Neues aus dem alten Land der Träume John Neumeier sprach bei seiner 219. „Ballett-Werkstatt“ ergreifend zu „Anna Karenina lebt!“ Als Talenteshow gesehen, war David Rodriguez zu entdecken

Die 219. Ballett-Werkstatt von John Neumeier beim Hamburg Ballett war ein absolutes Erlebnis

Anna Laudere vom Hamburg Ballett tanzt rückhaltlos „Anna Karenina“ – und beweist auch in „Anna Karenina lebt!“ die vitale Kraft ihrer Kunst. Foto: Kiran West

Schon das öffentliche Training vor der Show war dieses Mal etwas Besonderes. Vor Beginn der 219.Ballett-Werkstatt“ („Anna Karenina lebt“) von John Neumeier mit dem Hamburg Ballett trainierten über vierzig Tänzerinnen und Tänzer an den aufgestellten Stangen auf der sonst nackten Bühne der Hamburgischen Staatsoper – aber es ertönte keine Musik dazu. Das Stimmengewirr der eintrudelnden Zuschauer ersetzte sie und verlieh dem Ganzen den Geschmack einer avantgardistischen Filmsentenz. Wunderbar. Zumal die Tänzer dem inneren Takt ihrer Übungen nachlauschten und überraschend synchron waren. Ganz rechts vorne bezauberte ein junger Ballerino: David Rodriguez.

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Der junge Ballerino David Rodriguez vom Hamburg Ballett tanzt wie ein junger Gott – ohne seine Wirkung zu forcieren oder zu überzuckern. Eine Entdeckung! Foto: Kiran West

Ob Cambré, Fondue, Port de bras, Penché – selten sieht man so viel Geschmeidigkeit und Präzision, Ausdruck und Schlichtheit, Jugend und Vollendung auf den Punkt gebracht. Sogar die Grands battements, bei so extrem muskulös gebauten Jungs oftmals ein kritischer Punkt, verströmen bei Rodriguez eine kraftvolle Poesie. Obwohl er gerade nicht so „hohe Beine“ hat wie andere, eher schlaksigere männliche Nachwuchsstars. Umso edler und eleganter wirken seine raschen, konzentrierten Beinbewegungen. Dieser Junge im türkisfarbenen T-Shirt fiel definitiv auf. Und man war gespannt, wie er sich im weiteren Verlauf des Matinee-Programms entwickeln würde.

Warum nun der Pianist ausfiel, blieb unklar. Fakt ist, dass man ihn dieses Mal nicht vermissen musste, im Gegenteil: Unter Ballettmeister Radik Zaripov – der nun nicht etwa wie ein lebendes Metronom laut zählte, sondern sich leise und wie schwebend zwischen den Trainierenden hin- und herbewegte – vollführten Solisten und Gruppentänzer in feiner Eintracht ihre Exercisen. Die Stille ist halt doch ein Taktgeber der außergewöhnlichen Art – wenn es sich um so meisterhafte und mit Gemeinsinn bestückte Künstlerinnen und Künstler handelt wie beim Hamburg Ballett.

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John Neumeier, beliebtester Ballettchef weltweit – und der bedeutendste lebende Choreograf mindestens. Foto: Kiran West

Als John Neumeier erschien, toste der Beifall auf. Man möchte aber auch zu gerne wissen, wie es der Intendant der Truppe macht, mit deutlich über 70 Jahren noch so fantastisch auszusehen. Nicht nur von vorne, sondern auch von der Seite und, mit Verlaub, von hinten betrachtet, macht er einfach eine richtig gute Figur.

Sein Lebenspartner, der Herzchirurg Hermann Reichenspurner, wird ihn sich nicht nur aufgrund Neumeiers hoher Künstlerschaft ausgesucht haben. Ansonsten ist es vermutlich nicht eben einfach, jemanden fürs Leben zu lieben, der so begehrt, so viel unterwegs und so beschäftigt ist wie der Hausherr vom Hamburg Ballett.

Ruhm und seine Auswirkungen aufs Privatleben – genau darum geht es in den ersten Szenen von „Anna Karenina“, dem jüngsten abendfüllenden Ballett von Neumeier. Im Sommer wurde es in Hamburg uraufgeführt, und schon bald werden Neueinstudierungen in Moskau am Bolschoi Theater und in Kanada (Toronto) mit dem National Ballet of Canada folgen.

Seinen Hamburger Tänzern dankt Ballettboss JN jedenfalls aufs Herzlichste für die erhebenden Inspirationen während des Schöpfens und auch während der Aufführungen des Stücks. In der Tat werden es die anderen Truppen schwer haben, sich hier zu messen.

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Für mich eines der schönsten und expressivsten Bilder von „Anna Karenina“: Anna Laudere und Edvin Revazov auf der Probe. Das Foto stammt von Kiran West

Insbesondere Anna Laudere als Titelheldin und Edvin Revazov als ihr ehebrechender Liebhaber Graf Wronski erfüllen derart viele Kriterien einer Perfektionsbesetzung, dass man mitleidig geneigt ist, den Moskauer und kanadischen Künstlern freundlich Mut zuzusprechen. Was sie an sich ja niemals nötig haben!

Carsten Jung tanzt jetzt in Hamburg den Ehemann der Karenina, einen erfolgreichen Politiker. Bei der Uraufführung war „Car“ ja verletzt, und der die Rolle hervorragend interpretierende Ivan Urban war für ihn eingesprungen. In meinen hier voran gegangenen Beiträgen zum Thema „Anna Karenina“ von John Neumeier lässt sich das auch en detail nachlesen und auf vielen Bildern, von Proben wie Aufführungen, besehen.

Jung tanzt indes expressiver, weniger realistisch, dafür stärker zeichnend. Wir sehen also einen willensstarken Mann im Dialog mit seinen Anhängern: Karenins Solo auf einer Tribüne steht für eine politische Rede eines Machthabers, und Plakate zeigen dazu sein Konterfei.

Die Parteianhänger, also die Ensemble-Tänzer, stehen derweil in Frozen positions – und Neumeier, im helltürkis farbenen Shirt zum Anthrazit-Trainings-Outfit erklärt, das Mikro in der Hand, warum: „Sie wissen noch nicht, wie sie reagieren sollen. Sie warten noch ab.“

Später übernehmen sie dann Teile der Choreografie von Jung, modifizieren diese zu einem Corps des Zuspruchs und der Loyalität. Raffiniert gemacht!

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Eng und wild umschlungen auf der Probe zu „Anna Karenina“ von John Neumeier: Anna Laudere und Edvin Revazov. Foto: Kiran West

Der Titel der Matinee „Anna Karenina lebt!“ bezieht sich übrigens, wie JN darlegte, nicht darauf, dass er als Neuinszenator einer bekannten Geschichte diese Liebesheldin am Ende des Stücks leben lasse, sie quasi „leicht verletzt unter dem Zug hervor holt“. Ein witziger Gedanke, übrigens. „Anna Karenina lebt!“ bezieht sich indes auf die Tragweite der Geschichte aus dem 19. Jahrhundert bis ins Heute, bis ins Hier und Jetzt von scheinbar toleranten, offenen Gesellschaften, die aber immer noch große Unterschiede machen, wenn es darum geht, Männern und Frauen Rechte und Freiheiten zuzugestehen.

