Liebe verlangt Liebe Eine atemberaubend schöne Vorstellung der „Kameliendame“ von John Neumeier während der BallettFestwoche in München: mit Alina Cojocaru, Marlon Dino und Ivan Liška

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Einfach toll: Marlon Dino und Alina Cojocaru beim Schlussapplaus, nach der Vorstellung von „Die Kameliendame“ von John Neumeier mit dem Bayerischen Staatsballett während der BallettFestwoche am 6. April 2016. Foto: Gisela Sonnenburg

Liebe und sexuelle Revolution schließen sich aus. Liebe und Prostitution schließen sich aus. Liebe verlangt Liebe. Aber wie wollen wir lieben? Wie wollen wir liebend leben? Das war schon immer die große Frage, wenn sich ein Paar gefunden hat. Die Titelfigur der „Kameliendame“, des bedeutenden Balletts von John Neumeier, das die damalige Pariser Ballettdirektorin Brigitte Lefèvre mal die „Giselle“ des 20. Jahrhunderts nannte, lebt in einem Spannungsfeld der scheinbaren Unmöglichkeiten: Die liebende Frau ist eine Hure – und der liebende Mann kann sie nicht bezahlen. Es hätte – seit dem 20. Jahrhundert – vielleicht auch umgekehrt sein können: Dass eine Frau sich den geliebten Gigolo nicht leisten kann. Aber Fakt ist in dieser Lovestory: Sie birgt ein unlösbares Rätsel, einen emotionalen wie materiellen Konflikt, der nicht zu bewältigen ist. Solange Menschen sich immer wieder zu Ware machen müssen, bleibt der Romanstoff aus dem 19. Jahrhundert von Alexandre Dumas d. J. also aktuell! Und dann erst das Ballett, das mit Musiken von Frédéric Chopin die Quintessenz der moderneren Romantik auf den Punkt bringt. Alina Cojocaru, die als Gaststar für die erkrankte Lucia Lacarra einsprang, Marlon Dino und Ivan Liška machten auf der BallettFestwoche in München aus diesem Fallbeispiel tragischer Liebe einen Event sondergleichen – mit Standing ovations als verdientem Publikumsdank.

Der erste Gedanke beim Lesen des Besetzungszettels galt aber bitte vielen Genesungswünschen an die liebliche Lucia Lacarra! Sie ist eine weltweit einzigartige Primaballerina – mit so viel Flair und Meisterschaft, dass man sich bereits als großer Glückspilz wähnen muss, wenn man sie wenigstens einmal im Leben tanzen sah! Mögen ihre wunderschönen Füße bald wieder den Bühnenboden berühren, aber vorher kuriere sie sich bitteschön vollständig aus!

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Hier tanzte Alina Cojocaru beim Hamburg Ballett „Die Kameliendame“ – mit Alexandre Riabko als ihrem Armand. Foto: Holger Badekow

Alina Cojocaru, die international ebenfalls sehr renommierte Startänzerin, die ihre künstlerische Heimstatt seit Jahren in London hat und in Deutschland vor allem bei John Neumeier und seinem Hamburg Ballett als Gast reüssiert, hatte es denn auch nicht ganz einfach, die Erwartungshaltung eines Großteils des Publikums zu erfüllen. Aber was soll man sagen? Sie war phänomenal! Ich habe sie oftmals in Hamburg als „Kameliendame“ erlebt, aber nie war sie so gelöst und dennoch hingebungsvoll, nie war sie so scheinbar spontan und dennoch leidenschaftlich, nie erfüllte sie diese große Partie mit mehr Authentizität und Würde als jetzt in München.

Sie tanzt die Kameliendame übrigens vom Ansatz her anders, weniger expressiv, weniger ausstellend, schon gar nicht – was eine Hamburger Besonderheit bei Alina Cojocaru war – ab und an laut keuchend, um die Tuberkulose und die Atemnot aus Liebeshast der Kameliendame zu illustrieren. Vielmehr tanzte sie in München aus sich heraus, ohne zu chargieren. Danke, liebe Alina!

