Tolstoi mit Trolleys in drei Staaten Literarkritischer Probenbesuch beim Hamburg Ballett: „Anna Karenina“ von John Neumeier entsteht, nach dem Roman von Leo Tolstoi

Mit "Anna Karenina" entsteht ein neues großes Neumeier-Ballett

Mit „Anna Karenina“ entsteht ein neues großes Neumeier-Ballett: Hier eine Probe mit Anna Laudere in der Titelrolle und Edvin Revazov als ihrem Liebhaber Wronski. Foto: Kiran West

Man schrieb genau sechzig Tage nach Ostern. Diesen katholischen Feiertag, der stets ein Donnerstag ist, nennt man Fronleichnam. John Neumeier lud just am letzten Fronleichnam zum Probenbesuch ins Ballettzentrum vom Hamburg Ballett. Es gab aber keine Oblaten, sondern Tolstoi! Leo Tolstoi, der russische Weltverbesserer von Adel, der im Nebenberuf Schriftsteller war, ist wegen seiner freizügigen Gedanken von der orthodoxen Kirche in Russland exkommuniziert worden. In die ästhetische Welt von John Neumeier fand Tolstoi aber problemlos Einlass. Denn das neue abendfüllende Stück, das der Hamburger Chefchoreograf und Ballettintendant gerade kreiert, heißt wie der berühmteste Roman von Tolstoi: „Anna Karenina“.

Der Ballettsaal „Petipa“ liegt im Souterrain, bekommt aber durch hoch angesetzte Fenster viel Tageslicht. Das Gebäude in Hamburg-Hamm war vor vielen Jahrzehnten mal eine Mädchenschule. Und mitunter, so scheint es, ist das Kichern von jungen Damen in diesem gediegenen Backsteinbau noch immer das schönste Geräusch.

Auch der Dichter Leo Tolstoi (1828 – 1910) wusste die Feinheit femininen Lachens zu schätzen. Seine gewichtigen Romane sind allerdings tragisch gefärbt. „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ haben seinen Weltruhm begründet.

Im Hauptberuf verwaltete Tolstoi sein ererbtes Vermögen – und betätigte sich zugleich als politisch aktiver Humanist. Man darf nicht vergessen, dass Russland damals noch von so genannten Leibeigenen versorgt wurde. Erst 1861 wurde der Besitz menschlicher Seelen abgeschafft. Der junge Tolstoi hatte mit Schriften und Taten das Seinige dazu beigetragen.

Bevor man sich nun mit Tolstoi in Neumeiers Ballettsaal sinnvoll beschäftigen kann, sollte man noch einige andere Dinge wissen. Etwa diese:

Anna Karenina“ erschien als Roman über fünf Jahre stückweise, als Serie in einer Zeitung. Von 1873 bis 1878 fabulierte Tolstoi daran, ohne zu Beginn das Ende abzusehen. Er schrieb sich von Fortsetzung zu Fortsetzung daran so durch, so, wie heutzutage Fernsehserien geschrieben werden. Darum wirkt das Werk auch ein wenig zerfasert und in sich wenig geschlossen.

Auch sein Schreibstil unterscheidet Tolstoi von anderen Dichtern.

Während andere Schriftsteller absichtlich verklausulieren, um möglichst viele Botschaften auf einmal mit ihrem Sprachcode zu senden, lag Tolstoi daran, möglichst eindeutig, gut und richtig verstanden zu werden. Er ist insofern eher ein Volksdichter oder sogar Trivialliterat als ein poetisierender Elfenbeinkünstler, dem das Spiel von Ver- und Entschlüsselung am meisten wiegen würde.

Cinderella - ein Märchen für Menschen.

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Er puzzelte auch nicht lange an Sätzen herum, sondern ließ sie möglichst locker und ungehindert aus der Feder fließen, sozusagen. Das ist schon ein Unterschied zu so manchem Dramatiker oder manchen Dichterinnen, der oder die an jedem Wörtchen lange zu feilen bereit ist.