Ein Mann findet eine neue Liebe, eine neue Partnerin oder einen neuen Partner? Kein Problem, wir alle sind Menschen, wir verstehen das. Wenn aber eine Frau, zumal wenn sie Kinder mit ihrem Ehemann hat, diesen für einen anderen verlassen will, so wird ihr zumeist mindestens Gewissenlosigkeit unterstellt. Der Drang der Gesellschaft, sie wie eine „gefallene Frau“ zu ächten und auszugrenzen, ist stark, auch heute noch – Frauen werden latent eben immer noch als Besitztümer ihrer Familien und speziell der männlichen Familienoberhäupter betrachtet.

Die Lesart von John Neumeier bezüglich des dem Ballett zugrunde liegenden Romans von Leo Tolstoi ist denn auch eine auch wissenschaftlich höchst interessante, um nicht zu sagen, revolutionäre. Denn bisher haben sich die Filmemacher, Choreografen und sonstigen Künstler, die sich diesem weltberühmten Romanstoff widmeten, gern darauf eingeschossen, den Selbstmord der Heldin am Ende vor allem ihr selbst und ihrer Rolle als pflichtvergessene Mutter anzulasten. Schuldgefühle und das Vermissen des Sohnes sollen als Gründe für den Suizid herhalten.

Dabei weiß man heute sicher, dass kein Selbstmord sozusagen vom Himmel fällt. Die Vorbedingungen müssen vielfältig in eine Richtung gehen, und eine offene oder schleichende Depression gehört ebenso dazu wie nicht bewältigter Psychostress, ob der nun in einer Unter- oder in einer Überforderung durch Konfliktpotenzial liegt.

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Ein emotionales Vakuum kann auch tödlich sein: Ivan Urban und Anna Laudere bei der 218. (nicht 219.) Ballett-Werkstatt in Hamburg, es geht um die erkaltete Ehe zwischen Karenin und seiner schönen Frau. Foto: Kiran West

Ein emotionales Vakuum kann derweil genau so kräftezehrend sein wie großer Überdruck – auf das Maßhalten kommt es stets bei Gesundheitsfragen an, das gilt auch seelisch. Anna Karenina ist da ein gutes Beispiel. Ihre innere Balance droht ständig, tollkühn in Absturz zu münden – in Tolstois Roman wie im Ballett.

Neumeier ist meines Wissens nach der erste Anna-Karenina-Interpret, der darauf hinweist, dass sie sich vor allem wegen ihrer Zweifel an der Treue und Liebe ihres Geliebten Wronski umbringt. Und eben nicht aus Schuldgefühlen und weil ihr der Sohn aus ihrer Ehe mit Karenin so sehr fehle.

Doch bis zu den Zweifeln wegen des Flirts von Wronski mit der Prinzessin Sorokina (sprich: „Sarókina“) ist es noch lange hin. Zu Beginn des Balletts trifft Anna mit Wronski ihr Lebensschicksal, ihre große Liebe, ein Gefühl, das alles, aber auch wirklich alles andere verdrängt.

Es gibt ja nun allgemein die These, dass große sexuelle Liebe mit dem Tod unaufllösbar verquickt sei, schon deshalb, weil der Verlauf der Zeit einem alles umspannenden Gefühl nicht standhalten kann. Entweder die Liebe wird weniger oder erlischt oder wandelt sich in Freundschaft – oder die Liebenden (oder einer von ihnen) sterben, um die Illusion des für immer währenden Hochgefühls aufrecht zu erhalten.

Liebe als Sucht: als ein dem Grunde nach unerfüllbares Ideal, an dem trotz scheinbarer Erfüllung sehnsuchtsvoll gescheitert wird.

Denn was klingt denn noch alles wie nebenbei mit in uns an, wenn wir lieben, um geliebt zu werden und geliebt werden, um zu lieben?

Natürlich: Die ganze Kindheit hängt mit dran, ebenso wie die ganze Hoffnung eines Menschenlebens, verknüpft mit all den alten Wunden und Heilungen, allen Neuverletzungen und Erschütterungen, die eine Seele schon erfuhr.

Hier vergisst man dann alles andere: Wenn das „Ballet Revolución“ sein Temperament in Tanz umwandelt, gibt es kein Halten mehr. Da sind Leidenschaft und Schönheit zu heißen Rhythmen vereint, und das neue Programm verspricht, noch fetziger zu sein als jedes andere zuvor. Unbedingt rechtzeitig hier hier Tickets sichern unter: www.bb-promotion.com – und richtig Spaß haben! (Das Foto stammt von BB Promotion / Anzeige)

Liebe als Leben – ist wahrscheinlich prinzipiell tödlich, sofern sie sich nur auf eine Person, nur auf den Sexualpartner bezieht. Anders gesagt: Sex als Lebenssinn ist nicht ausreichend.

Und Leben, nur um zu leben, auch mit allem Luxus – ist genau so deprimierend wie ein völlig sinnentleertes Dasein. Ob allein oder zu zweit.

Dieser Art sind die Neuigkeiten aus dem alten Land der Träume, die John Neumeier mit der 219. Ballett-Werkstatt als Erkenntnis möglich machte.

Man könnte da glatt auf die Idee kommen, seine eigene Lebensplanung zu ändern!

Die Auflösung der eigenen solistischen Identität zu Gunsten einer Definierung als Dauerpaar hat nun mal nicht nur natürliche, gesunde Züge, sondern auch die der Zwanghaftigkeit und der Ich-Aufgabe.

Neumeiers Anna Karenina wird von der Melancholie der Liebe sichtlich befallen, sie löst die Melancholie der inneren Einsamkeit, die vor ihrer Verliebtheit bestand, ab. Der Wunsch, sich im anderen ganz aufzulösen, klingt in ihren Pas de deux mit Wronski aber ebenso glasklar an wie in ihren getanzten Alpträumen und Soli. Alle Tonarten sind da versammelt: das Lustvoll-Heitere ebenso wie das Düster-Exaltierte.

Anna Laudere tanzt die Entwicklung ihrer Rolle, die sie immer tiefer in diese seelischen Labyrinthe führt, mit Sicherheit und Verve, mit großem Tiefsinn und ungeheurer Schönheit – sowie mit Verletzlichkeit und doch großer Stärke.

