Das schöne Erwachen Ein Sonntag voll Wonne: Doppelvorstellung von „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier mit dem Hamburg Ballett; Alexandr Trusch tanzt den Puck zwei Mal phänomenal!

Alina Cojocaru erwacht als Titania: Was sie in der letzten Nacht erlebt hat, man glaubt es kaum… So hübsch zu sehen in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Es wäre so elegant: Man erwacht – und alle Probleme sind im Kern gelöst. Das gibt es nur in der Komödie, aufs Schönste bei William Shakespeare und John Neumeier. Und wer Neumeiers Shakespeare-Ballett „Ein Sommernachtstraum“ noch nicht gesehen hat, der sollte sich dringend um Karten für die nächste Staffel (beginnend am 28. Oktober 2019) bemühen. Achtung, das Opernhaus kann nicht spontan vergrößert werden, also bitte rechtzeitig seine Besuche planen. Derweil wir uns an der Erinnerung an den letzten Sonntag delektieren – als in Hamburg gleich zwei Mal, einmal nachmittags, einmal abends dieses absolut betörende Stück getanzt wurde – probt das wirklich international herausragende Hamburg Ballett bereits weitere aufwühlend verlockende Arbeiten, die bald aufgeführt werden: die „Bernstein Dances“, die „Shakespeare – Sonette“, das „Beethoven-Projekt“, die Ballettoper „Orphée et Eurydice“ und „Das Lied von der Erde“, wobei John Neumeier sich wie nebenbei auch noch mit der für Dezember avisierten Uraufführung der „Glasmenagerie“ nach dem Drama von Tennessee Williams beschäftigt.

Zunächst aber gilt es festzustellen, dass beide Besetzungen, in denen der „Sommernachtstraum“ dieses Jahr in Hamburg gegeben wird, nicht nur schlüssige, sondern begeisternde Interpretationen der genialen choreografischen Arbeit liefern.

Fabelhafte Tanzmode zu fabelhaften Konditionen: Zehn Prozent Rabatt gibt es derzeit bei Dancewear Central außerdem, und nur hier kann man diese wunderbare Auswahl an Marken-Trikots, Leggings, Spitzenschuhen, Schnäppchen, Accessoires und vielem mehr bekommen! Faksimile: Anzeige

Neu ist zudem das stumme Vorspiel, das die Perspektive der weiblichen Hauptperson, Hippolyta, im wahrsten Sinn des Wortes spiegelt. Im Brautkleid mit ausladender Schleppe (die ein wenig an den nostalgischen Charme der Marius-Petipa-Ballette erinnert) schreitet sie auf einen Standspiegel zu, es ist am Abend vor ihrer Hochzeit mit dem Fürsten von Theben.

Die szenische Situation erinnert hier an eine prägnante Szene der Titelheldin aus John Neumeiers Liebestragödie „Die Kameliendame“. Beide Frauen, Hippolyta und Marguerite, haben darin große Zweifel bezüglich ihrer Zukunft, aber beide werden bald eine außergewöhnliche Liebeserfahrung machen.

Hélène Bouchet, die am Sonntagnachmittag die Doppelrolle der Hippolyta / Titania verkörperte, verströmt bereits in diesen ersten Sekunden so viel weibliche Kraft, dass man sich dem Schicksal dieser Bühnenfigur beim besten Willen nicht entziehen kann.

In der Abendbesetzung wandelt Alina Cojocaru, die regelmäßig Gastsolistin in Hamburg und beim Englisch National Ballet in London ansässig ist, im prunkvollen Brautgewand – aus der köstlichen Designerfantasie von Jürgen Rose – auf den Spiegel zu.

Man sieht sie vorerst nur von hinten, aber alsbald beginnt die Musik – und die schwungvoll-majestätische Ouvertüre der Theatermusik zu „Ein Sommernachtstraum“, die Felix Mendelssohn Bartholdy anlässlich einer von Ludwig Tieck eingerichteten Aufführung in Potsdam komponierte, bringt bald auch Hippolytas hübsches Gesicht zum Vorschein.

Dabei ist Bouchet die elegantere, Cojocaru die mädchenhaftere Braut.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Hélène Bouchet als Hippolyta mit der immerhin fast magischen Rose von Theseus: so schön zu sehen in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Später wird sich Hippolyta erschöpft auf ihre Recamière betten, noch einmal an der Rose riechen, die ihr Bräutigam ihr schenkte, und dann im Traum in die Elfenwald entfliehen.

Die Hochzeitsvorbereitungen laufen vorerst jedoch auf Hochtouren, an Hippolytas prächtiger Robe muss noch herumgenäht werden, der Hofmaler tupft die letzten Kleckse in sein Bild, ein Brautschleier wird verloren und wiedergefunden.

Und Hippolyta hat immer noch Zweifel, ob die Einheiratung in diesen Fürstenhof das Richtige für sie ist… zumal sich ihr Bräutigam, Fürst Theseus, nicht so richtig für sie zu interessieren scheint.

Aber da steht doch glatt ein heftig verliebtes Paar rechts an der Rampe und küsst sich, als sei es ganz allein! Damit wird das erotische Motiv im Stück schon ganz deutlich.

Es sind Hermia und Lysander. Doch so klangvoll ihre Namen, so schwierig ihre Situation – denn Hermias Vater befindet den schönen Gärtner Lysander nicht für heiratstauglich.

Mit dem gebürtigen Italiener Alessandro Frola tanzte am Sonntagnachmittag der bisher jüngste Ballerino diese vorzügliche Neumeier-Rolle, die 1977 von dem tschechischen Ballerino Ivan Liška kreiert wurde. Aber hallo!