Tatsächlich nahm Tolstoi oftmals Schwächen in Stil und Form auf sich, um ohne allzu viel Arbeitsaufwand für möglichst viele Leser ansprechend und verständlich zu sein.

Fantasie hatte er genügend, ebenso die Beobachtungsgabe und die Bereitschaft, seine Gedanken öffentlich zu äußern.

Und er hatte etwas mitzuteilen, keine Frage, und auf seine etwas populistische Art und Weise erreicht er denn auch bis heute Millionen von Leserinnen und Lesern.

Dennoch: Was für ein Segen, dass John Neumeier niemals vorhatte, den Roman „Anna Karenina“ eins zu eins vertanzen zu lassen!

Wenn Neumeier schöpft, dann ein eigenes, auch eigenständiges Werk, das hat er schon über 150 Mal bewiesen.

Und so ist mit Neumeiers „Anna Karenina“ auch keine jahrelang schier endlos anmutende Fortsetzungsgeschichte in kleinen Portiönchen zu erwarten, sondern ein klug durchdachtes abendfüllendes Ballett mit einem Anfang und einem Schluss.

Die Geschichte spielt aber nicht mehr im 19. Jahrhundert, und sie mäandert auch nicht, wie Neumeiers „Tatjana“ nach Puschkins Versroman, kreuz und quer durch die Zeiten. Sie spielt – in unserer Gegenwart!

Der Grundkonflikt, die Grundgeschichte aber bleibt:

Anna Karenina, getanzt von der grandiosen Neumeier-Muse Anna Laudere, hat Mann und Kind und müsste eigentlich glücklich und zufrieden sein – und verliebt sich dennoch zutiefst und rückhaltlos in den schönen Grafen Wronski.

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Sie zieht zu ihm, muss aber auf ihren Sohn verzichten und stirbt, indem sie sich vor einen Zug wirft.

Ein typisch weibliches Schicksal? Aber warum?

Außer diesem Schicksal der Titelfigur schildert Tolstoi in seinem insgesamt mehr als 1000 Seiten umfassenden Buch auch die Entwicklungen in zwei anderen Familien. Und egal, wohin man sieht: Wirklich glücklich und miteinander zufrieden sind die Paare in „Anna Karenina“ entweder nur für kurze Zeit oder nur dem Anschein nach.

Der Grund dafür wird deutlich sozialkritisch angeliefert: Der Druck der Gesellschaft auf den Einzelnen ist zu groß, und der Wert des Individuums wird als zu gering eingeschätzt. Das macht Glück im eigentlichen und nachhaltigen Sinn unmöglich.

An dieser Crux geht auch die himmelhoch und abgrundtief liebende, aber ebenso zerrissene Anna Karenina zu Grunde.

Mit "Anna Karenina" entsteht ein neues großes Neumeier-Ballett

Das Internet alias Bilder-Google kennt einige Ballette namens „Anna Karenina“… Faksimile: Gisela Sonnenburg

Ballette hierüber gibt es übrigens bereits einige. Von Yuri Grigorovich über Boris Eifman und Alexej Ratmanski bis hin zu Christian Spuck und anderen haben sich immer wieder Choreografen seit dem 20. Jahrhundert an diesem Stoff versucht, ebenso wie Filmregisseure.

John Neumeier kennt den Roman, seit er ihn als Teenager in der Schulzeit las, und die Filme über „Anna Karenina“ sind ihm geläufig. Er sagt, er hat zudem so viel über dieses Thema gelesen, dass es fast zuviel geworden war.

Und natürlich hat er diese interessante, zwiespältige, außergewöhnliche Frauenfigur der Anna schon lange als Inspiration für ein Stück im Hinterkopf.