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John Neumeier bei der Probe zu „Anna Karenina“ im Ballettsaal. Der Chef kennt die Stärken seiner Tänzer ganz genau! Foto: Gisela Sonnenburg

Neumeier kommentiert dazu. Wie sie zu Beginn in der Szene mit ihrem Mann vor den Parteigenossen als Schaustück benutzt wird. „Sie wirkt nicht spontan, sondern artifiziell, ihre Bewegungen sind wie gestellt“, sagt er, auch in den akrobatisch-fließenden Pas de deux hat Anna Karenina scheinbar keinen eigenen Willen – und das ist Absicht. Dem Choreografen liegt viel daran, darauf hinzuweisen, welche Erwartungshaltungen es an die Lebenspartnerin einer Berühmtheit, eines VIP, gibt.

Auch der heran wachsende Sohn von Anna und Karenin, von Marià Huguet getanzt, ist Teil dieses Gefüges, in dem es keine echte Privatheit gibt, sondern alles Show für die Öffentlichkeit ist.

Die vielschichtige Choreografie zur Musik von Peter I. Tschaikowski erlaubt es, in die Abgründe hinein zu sehen, die sich damit eröffnen. Gleichzeitig aber wird eine Fassade errichtet und aufrecht erhalten, die als Vorbild gelten soll. Wahrlich, man beneidet Politiker nicht und muss befürchten, dass dieser Beruf per se den Charakter verdirbt. (Aber vielleicht sind wir Normalos auch nur Weicheier, die dem knallharten Machtkampf allzu bequem aus dem Wege gehen… )

Für Menschen, die im Licht der Öffentlichkeit stehen, ist jedenfalls klar: Man muss oftmals Dinge verstecken, sich verstellen, man muss sich ausstellen, man muss etwas vertuschen, verheimlichen, davon ablenken, um etwas ganz anderes in den Vordergrund zu schieben. Man muss stets eine heile Welt demonstrieren, ohne Fehl und Tadel, und dennoch soll man authentisch und glaubwürdig wirken.

Ja, es ist nicht leicht, ein Promi zu sein. Dagegen dürfte auch niemand Einwände haben.

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Maren Giltzer, Schauspielerin, früher auch mal „Glücksrad“-Fee, fährt auch manchmal mit dem Zug nach Hamburg oder Berlin – und weiß, was es heißt, ein Promi zu sein. Faksimile von Google Bildern: Gisela Sonnenburg

Die Schauspielerin Maren Giltzer, die ich auf der Rückfahrt von Hamburg nach Berlin im Zug traf und mit der ich mich zwar nicht über die aktuelle Sexismus-Debatte, wohl aber über fies gewordene Wildschweine auf dem Marktplatz in Heide sowie über den Unsinn der Wiederansiedlung von Wölfen in unseren Wäldern unterhielt, hätte da sicherlich auch ein Liedchen von singen können.

Und auch die Lebenspartner von Prominenten leiden stets mit – ohne ein gemeinsam angestrengtes Spiel für die Öffentlichkeit ist es nämlich ziemlich schwer, vor Sensationsgeiern und Fressfeinden seine Ruhe zu haben.

Der gesellschaftliche Druck gerade für Frauen, so John Neumeier, ist immens, wenn sie an der Seite einer bekannten Persönlichkeit stehen. Es wird von ihnen erwartet, ihren Partner wie ein allzeit griffbereites Anhängsel zu begleiten, ihn unterstützend und auf eigene Interessen weitgehend verzichtend.

Meinen Rat, gar nicht erst zu heiraten, schon gar keinen Prominenten, und auch bitte nicht selbst berühmt zu werden, sondern sich lieber einen ruhigen Beruf und dazu den geeigneten Liebhaber zu suchen, hätte Anna Karenina vielleicht erhören können, wenn sie nicht im 19. Jahrhundert erfunden worden wäre.

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Edvin Revazov und Anna Laudere proben die entfesselte große Liebe in „Anna Karenina“. Foto: Gisela Sonnenburg

Damals aber hatten Frauen ohne Heirat kaum eine gute Chance, in Würde zu überleben. Und, ich gebe es zu, auch heute gefällt nicht jeder oder jedem das konsequente, prinzipielle Single-Dasein; Charaktere, die trotz alle Ich-Auflösungs-Gefahren am liebsten zu zweit durchs Leben gehen, sitzen recht schnell in der Ehe- oder Beziehungsfalle.

Zumal, wenn das Kinderkriegen eine Rolle spielt. Wie modern John Neumeier sich auch auf dieses Thema einlässt, zeigt übrigens Edvin Revazov in einem sensitiven Solo als Wronski, nachdem er von der Schwangerschaft seiner verheirateten Geliebten Anna erfahren hat.

Hoffnungsvoll fliegen da seine Arme und Beine empor, und mit großer Zartheit formen seine starken Unterarme das imaginäre sanfte Hin- und Herwiegen eines Babys. Süß sieht das aus, zumal Revazov, dieser blonde „Riese“ vom Hamburg Ballett, hier so ergeben den werdenden Vater mimt, dass man schon fast glaubt, er gehöre bald auch privat zu dieser prima Sorte neuer Väter, die sich um ihre Kinder wirklich gern persönlich kümmern.

Denn dass Gefühle und Schutz fürs Kind nicht allein Frauensache sind, hat sich doch mittlerweile herumgesprochen. Endlich sieht man das mal in einem hoch ästhetisch einher kommenden Ballett umgesetzt!

Und noch eine Szene erläutert Neumeier hier, die man sonst fast übersehen könnte (was dumm wäre): Yaiza Coll hat einen fulminanten Auftritt als Heldin Tatjana aus Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ im Ballett „Anna Karenina“. Dazu erschallt auch eine Arie der Tatjana – und Coll überreicht Anna schließlich den Brief, in dem sie Onegin, ganz umsonst übrigens, ihre Liebe gesteht.

Ihr Kostüm, ein Nachthemd, hat eine kleine Anekdote anhängig. JN erzählt sie, voll Charme und Esprit:

Marianne Kruuse – hier im Kostüm der Olga aus John Crankos Ballett „Onegin“ – in den Armen von John Neumeier. Tiefe Freundschaft verbindet den Ballettmacher Neumeier mit seinen Tänzern! Das schöne Foto von Joachim Flügel ist seitenfüllend nachzusehen im Portrait-Band „Ich wusste gar nicht, was in mir steckt – Marianne Kruuse“ von Angela Dauber, Hamburg, 1986. Heute ist dieser exzellente Band nur noch antiquarisch zu erhalten – oder von sehr guten Freunden. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Die Tatjana-Figur fiel ihm relativ spät während der Anna-Karenina-Kreation ein. Und es fehlte: ein Gedanke für ein Kostüm. Da erinnerte Neumeier sich an den Ausstatter Jürgen Rose, mit dem er in Frankfurt am Main Anfang der 70er Jahre das Ballett „Der Kuss der Fee“ kreiert hatte. Damals fehlte auch eine Kostümidee, und zwar für die sich am Ende ganz bürgerlich die Haare bürstende Mädchengestalt, deren Geliebter sich längst für die abnorme Welt der Feen entschieden hatte. Die spätere Starsolistin Marianne Kruuse pflegte sich da sinnfällig das Haar, aber ein passendes Kostüm war nicht in Sicht. Schließlich fiel Jürgen Rose das Nachthemd seiner Großmutter ein. Es wurde das Gewand von Marianne in dieser Szene – und ging später in die Sammlung von John Neumeier ein.