Frola ist gerade mal 19 Jahre jung und kam soeben von der Schule des Hamburg Ballett in die Compagnie. Allerdings ist er vom Status her noch nicht mal Corps-Tänzer, sondern Aspirant.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Tolle Newcomer: Charlotte Larzelere als Hermia im Arm von Alessandro Frola als Lysander. So zu erleben in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Und was für einer! Es ist eigentlich nicht zu bemerken, dass er noch nicht einige Jahre Bühnenerfahrung hat. Wirklich: Alessandro Frola tanzt mit soviel Sicherheit und Einfühlung, Souveränität und Präzision, dass er auch als versierter Solist durchgehen würde.

Den Lysander – diesen lyrischen Naturburschen – legt er mit Grazie und Galanterie an. Seine schlanke Gestalt ist entsprechend biegsam, und seine Gliedmaße beherrscht er sowohl im Hinblick auf Schnelligkeit als auch in Bezug auf Anspannung exzellent.

Für die Arabeske schnellt sein Bein im Nu empor, selten sah ich einen darin so quicken Tänzer, das Bein fliegt geradezu hoch, um dann mit ruhigem Feinsinn gehalten zu werden. Und Frolas Ports de bras haben eine eigene gut geführte, weich fließende Qualität, die sein hübsches, zartes Gesicht unterstützt.

Akkurate Sprünge und saubere Pirouetten und vor allem auch ein zuverlässiges Partnering machen Frola zu einem sehr vielversprechenden jungen Talent. Seine schön proportionierten Gesichtszüge machen aus ihm nachgerade das Abbild eines Ideals der Antike.

Und genau so organisch-harmonisch und auch schauspielerisch abwechslungsreich soll Lysander sein! Bravissimo!

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Beglückend schön und nicht als Debütanten zu erkennen: Alessandro Frola als Lysander und Charlotte Larzelere als Hermia in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Aber seine Partnerin steht ihm in nichts nach. Mit der 21-jährigen Amerikanerin Charlotte Larzelere wurde das Stammpublikum vom Hamburg Ballett wahrscheinlich überrascht, während Kenner des Bundesjugendballetts vielleicht schon eine Ahnung hatten: Hier zeigt sich ein großes weibliches Talent in Bestform.

Von lieblich bis grandios, von hauchzart bis hoheitsvoll reicht ihr Profil, und vor allem das Zierlich-Sensible verbindet diese Ballerina, die erst seit einem Jahr im Hamburg Ballett tanzt, mit Elan.

Das ist im übrigen relativ selten, denn oft sind die sehr fein gebauten Damen eher melancholisch als schwungvoll, während Charlotte Larzelere diesbezüglich alles zu bieten hat (man könnte sie sich darum durchaus auch als Besetzung der Helena im Stück vorstellen).

Ihre Bandbreite zeigt sich besonders später, zu dem berühmten Scherzo der Musik, als die Liebenden im Mondschein wandeln und sich in einem faszinierendem Pas de deux gegenseitig bestärken und zur gemeinsamen Flucht vor der Gesellschaft ermuntern.

Lysander überredete seine Liebste mit einem Brief nämlich, bei Nacht in den nahe gelegenen Wald zu flüchten. Aber so etwas wirklich zu tun, erfordert allen Mut von beiden – und ob sie dann wirklich miteinander „durchbrennen“, ist hier noch gar nicht entschieden.

In der Abendbesetzung tanzten die immer perfekte Madoka Sugai und der stets elegante Matias Oberlin diese Partien; die Hebungen, die für dieses Paar typisch sind und bei denen Hermia in einer Attitüde derrière heben und drehen lässt, kommt bei ihnen besonders hübsch zur Geltung.

Im Wald gelten zwar andere Regeln als bei Hofe, aber die Entschlossenheit des Paares, miteinander leben zu wollen – entgegen den Vorstellungen der ständegläubigen Altvorderen – formuliert sich gerade im nächtlichen Elfenwald par excellance.

Sie sind aber nicht allein. Ihnen folgte der etwas verwirrte Demetrius, der einst mit der bebrillten, niedlich-zierlichen Helena liiert war, der jetzt aber eben auch für die noble Hermia schwärmt.

Alexandre Riabko ist ein Ereignis, wenn er als Offizier Demetrius seine eleganten Balancen hält, seine vielfachen Pirouetten dreht und mit hochpräzisen Sprüngen die Luft durchteilt. Dass all diese Virtuosität mit einem urkomischen, fast clownesken Charakter des Demetrius einhergeht, macht sie umso interessanter.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Ein vergnügliches Quintett (von links): Félix Paquet als Demetrius, Xue Lin als Helena, Alessandro Frola als Lysander, Alexandr Trusch als Puck und Charlotte Larzelere als Hermia – so zu sehen im „Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

In der Nachmittagsbesetzung brillierte in eben dieser Partie der Neuzugang unter den Solisten in Hamburg, Félix Paquet aus Kanada. Pikante Raffinesse zeichnet ihn aus, ebenso eine nachgerade animalische Geschmeidigkeit. Seine Drehungen haben das Zeug, legendär zu werden, und seine weiten, weich gezeichneten Sprünge sind ebenso leise bei der Landung wie die von Alexandre Riabko.

Zur Hochform blühen beide Tänzer dieser Rolle auf, wenn Lysander im Elfenwald verzaubert wurde und er ebenso wie sein Rivale Demetrius um die Liebe der Helena buhlt.

Der Pas de trois, in dessen Verlauf Helena auf den Schultern den einen Mannes thront, während der andere versucht, ihre Beine wie eine Beute zu präsentieren, gehört zu den originellsten Ballettszenen, die die Kulturgeschichte kennt.

Zuvor stimmte die auch von einer Prise Gefährlichkeit geprägte Szene zwischen Lysander und Helena auf solche skurrile Dreifaltigkeit ein: Der sanfte Gärtner entwickelt sich unter dem Einfluss einer Zauberblume zum liebestollen Wilden, und die arme Helena, die sich längst für Demetrius entschieden hat, muss aufpassen, um einer Vergewaltigung zu entgehen.

