Das Requiem für eine Amsel Ausflug in die Welt da draußen: Amseln und andere Vögel inspirieren Choreografen - und sterben massenhaft am Usutu-Virus

Amseln sterben massenhaft am Usutu-Virus

Der Amselmann, kurz nach der Landung auf meiner Balkonbrüstung in Berlin: fidel und gesund im März 2017. Foto: Gisela Sonnenburg

Letzten Winter flog mir eine Amsel zu. Ein Amselmann, schwarz und prächtig. Sein gelber Schnabel war noch leicht blau verfärbt, was daher kam, dass er noch so jung war. Bis zum Frühling verlor sich diese Bläue, die ich auf zahlreichen Fotos festhalten konnte. Mein Amselmann wurde über die Wintermonate erwachsen. Und er hatte einen guten Appetit, teilte sich mit diversen Meisen, Spatzen, Elstern, Tauben und auch Krähen die tägliche Portion Futter, die ich auf dem Balkon platzierte.

Im Frühling begann mein Amselmann, für mich zu singen. Futter wollte er jetzt nicht mehr von mir, denn fette Käfer und Regenwürmer sind für eine Amsel weit delikatere Genüsse als trockene Körner. Aber es hat meinem wilden Freund sichtlich Spaß gemacht, den Kontakt zu halten, sich weiterhin fotografieren zu lassen und dazu herzallerliebst zu tirilieren. Der Gesang der Amsel ist ja weltberühmt, von Afrika bis nach Australien beglückt er überall mit diesem eindringlichen melodischen Ruf, der eine schöne halbe Stunde am Stück anhalten kann.

Amseln sterben massenhaft am Usutu-Virus

Könnten die Seelen von Amseln darstellen, mit Blau im Gesicht und glänzenden schwarzen Beinen: Lizhong Wang, Aleix Martínez, Marcelino Libao und Alexander Riabko – alle vom Hamburg Ballett – tanzen die „Vogelgeister“ in John Neumeiers bewegendem Märchenballett „A Cinderella Story“. Foto: Kiran West

Auch im Ballett tauchen Vögel immer mal wieder als Hoffnungsbringer auf: vom „Blauen Vogel“ in jedem klassischen „Dornröschen“ über die Schwäne vom „Schwanensee“ bis zu den „Vogelgeistern“ in John Neumeiers „Cinderella“. Deren blaue Gesichtsfarbe erinnern an die Bläue am Schnabel meines Amselmannes.

Diesen Winter wird er nicht mehr kommen. Auch sein Mädchen, ein hübsches, braun gefiedertes Amselweibchen, das er am Futtertrog auf meinem Balkon kennen gelernt und mit der er dann im Sommer auf einem etwas entfernten Kastanienbaum eine Familie gegründet hatte, wird es wohl nicht mehr schaffen. Die Brut der beiden, kaum flügge geworden, wurde ebenfalls vernichtet. Es fühlt sich an wie ein Völkermord an den Amseln, denn auch die anderen schwarzen Sänger in Berlin-Mitte sind weggestorben, innerhalb weniger Wochen, seit August.

Amseln sterben massenhaft am Usutu-Virus

Er tanzte und sang für mich, vielleicht auch als Dank fürs Füttern in den harten Wintermonaten (Erdnüsse bevorzugt!): mein Amselmann, kein Grün-, aber ein Blauschnabel. Foto: Gisela Sonnenburg

Im Juli traf man im Tiergarten und in den Grünanlagen in Mitte noch stets Amseln an. Pro halber Stunde Spaziergang zwei bis drei Tiere. Schlagartig verschwanden sie dann, bis Ende September waren sie wie ausgerottet. Der NABU verkündete im August noch beschwichtigend, es sei ganz normal, dass Amseln sich für die Mauser zurück zögen und den Menschen fern blieben. Doch im September konnten auch die letzten Schönredner nicht mehr übersehen, dass da ein Problem offenbar wurde.

Das Problem heißt Usutu-Virus. Es stammt aus Südafrika, wurde 2001 erstmals in Wien diagnostiziert und breitete sich von dort nach Westen aus, bis nach Belgien. Über den Ruhrpott hielt es ins weitere Deutschland Einzug. Überall, wo ein großer Flughafen in der Nähe ist, grassiert seit 2011 zunehmend und in Wellen diese Seuche, die vor allem Amseln, aber auch Meisen, Käuzchen, Elstern und mitunter auch Spatzen und Rotkehlchen dahin rafft.