Jetzt fiel diesem das Nachthemd der Oma wieder ein, und in seiner historischen Noblesse passt es tatsächlich vorzüglich zur Opern-Tatjana im Ballett „Anna Karenina“. Eine Superkarriere für ein altes Nachthemd!

Die 219. Ballett-Werkstatt von John Neumeier beim Hamburg Ballett war ein absolutes Erlebnis

Ohne Nachthemd, aber mit viel Charme: Ein Probenfoto mit Marianne Kruuse und Kevin Haigen für „Der Kuss der Fee“ von John Neumeier gibt es auch. Es stammt von Holger Badekow und findet sich in dem Band „‚Ich wusste gar nicht, was in mir steckt‘ – Marianne Kruuse“ von der feinfühligen Dramaturgin Angela Dauber, erschienen im Hamburg Ballett Verlag, den es 1986 gab. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Die beiden Frauen, Anna und Tatjana, haben einander aber auch viel entgegen zu setzen. Da ist Anna, die für ihre Leidenschaft alles aufgibt und das bürgerliche Glück in den Wind schießt. Da ist Tatjana, die ihre Leidenschaft bezähmt und bei ihrem bürgerlichen Gatten bleibt. Die eine stirbt an der Liebe, die andere bewahrt sie sich lebend. Beide leiden am Hallodri-Syndrom so vieler interessanter Männer – man kann an ihrer Untreue und Flatterhaftigkeit als liebende Frau ja bekanntlich leicht zugrunde gehen. Diese zwei Frauen aber hätten sich viel zu sagen…

Ein Pas de deux von Anna Laudere und Yaiza Coll – als ungleiche Leidensgenossinnen der gesellschaftlich verunmöglichten Liebeslust – krönt denn auch die Szene. Und man ist entzückt, wie sehr dieses Miteinander der beiden Damen auch die modernen Seiten dieser Thematik ins Licht rückt. Jenseits von Rivalinnentum und unsolidarischer Ausgrenzung – einem Aspekt von Sexismus, der Frauen untereinander betrifft und der noch stärker tabuisiert ist als der Sexismus zwischen den Geschlechtern.

Im Ballett aber geht es weniger um Sexismus als um zarte Gefühle.

Es geht zudem in allen drei großen russischen Balletten von John Neumeier (siehe den Beitrag hier im Ballett-Journal zur 218. Ballett-Werkstatt vom Sommer 2017) um die Schicksale von wirklich starken Frauen. Das betont der intellektuellste Choreograf, den wir kennen, denn auch besonders.

Warum er eigentlich TolstoisAnna Karenina“ ins Heute versetzt hat? Weil Tolstoi sie auch nicht in einer historischen Vergangenheit, sondern in seiner eigenen Gegenwart leben und sterben ließ. JN hat das Stück darum in einer Sphäre inszeniert, die unsere globalisierte Gegenwart zeigt – und die sowohl in Deutschland als auch in Übersee als auch in Russland spielen könnte.

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Mit dem Spiel mit dem Feuer beginnt diese Liebschaft, eine zu werden… „Ed“ Revazov und Anna Laudere auf der Probe zu „Anna Karenina“ von John Neumeier. Foto: Gisela Sonnenburg

Dass ein Global player wie Neumeier dennoch nie müde wird, auch die Leistungen etwa der Bühnentechniker (und hier die von vier Studenten seiner Ballettschule, die freundlicherweise als Kulissenschieber wirkten) unter der versierten Leitung von Vladimir Kocic zu bedenken und mit Applaus bedanken zu lassen, zeichnet ihn als besonders fairen Charakter aus.

Es wird mir sicher nachgesehen, wenn ich dennoch seine gestenreichen und klaren, dennoch mit Humor gespickten Erläuterungen der Inszenierung für spannender halte. Es ist bei den Ballett-Werkstätten, als wäre man dabei, wie John Neumeier seine Ideen und seine genialen Tanzgewerke entwickelt. Was kann schon interessanter sein?

Die Magie, die dieser Mann entfaltet, wenn er seine Kunst mit allen Mitteln – tänzerisch wie gestisch wie tänzerisch – zeigt, ist ja weltweit bekannt. Bei John Neumeier kommen das Wissen und das Können um die Kunst zusammen mit einem starken Glauben an eine menschliche Moral, die lebenswert ist. Ich halte es für möglich, dass es diese Melange ist, die uns immer wieder so sehr begeistert.

Hinzu kommt, dass Neumeier eine außerordentlich starke Persönlichkeit ist – alles andere denn ein wankelmütiger Erfolgssüchtiger. Auch das überträgt sich, das spürt das Publikum. JNs Lust daran, sich zu öffnen und von sich Mitteilung zu machen, ist da wie ein Fluss positiver Gedanken, auf dem man bei seinen Veranstaltungen nur allzu gern mitfährt.

So, wenn er zur geheimnisvollen Figur des Muschik Auskunft gibt. Er hat den Muschik in „Anna Karenina“ eigenwillig, hoch ästhetisch und in sich sehr schlüssig in die ballettöse Szene gesetzt.

In Vertretung von Karen Azatyan tanzt hier Alexandre Riabko diese geisterhafte Person – mit einer rollengerecht heftigen Bissigkeit und Aggression.

Der Muschik ist eine Art Dämon, geboren aus Schock und Depression – er ist der Geist eines tödlich verunfallten Bauarbeiters, reinkarniert als Alptraumgestalt der Ehebrecherin Anna Karenina.

Er ist die Rache der Unterschicht an der herrschenden Klasse, um es marxistisch zu sagen.

„Muschik“ an sich bedeutet Bauer, Landarbeiter, in einem untergeordneten Sinn, etwa wie ein Tagelöhner.

Im Roman von Tolstoi ist der Muschik ein schmutziger, kleiner Bauer von niedrigem Rang, der immer wieder durch die Träume von Anna Karenina geistert. Er „haut auf Eisen“, macht also werkelnde laute Geräusche, was die Heldin als besonders alptraumhaft erlebt.

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Anna Laudere und Karen Azatyan als Muschik tanzen hier bei der Uraufführung von „Anna Karenina“ den Alptraum-Pas de deux. Foto vom Hamburg Ballett: Kiran West

Schließlich träumt sie, wie er sich ihr bemächtigt, ohne sie überhaupt als Person wahrzunehmen. Er ignoriert sie, während er sich an ihr zu schaffen macht. Zudem spricht dieser russische Muschik auch noch französisch, obwohl Personen seines Standes normalerweise sehr ungebildet waren.