Hermia wiederum, die am Fürstenhof noch von beiden jungen Männern hofiert wurde, hat nun bei Mondenschein das große Nachsehen. Und vor kurzem war es noch ganz anders: Da schulterte Demetrius das Mädchen, als sei es seine Verlobte, während Helena, die ihn doch liebt, die Welt nicht mehr verstand.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Xue Lin als niedliche Helena: im Elfenwald bei Nacht ist sie heiß begehrt, zu heiß sozusagen… von Demetrius (Félix Paquet, links) und von Lysander (Alessandro Frola, rechts) – und der Puck (Alexandr Trusch) hat Spaß und immer gut Lachen! Foto vom Hamburg Ballett aus „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier: Kiran West

Xue Lin, in dieser Saison neu als Helena, interpretiert die Partie mit viel eigensinnig-komischem Esprit, mit einer erfrischenden Mischung aus süß gespielter Schulmädchenhaftigkeit und typisch weiblicher Zielstrebigkeit. Wunderbar!

Anders als andere vor ihr in dieser Rolle sucht sie sogar den Körperkontakt mit Demetrius, als dieser blind vor Verknalltheit Hermia auf seinen Schultern trägt. Ach, es ist so rührend, wie Xue Lin als Helena versucht, das Herz des geliebten Mannes wieder für sich zu gewinnen!

Ihre Behändigkeit und Leichtigkeit, ihre mimische und gestische Ausdrucksstärke, aber auch ihre schönen Füße sowie ihre filigrane Technik erlauben es Xue Lin, gerade in dieser komischen Rolle eine Vielzahl an Facetten zu zeigen. Es macht aber auch sichtlich Vergnügen, mal gar nicht ernstlich prinzessinnenhaft, sondern munter-komödiantisch zu tanzen!

Leslie Heylmann hat darin bereits einige Übung und absolviert mit viel Verve in der Abendbesetzung die Partie der Helena. Hui, da blitzen Witz und Charme auf, dass es eine Freude ist! Diese Helena ist tatkräftig und akquiriert sich ihren Demetrius mit größter Selbstverständlichkeit zurück. Heylmann macht schön deutlich, dass dieses Mädel sich durch nichts in ihrer Liebe stoppen lässt. Top!

Ohne den Blumenzauber der Elfen würde indes alle Liebesmüh hier vergeblich sein!

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

So sanft erwachen die Liebhaber-Pärchen nach der irren Nacht im Elfenwald: Alexandre Riabko, Leslie Heylmann, Matias Oberlin und Madoka Sugai (von links) in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Und dabei bildet der Herrscher der Elfen, Oberon, eine Doppelrolle mit dem Fürsten von Theben namens Theseus.

Die Zauberblume ist sein Schatz, und er mag in einem obskuren Garten viele Zuchtexperimente durchgeführt haben, bis sie so war, wie er sie braucht.

Äußerlich ähnelt die Blume jener prall gefüllten roten Rose, die Theseus seiner Braut zur Nacht geschenkt hat.

Auch der Duft der Blumen mag identisch sein.

Aber die Wirkung ist von magischer Absicht: Wenn man die Augenlider eines oder einer Schlafenden mit dem Saft der Blüte benetzt, so verliebt sich diese Person rückhaltlos in das erste Lebewesen, das sie beim Aufwachen erblickt!

Diese Fantasie toppt doch jeden Liebestrank!

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Edvin Revazov als Oberon mit Zauberblume über Hélène Bouchet als Titania – Liebesmagie in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Für Oberon ist diese Zauberblume aber kein Selbstzweck, auch kein Spielzeug, sondern ein Instrument, um Gerechtigkeit zu schaffen. Nicht nach irgendeinem Gesetzestext, sondern nach dem eigenen Weltbild will der Elfenkönig damit Rache und Genugtuung ebenso wie eine drastische Erziehung ausüben.

Denn er liegt im Streit mit seiner Königin Titania, und worum es dabei nun im Einzelnen geht, ist beinahe egal. Es wird wohl mit einem Mangel an erotischer Zuwendung zu tun haben, dass Titania sich ihrem Gatten gegenüber zeitweise ziemlich zänkisch aufführt.

Den Lustknaben aus Shakespeares Dramentext gibt es bei John Neumeier zum Glück nicht; Ehepaare brauchen, um sich mal zu streiten, ganz gewiss auch nicht so grausame Perversionen.

Aber um Titania zur Räson zu bringen, soll die Liebesblume helfen.

Und nicht sie allein. Denn Oberon hat noch eine Wunderwaffe, dieses Mal eine mit hervorragend trainierten Beinen und einem so attraktiven wie tanzwendigen Körper: Puck, wie dieser Ausnahme-Elf heißt, ist ein Irrwisch mit dämonischem Innenleben, ein lieblicher Narr und manchmal auch ein kleiner Teufel.

Er prahlt gerne und ist hyperaktiv, immer in Bewegung und am liebsten für seine Umgebung unsichtbar, um ungestört allerhand Unsinn anzustellen.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Zwei Elfen im Liebesrausch, hinter ihnen Oberon (Edvin Revazov) und anbei natürlich der Puck (Alexandr Trusch, unbedingt preisverdächtig in dieser Rolle!). Foto vom Hamburg Ballett aus „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier: Kiran West

Alexandr Trusch ist eine Meisterausgabe dieser Partie, die sein Lehrer und Erster Ballettmeister Kevin Haigen 1977 mit Neumeier kreierte. Jede Armbewegung gleicht einem malerischen Winken, jede Beinanhebung wirkt an sich schon magisch.

Wenn sich der muskulöse Leib beugt und biegt, bleibt für den Zuschauer die Zeit stehen – ob in Zeitlupe oder in rasantem tempo furioso, dieser Puck ist ein kleines Weltwunder an Aura und Erhabenheit.