Maja Plisetskaja, die große Überballerina des Bolschoi, bat ihn dann auch noch persönlich sogar mehrfach darum, sich mit „Anna Karenina“ zu befassen, um ein Ballett danach zu kreieren. Natürlich empfahl sie ihm die Ballettmusik, die ihr Gatte Rodion Schtschedrin komponiert hatte (und die auch Grigorovich verwendete). John Neumeier gibt aber ehrlich zu, dass er mit diesen etwas schräg-schrill-düsteren Klängen nicht wirklich etwas anfangen konnte.

In der Tat ist Schtschedrin für westliche Ohren alles andere als leicht zugänglich, und vielleicht trifft hier zu, was der ostdeutsche Poet Heiner Müller einmal feststellte, nämlich, dass Russland im Grunde schon Asien sei.

Mit "Anna Karenina" entsteht ein neues großes Neumeier-Ballett

Und noch mehr Ballettbilder zu „Anna Karenina“ von verschiedensten Choreografen gibt es… John Neumeiers Kreation kommt aber erst noch! Faksimile von Google Bild: Gisela Sonnenburg

Doch dann kam noch eine Bolschoi-Ballerina auf John Neumeier mit einer Bitte zu: Svetlana Zakharova, die in Moskau mit viel Erfolg John Neumeiers „Kameliendame“ tanzte, bat ihn nach der letzten Vorstellung mit diesem Jahrhundertstück, sie seine neue „Tatjana“ tanzen zu lassen.

Neumeier musste hart schlucken. Als Tatjana sah er sie nicht, keinesfalls. Aber, und das fiel ihm sofort ein, Svetlana Zakharova würde hervorragend als Anna Karenina besetzt sein.

Den Ausschlag gab dann aber ausgerechnet Karen Kain, die Ballettdirektorin vom National Ballet of Canada in Toronto.

John Neumeier, dieser hoch intelligente Tausendsassa, plante nämlich eine Koproduktion zu dritt: mit Karen Kains Truppe sowie mit dem Bolschoi Ballett in Moskau. „Warum machst du nicht die ‚Anna Karenina’?“ Kains Vorschlag kam den russischen Interessen ebenso entgegen wie denen von Neumeier.

Jetzt wird das Stück an drei Orten in drei Staaten premieren. Die Uraufführung aber bleibt Hamburg vorbehalten: Am 2. Juli 2017 bildet sie den Beginn der 43. Hamburger Ballett-Tage.

Am 15. Juni 2017, dem eingangs erwähnten Fronleichnam mit dem Probenbesuch im „Heiligtum“ von John Neumeier, dem nach ihm benannten Ballettzentrum, steht das Stück bereits weitestgehend.

Aber fertig ist es noch nicht, auf diese Feststellung legt Neumeier großen Wert. „Es ist eine Arbeitsprobe“, sagt er zur Erklärung – und dann legen seine Tänzer los und holen sich, unterstützt von einigen Ballettmeistern, ihre Requisiten herbei.

Hinten im Saal, vor dem Haupteingang zum Studio, stehen offene Schrankwände, die laut Neumeier „alle Türen dieser Welt“ darstellen.

Die Tänzer werden oft darin verschwinden oder daraus auftauchen – sie sind eine Kulissenerfindung des vielfach begabten Neumeier, der, wie so oft, für „Anna Karenina“ nicht nur choreografiert, sondern auch die Ausstattung und das Licht besorgt.

Vorne rechts befindet sich zudem eine Sitzbank, die etwas nach der „Matthäus-Passion“ aussieht, und aus einem Nebenraum holen sich die Tänzer noch in Windeseile etliche Trolleys in allen Farben, also Koffer auf Rollen.

Mit "Anna Karenina" entsteht ein neues großes Neumeier-Ballett

Und zum Dritten: Google Bild hat viele historisch in Szene gesetzte Ballette zu „Anna Karenina“ parat. Das von John Neumeier spielt aber heute! Faksimile: Gisela Sonnenburg

Musik von Peter I. Tschaikowsky ertönt. Es ist die Orchestersuite Nr. 1 in d-moll. Ein Stück von majestätischer Trauer, die wieder und wieder, mit jedem Takt neu, wie eine Flut anrollt und mit scheins letzten Überlebenskräften angereichert wird. Manche Melodiefragmente klingen in anderen Tschaikowsky-Stücken an und gelangten darum bereits heimlich ins Ohr so mancher Ballettfans.