Das Usutu-Virus wird von Stechmücken übertragen, die in Deutschland nicht heimisch sind, die aber dank der Touristenbomber immer öfter eingeflogen werden und sich hier prima vermehren können. Das Gefieder der infizierten Vögel verblasst an einigen Stellen, sie wirken merkwürdig gerupft, werden apathisch, leiden an Bewegungsstörungen. Ihr Gehirn entzündet sich, sie haben Schmerzen und Lähmungen, und an dieser Enzephalitis sterben sie. Falls sie nicht, stark geschwächt, den Krähen zur Beute werden.

Amseln sterben massenhaft am Usutu-Virus

Das Picken machte ihm Spaß und war eine auch spielerische Geste: Amselmann auf Balkon. Foto: Gisela Sonnenburg

Die Krähen vertilgen auch die Kadaver, zusammen mit den Ratten. Das dunkle Gekreisch der Schwarzgrauen hat nichts mit dem lieblichen Gesang der Amsel gemein. Die Vögel, die heute über Berlin-Mitte am Himmel kreisen, sind fast sämtlich Krähen. Deren Populationen nehmen wegen der vielen gefundenes Fressen stark zu. Irgendwann werden sie sich nicht mehr gut mit den lebenden Spatzen vertragen, sondern diese bejagen. Weil es keine Amseln und Meisen mehr in ihrem Revier geben wird. Alle krank und gefressen.

Der NABU zählte noch nie so viele eingesandte Usutu-Tote wie dieses Jahr. Denn der verregnete Sommer war optimal für die todbringenden Stechmücken. Das biologische Gleichgewicht ist fragil, auch unter Singvögeln.

Amseln sterben massenhaft am Usutu-Virus

Auch Rotkehlchen sind bedroht. Auf meinem Balkon blieben sie schon seit dem Frühsommer weg, und ein Käuzchen, das jahrelang jeden Morgen sein „Uhu, Uhu, Uhu“ von sich gab, verstummte im August. Foto: Gisela Sonnenburg

Was man machen kann? Zunächst natürlich füttern. Im Winter am besten mit geschälten, nicht gesalzenen Erdnüssen und Sonnenblumenkernen. Und dann gilt: Stehende Gewässer im kommenden Frühling konsequent abschaffen. Sogar in Gießkannen und Regenrinnen. Tümpel ohne Zufluss sollte man trockenlegen oder gegen Mücken impfen. Denn darin legen die Mücken ihre Larven ab, und die enthalten das Usutu-Virus. Wasser in Vogeltränken muss man täglich wechseln. Wer noch tatkräftiger sein will, kann sich im Frühjahr Mückenbekämpfungsmittel mit dem Wirkstoff Bacillus thuringiensis israelensis für Regentonnen und Teiche besorgen. Es tötet zuverlässig Mückenlarven, lässt die anderen Wasserbewohner aber am Leben.

Ansonsten werden neue Amseln in die Städte und Umgebungen der Flughäfen kommen. Aus Dessau zum Beispiel, wo sie auch im Oktober aus Herzenslust fröhlich singen. Oder aus dem Spreewald, wo sie ebenfalls noch munter flöten. Sie werden die frei gewordenen Reviere etwa in Berlin übernehmen. Womöglich aber werden dann wieder alle sterben, obwohl sie ohne Virus zehn bis zwanzig Jahre alt werden könnten. Die künftigen Sommer werden ein trauriger Wettlauf mit dem Vogeltod. Ich bin darum für die offensive Verteilung oben genannter Mückengifte. Weil ohne die musikalischen Wildtiere, deren Gesang viele Menschen unbewusst genießen, Lebensqualität fehlt.

Nicht umsonst widmete die ostdeutsche Künstlerin Anna Franziska Schwarzbach der Amsel schon 1994 eine Kaltnadelradierung: keck und sogar dreibeinig hüpft das Tierchen da über ein Seil, singend und tanzend wie ein Künstler der Natur. Tirili.
Gisela Sonnenburg

www.nabu.de

www.franziska-schwarzbach.de

 

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