Wild und ungezähmt, zugleich aber im höchsten Grade mit akrobatischen und balancierenden, springenden und drehenden Acts betraut, formuliert sich in dieser Rolle die Urkraft von Autoerotik.

Puck ist ein ewig Flirtender, der verführt und sich selbst verführen lässt, vor allem, wenn dadurch Schabernack und Unordnung entstehen. Puck ist sinnliches Chaos in Ballerinengestalt – und sein erstes Solo, zu dem er mit einem Radschlag, gefolgt von kreiselnden Chainés ansetzt, ist eines der schönsten und ausgefallensten Herrensoli der Ballettgeschichte.

Seit 1977 sind allerdings einige Sprünge und Schleifschritte, spielerische Aktivitäten und szenische Slapsticks zum Kommunikationsrepertoire des Puck noch hinzugekommen.

Manches andere entfällt dafür, so der berühmte Handstand aus der Rückenlage, den Haigen als Puck (und auch in anderen Rollen) mit famoser Leichtigkeit absolvierte.

Trusch hatte diese dezent eingebrachte akrobatische Übung bei seiner ersten Interpretation des Stücks 2012 noch übernommen. In der aktuellen Version jedoch fehlt sie – dafür gibt es vermehrt atemberaubend hohe Sprünge aus dem Stand, auch aus dem Laufen heraus, in den frontalen Herrenspagat. Hui! Das fetzt! Puck fetzt!

Das findet auch das Publikum, egal zu welcher Tageszeit es sich im Opernhaus einfand, und man lacht sich insbesondere über Pucks Schelmereien nachgerade scheckig. Immer wieder kichern und lachen wahre Salven von positiven Emotionen durch den Zuschauersaal.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Alexandr Trusch als Puck: Er tanzt auf Mondlicht und scheint dabei ein anmutiges Zauberwesen zu sein…  in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Preisverdächtig! Foto: Kiran West

Mal greift sich Puck die verlorene Brille von Helena, um es zu genießen, dass er damit nicht nichts, aber fast nichts sieht. Oh, wie charmant ist doch die Welt ohne Tiefenschärfe!

Dabei rennt der Schelm auch mal gegen die Wand, nah an der Rampe, und auch das nimmt ein Puck gelassen und angeregt hin – zugleich als sinnvollen Akt der Kommunikation.

Ständig fummelt er an irgendetwas herum, verbiegt sich bäuchlings mit den Beinen in die Höhe oder schaut gierig in die Szenerie, ob es da nicht irgendwo Unfug zu stiften gilt.

In die Zauberblume ist er nachgerade verliebt und auch in ihren Duft – oder vor allem in die fantasiereichen Ideen, die ihr Geruch bei ihm auslöst? Jedenfalls liebkost er die Rose und hält sie gern körpernah bei sich, er riecht daran und scheint dann ins Träumen zu kommen… aber da gibt es schon wieder etwas zu sehen und zu tun!

Still zu sitzen und nichts zu tun, ist Puck ein Gräuel! Er will Action, Spaß, Sensation – und sei es das Strohhütchen von Helena, das er einfach sich selbst aufsetzt, nicht ohne unterm Kinn die rote Schleife zu schließen. Prächtig schaut das aus! Wie ein Nackedei im Karneval!

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Ein Phänomen: die zeitlos moderne Elfenwelt in John Neumeiers „Ein Sommernachtstraum“ beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Es gehört nämlich zu den klugen Schachzügen Neumeiers, die Elfen keineswegs mit kitschigen Chiffons oder Rüschen zu verbrämen. Sie tragen auch keine Insektenfühler auf dem Kopf oder libellenartige Flügel auf dem Rücken.

Die Elfen hier leben in einer zeitlosen Moderne, in einem utopischen Paradies, und ihr eigener Zustand von Schönheit und Eleganz ist bereits der Hauptbestandteil ihrer Welt.

Ihre Leotards liegen darum eng an, wie eine zweite Haut, und auf dem Kopf tragen alle – bis auf den Puck – eine Kappe, die die Haare verbirgt.

Puck jedoch hat silberne Sterne im Haar, versteckt in der wuscheligen Wolle auf seinem schönen Haupt blitzen sie ab und an auf.

Überhaupt ist Puck die perfekte Vereinigung von Komik und Ästhetik.

Einerseits strotzt er nur so vor männlicher Energie, vor androgyner Ausstrahlung und flirrender Sinnlichkeit.

Andererseits ist er so witzig wie Charlie Chaplin und Jerry Lewis zusammen!

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Matias Oberlin und Leslie Heylmann als Lysander und Helena, mit Alexandr Trusch als Puck: unverwüstliche Komik im „Sommernachtstraum“ von John Neumeier. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Oberon ist vielleicht ein bisschen leichtsinnig, ausgerechnet diesem Helfershelfer wichtige Aufgaben zu übertragen.

Aber wahrscheinlich will der pädagogisch gesonnene Elfenboss aus Puck einen Erwachsenen machen, und darum zeigt er ihm, wie die knallrote Zauberblume funktioniert.

Eine schlafende Elfe und ein Elf werden dazu mit Blumensaft benetzt, und siehe da: Sie erwachen und fallen übereinander her, als müssten sie in Windeseile mit ihrem körperlichen Liebesaustausch das Universum retten!

Puck und Oberon staunen und lachen: Ja, wenn es so ist, dann kann man ja noch viel Spaß mit den anderen haben!

Aber Oberon verfolgt eine bestimmte Intention, er ist keineswegs ein Spaßmacher nur des Spaßes wegen.

