Von der Freiheit zu tanzen Ein Plädoyer für den Ausdruckstanz: Nils Freyer tanzt Originalchoreografien von Marianne Vogelsang und Dore Hoyer - „Vogelsang meets Hoyer“ beglückt

Nils Freyer tanzt Vogelsang und Hoyer

Nils Freyer in den „Bach-Präludien“ von Marianne Vogelsang: Hohe Präzision trotz starker Mitteilung. Hier das g-Moll-Präludium von Bach, in Tanz umgesetzt. Nicht verpassen – es sind seltene Gelegenheiten, das zu sehen! Foto: Yan Revazov

Wer sagt denn, dass ganz junge Leute nicht auch ganz große Kunst zeigen können?! Nils Freyer, Absolvent der Staatlichen Ballettschule Berlin mit bereits einiger Berufserfahrung, traut sich – und zeigt zwei exorbitant interessante Soli, die ursprünglich von den Ausdruckstänzerinnen Marianne Vogelsang und Dore Hoyer aufgeführt wurden. Dass Freyer hierbei sein eigenes Naturell nicht verleugnet, aber dennoch den historisch verbürgten Aspekten der Kreationen seinen Tribut zollt, versteht sich fast von selbst. Denn das Niveau seiner Arbeit ist unbestritten hoch. In der Akademie der Künste am Hanseatenweg in Berlin-Tiergarten zeigt Freyer, welche Energie und welcher Sog von den „Bach-Präludien“ von Marianne Vogelsang sowie erst recht von den „Afectos humanos“ (was ein spanischer Titel ist) von Dore Hoyer ausgehen. Seine solistischen Auftritte werden live unter dem Titel „Vogelsang meets Hoyer“ mit Klavier (Ulrike Buschendorf) und Perkussion (Marco Philipp) begleitet – und insgesamt knüpft der Abend am 13. Mai 2018 an eine Tradition an, die es wahrhaft wert ist, endlich wiederbelebt zu werden.

Denn der große moderne Ausdruckstanz, der sich seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts auch in Deutschland entwickelt hat, blieb bis heute – trotz nachhaltiger historischer Wirkung – ohne genügend reelle Nachfolge. Was auch immer sich an zeitgenössischem Tanz entwickelte: die Ursprünge und der Stil des Ausdruckstanzes wurden oft verleugnet oder vergessen.

Tänzerischen Pädagogen wie Manfred Schnelle, der 2016 im Alter von 80 Jahren starb, ist es zu verdanken, dass die Flamme der Erkenntnis bezüglich mancher Tänze dennoch exzellent weiter gereicht wurde.

Nils Freyer tanzt Vogelsang und Hoyer

Eine Pose mit Beschwörungskraft: Im es-Moll-Präludium von Marianne Vogelsang nach Bach’scher Musik geht es um innere Balance. Nils Freyer interpretiert diesen Tanz auch als Bindeglied im Rondo, das aus fünf Präludien besteht. So zu sehen in „Vogelsang meets Hoyer“ in Berlin und Dresden. Foto: Yan Revazov

Nils Freyer wandte sich denn auch an Schnelle, um den Tanz der fünf „Bach-Prädulien“, die die große Ausdruckstänzerin Marianne Vogelsang gen Ende ihres Lebens zu Beginn der 70er Jahre schuf, von ihm zu erlernen. Für Schnelle wurden die „Präludien“ von Vogelsang nämlich einst kreiert.

Es handelt sich um fünf Stücke zu Musiken aus dem „Wohltemperierten Klavier“ von Johann Sebastian Bach. Nach dem fünften Stück werden alle Einzelteile nochmals in rückläufiger Reihenfolge gezeigt, damit sich ein Kreis des Gehens und Werdens schließen kann.

Als seien die Einzeltänze die Surrogate von Lebensstationen, die nun, auf den Punkt gebracht, die Heiligkeit und die Erbarmungslosigkeit des Seins gleichermaßen behandeln. Vielschichtig und doch symbolstark muten die Bewegungen an, sie illustrieren, kommentieren, erträumen das Leben selbst.