Man muss kein studierter Psychologe sein, um hier nicht nur Hinweise auf eine dunkle Sexualität zu erkennen, sondern sogar auf sexuellen Missbrauch. John Neumeier gibt zwei Schlüssel zur Interpretation: die erotisch-sexuelle und die soziale, nach der der Muschik ein verarmter Adliger sein könnte.

In seinem Ballett trägt der Muschik die orangefarbene Kleidung eines Straßenarbeiters. Jeder kennt diese Art von unerwarteter, deftiger Erotik im Alltag, wie sie gerade leicht bekleidete Bauarbeiter im Sommer verströmen.

Als Puppe fällt der Muschik hier aber zunächst tot aus dem Schnürboden, kurz nachdem Anna und Wronski sich auf den ersten Blick verlieben. Todesopfer gelten in der Baubranche als kaum vermeidbar, sie werden einkalkuliert und in Kauf genommen. Das ist etwas, das die Gesellschaft meist vergisst, wenn sie sich an Bauboom und Neubauten ergötzt.

Diese Szene im Bahnhof, in der mit dem Muschik-Tod Politik und Privatheit zusammen kommen, deutet Anna denn auch als schlechtes Omen – und wird damit ja nicht Unrecht haben.

Fortan erscheint und bedrängt sie der Muschik-Geist. Schließlich – nach ihrer Trennung vom Gatten – träumt auch Wronski von diesem Dämon eines Verunfallten, und auch ihm macht der überdimensionale Sexus, den der Muschik verkörpert, zu schaffen.

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Vor dem Sex ist nach dem Sex, aber Sex ist nicht gleich Sex: Anna Laudere als „Anna Karenina“ in ekstatischer Bodenposition. Foto: Kiran West

Was bei Tolstoi ebenso nebulös wie auch ein wenig plakativ wirkt, mutet in Neumeiers Ballett komplex und vielschichtig an. Er sagt selbst, dass es in der Realität höchst ungewöhnlich wäre, wenn zwei Personen (auch wenn es Liebende sind) von derselben Geistgestalt träumen oder gar den gleichen Traum haben.

Aber im Ballett wird fasslich, welche unbewusste Macht dieser Muschik als Traumgestalt verkörpert. Es ist beklemmend zu sehen, wie er mit Wronski einen Tanzkampf unternimmt, dazu französisch ein Gedicht von Charles Baudelaire („Die Blumen des Bösen“) bellend, um dann auf allen Vieren unter den Tisch zu kriechen. Wie ein Tier.

Die Träumer machen so Mitteilung über ihre Psyche: Das Animalische einer in der Kindheit erlittenen Triebtäterschaft könnte sich genau so zeigen.

Das gilt auch für die Szene, als der Muschik geradewegs auf dem Tisch zu Anna Karenina robbt, um sie langsam, aber rücksichtslos tänzerisch in Besitz zu nehmen. Ihre Abwehr, ihr Nichtbegreifen, ihre Passivität, ihre Hilflosigkeit, auch ihr unbeholfenes Mitmachen deuten stark auf eine entsetzliche Kindheitserfahrung hin.

Es gibt ja Schätzungszahlen, nach denen sehr viele Menschen von sexuellem Missbrauch betroffen sind – unabhängig von der Kultur und der Epoche, in der sie aufwachsen. Man hat hier ein Menschheitsthema vor sich, und auch wenn John Neumeier den Wortlaut vom sexuellen Missbrauch nicht ausspricht, so ist er hier doch möglicherweise gemeint.

Ich darf bei dieser Gelegenheit auf meine Arbeit „Die Kinderseelenfresser: Pädophilie als Kannibalismus“ hinweisen, die 2004 beim Psychosozial-Verlag erschien und mittlerweile auch als PDF-E-Book dort erhältlich ist. Es geht unter anderem um die Künstlerin Niki de Saint Phalle, um „Lulu“ und um den Fall Marc Dutroux. Ich verdiene übrigens keinen Cent an den knapp sechs Euro, die man für das PDF beim Verlag hinblättern muss, der für diese Art der Vermarktung auch nicht meine Einwilligung hat. Aber ich versende gern selbst gegen eine Zahlung von nur fünf Euro gegen Vorkasse das Manuskript als PDF – Anfragen bitte an info@ballett-journal.de.

Man gestatte mir einen Exkurs: Die Beachtung von Urheberrechten ist in Deutschland leider seit dem Amtsabtritt des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler (CDU) – der ein vehementer Verfechter der Autorenschaft war – immer stärker zunichte gemacht worden. Ob das nicht auch mal Thema eines Balletts sein könnte?

Viele Menschen machen sich darüber überhaupt keine Gedanken, sie wissen zwar, dass die Musiker mit den GEMA-Gebühren geschützt sind und die Choreografen mit Lizenzen. Aber was ist mit uns, den Wortkreativen? Wir sollen Künstlern und anderen dienen, sie machen nicht selten gute Geschäfte – etwa mit Fördergeldern – auf der Grundlage unserer Arbeit, aber zurück kommt nur im seltensten Fall überhaupt etwas.

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Emilie Mazon trägt hier auch ein Nachthemd, aber keines einer Großmutter. Ihre Figur, Kitty in „Anna Karenina“, erlitt gerade einen Nervenzusammenbruch. Wohin die Liebe auch führen kann… bevor ein anderer Mann das Glück mitbringt. Foto: Kiran West

Kein Wunder, wenn es bald kaum noch nennenswert gute Autoren gibt, die sich dieser finanziellen Misere aussetzen wollen. Der Niveauverlust in den deutschen Medien wird ja allgemein beklagt. Wo bleiben sie denn, die neuen Reich-Ranickis, Kerrs und Iherings? Sie fehlen. Über die Ursachen aber wird zu viel geschwiegen. Die ungerechte, schlechte Bezahlung der meisten Autoren und Kritiker in Deutschland ist da durchaus mal als öffentliches Diskussionsthema angesagt.

Aber woran liegt es nur, dass Medien und Verlage darüber so gut wie niemals berichten? Nun, sie selbst profitieren davon, mit wirklich superschlecht bezahlten Berichterstattern eine leicht auszubeutende Produzentenmasse zu haben.

Wahr ist, dass auch große Tageszeitungen und Magazine heute in Deutschland oftmals so wenig für Berichte (und seien diese noch so gut oder erwünscht) bezahlen, dass noch nicht einmal der gesetzliche Mindestlohn von 8,84 Euro brutto pro Stunde, der mittlerweile in vielen Branchen ausgehandelt ist, erreicht wird. Auf vielen Unkosten bleiben die Textproduzenten zudem sitzen.

Dabei sind die meisten Journalisten studierte und anständige Leute, die ihr Bestes geben, um vom Eigeninteresse abzusehen und ihrem Verlag und der Gesellschaft nützlich zu sein. Dafür verdienen sie weniger als Frisöre und Praktikanten in anderen Branchen. Das ist ein Unding, und ich kann nur jedem, der sich in dieser Gesellschaft für Demokratie und Fairness einsetzen möchte, empfehlen, sich da mal mit zu beschäftigen.