Titania, die unwillige Gattin, soll sich in ein „Ungeheuer“ verlieben…

Dieses entstammt den Reihen der kunterbunten, ultragrotesken, superwitzigen Handwerker. Männerbünde und Gesellenklüngel: Diese sieben Jungs wollen sich als Laiendarsteller profilieren und bei der Hochzeitsfeier am Hof von Theben mit einem tragischen Klassiker auftrumpfen.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Immer einen Lacher wert: Die Handwerker wollen Theater machen – in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

In „Pyramus und Thisbe“, so der Stücktitel, will ein Paar – wie Hermia und Lysander – flüchten, doch ein Löwe vereitelt das. Am Ende sind alle drei tot: Pyramus, Thisbe, auch der Löwe – und nur der Mond, der auch die Sonne darstellt, und die Mauer, die von zwei Burschen gehalten wird, überleben das Massaker aus Liebe.

Gespielt wirkt das derart komisch, dass man auch beim gefühlten zweihundertsten Anschauen vor Lachen vom Sitz zu rutschen droht.

Vor allem der Darsteller der Thisbe – die in Spitzenschuhen trotz männlich-großer Tänzerfüße agieren muss – hat so einige Petitessen im Programm, die nachgerade so lachtränenselig in der Wirkung sind, dass man die Taschentücher besser gezückt bereit halten sollte.

Artem Prokopchuk brilliert hier derart, dass man ihm einen Preis für Komik im Ballett überreichen möchte.

Aber auch Borja Bermudez holt aus der Rolle viel raus, ist allerdings nicht ganz so musikalisch wie Prokopchuk.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Die Handwerker tanzen sich schon mal warm für ihre Probe im Wald: Marc Jubete (rechts), Artem Prokopchuk (links), Leeroy Boone (mittig, oben) und Gefährten im „Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Dass die Handwerker – die symbolisch für die Akademiker zu Shakespeares Zeiten stehen – mit variierten Verdi-Melodien von der Drehorgel ihre eigene Musik mitbringen, betont ihren außenstehenden Charakter: außenstehend, weil nicht von Adel und auch nicht in den normalen alltäglichen Ablauf bei Hofe eingebunden.

Marc Jubete als ihr Anführer Zettel – der dann von Oberon mit Eselsohren versehen und zum monströsen Titania-Liebhaber wird – sowie Nicolas Gläsmann, Leeroy Boone, Pietro Pelleri und Aleix Martínez (der als ernsthaft komischer Löwe ein Spitzenhighlight für sich ist) sowie Louis Haslach an der Drehorgel begeistern nachmittags wie abends und könnten durchaus auch ohne restlichen „Sommernachtstraum“ schon einen Abend im Theater retten.

Na, da würde man allerdings was versäumen!

Weil Helena ihm Leid tut, befiehlt Oberon dem Puck, auch ihren Demetrius mit der Blume zu verzaubern, damit die beiden wieder ein Paar werden.

Doch was macht Puck? Er verwechselt die Liebenden und bewirkt so ein heilloses Tohuwabohu.

Für das Publikum hat das indes unvergleichliche komische Qualitäten!

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Kurz vor der Pause überschneiden sich die Handlungsebenen: Oberon (Edvin Revazov) verhilft Hippolyta (Hélène Bouchet) mit Blumensaft zu einem besonderen Aufwachen… Foto vom Hamburg Ballett aus „Ein Sommernachtstraum“: Kiran West

Es wird Zeit, etwas zum elfenmäßigen Herrscher dieser Szenerie zu sagen, denn ohne ihn wäre der „Sommernachtstraum“ gar nicht denkbar. Oberon ist natürlich kein neutraler Richter, aber sein Bestreben, das persönliche Wohlbefinden mit einer Art Weltgerechtigkeit unter einen Hut zu bringen, ist auffallend.

Ja, er hat auch Sinn für hintergründige Erotik. Aber vor allem will er Frieden in seinem Elfenreich haben, und zwar keinen alles andere erstickenden Gehorsamsfrieden, sondern eine vitale Lebendigkeit, die die Kreisläufe der Natur im Fluss hält.

Ob die Elfen hier unsterblich sind oder nicht, wird nicht erwähnt. Aber wahrscheinlich sind sie unsterblich, ebenso wie die Geister der Bäume, der Blumen, der Tiere, der Menschen in vielen Naturreligionen.

Offenbar hat Oberon auch einen ganz besonders guten Draht zu den alten Gottheiten. So erzählt er Puck – bei Shakespeare – von der Herkunft der Zauberblume Folgendes:

„Ich sah damals, was du nicht sehen konntest: / Wie Amor durch die Kälte zwischen Mond und Erde flog auf Pirsch. Er zielte scharf / nach der Vestalin, die im Westen thront, / und schnellte seinen Liebespfeil vom Bogen, / Wie um Millionen Herzen zu durchbohren.“

Von eigener Aufzucht erzählt Oberon natürlich nichts, sondern er schmückt eine detailreiche Legende aus. Laut der traf Amors Pfeil dieses Mal daneben – und traf „im Westen eine kleine Blume, / Milchweiß zuerst, nun purpurn liebeswund: / Bei Mädchen heißt sie ‚Blümchen Liebeschön’“.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Alina Cojocaru als Titania mit dem Wunderkraut, der Liebesblume – ob alles gut wird? So zu erahnen beim Hamburg Ballett in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Puck darf dieses Wunderkraut holen, der Garten liegt weit entfernt, aber für den rasanten Flieger ist das kein Problem: „Rund um die Erde zieh ich einen Gürtel / In dreimal drei Minuten.“

So ein Puck ist doch wirklich praktisch! (Ob er als Shopping-Hilfe zu buchen ist?)

Oberon jedenfalls weiß natürlich, was er an seinem Irrwisch hat. Aber er weiß auch, dass in diesem Fall stets gilt: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

Als er sich von Puck die Zauberblume zeigen lassen will, räkelt sich dieser gerade mal wieder selbstversunken lasziv am Boden. Wo ist die Blume? In den Händen hat der Puck sie nicht. Oberon will schon schimpfen – was sich tänzerisch sehr gut machen lässt – aber da hebt Puck das gestreckte rechte Bein. Und was befindet sich am Rist des Fußes? Die Blume!