Marianne Vogelsang (1912 – 1973) war zu ihren Lebzeiten so berühmt wie Mary Wigman oder Gret Palucca. Sie hatte nur nicht die Lobby, die ihren Bekanntheitsgrad auch nach ihrem Tod aufrecht hielt. Es wird Zeit, dass sich hier ein öffentliches Interesse an einer künstlerischen Persönlichkeit erneuert, die zwar nicht direkt gegen die Hitler-Deutschen agierte, die aber unter deren Repressalien litt. Sie selbst hatte Fürsprecher, die ihr in der niedersächsischen Provinz Schutz boten, aber die Mitglieder ihres Tanzensembles – allesamt junge Mädchen – musste sie mit schwierigen Verhandlungen aus der Zwangsarbeit befreien. Als eine der ersten Schülerinnen von Gret Palucca war Vogelsang in ihren Jugendjahren gemeinsam mit dieser aufgetreten und hatte von daher noch Einfluss auf die deutsche Tanzkunst.

Nils Freyer wiederum interessierte sich schon während seiner Ausbildung an der Staatlichen Ballettschule Berlin nicht nur fürs Ballett, sondern auch für dessen große Gegenbewegungen.

Ralf Stabel, Tanzhistoriker, Professor und Leiter der „Staatlichen“, ermutigte dieses Interesse und half, das Programm für diesen Abend zu konzipieren. Stabel wird auch – dankenswerterweise – auf den Tanz vorab vorbereiten, indem er mit einer Mini-Vorlesung zur Thematik hinführt.

Der Ausdruckstanz hat indes von Beginn an nicht nur eine antipodische, sondern auch eine inniglich-temperamentvolle Wechselbeziehung zum Ballett.

Man respektierte und bewunderte sich gegenseitig: Die modernen Tänzer zogen den Hut vor der disziplinierten Festlegung der Bewegung im Klassischen, während die klassischen Tänzer die Impulsivität und die Freiheit zu tanzen bei den modernen Tänzern verehrten. Natürlich gab es auch Lästereien, und nicht selten fühlten sich die Pioniere des modernen Tanzes den Ballettleuten gegenüber künstlerisch überlegen. Aber von vielen Größen der Moderne – wie von Isadora Duncan – ist es überliefert, dass sie vor Bewunderung etwa vor Anna Pavlova schier niedersunken.

Bei dieser dichotomischen Beziehung sollte es bleiben – sie ist weitaus fruchtbarer als gegenseitige Ignoranz.

Freyer wagt hier den Brückenschlag, verbindet Bewegung und Gegenbewegung, verleiht der Moderne zudem neben werkgetreuem Flair eine ureigene interpretatorische Würze.

Nach Schnelles Tod arbeitete er mit Arila Siegert an den Soli der Vogelsang weiter. Auch während dieser Artikel entsteht, wird noch geprobt – und auch Bühnenproben erfordern hier ein ganz bestimmtes Fingerspitzengefühl, das Freyer und Siegert füreinander entwickelt haben.

Dass diese großartigen Choreografien so selten zu sehen sind, macht die Arbeit an ihnen ja nicht eben einfacher.

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Auch Siegert ist eine Grenzgängerin. Von Gret Palucca und Galina Ulanova gleichermaßen ausgebildet und geprägt, tanzte sie bei Tom Schilling an der Komischen Oper Berlin. Heute ist Siegert Choreografin, Pädagogin, aber auch Opernregisseurin – und die „Bach-Präludien“ tanzte sie, und zwar, ohne mit der Wimper zu zucken, wiewohl die Stücke ursprünglich für einen männlichen Tänzer entstanden: mit einer nachgerade superwerkgetreuen Perfektion.