Und dank auch an das Münchner Ballettmeisterteam, das ihr hier offenkundig mit viel Fingerspitzengefühl zur Seite stand und ihre wunderbar leicht und anmutig hoch fliegenden Gliedmaßen genau richtig positionierte. Da geriet jeder Spagatsprung im Arm des Partners zum Streben nach dem Himmelreich, und jedes Kopfnicken lockte eine Schar gutwilliger Geister an. Mit einer einzigen Geste – als sie im zweiten Akt ihren Arm nach dem verloren gehenden geliebten Mann ausstreckte – vermochte Alina Cojocaru die ganze Tragik der schönen todkranken Marguerite in wenigen Sekunden zu vermitteln. Grandios.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Marlon Dino – hat alles, was ein Armand braucht. Herz, Geist, Seele – und tolle Beine! Foto vom Schluassapplaus im Münchner Nationaltheater am 6. April 2016: Gisela Sonnenburg

Alinas und unser Glück zudem: Sie hatte mit dem jungen Münchner Primoballerino Marlon Dino einen brennend interessanten Tänzer des Liebhabers Armand zur Seite, einen ebenso erotisch flirrenden wie schauspielerisch begabten Bühnenstar. Marlon hebt seine Dame nicht nur mit der Perfektion eines Idealmannes für Ballett, sondern er stellt die Figur, die er tanzt, auch mit jeder Faser seines Körpers rückhaltlos dar. Das ist – bei allen ehrenwerten und begeisternden Bemühungen anderer Ballerini – in dieser Form doch absolut von großem Seltenheitswert, und es ist Marlon Dino zusätzlich auch noch anzurechnen, dass er es dieses Mal mit einer ihm eher „fremden“ Partnerin tat.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Hier auf dem Foto tanzt Marlon Dino mit Polina Semionova die „Kameliendame“ – sie hat sich das Stück hart erkämpft, er hat sie darin sehr schön unterstützt. Foto aus dem Weißen Pas de deux: Charles Tandy

Natürlich tanzt er nicht nur mit seiner Ehefrau, Lucia Lacarra. Mit Polina Semionova beispielsweise bildet Marlon Dino ebenfalls ein sehr sehenswertes Bühnenpaar. Aber gerade die „Kameliendame“ ist, schon weil die Intensität der Choreografie und Inszenierung hier keinen Zweifel daran lassen, dass es um eine Liebe auf Leben und Tod geht, ein Stück wie für gemacht für diese hochkarätige Tanzallianz Lacarra-Dino.

Wer sie je den „Schwarzen Pas de deux“, die „Black Ballad“ aus dem dritten Akt tanzen sah (ein zu Recht beliebtes Gala-Stück), wird das nie mehr vergessen können.

Jetzt aber zur jüngst gesehenen Aufführung in München: Sie bestach nicht nur durch das Hauptliebespaar, sondern auch durch ein Zusammengehen der anderen Solisten sowie des elegant-geschmeidigen, hervorragend getimeten Ensembles. Und sogar die Musiker – unter dem versierten Ballettdirigat von Michael Schmidtsdorff – verdienen ihr Extra-Lob, allen voran die beiden Pianisten Wolfgang Manz und Simon Murray.

Aber das Stück beginnt stumm, ganz still, nur das Rascheln der Bonbonpapiere und das letzte Getuschel im Zuschauersaal lenken noch von der Szenerie ab.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Dieses Bild gibt es modifiziert auch im Bühnenbild zu Beginn der „Kameliendame“ – es zeigt ein Gemälde des historischen Vorbilds für Marguerite, eine arme junge Dame namens Marie Duplessis, der der Dichter Alexandre Dumas d. J. aber ganz und gar nicht so hold war wie sein Armand der Marguerite. Dichtung Wahrheit sind halt nicht immer eins… zumal bei Männern nicht, sagt die Frau. Faksimile aus einem Programmheft der Hamburgischen Staatsoper von 1981: Gisela Sonnenburg

Man sieht, in sanft schmeichelnden Blaugrüntönen, einen in Auflösung befindlichen Haushalt. Ein großes Plakat kündet von der Auktion des Nachlasses der Kurtisane Marguerite Gautier, und eine schon etwas ältere Frau (Stammzuschauer wissen es: Es ist Nanina, die Bedienstete und Vertraute der Kameliendame) kommt respektvoll herein, stellt ihren Koffer ab und nimmt das Areal in Augenschein.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Elaine Underwood tanzte in München die Nanina, die Bedienstete der Titelfigur in der „Kameliendame“. Foto vom Schlussapplaus: Gisela Sonnenburg

Einige junge Männer kommen hinzu, ein Teppich wird noch rasch zusammengerollt und abtransportiert, auch Damen beschauen und begutachten die zu sehenden Gegenstände, und ein augenscheinlich gut situierter älterer Herr trägt ein dunkelblaues, violett schimmerndes Damenkleid mit einem daran baumelnden Etikett so hoheitsvoll von dannen, als handle es sich um das Gewand einer historischen Persönlichkeit, etwa einer Königin. Das Etikett erinnert derweil an die Schilder, die man in heutigen Krimis den Leichen zur Identifizierung an die große Zehe bindet. Der Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose, der 1978 die Uraufführung der „Kameliendame“ in Stuttgart ausstattete und auch 1981 die Neuversion in Hamburg, ist halt ein kluger Kopf, der sich auch bei den Details was denkt.