Oberon pflückt sie sich und weiht Puck in die Details seiner Pläne ein. Von da an überstürzen sich die verwechslungskomödiantischen Elemente.

Die Rolle des Oberon ist nicht zu unterschätzen.

Christopher Evans, mit 24 Jahren noch ziemlich jung für die Partie, weiß die Autorität und das Interesse am Sinnlichen des Patriarchen aber sehr schön auszufüllen.

Seine Posen und Griffe (Oberon hat sehr viele exotische Hebungen und Drehungen seiner Partner, sei es Puck, sei es Titania) sitzen exakt und wirken trotzdem spontan, und sein schauspielerisches Talent erlaubt es ihm, jeden Unfug seines Gehilfen mimisch zu kommentieren.

Als Theseus kommt Christopher Evans angemessen festlich einher, und im Hochzeitspaartanz zeigt er alles, was ein Ballerino in dieser Rolle haben sollte: Liebe, Souveränität, Respekt. Grandios!

Edvin Revazov, der sonntagsnachmittags die Doppelrolle tanzte, ist dafür nun schon deshalb zu feiern, weil er ursprünglich als Zettel besetzt war und also eine ganz andere Rolle einstudiert und geprobt hatte. Weil sich dann aber der Shooting Star des Hamburg Balletts, Jacopo Bellussi, der als Oberon wie als Lysander debütieren sollte, verletzte, sprang Revazov für ihn ein.

Es ist keine Leichtigkeit, eine so tragende Doppelpartie mal eben zu lernen und überzeugend darzubieten, ohne so viel Probenzeit zu haben wie man normalerweise veranschlagen würde. Zum Glück ist Revazov als seit Jahren vielbeschäftigter Erster Solist das rasche, dennoch genaue Arbeiten gewöhnt.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Kein Fürst und keine Fürstin, aber ein Handwerker en travestie als tragische Thisbe: der musikalische Artem Prokopchuk in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Als Fürst mit Machismo im Blut überragt Edvin Revazov denn auch alle, die ich je in dieser Rolle gesehen habe, inklusive Francois Klaus von der Uraufführung 1977.

Wie er seiner Braut am Vorabend der Heirat gegenübertritt – vordergründig respektvoll, aber zugleich ganz durchsichtig eben nur gut erzogen – und wie er sie dann mit den Augen gleichsam betrügt, wenn er sich an eine hübsche Dame aus dem Gärtnerinnen-Corps heranmacht, das entbehrt wirklich nicht der Süffisanz.

Ob Theseus weiß, dass die Rose, die er Hippolyta zur Beschwichtigung vorm Schlafengehen überreicht, durch den Traum seiner Braut ähnliche Zauberqualitäten bekommt wie die Liebesblume im Elfenwald?

Fast könnte man bei Revazovs Interpretation meinen, dass er sich nachgerade darauf verlässt. So ein Filou, dieser Fürst!

Als Elfenchef ist Revazov dann etwas zurückhaltender und mehr an Ruhe und Ordnung interessiert als daran, Titania auch ohne Blume noch für sich zu gewinnen. Aber wer hat, der hat – und Oberon hat den Joker des Blumenzaubers.

Tatsächlich sucht Puck dann die auf Elfen gebettete Titania auf, teilt das Elfenlager und bestäubt die Schlafende mit unsichtbarem Saft aus der roten Blume.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Marc Jubete als Zettel hält hier Alina Cojocaru als Titania ganz galant – und er ist doch verzaubert in ein störrisches Tier… Foto vom Hamburg Ballett aus „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier: Kiran West

Der zum Esel verwandelte Zettel – nachmittags wie abends vorzüglich komisch von Marc Jubete verkörpert – rückt an, stolpert ungeschickt über die schlafende Schönheit und weiß ab dann überhaupt nicht mehr, wie ihm geschieht.

Denn die zierliche, bildhübsche und sichtlich verwöhnte Titania macht ihm, dem zum Esel Verzauberten, ohne Umschweife den Hof, sie bewundert sogar seine nicht eben eleganten Füße, lässt sich von den Eselsohren am Kopf nicht stören, schmiegt sich an ihn und treibt mit ihm die muntersten, aber auch ernsthaftesten Spiele, in „rasendem Liebeswahn“, wie es bei Shakespeare heißt.

Es ist viel darüber gerätselt worden, warum Oberon seine Frau zur Strafe ausgerechnet mit einem Esel schlafen lässt. Aber noch mehr ist darüber geschmunzelt und gelacht worden, denn der Kontrast zwischen einem als störrisch geltenden, nicht eben geschmeidigen Tier und einer zarten Elfenkönigin ist nun mal schon an sich urkomisch.

Der polnische Literaturwissenschaftler Jan Kott hat in seinem nach wie vor sehr lesenswerten Band „Shakespeare heute“ (auf deutsch 1970 erstmals gedruckt erschienen) herauskristallisiert, welchen heimlichen Stellenwert der Esel in der literarischen Mythologie hat. Dabei kam heraus, dass Esel besonders potent und mit einem besonders großen Glied ausgestattet sind.

Es handelt sich also um einen monströsen, animalischen, skurril überdimensionierten Partner, den Oberon seiner Ehefrau hier aufdrückt. Er selbst will nicht dabei erwischt werden, darum überträgt er diese Aufgabe seinem Puck.

Aber geht es nur um eine Strafe oder auch um eine Verführung von Titania?

Unterstützen Sie das Ballett-Journal! Spenden Sie! Kein Medium in Deutschland widmet sich so stark dem Ballett wie das Ballett-Journal. Zeigen Sie, dass Sie das honorieren! Und freuen Sie sich über all die Beiträge, die Sie stets aktuell gelistet im „Spielplan“ hier im Ballett-Journal finden. Wir danken Ihnen von Herzen!

