Zeit für eine Balanchine-Neueinstudierung, zumal der linienbetonende Stil des russischstämmigen Erfinders des „American Ballet“ dem ästhetischen Gesamtgestus von Neumeier sehr entgegen kommt.

Die „Liebeslieder Walzer“ zur gesungenen Musik von Johannes Brahms (einem gebürtigen Hamburger übrigens), die dabei den ersten Teil des Abends bilden, stammen von 1960. Vier Paare wirbeln darin freudvoll-glamourös wie in einer nostalgischen Gesellschaftstanzstunde umeinander, die Damen in Absatzschuhen, nicht in Spitzenschuhen. Laut Neumeier wurde das Werk bei seiner Uraufführung wie ein Lehrbuch für junge Choreografen empfunden. In der Tat ist es ja eine von Balanchines Stärken, die tanzenden Körper so im Raum zu verteilen, dass einerseits brave geometrische Muster und andererseits eine maximale Spannung zwischen den einzelnen Individuen entstehen.

„Sehr subtil“ entwickeln sich hier laut Neumeier die Beziehungen der Tänzer zueinander. Er selbst sah noch Violette Verdy, eine der Ballerinen der Uraufführung, darin – und sie ist ihm bis heute als außerordentlich delikate Interpretin der Walzerformationen im Gedächtnis. Diesem fast realistisch zu nennenden Salontanz folgt dann das verträumt-poetische, abstrahierende, dafür auf die Spitzenschuhe gestellte Stück „Brahms-Schoenberg Quartett“. Es war das erste Ballett, das Balanchine für die Bühne des großen New York State Theaters choreografierte, und es fordert das Ensemble in vier recht eigenständig-eigenwilligen Sätzen zu neoklassischen Großtaten heraus.

Man darf sehr darauf gespannt sein, wie das Hamburg Ballett und seine Solisten, aber auch das Corps mit diesen Balanchine-Fantasien umgehen werden.

Pressekonferenz bei John Neumeier

War mit Leonard Bernstein befreundet, was sich auch künstlerisch äußerte: John Neumeier am 27. März 2018 in der Stifter-Lounge der Hamburgischen Staatsoper. Foto: Gisela Sonnenburg

Auch der nächste Star, um den es in einem Ballett in dieser kommenden Spielzeit geht, beginnt mit dem Buchstaben „B“: Die „Bernstein Dances“, in denen John Neumeier 1998 die Seele seines amerikanischen Freundes, des Dirigenten und Komponisten Leonard Bernstein, einzufangen suchte, sind wieder da!

Bernstein wäre dieses Jahr hundert Jahre alt geworden, und an dieses Jubiläum knüpft die Wiederaufnahme an. Vor allem aber wird diese swingende „Ballettrevue“ ab Februar 2019 auch an die positiven Seiten des amerikanischen Lebensgefühls erinnern – etwas, das man in Zeiten von Donald Trump sonst schon fast vergessen kann.

Im Verein mit der ekstatisch-deprimierenden Grundstimmung der „Glasmenagerie“ und dem zeitlos-modernen Stil von George Balanchine ergibt sich so eine amerikanische Trilogie, die drei verschiedene Facetten der US-Kultur beleuchtet.

Dagegen hält eine andere Wiederaufnahme mit typisch europäischer Musik: „All Our Yesterdays“ („All unsere Gestern“), ein Zitat aus Shakespeares „Macbeth“, fasst Neumeiers Kreation zur „Fünften Sinfonie von Gustav Mahler“ von 1989 mit seinem aus demselben Jahr stammenden Jugendstück „Des Knaben Wunderhorn“, ebenfalls zu Musik des österreichischen Spätromantikers Mahler, zusammen.

Während das „Wunderhorn“ wie ein Vorspiel vorab gezeigt wird, bildet die „Fünfte Sinfonie“ eine Hommage an die damals neuen Räume vom Ballettzentrum in Hamburg-Hamm, die John Neumeier äußerst inspirierten. Dass Mahler in seiner fünften Sinfonie partiell sein „Wunderhorn“ zitiert, bildet ein musikalisches Band zwischen den beiden dennoch eigenständigen Stücken. Ab dem 9. September 2018 kann man das in der Hamburgischen Staatsoper verifizieren.

Pressekonferenz bei John Neumeier

Ein neues Team beim Hamburg Ballett in der „Kameliendame“: Alexandr Trusch und Alina Cojocaru, hier in der berühmten Pose des freien Landlebens. Foto: Kiran West / Faksimile aus der Spielplanvorschau: Gisela Sonnenburg

Im Repertoire vom Hamburg Ballett verbleiben übrigens die Neumeier-Ballette „Chopin Dances“, das „Beethoven-Projekt“, „Anna Karenina“ (die womöglich beim herbstlichen Gastspiel 2018 in Baden-Baden auch filmisch aufgezeichnet wird), „Die Kameliendame“ (die schon heiß erwartete), das „Weihnachtsoratorium I – VI“, „Der Nussknacker“, „Don Quixote“ (von Rudolf Nurejev), „Nijinsky“ (der ja dann auch schon als DVD vorliegt) und „Illusionen – wie Schwanensee“.

Pressekonferenz bei John Neumeier

Anna Laudere als „Anna Karenina“: legendär. Gute Nachrichten: Beim herbstlichen Gastspiel 2018 vom Hamburg Ballett in Baden-Baden wird dieses herausragende Stück Russland von John Neumeier wahrscheinlich für eine DVD aufgezeichnet. Foto: Kiran West

Aber es gibt, außer der alljährlichen Nijinsky-Gala zur Vollendung der Spielzeit im Hochsommer, in der kommenden Saison noch eine weitere, ganz große Überraschungsgala: Seinen 80. Geburtstag am 24. Februar 2019 wird John Neumeier arbeitenderweise mit seinem Publikum verbringen, und zwar mit der bereits auf einigen Gastspielen gezeigten Gala „The World of John Neumeier“. Sentenzen aus verschiedenen Balletten kann hier eine zusätzliche Bedeutungsebene verliehen werden, indem sie das Werk und Leben Neumeiers symbolisch repräsentieren.

Seine hohe Wertschätzung durch die aktuelle Politik hat er aber nicht nur seinem Werk vor Ort zu verdanken. Sondern – das ist den Worten des Hamburger Kultursenators Carsten Brosda anlässlich der von ihm unterzeichneten Vertragsverlängerung deutlich zu entnehmen – auch der Tatsache, dass das Hamburg Ballett und seine Stücke dank John Neumeier „in der ganzen Welt herausragende Botschafter der Kulturstadt Hamburg“ sind. Und so mächtig man sich mit dem Elbphilharmonie-Hype auch anstrengt: Auf Tournee kann das Gebäude nicht gehen. Aber das Ballett!

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Über tausend Vorstellungen hat Neumeier auf Tourneen mit seiner Truppe schon erlebt, bei über 330 Gastspielen in dreißig Ländern, auf fünf Kontinenten.

Aber auch die Heimspiel-Leistungen der Truppe sind enorm, auch und gerade in der kommenden Spielzeit: Neunzig Vorstellungen mit fünfzehn verschiedenen Programmen dürften zwar theoretisch mit nur 63 TänzerInnen und einer Gastsolistin (Alina Cojocaru) gar nicht zu schaffen sein. Aber das Hamburg Ballett wird wohl ­­– wie schon so oft – beweisen, dass manchmal praktisch etwas geht, das theoretisch unfassbar erscheint.
Gisela Sonnenburg

www.hamburgballett.de

 

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