Dennoch gibt es mit Vogelsang Assoziationen zum Ballett, die Choreografie bringt sie mit sich. Wie einst Vaslav Nijinsky im „Nachmittag eines Faun“ schiebt sich Nils Freyer dann im Profil – mit seltsam eingeknickter Schritthaltung – über die Bühne. Und doch ist es anders, die Arme, der Kopf, die Hüften haben einen ganz eigenen Drive.

Die antikische Inspiration durch die Relief- und Vasenästhetik der alten Griechen hatten jedoch beide: Nijinsky und Vogelsang.

Aber auch Posenelemente gibt es in den „Präludien“, die an die ballettöse Klassik erinnern. Es ist, als erweise Freyer mit Vogelsang darin seine Referenz sowohl ans Ballett als auch ans Leben. „Le Corsaire“ fällt einem dazu ein, es geht um das edle Verbeugen nur mit dem Oberkörper und den Armen, das hier ohne Kniefall, vielmehr durch eine Bewegung des Erhebens und Aufstehens, überzeitliche Bedeutung erhält.

Nils Freyer tanzt Vogelsang und Hoyer

Hingegeben, um etwas auszudrücken: Nils Freyer in „Eitelkeit“ aus „Afectos humanos“ von Dore Hoyer, das man wirklich nur mit einem „f“ schreibt (denn es kommt aus dem Spanischen). Foto (Ausschnitt): Yan Revazov

Freyer scheint sich vor dem Leben selbst zu verbeugen.

Auch das Säen und Ernten, das Ausbringen und Behüten, das sowohl wortwörtlich als auch mit metaphorischem Gehalt vollführte Urbarmachen der Welt ist eine der vielen tänzerischen Gestiken hier, die einen bewusst ursprünglichen Bedeutungsgehalt haben.

Raumabstände werden zu Zeitabständen. Raum und Zeit verschmelzen zu einem Koordinatensystem, in dem der Tanz im Zentrum steht.

Die Melodieläufe der Bach’schen Klänge treiben die Bewegungen voran.

Die Spannung ist intensiv, der Ausdruck exaltiert. Natur und Kunst treffen sich, küssen sich am Horizont ihrer kurzzeitigen Auflösung, bevor sie sich wieder auseinander dividieren.

Nils Freyer hat gelernt, seinen trainierten Körper für eine Kunst zu nutzen, die über bloßes Vorführen weit hinaus geht.

Die Schatten der expressiven Bühnenkunst erinnern an schamanistische Tänze – Geisterbeschwörung liegt in der Luft.

Freyer hat eine hohe, schlanke, auffallend schön proportionierte Gestalt, die den Geist der Gotik, des Jugendstils, der Moderne in einer Person zu beherbergen weiß.

Das Hochstrebende, auch das Abfallende, das Weitauseinandergehende, das Engbeisammengestellte – alles, was Leben und Zivilisation ausmacht, findet sich in diesen „Präludien“, wenn Freyer sie tanzt.

„Ich glaube, das Ernste liegt mir“, sagt der junge Künstler, der sich außer mit Tanz auch mit Geisteswissenschaften beschäftigt.

Eine gute halbe Stunde dauert dieser – ernste – erste Teil des Abends „Vogelsang meets Hoyer“. Doch gefühlt befindet man sich in der Ewigkeit… in einem Paralleluniversum jenseits unserer Hetze und Zeitknappheit.

Hier die ganze Kernpose der „Eitelkeit“ aus „Afectos humanos“ von Dore Hoyer, interpretiert von Nils Freyer: mit Schutzkappen über den Fingerkuppen, originell kantigen Linien und schwerer Robe am schönen Leib sehr authentisch. Foto: Yan Revazov

Es wird schwer, das noch zu toppen. Aber mit Dore Hoyer hat Freyer das Zeug dazu.

Dieser zweite Teil des Abends ist der komplizierten, radikal expressiven, auch selbstzerstörerischen Dore Hoyer (1911 – 1967) gewidmet.