Bei Shakespeare schämt sich Titania am Morgen danach. Aber im Ballett von John Neumeier wird sie von ihrem Gatten erweckt, nachdem dieser noch einmal die Liebesblume auf sie anwandte – um sie dann selbst auch eigenhändig zu wecken. Auf dass die Liebeskraft wie Zauber wirke…

Wundersamerweise ist dann aller Zwist zwischen den beiden aufgelöst, und ihre fantasiereiche Kopfüber-Hebung bei der Versöhnung besiegelt sowohl ihre Liebe als auch die Poesie dieses einzigartigen tänzerischen Meisterwerks.

Ein so schönes Erwachen hat allenfalls noch Hippolyta, als ihr Bräutigam ihre Zweifel zu zerstreuen vermag.

Zuvor sehen wir aber, wie sich die beiden anderen Paare nach einigem Hin und Her endlich passend finden; Puck ist ja nicht nur ein wandelndes Ärgernis, sondern eben auch ein wirklich nützlicher, im Herzen sogar gutmütiger Kumpan.

Und Oberon, der ihn passend im Takt zu Trillern der modernen Musik von György Ligeti auch schon mal vertrimmte, kontrolliert genau, welcher Liebhaber sich demnächst in welche Frau verlieben soll.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Puck und die Liebenden: Das garantiert schelmische Scherze… so zu sehen beim Hamburg Ballett in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Wenn Puck die Schlafenden zueinander legen muss, die schlummernden Damen herumträgt, sich von dem noch im Schlaf liebeswütigen Demetrius umarmen und am Bein umklammern lassen muss, wenn er schließlich bei Lysander sogar aufsitzen muss, damit dieser richtig in Position zu bringen ist, dann hat er natürlich die Lacher auf seiner Seite.

Ach, die Liebe ist doch ein mühsames Geschäft! Ob sie dem Ballett gilt oder dem Arrangement hitzköpfiger Menschen…

In abgerissenen Klamotten erwachen die Liebenden schließlich und sind ganz entgeistert, wenn sie an die soeben vergangene Nacht denken. Doch der Tanz vereint sie, in Freundschaft und Verliebtheit, und jeder Topf hat nun seinen passenden Deckel.

Die Paartänze im „Sommernachtstraum“ sind mit nichts zu vergleichen, so viel Lieblichkeit und Zuneigung spricht aus ihnen.

Und doch zeigen sich hierin auch die unterschiedlichen Temperamente der vier Glückseligen: Demetrius, der Offizier, ist schneidig und gerade heraus; Lysander, der Gärtner, ist weichherzig und schwärmerisch; seine Geliebte Hermia ist nobel und hoheitsvoll, während Helena die lustigste und doch auch stärkste Persönlichkeit hier hat. Ihr Lebensglück stand lange auf der Kippe, und ohne Liebeszauber wäre ihr wohl nicht zu helfen gewesen…

John Neumeier hatte Vorläufer insofern, als es seit dem „Sommernachtstraum“ von Marius Petipa 1876 diverse Stücke zum Thema von unterschiedlichen Choreografen gibt.

Die Puck-Figur aus „The Dream“ von Frederick Ashton zeigt Anklänge an Neumeiers Arbeit, sie mag eine Anregung gewesen sein, wirkt im Vergleich jedoch stumpf und steif und brilliert lediglich im üblichen Ausmaß mit Pirouetten und Sprüngen. Verglichen mit der Neumeier-Kreation ist das kein vollwertiger Puck, sondern nur ein Springinsfeld mit spitzbübischem Impetus.

Ein Blick auf Titania in Max Reinhardts Film „Ein Sommernachtstraum“ von 1935 – immer eine Inspiration wert. Videostill: Gisela Sonnenburg

Stilprägend im weiteren Sinne für Neumeier war hingegen eher die den Schauspielfilm von Max Reinhardt begleitende Umsetzung der Feerie durch Bronislava Nijinska aus dem Jahr 1935.

Hier wie dort taucht als Elfenkostüm die glitzernde, hautenge zweite Haut auf, die Kappe über den Haaren und der Spitzenschuh als ballettöses Equipment erster Anmutsgüte. Allerdings ist es bei Nijinska nur Titania, die so gekleidet ist. Erfunden hat diesen Look einst der Choreograf Leonide Massine, der 1928 Felia Doubrovska, Primaballerina der Ballets Russes, darin in seinem Ballett „Ode“ auftreten ließ.

Eine ganze Heerschar Elfen – männliche wie weibliche – in so einem Kostüm zu inszenieren, ist Neumeiers Idee, und es ist ihm gelungen, aus der kitschbehafteten Elfenszenerie eine hochmoderne, erotisch wie auch utopisch überzeugende eigene Welt zu kreieren.

Unendlich oft hat diese Neumeier’sche Elfenwelt schon andere Choreografen zu Balletten und Revuen angeregt – verständlich.

Dagegen wirkt die höfische Welt im Theben aus dem „Sommernachtstraum“ fast profan, wiewohl sich hier die Rüschen und die Biedermeier-Romantik finden, für die Neumeiers Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose weltberühmt wurde.

Die Elfenwelt findet sich hier gespiegelt im alltäglichen Dasein einer Adelsgesellschaft.

Zentral darin ist nicht der Puck, aber eine Gestalt, die ebenfalls eine Art Helfershelfer ist: Philostrat, von Beruf Zeremonienmeister.

Alexandr Trusch spielt auch diese höfische Ausgabe des Puck – ausnahmsweise ordnungsliebend statt Chaos stiftend – mit unnachahmlichem Charme, mit körperlicher Präzision bis zum Exzess, mit schelmischem Lächeln und majestätischem Machtbewusstsein.

Vor dem Traum von Hippolyta achtet er auf jedes Detail an Kostümen, Blumen, Malerei; bei der Hochzeitsfeier ist er dann der Etikette und der Reihenfolge der Auftritte verpflichtet.