Es ist zwar ungewöhnlich, für Journalismus zu spenden – aber das Ballett-Journal ist sehr arbeits-  und zeitaufwändig – und muss ohne öffentliche Fördergelder auskommen. Wenn Sie es unterstützen möchten, dann spenden Sie bitte. Jeder Euro zählt! Danke.

Schließlich besteht die Pressefreiheit nicht nur darin, dass es einige wenige gut bezahlte Journalisten gibt, wenn es gleichzeitig eine große Menge sehr schlecht bezahlter Journalisten gibt. In manchen EU-Staaten gibt es darum staatliche Zuschüsse für große und für kleine journalistische Projekte und Verlage – in Deutschland wäre es längst Zeit, mal nachzurüsten. Vielleicht hätte man mit einer verstärkten journalistischen Aufklärung und einer vielfältigen politischen Meinungsäußerung auch jenseits der Mainstream-Medien einen Einzug der AfD ins Parlament durchaus verhindern können. ZDF, BILD und „Spiegel“ haben hier ja ganz offenkundig herbe versagt.

Im Ballett spielt all dies augenscheinlich keine Rolle. Aber es ist immerhin eine Tatsache, dass manche große Zeitungen, seit es das Ballett-Journal als fachliche Konkurrenz online kostenlos gibt, ihre Ballettberichterstattung verstärkt und erweitert haben. Das ist gut so – sollte aber nicht als selbstverständlich hingenommen werden. Schließlich grassiert unter unseren Politikern, und die sind nun mal für Vieles die Entscheidungsträger, immer wieder eine gewisse Kulturmüdigkeit.

Beim Hamburg Ballett und seinem Publikum merkt man nun nichts von eventueller Ballettmüdigkeit, zum Glück nicht – und John Neumeier wird mir meinen Exkurs in die Medienlandschaft sicher gern nachsehen. Möchte ich doch hiermit darauf hinweisen, dass es noch immer viel zu wenige Berichte über John Neumeier und seine Kunst gibt.

Wann hat ein Land denn sonst die Möglichkeit, ein solches Genie zu seinen Künstlern zu zählen?!

Manchen seiner Fans wie auch Ballettkennern überhaupt wird ja ganz schwummrig, wenn man daran denkt, dass Neumeier in zwei Jahren das Hamburg Ballett zumindest als sein Intendant verlassen haben will. Man hofft auf seine weitere vertragliche Bindung als Berater, Chefchoreograf, Ehrenpräsident etc. – aber man befürchtet sicher zu Recht, dass es nie wieder so sein wird wie jetzt.

Die Kostbarkeit der Stunden, die er bei seinen hoch intensiven Ballett-Werkstätten an uns verschenkt, dürfte denn auch legendär sein.

So, wie jene Momente, als Neumeier die Musik zu „Anna Karenina“ erklärt.

„Wenn eine große Spannung im Stück ist“, so Neumeier, löse die moderne, oftmals atonale Musik von Alfred Schnittke die schwelgenden Romantik-Klänge von Tschaikowski ab.

Die 219. Ballett-Werkstatt von John Neumeier beim Hamburg Ballett war ein absolutes Erlebnis

Dario Franconi, Anna Laudere und Patricia Friza spielen High Society in „Anna Karenina“ von John Neumeier. Foto: Kiran West

Beim Muschik konnte Neumeier (dank seiner guten Beziehungen zu den Erben der Lizenzen von Schnittke) noch zusätzlich eine Art Heavy-Metal-Sound darüber legen. Wenn man das nicht weiß, hält man den metallenen Klang für die originale Schnittke-Komposition. Aber diese wurde dem Ballett hier angepasst – was sehr gut gelang.

Für die akkurate musikalische Umsetzung des literarischen Stoffs ist das eine große Erleichterung! Man dankt denn auch Neumeier für diese Idee und den Erben für ihre Einwilligung. (Neumeier beachtet die Urheber- und Lizenzrechte anderer nämlich.)

Und dann gibt es da noch eine musikalische Delikatesse, über die nach der Uraufführung von „Anna Karenina“ hier und da gestritten wurde. Zum Ballett der „Sensenmänner“, einem heroisch-harmonischen Tanz von Landarbeitern mit Sensen beim Mähen, ertönt Cat Stevens’ heute schon nostalgisch anmutende Oldie-Naturverherrlichung „Morning has broken“.

Während der Aufführungen ist hier eine Kulisse vom Sonnenaufgang zu sehen, mit Scherenschnitteffekten und der sichtlichen Verlebendigung eines idealen Einklangs von Mensch und Natur.

Bei der Ballett-Werkstatt tragen die Tänzer ihre Probenklamotten, das Licht bleibt an – und die Künstler wirken dafür umso stärker als einzelne Persönlichkeiten.

Die 219. Ballett-Werkstatt von John Neumeier beim Hamburg Ballett war ein absolutes Erlebnis

David Rodriguez: Eine männliche Sylvie Guillem, wenn er tanzt, so bildhübsch und ballettös in jeder Hinsicht. Er fiel mir schon mal in Hamburg auf, und jetzt bei der 219. Ballett-Werkstatt von John Neumeier beim Hamburg Ballett wurde dann klar, wie lernfähig und ausdrucksstark er wirklich ist: Rodriguez, der das Zeug zum Star hat, wenn er weiter hart an sich arbeitet –  und Möglichkeiten bekommt, sich zu entwickeln. Foto: Kiran West

Da wird es Zeit, wieder auf die aktuelle Entdeckung beim Hamburg Ballett hinzuweisen: David Rodriguez tanzt ganz vorne einen Sensenmann, und zwar mit einer Akkuratesse und Ausstrahlung, dass man meint, ein Erster Solist habe sich ins Corps verirrt.

Wirklich: Er fällt, wie schon eingangs erwähnt, in dieser Ballett-Werkstatt derart positiv auf (und mir auch nicht zum ersten Mal bei einer Visite in Hamburg), dass man es sich nicht verkneifen kann, John Neumeier um einen Gefallen zu bitten.

Ich mische mich an sich nur ungern in die Personalpolitik von Ballettchefs ein, doch dieses eine Mal muss es sein.

Wenn ein Talent, das so jung bereits über einen so hohen Grad an Bühnenreife und auch über so viel Sicherheit beim Tanzen verfügt, nicht entgegen allen Üblichkeiten flugs zum Solisten befördert wird, dann weiß ich nicht, wozu es Regeln zur Beförderung mit Fug und Recht überhaupt gegen soll. Denn im Grunde sind sie ja dazu da, die Ausnahmen zu erlauben – und ein David Rodriguez sollte eine Ausnahme sein, genau so wie Emilie Mazon auch eine war.