Sie war vor allem von Mary Wigman inspiriert, fand aber rasch zu einem eigenen, psychologisch motivierten Pathos.

Neben der Arbeit fürs Ballett, dank Günter Rennert, der dort damals Intendant war, auch an der Hamburgischen Staatsoper als Ballettmeisterin, arbeitete sie an ihren frei kreierten Soli.

Eines ihrer bekanntesten Stücke ist die fünfteilige dramatische Serie „Afectos humanos“. Spanisch benannt, dreht sich das 1961/62 unter dem Eindruck des Erlebnis von Südamerika entstandene Stück um „Menschliche Neigungen“, „Menschliche Leidenschaften“, „Menschliche Affekte“.

Eitelkeit“. „Begierde“. „Hass“. „Angst“. „Liebe“.

Diese menschlichen Grundgefühle verkörpert der Tanz hier, und während die „Eitelkeit“ mit Fingerschonern (wie sie die Kaiserinnen im alten China nutzten, um Nägel und Kuppen der Finger intakt zu halten) lange Hände macht, enhält der „Hass“ einen berühmt-berüchtigten Sprung, bei dem der Kopf, entgegen der nach oben gerichteten körperlichen Bewegung, nach unten gebeugt ist.

Gegensätze, Kontraste, Widersprüchliches – solche lebendigen Themenfelder interessierten Hoyer, und die starke Wahrheitssuche, die ihre Choreografien jeweils bedeuten, ist formal und inhaltlich kaum zu übersehen.

In unterschiedlichen Kostümen, mit unterschiedlichen tänzerischen Schwerpunkten werden die Tänze deutlich. Zwischen den einzelnen Sentenzen tickt dann ein auf der Bühne sichtbares Metronom – und zügig geht es weiter.

Susanne Linke, die renommierte moderne Solistin und Choreografin, die zudem seit 2010 den Titel einer Professorin an der Folkwang Universität in Essen trägt, studierte die „Afectos“-Stücke mit Nils Freyer ein.

Deren hochkarätiges Potenzial offenbart dabei weitere Facetten – Eleganz, aber auch Charme.

Es ist gut, dass der Tanzfonds Erbe mit der Förderung des Künstlers Nils Freyer es unterstützt, dass historisches Arbeiten für die Bühne selbst eine hohe Kunst sein muss.

Nils Freyer tanzt Vogelsang und Hoyer

Die „Liebe“ in Dore Hoyers „Afectos humanos“ schaut so aus: lieblich, sanft, organisch. Aber ganz und gar nicht langweilig! Nils Freyer zeigt, wie es geht – bei „Vogelsang meets Hoyer“ in der Berliner Akademie der Künste im Tiergarten (am 13. Mai 2018) und (am 27. Juni 2018) in Dresden, im Kleinen Haus vom Staatsschauspiel. Achtung: Wer diese Pretiosen großartiger moderner Kunst verpasst, ist selbst schuld! Foto: Yan Revazov

Die Kraft des tänzerischen Expressionismus, denen beide Stücke zuzurechnen sind, füllt somit diesen Abend und gewährleistet, dass die Besucher zu Zeugen werden, die erfahren, wie wenig diese Spielart der Tanzkunst – nämlich der Ausdruckstanz – das Vergessen verdient hat.

Es ist Zeit, hier die Richtung zu ändern und die Inspirationen, die auch das Ballett unter der Hand vom modernen Ausdruckstanz immer erhalten und aufgegriffen hat, in Reinkultur anzuschauen!
Gisela Sonnenburg

Sonntag, 13. Mai 2018, 19.30 Uhr, Akademie der Künste Berlin, Hanseatenweg, Kartenreservierung unter Tel. 030 – 20057 – 1000 oder unter ticket@adk.de

P.S. Eine zweite Vorstellung ist am 27. Juni 2018 im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden angesagt (Tickets für die Dresdner Vorstellung: hier)

www.vogelsangmeetshoyer.de

 

 

 

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