Anna Laudere steht da, hat einen schwarz glänzenden Trolley an ihrer Seite. Was an den meisten anderen Menschen nach Alltag und Arbeit aussieht, gewinnt bei ihr Eleganz und modischen Charme. Sogar so ein oller Trolley.

Denn Laudere liebt und leidet auf edelmütige Weise, das sieht man auf den ersten Blick.

Ohne viel Aufhebens ist sie aus dem Stand heraus in der Rolle. Es ist erstaunlich, wie konzentriert und auratisch auch bei einer nüchternen Probe im Ballettsaal das Schauspiel einer Ballerina wirken kann.

Beim Hamburg Ballett liegt das nicht zuletzt an Neumeiers hervorragenden Ballettmeistern, die hier aufmerksam und angespannt neben ihrem Chef vor der Spiegelwand sitzen und die Tänzer beobachten.

Sonja Tinnes, die Choreologin, ist da. Lloyd Riggins, Neumeiers Stellvertreter und kommender Nachfolger als Ballettchef in Hamburg, natürlich auch. Leslie MacBeth, die ehemalige Stuttgarter Solistin, die immer alles irgendwie toll hinbekommt, wie ich finde, sitzt gleich neben John Neumeier. Niurka Moredo, als Lloyds Gattin sozusagen die sympathische künftige First Lady vom Hamburg Ballett, ist da. Und auch Anne Drower, die viel mit den Kindern der angeschlossenen Ballettschule und so mit den künftigen Tänzern arbeitet, ist zu sehen.

Kevin Haigen, Erster Ballettmeister, hält während der Probe eine Videokamera in der Hand – und steht manchmal auf, um alle Bilder gut einzufangen, die er braucht. Etwaige Fehler der Tänzer kann man so noch besser erkennen, zum Beispiel auch in der Zeitlupe, um sie später im persönlichen Gespräch mit den Tänzern zu bereinigen.

Über eine Stunde wird der Probenausschnitt am Nachmittag unter der Leitung von John Neumeier noch dauern, und alle Solisten aus „Anna Karenina“ sowie das Ensemble haben darin Auftritte.

Vor allem die Paartänze und die Soli sind so stimmig und bereits gut einstudiert, dass man an vielen Details erkennt, worum es geht.

Mit "Anna Karenina" entsteht ein neues großes Neumeier-Ballett

Eine sanfte Hebung, dennoch so modern-leidenschaftlich, auch latent brutal anmutend, dass sie alles andere als prinzen- und prinzessinnenhaft ist: Edvin Revazov als Wronski verführt Anna Laudere als „Anna Karenina“ von John Neumeier im Probensaal. Foto: Kiran West

In ihren Soli zeigt Anna (Laudere als Karenina) mit klaren, geschmeidigen Bewegungen persönliche Stärke und Leidenschaft. Die Pas de deux strotzen hingegen nur so vor fast brutal anmutender Obsession, im Wechsel mit verführerisch-leichter Haltung.

Später wird Neumeier sagen, dass Anna und ihr Partner Edvin Revazov maßgeblich wichtig waren für die künstlerische Art der Kreation.

Anna Laudere als Karenina nutzt aber nicht nur ihren ausdrucksstarken Körper und ihre Person, sondern auch das Kostüm als Botschaftsmittel.

Neumeier hat, um diesen Aspekt – der im Roman bei Tolstoi bereits angelegt ist – zu betonen, den Designer Albert Kriemler von AKRIS gebeten, die Mode für Anna Laudere-Karenina zu entwerfen.

Und mit einem Kleid allein war es da nicht getan! Das merkt man auch bei den Probenkostümen.