Und etwas eint ihn mit Puck, seinem dunkel-wilden Bruder aus dem Wald: der ästhetische Horror vor den bunten, lärmenden Handwerkern.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Marc Jubete als Zettel, Alexandr Trusch als Puck im Baum und die Handwerker-Combo: Kunterbunter Spaß im „Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Es ist zu putzig, wie Puck vor diesen zünftigen Gesellen, wenn sie im Anrücken sind, stets zunächst Reißaus nimmt, um dann mit ihnen sein Spiel zu treiben. Schließlich ist er für sie unsichtbar!

Philostrat ist hingegen ein qualitätsbewusster Regisseur, der das derbe Laientheater der Handwerker am liebsten vor die Tür weisen würde. Und dieser Krach, den sie machen!

Aber Theseus höchstselbst möchte Unterhaltung haben, also gibt es kein Zurück…

Die Vorstellung in der Vorstellung – „Pyramus und Thisbe“ in „Ein Sommernachtstraum“ – muss durchgestanden werden. Besser: durchgelacht!

In den naiven Kostümen und mit protziger Komödiantik ist die Handwerker-Show – wie schon gesagt – ein unübertroffenes Highlight in der Ballettkunst.

Mir ist nicht ganz klar, warum Neumeier solche Szenen genial gestalten kann, ohne platt oder einfältig damit zu wirken, während andere Choreografen nicht mal den Anflug solchen Ideenreichtums haben.

Es ist aber auch eine Frage des guten Stils, also des objektiv guten Geschmacks, damit derlei nicht oberflächlich oder nur zirkushaft wirkt.

Hier jedoch lacht und weint man zugleich; und trotz der absichtlich überzogenen Darstellungsweise erschließt sich einem auch der tiefere Sinn des Klamauks. Es handelt sich ja um eine äußerst traurige Liebesgeschichte, die die Handwerker vorführen.

Brillante Ballerinos,  brillante Komiker: Marc Jubete und Artem Prokopchuk in „Pyramus und Thisbe“ in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Brillante Ballerinos wie Marc Jubete, Leeroy Boone und Aleix Martínez machen aber auch noch mal ein extra hochkarätiges Live-Theater daraus, wie man es sonst kaum zu sehen bekommt.

Allein der Löwe – Martínez – ist die Schau schon wert! Er agiert so seriös, als wäre er gefährlich, zugleich aber so knuddelig, als wäre er ein Kuscheltier. Diese Gradwanderung muss man erstmal schaffen! Und die dialektische Mischung der Figur bewirkt sofort sprühende Funken beim Publikum.

Da haben es die ernsthaften Teilnehmer der Hochzeit fast schwer, einen guten Eindruck zu machen. Es gelingt ihnen dennoch tadellos!

Das Corps de ballet als Gärtner und Offiziere, die drei Hochzeitspaare in vollem Ornat, der Zeremonienmeister und die Diener – all das bildet eine Einheit voller Festlichkeit und Seelenfrieden.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Vorspiel zur schönsten Versöhnung: Edvin Revazov als Theseus mit der schlafenden Titania, verkörpert von Hélène Bouchet, in „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Und weil Theseus seine Braut vorab schlafend auf seine Schultern legte und sie somnambul beim Tanz mit ihm erwachte, hat auch diese Ehe jetzt die besten Voraussetzungen.

Was für eine Versöhnung, was für eine Möglichkeit, einer Frau zu zeigen, was die Liebe, was Vertrauen ist: Hippolyta ist beneidenswert und ihre Skepsis bezüglich ihrer Zukunft kann schneller verfliegen als der Rosenduft.

"Ein Sommernachtstraum" von John Neumeier - das Lieblingsballett vieler

Ein magischer Pas de deux zwischen zwei edlen Liebenden: Edvin Revazov hält als Theseus Hélène Bouchet als Hippolyta. Alles Gute möchte man dem Paar wünschen! – Im „Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Hamburg Ballett. Foto: Kiran West

Die Blume war indes wohl wirklich auch magisch…

Und Philostrat riecht nochmal an ihr, als alle Hochzeitsgäste schon gegangen sind; mit allen guten Wünschen wirft er sie uns im Spotlight entgegen. So ein Rosenkavalier!

Dass ein Primoballerino diese Doppelrolle zwei Mal an einem Tag zu tanzen vermag, ist schier unglaublich und müsste für Alexandr Trusch unbedingt mit dem Prix de Benois belohnt werden, zumal die Qualität seiner Darbietung schlichtweg nicht zu übertreffen ist.

Unterstützung nach Kräften erhalten die Tänzer aus dem Orchestergraben. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg spielt unter der Leitung von Markus Lehtinen mit viel Gefühl und Takt die wunderbare „Sommernachtstraum“-Theatermusik von Felix Mendelssohn Bartholdy sowie einige weitere Stücke des Komponisten, mit denen Neumeier die Partitur für sein Ballett ergänzt hat.

Bei Shakespeare dauern die Festivitäten übrigens vierzehn Tage lang, jeden Abend wird dann laut Ankündigung im Stück gefeiert… im Ballett ist die Doppelvorstellung eines solchen Stücks bei so hoher Karatkunst der Interpreten bereits wie ein Wunder.

Puck darf nun das letzte Wort haben, im Shakespeare-Reim:

„Ich heiß Puck und halte Wort.
Nun, gute Nacht, ihr alle dort.
Und wenn ihr mich jetzt freundschaftlich
Beklatscht, lässt Puck euch nie im Stich!“
Gisela Sonnenburg

Die „Sommernachtstraum“-Zitate entstammen der Shakespeare-Übersetzung von Frank Günther

Zur Saisoneröffnung mit dem Stück: http://ballett-journal.de/hamburg-ballett-ein-sommernachtstraum-john-neumeier-2019/

www.hamburgballett.de

ballett journal