Manchmal ist der Zeitpunkt, ab wann ein Tänzer massiv gefördert und gefordert werden muss, nicht mehr nachzuholen. Ich befürchte, bei David Rodriguez ist es soweit: jetzt oder nie – zu lange in der Warteschleife zu hängen, statt voll aufdrehen zu können, kann für ein so immenses Talent tödlich sein.

Ich versteige mich zu der Behauptung, dass Rodriguez das Talent des Balletts an sich verkörpert, und dass man weltweit derzeit kaum so eine Befähigung ein zweites Mal findet. Es ist eine Pflicht, hier das Beste sich entwickeln zu lassen!

Wenn man das nicht rechtzeitig macht, kann sich Talent auch zurück entwickeln – Beispiele dafür kennt die Ballettwelt zur Genüge.

Rudolf Nurejew machte Sylvie Guillem in Paris nicht ohne Grund schon als Siebzehnjährige zur Ersten Solistin. Nicht, weil es außer ihr keine Primaballerinen gab. Sondern weil Sylvie sich sonst nicht mehr so gut hätte entwickeln können. Und Nurejew sah das Potenzial und wollte es möglichst voll entfaltet.

Wenn nun unter all den Begabungen, die das Hamburg Ballett unbestreitbar hat, eine so sehr heraus sticht wie David Rodriguez, stellt das den Compagniechef vor eine Aufgabe. Ich bin gespannt, ob Neumeier mir hierin zustimmt.

Lloyd Riggins, der Stellvertreter und designierte Nachfolger von John Neumeier als Hamburg-Ballett-Boss, könnte auch ein Interesse an rechtzeitiger Talenteförderung haben. Foto: Kiran West

Und auch Lloyd Riggins, Neumeiers Stellvertreter und sein designierter Nachfolger als Chef vom Hamburg Ballett, könnte ein Interesse daran haben, sich für die Zukunft mit einer pointierten Personalpolitik ganz besondere menschliche  Highlights im ohnehin hochkarätig bestückten Ensemble zu sichern.

1996 in Kolumbien geboren, wurde David Rodriguez zuletzt an der Miami City Ballet School ausgebildet.

Seit 2016 tanzt er im Corps beim Hamburg Ballett. Die Fortschritte, die er in nur einer Spielzeit machte, sind immens – und die Fertigung, die nunmehr bei seinen Auftritten zu sehen ist, zeigt, dass er sowohl in Soli-Partien als auch im Einklang mit anderen ein absolutes Höchstmaß an Kunst zu geben bereit ist.

Und zwar, was für einen so jungen Tänzer absolut selten ist: ohne zu forcieren! Also: ohne zu dick aufzutragen, ohne ins Süßliche, ins Sportliche oder ins Krampfhafte zu verfallen. Ohne Narzissmus und ohne Autismus. Im Gegenteil: Eine gewisse sexy Coolness, eine souveräne Ruhe, die sich auf andere überträgt, scheint von ihm auszugehen. So etwas ist im Ballett nun ohnehin eine Rarität.

Wirklich: David Rodriguez sollte Solist werden, besser heute als morgen. Es wäre das Beste nicht nur für ihn, sondern auch für die Compagnie insgesamt. Man würde sehen, dass so etwas möglich ist, wenn auch nicht in jedem Fall.

Die 219. Ballett-Werkstatt von John Neumeier beim Hamburg Ballett war ein absolutes Erlebnis

Kevin Haigen tanzte einst selbst bei John Neumeier, blutjung und bildschön in Balletten wie „Josephs Legende“ und „Der Kuss der Fee“. Foto: Bundesjugendballett

Ich hoffe, die Hamburger Ballettmeister, angeführt vom erfahrenen Ersten Ballettmeister Kevin Haigen, der selbst mal ein Superfrühtalent als Ballerino war und schon mit Anfang 20 für John Neumeier großartige Hauptrollen tanzte, geben mir da Unterstützung. Sie alle wissen, wie wichtig es sein kann, dass man nicht zu lange in der Warteschleife tanzt.

Und natürlich hoffe ich sehr, dass vor allem John Neumeier die Kraft, die von dem jungen Rodriguez ausgeht, für sich nutzen und fördern will.

Es ist fast eine Gretchenfrage: Wird David Rodriguez den Meisterchoreografen inspirieren?

Bei der 219. Ballett-Werkstatt trug der junge Tanzgott übrigens ein zur türkisen Shirtfarbe des Ballettintendanten gut passendes türkisfarbenes T-Shirt, eine Wärmehose mit türkisfarbenen Elementen und ein auffallendes, ebenfalls türkisfarbenes Kopftuch.

Man könnte ihn sich so gut als Neumeier-Star mit dem choreografischen Genie bei der Arbeit vorstellen… der souveräne Ballettschöpfer und das willige Jungtalent.

In den Szenen aus „Anna Karenina“ tanzte David Rodriguez  erstmal die Rolle des Berkoschew, also einen der jungen Militärs, die mit Graf Wronski trainieren und später das aggressive kanadische Lacrosse-Spiel spielen.

Während Berkoschew vorn an der Rampe Liegestütze übt, gibt sich Wronski einer physiotherapeutischen Übung hin, die etwa gegen eine so genannte ISG-Blockade im Rücken helfen kann.

Zwischendurch gibt Wronski dem jüngeren Berkoschew noch Tipps, seine Fitness zu verbessern. Das ist Neumeier mal wieder göttlich gelungen: Man glaubt, live hinter den Kulissen des Balletts dabei zu sein, wenn sich die Jungs nach dem Training über Details ihrer Körperarbeit unterhalten.

Welcher Choreograf liefert wie nebenbei solche Petitessen in einem Ballett?!

Und welcher andere Choreograf arbeitet mit einer solchen Gründlichkeit und Genialität, dass er sogar das uneheliche Kind von Anna Karenina und Wronski ins Libretto integriert? In anderen Versionen des Stoffs entfällt dieser Hinweis von Tolstoi auf „Kuckuckskinder“ nämlich, der indes ein unbequemes, aber wichtiges Thema anreißt.

Die 219. Ballett-Werkstatt von John Neumeier beim Hamburg Ballett war ein absolutes Erlebnis

Die Ehe, die emotional im Grunde nicht mehr funktioniert, ist Anlass für einen starken Pas de deux von Anna Karenina Laudere und Ivan Urban als Karenin auf der Probe. Foto: Gisela Sonnenburg

Ebenfalls unbequem, aber wichtig ist die Liebe, die sich aus dem Trost heraus entwickelt. Carsten Jung als verlassener Politiker Karenin lässt sich nämlich unter dem Vorwand des Trostes von seiner Assistentin, getanzt und gespielt von Mayo Arii, um den Finger wickeln. Mit ihren schönen langen Beinen umwirbt und umklammert sie ihn schließlich wie eine durchaus leichte Beute.