Zu Beginn der Probe trägt Anna Laudere zum Beispiel ein Jackett überm Flatterrock. Ziemlich hip ist das, fast flippig – und gar nicht so puristisch, wie es der Stil von Kriemler sonst oft ist.

Kriemler sei „modefanatisch“, meint Neumeier – darum habe er gerade ihn als Karenina-Designer ausgesucht.

Später wechselt Anna zu einem bodenlangen Neckholder-Abendkleid mit langer, trapezförmiger Schleppe.

Es ist ein Genuss zu sehen, wie sicher sich Anna Laudere auch in diesem Probengewand zu bewegen in der Lage ist.

Die Probenkleider ahmen ja das tänzerisch Wichtige am Kostüm nach.

Damit die Ballerina ein Gefühl für die Choreografie im Bühnen-Outfit bekommt.

Kleidung ist immer auch ein Bewegungshemmnis. Ein abstehendes Teller-Tutu will grundsätzlich anders betanzt sein als ein Abendkleid mit Schleppe.

Anna Laudere alias Karenina muss zudem die Stilistik ihrer AKRIS-Mode schlüssig dem Publikum präsentieren. Man muss ein Kleid verstanden haben, bevor man es richtig trägt.

So, wie Neumeiers Choreografie diese Bühnenfigur der Anna Karenina anlegt, ist sie ein Vollweib mit viel Eros und Emotion im schönen Leib.

Genau gesagt: Es brodelt geradezu unter der gut erzogenen Oberfläche in dieser auffallend mondänen Gattin des hoch gestellten braven Beamten namens Karenin.

Mit "Anna Karenina" entsteht ein neues großes Neumeier-Ballett

Dieses Probenfoto zu „Anna Karenina“, dem neuen kommenden Ballett von John Neumeier, entstand schon vor einigen Tagen. PROBENFOTOS VON FRONLEICHNAM KOMMEN VERMUTLICH IN DER KOMMENDEN WOCHE DAZU! Foto: Kiran West

Die Beziehung zu ihrem Mann aber bröckelt; ohne, dass ein Grund fasslich wäre, scheint sie von innen her langsam zu zerbröseln.

Vielleicht sind die beiden einfach nur zu verschieden… jedenfalls kann Karenin sein tolles Weib nicht mehr bei sich halten.

Ivan Urban tanzt diesen unglückseligen Ehemann, und er tut es mit so viel Einfühlungsvermögen und dennoch Männlichkeit, dass man sehr rasch den ganzen Irrsinn begreift, der in Anna Karenina eine dunkle, gefräßige Leidenschaft ohne Rettung auslöst.

Was sollen Menschen aber auch nur miteinander machen, wenn sie aufhören, sich zu lieben, fragt man sich. Offen miteinander zu sprechen, ist sicher wichtig. Aber nicht jeder kann das. Manch einer will es einfach auch nicht. Es ist ja unbequem.

Manche verlieren dann jeden Respekt voreinander. Schrecklich. Andere versuchen, das Dilemma einfach zu ignorieren. Auch keine Lösung…

Karenin und seine Noch-Frau sind beide unterschwellig unglücklich mit ihrer Situation, erkennen aber noch nicht ihr Ausmaß.

So, wie die beiden sich gegenüber treten und miteinander zu tanzen beginnen, ist das recht deutlich.

Übrigens tanzt Urban erst seit vier Tagen diese Rolle, seit der ursprünglich besetzte Carsten Jung sich verletzt hat (von dieser Stelle aus: gute Besserung!). Aber auch, wer sich in Ballettdingen gut auskennt, findet keinen Grund zu mäkeln: Ivan Urban ist hier ein glaubhaft-souveräner Karenin, der sensibel und zugleich seelisch stabil erscheint. Sehr, sehr anrührend.

Aber auch ihre Position ist sehr gut nachvollziehbar. Da ist dieses Unbehagen an der Seite dieses Mannes, den sie doch einst so mochte. Es wird immer schwerer, ihm in die Augen zu sehen…

Mit "Anna Karenina" entsteht ein neues großes Neumeier-Ballett

Hier leitet John Neumeier eine Kreationsprobe für „Anna Karenina“ – Topfotos von der FRONLEICHNAM-PROBE gibt es voraussichtlich KOMMENDE WOCHE HIER! Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Das Paar windet sich, mal kämpft es, mal schmust es, und als die Partner auf der langen Bank sitzen (was für eine Metapher!), als sie zusammen rücken und Körperkontakt aufnehmen, wird offenbar, was hier abgeht: Diese Ehe spielt ihr letztes Aufgebot, beide Partner bemühen sich, bereits um das verlorene Glück trauernd, die Beziehung innerlich zu kitten.

Es ist absolut ergreifend, das zu sehen, und jeder, der Erich Kästners Gedicht vom plötzlich abhanden gekommenen Liebesgefühl kennt, muss sich jetzt daran erinnern.

In „Anna Karenina“ aber dräut längst ein neues Liebesversprechen am Horizont: Edvin Revazov als der charmante, bildhübsche Wronski hüpft und springt sich munter ein, sein Wronski hat ein solides sportliches Naturell, und allzu schwer nimmt er das Leben nicht. Heißa, wie der Frühling in Person taucht er in Annas durchlöchertem Lebensstil auf.

Abgerissen übrigens auch die Kleidung von Ivan Urban alias Karenin – passend zur abgehalfterten Ehe.

Dagegen nimmt sich Wronski stark und schön aus, er wirkt wie aus dem Ei gepellt, ganz so, als habe ihn das Schicksal bislang nur mit der Sonnenseite verwöhnt.

Gerade das betört die melancholische Anna Karenina – aber es ist, als wolle sie ihren Kampf mit dem anderen Geschlecht nur mit einem neuen Mann fortsetzen und keineswegs beenden.

Die Beziehung Anna – Wronksi ist keine ungetrübte Glücksbeziehung. Es ist ein hastiges Glück auf Abruf, das von der Sehnsucht lebt, sich niemals wirklich erfüllen zu können.

Für Anna lastet das Gewicht ihrer Familie darauf. Und, so scheint es, zugleich und damit untrennbar verknüpft, auch ihr widersprüchlicher Charakter. Einerseits will sie Wildheit und frei gewählte Liebe. Andererseits hängt sie sehr an ihrem Kind und ist ihm gern eine fürsorgliche Mutter.

Und vermutlich stünde sie auch ohne Kind unter Hochdruck, hätte ein Talent dafür, sich schuldlos in einen sozial unlösbaren Konflikt zu manövrieren…

So, wie es scheint, würde sich Anna Karenina immer umbringen am Ende, egal, wer oder wen sie gerade liebt oder mit wem sie gerade lebt.

Sie ist stark und eigensinnig, aber zugleich scheitert sie an einer Gesellschaft, die ihr die Freiheiten, die sie sich nehmen will, nicht zugesteht.

Diesen Konflikt verdrängt sie, und anstatt ihn aufzuarbeiten, stürzt sie von einer depressiven Welle in die nächste, allerdings nicht ohne zwischendurch in wahren Liebesstürmen tief Luft zu holen.

Bis ihr am Ende dafür die Kraft und der Wille fehlen…

Das ist ein absolut moderner Konflikt, nichts daran ist altbacken oder überholt. Und auch eine berufstätige Frau, die außerhalb ihrer privaten Beziehungen Erfüllung fände, wäre vor solchen Interessenskollisionen nicht unbedingt gefeit.

Wenn die Gesellschaft eine Liebe nicht akzeptiert – und da gibt es viele Gründe – so ist das für die Liebende die Hölle auf Erden.

Mit "Anna Karenina" entsteht ein neues großes Neumeier-Ballett

Aleix Martínez tanzt die Rolle des freundlichen Außenseiters Lewin, der seinen Weg in die Religion sucht… und bei seiner großen Liebe hoffnungslos abgeblitzt ist. Foto: Kiran West

Andererseits gibt es Temperamente, die sich genau solche Klippen suchen, um daran zu wachsen und zu erstarken. Bis das Abenteuer stärker wird als sie – und sich die Lebenslust in Todessehnsucht verkehrt.