Der Pas de deux beginnt damit, dass sie ihm die Schuhe und Socken auszieht und ihm dann den Hinterkopf streichelt. Während des Tanzens (als Übersetzung für ein Gespräch in die Kunst des Balletts) legt sie dann unmerklich seine Hände in ihre Taille.

Es ist faszinierend zu sehen, wie feinfühlend und raffiniert und doch auch scheinheilig diese fleißige kleine Person hier vorgeht. Sie ist ja nicht nur uneigennützig, wenn sie sich an Karenin heranmacht.

Neumeier wies schon zu Beginn der Ballett-Werkstatt darauf hin, dass am Rande der Politiker-Auftritts-Szene eine Frau sitze, die in gewisser Weise eine überwachende Macht zu haben scheine. Es ist die Macht der rechten Hand, der Assistentin, der engsten Mitarbeiterin.

Es geht hier aber auch darum, Karenin nicht nur als kalten Machtmenschen zu zeigen, sondern auch seine Gefühligkeit, seine menschlichen Bedürfnisse auf sympathische Art vorzuführen. Ja, man kann ihn gut verstehen, wie er sich hier von seiner Referentin verführen lässt.

Wie unterschiedlich ein- und dieselbe Choreografie zur ein- und derselben Musik wirken kann, zeigte Neumeier an einem anderen Paartanz. Die Liebe von Anna und Wronski kulminiert ja in bestimmten Schritten und Hebungen – und unter verschiedenen Vorzeichen darf sich das wiederholen. Die meisten Zuschauer hätten vielleicht gar nicht bemerkt, dass es sich um eine Wiederholung handelt – so unterschiedlich ist die Wirkung, je nach Kontext in der Bühnensituation, im Handlungsfortgang.

Nun tanzen Anna Laudere und Edvin Revazov ihre Liebesszenen miteinander so innig und herzerfüllend, dass man sie ohnehin am liebsten immer wieder und wieder sehen möchte. Es sei angemerkt, dass keineswegs altbekannte ballettöse Kamellen aufgewärmt werden, sondern ein gewisses modernes, hyperakrobatisches Element darin vorherrscht.

Es gibt aber noch ein weiteres glückliches Paar, und dessen Liebe ist sogar dauerhaft hell scheinend und nicht von Tragik getrübt: Lewin, kreiert und getanzt von Aleix Martínez, und Kitty, vom Shooting Star Emilie Mazon verkörpert. Wenn sie auf dem Trecker rein- und rausfährt, ist das jedes Mal ein starker Schmunzler.

Und wenn John Neumeier dann noch kommentiert, der Trecker sei für die Ballett-Werkstatt etwas langsam, kann man sich schon vorstellen, dass er im Bolschoi Theater möglicherweise einen schnelleren ordern wird. Nur für den Fall, dass er ihn dort schneller braucht. Immerhin ist die Bühne ja sehr viel größer.

Auch die Gruppenszenen werden sich – was allein meine Spekulation ist – womöglich in Moskau noch verändern sprich vergrößern. Wenn hier in Hamburg zwei Dutzend Tänzer szenisch das Feld mit Sensen mähen, so könnten am Bolschoi rund doppelt so viele auf die dort sehr geräumige Bühne gestellt werden.

Den Adligen Lewin, der dank seiner mähenden Landarbeiter zu seelischer Ruhe findet, wird es aber so oder so nur einmal geben.

Aleix Martínez tanzt ihn auch mit neuer raspelkurzer Stoppelfrisur wie aus dem Effeff: diesen grün bewegten jungen Reichen, der sich mit der zunächst unglücklich in Wronski verliebten Kitty, die Lewin schlussendlich erfolgreich zu trösten vermag, ein süßes Weibchen fürs Leben nimmt. Einmalig ihr Charme, es sei nochmal gesagt, wenn sie auf dem Traktor vorfährt! Das muss frau als Ballerina erstmal können.

Ebenfalls nur einmal gibt es aber auch die zentrale Figur des Jesus in der „Matthäus-Passion“ von John Neumeier.

Dieses Stück wird das Hamburg Ballett, das heute, am Montag, dorthin schon abgereist ist, bald in Moskau im Tschaikowski-Saal aufführen. In der Konzerthalle wird das sakrale Stück, das schon viele Deutungen heraus forderte, wie ein Konzentrat der Spiritualität wirken. Toll. Wahrscheinlich, so meine Einschätzung, wird die Wirkung noch stärker sein als die von Aufführungen in einer Kirche, was es in Hamburg ja auch schon gab.

Die deutsche Botschaft in Russland hat John Neumeier nach Moskau eingeladen und bezahlt auch das Gastspiel. Sehr dankenswert!

Damit man in Hamburg nicht vor Neid erblasst, gibt es am 31. Oktober 2017, dem Reformationstag, aber auch in der Hamburgischen Staatsoper eine Aufführung. Bedenkt man, dass der katholische Künstler John Neumeier hiermit den evangelischen Feiertag würdigt, so kann das als versöhnender Brückenschlag der Kultur erachtet werden – etwas, um das sich die ganze ökumenische Bewegung oft genug herumdrückt.

Den Beginn der „Matthäus-Passion“ gab es als Abschluss-Leckerli der 219. Ballett-Werkstatt zu sehen.

Die 219. Ballett-Werkstatt von John Neumeier beim Hamburg Ballett war ein absolutes Erlebnis

David Rodriguez sollte unbedingt alsbald Solist  werden. Große Ausnahmetalente wie er brauchen das. Und das Publikum braucht es auch. Und als Vorbild ist Rodriguez so geeignet, dass sogar die Compagnie vom Hamburg Ballett es braucht. Fragt sich nur, ob Ballettchef John Neumeier es auch braucht. Foto: Kiran West

Und was soll ich sagen? Wieder machte David Rodriguez einen so hervorragenden Eindruck – ob zu den Klängen von Bach mild gebeugt im Reigen tanzend oder ob aufrecht stehend solistisch agierend – dass ich erneut darum bitten muss, ihn als Solisten zu beschäftigen. Er ist für den Stil der John-Neumeier-Truppe offenbar in höchstem Maß geeignet.

Es geht mir hier um den Sinn und Zweck, dieses Ausnahmetalent optimal auf künftige Aufgaben vorbereiten zu können. Davon könnten alle profitieren.

Das Publikum hat es verdient. Der megagroße Applaus nach dieser endlos ergreifend schönen Ballett-Werkstatt (bei der Rodriguez oftmals in der ersten Reihe tanzte) gibt mir da in gewisser Weise Recht.
Gisela Sonnenburg

Weitere Texte:

www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-anna-karenina-probe-bericht/

www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-anna-karenina-rezension/

www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-werkstatt-anna-karenina-russische-liebe/

www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-matthaeus-passion/

www.ballett-journal.de/hamburg-ballett-matthaeus-passion-ballett-tage/

www.ballett-journal.de/hamburgballett-matthaeus-passion-laura-cazzaniga/

Termine siehe „Spielplan“

www.hamburgballett.de

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