Es wäre Unsinn zu behaupten, dass Probleme wie Leistungsdruck im Beruf oder Ächtung der Gesellschaft spurlos an Menschen vorbeigehen würden. Da mag das Handy noch so oft klingeln.

Eines ihrer Soli zu Beginn der Liebesbeziehung zu Wronski hat Anna Laudere hier mit einem Handy am Ohr.

Ein Ballett mit realistischem Handygebrauch! Es hat nämlich geklingelt, und Annas Liebhaber war dran. Flugs lässt sie alles stehen und liegen, holt sich wieder den Trolley und reist in ihr kurzes, schwer verdientes erotisches Glück. Als sei sie eine Managerin, die für ein Wochenende auf den Bahamas vergessen kann, dass sie einen Alltag hat, der schon lange nicht mehr zu ihr passt.

Aber auch andere Paare haben ihre Sorgen.

Da sind Dolly und Stepan, Annas Bruder.

Dolly, furios auf der Probe getanzt von Patricia Friza, erwischt ihren Mann – den gut aussehenden Dario Franconi – beim Fremdgehen.

Und sie tobt! Da fliegt die Einkaufstüte durch die Luft, Obst kullert übern Boden, Dolly keift und explodiert ohne Worte, nur mit dem Körper – und Stepan versucht in einer Mischung aus schamhafter Schuld und unterdrückerischem Machismo, abzuwiegeln und sich zu verteidigen.

Sein Pech, dass er in Unterhosen da steht! Der Schwerenöter von Ehemann, wie er nicht ganz selten sein dürfte, hier steht er in Unterhosen auf der Ballettbühne… die Schlafzimmerszene voller Tränen, Wut und Stress ist damit bildlich fasslich.

Und auch die Familientragödie, die sich aus solchen Episoden ergibt, kommt ins Spiel.

Die Hausfrau greift zum Koffer. Er nimmt ihn ihr aus der Hand. Die Kinder kommen und gehen auf den Vater los. Er streitet alles ab, gibt dann wütend alles zu – seine Aggression und drohende Gewalttätigkeit treiben die Familie auf ein Floß ohne Hoffnung zu.

Mit "Anna Karenina" entsteht ein neues großes Neumeier-Ballett

Dieses Probenfoto zu „Anna Karenina“, dem neuen kommenden Ballett von John Neumeier, spiegelt die verzwickte Gefühlslage, in die sich die Titelfigur immer wieder zu bringen weiß. DEMNÄCHST SUPERFOTOS VON DER FRONLEICHNAM-PROBE HIER IM BALLETT-JOURNAL! Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Die Familie sei „die Keimzelle des Staates“, stellte schon Karl Marx fest. Schlimmer noch, könnte man ergänzen: Sie ist die Urzelle der Gewalterfahrung.

Schließlich gruppiert sich hier Dollys ganze Familie sinnbildlich ums Ehebett. Die Frau sitzt drauf, die Kinder haben sich darunter ängstlich verkrochen, und der Aggressor, also der untreue, tobende Ehemann rüttelt daran, als sei die ganze Familie sein Privateigentum.

Das ist Ballett-Theater vom Feinsten – expressiv, dramatisch, wahrhaftig. Es geht schon im Studio so dermaßen unter die Haut, dass man sich selbst beim entsetzten Seufzen erwischt.

Später wird John Neumeier im Gespräch sagen, dass ihn an „Anna Karenina“ die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in der Gesellschaft besonders berührt: „Warum darf ein Mann fremdgehen und eine Frau nicht? Warum ist da solch eine Diskrepanz?“ Und: „Wir sind heute immer noch dabei, für die Rechte von Frauen, von Homosexuellen und anderen Gruppen zu kämpfen.“

Und auch die Jugend in „Anna Karenina“ weiß nicht wirklich einen Ausweg. Auch hier regieren die Hormone und die Triebe, ohne, dass die Personen sich selbst und die Gesellschaft ohne weiteres in Einklang bringen könnten.

Da ist Kitty, die jüngere Schwester von Dolly, wunderbar quirlig und mit erwachender Weiblichkeit von Emilie Mazon getanzt.

Sie hat sich, wie Anna Karenina, unsterblich in den vor Lebenslust sprühenden Wronski verguckt. Oh, und er ist viel zu höflich und genießerisch, um ihr wirklich reinen Wein einzuschenken.

Und so lehnt sie den Heiratsantrag des eigenbrötlerischen Lewin ab, obwohl dieser sie seit Jahren unaufdringlich, aber zuverlässig verehrt. Aber was soll sie auch tun? Sie liebt ihn nun mal nicht… und hartnäckige Verehrer können ja so langweilig sein…

Lewin, getanzt von Aleix Martínez, ist ein Außenseiter in diesem gesellschaftlichen Allerweltszirkus. Kitty ist zu sehr von den Fassaden geblendet, um seine Qualitäten erkennen und schätzen zu können.

Mit Cowboyhut, Holzfällerhemd, in Lederhose und mit Gummistiefeln verkörpert Martínez den Landmann per se. Neumeier kreierte Lewin als positives Abbild eines Adligen, der sich um seine Ländereien eigenhändig kümmert und sie pflegt.

Und weil er so anders ist als die anderen, hat er auch andere Musik. Also tanzt er sein Solo zu „Moonshadow“ von Cat StevensNeumeier sagt, er wählte Stevens auch deshalb, weil dieser zum Islam konvertierte und also religiös seinen eigenen Weg suchte und fand.

Allerdings ist der Gitarrenpop mit Gesang, den wir mit Stevens’ „Moonshadow“ hören, eher typisch für die Hitparade der 70er Jahre als für den Islam.

So hottet Aleix Martínez hier richtig toll ab, mit Sprüngen, Bodenfiguren, Kontraktionen; mit Hut, ohne Hut; mit Hemd, es in die Luft werfend, ganz ohne Hemd.

Es ist ein Erlebnis, ihn hier nach allen Regeln des Madonna’schen Credos „Express yourself!“ seine Identität tanzenderweise finden und ausleben zu sehen.

Erleuchtung ist schließlich ein (oft genug vorüber gehendes) Gefühl – und hat als Tanz eine eigene Bedeutung.

Eine, die mit Gefühl und Herz zu tun haben sollte.

„Ich habe das Stück mit dem Herzen choreografiert“, sagt John Neumeier mit Bezug auf die ganze „Anna Karenina“.

Und als später, nach der Probe, die junge Emilie Mazon mit einem Trolley draußen an der Ampel steht und Richtung U-Bahn geht, holt uns die Gegenwart wieder ein.

Ob Cat Stevens, Tschaikowsky oder Alfred Schnittke, von dem ebenfalls Musik in „Anna Karenina“ verwendet wird – es ist der Kontext, der diesen Klängen ihre Berechtigung als Ballettmusik verleiht.

Und so sollen sich sogar einige Takte Heavy Metal in John Neumeiers „Anna Karenina“ untergemischt haben… davon dann spätestens im Premierenbericht mehr.

Bis dahin wird es auch weitere tolle Probenfotos hier zu sehen geben, und zwar von der oben beschriebenen Fronleichnams-Probe. Die Bilder, von mir aufgenommen, liegen derzeit – welch prickelnder Gedanke – bei John Neumeier höchstselbst zur Autorisierung. Die Spannung steigt… und die Bilder werden noch vor der Uraufführung in einem neuen Beitrag hier im Ballett-Journal erscheinen. Nachtrag: Und in diesem Beitrag sind sie nun: www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-werkstatt-anna-karenina-russische-liebe/.
Gisela Sonnenburg

www.hamburgballett.de

 

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