Jürgen Rose stattet jede Neumeier’sche „Kameliendame“ neu aus, bleibt aber seinem Grundkonzept immer treu. Dennoch variieren die Stoffe und die Farben ein wenig – und so kann man schon etwa auf Fotos die Moskauer Inszenierung von der Hamburger und von der New Yorker und diese von der Stuttgarter und von der Amsterdamer sowie von der Pariser und so weiter unterscheiden.

Das Bayerische Staatsballett hat – wohl auch wegen seiner fantastischen eigenen Werkstattsqualitäten – eine ganz besonders schöne Ausführung der „Kameliendamen“-Bilder und –Gewänder erhalten. Die Farben sind hier noch impressionistischer als in der Pariser Variante, die mir auch sehr gut gefällt. Und auch das Bühnenlicht ist akkurat den Stimmungen der jeweiligen Szenen angepasst, manchmal ersetzt es zudem auch jegliches Mobiliar.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Das Glücksmotiv dieses Pas de deux – des Weißen – durchzieht musikalisch den Beginn des Stücks, als melancholisch eingefärbtes Klimpern eines Besuchers im in Auflösung befindlichen „Kameliendamen“-Haushalt… Hier auf dem Foto tanzen Daria Sukhorukova und Matej Urban vom Bayerischen Staatsballett das berühmte Liebespaar. Foto: Charles Tandy

Zu Beginn aber erschallt erstmal jene Musik, die an das vergangene sommerliche Glück der jetzt zerstörten Liebe erinnert: Der Song vom „White Pas de deux“, der Weißen Ballade, wird vom Pianisten Murray wie scherzhaft auf dem zum Verkauf stehenden Piano auf der Bühne vorgeträllert und angetippt, wird dann aber, als der Musiker scheinbar bemerkt, dass das alte Instrument dieses noch gut schaffen wird, auch richtig vorgespielt. Toll, wie man hier zuerst denkt, es handle sich beim Klavier um ein verstimmtes Altgerät, das dann aber doch unter den Händen des Künstlers seinen vollen Klang entfaltet.

Melancholie mischt sich in die Melodie, in die geschäftige Atmosphäre. Da erscheint Armand: Marlon Dino, der Liebende schlechthin an diesem Abend, stürmt atemlos herein, er ist ein Mann, der in diesen Räumen einst die große Sehnsucht fand und stillte und der jetzt etwas zu spät das große Aufräumen vorfindet, das bereits in den letzten Zügen liegt.

Er findet jetzt zum blau-violettfarbenen Kleid, das der ältere Herr für ihn gekauft hat. Armand soll es haben, sein Vater hat es für ihn ersteigert, während der Sohn auf Reisen war.

Schlussapplaus nach einer großartigen Vorstellung: Ivan Liska (ganz li.) und seine MitstreiterInnen – im Münchner Nationaltheater am 6.4.2016. Foto: Gisela Sonnenburg

Jetzt spielt auch das Orchester, es schwelgt in diesen unglaublich feinsinnigen Melodien, die der tuberkulöse Chopin mit all seiner verbliebenen Lebenskraft ersann. Jede Note ist ein Versuch, das Leben festzuhalten!

Jeder Auftakt ist hier zugleich ein Abgesang auf die größte Leidenschaft von allen nur möglichen Emotionen, auf die Liebe.

Armand erinnert sich: an jenen Abend im Theater, im Ballett, als er der Kameliendame erstmals begegnete.

Szenenapplaus für die tapfere Alina Cojocaru, die hier rasch nach München kam, um den Abend zu einem Highlight zu machen!

Da sitzt sie dann als Kameliendame, selbstbewusst, auch selbstverliebt, dennoch leidend an einer Sehnsucht, aber sie weiß selbst nicht wonach, ist es das Lieben, ist es das Sterben, das die – wie Chopin – an Tuberkulose so schwer erkrankte Lady sich wünscht?

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

„Die Kameliendame“ im blauen (violetten – je nach Inszenierung verschieden schimmernden) Kleid. Die welteinmalige Lucia Lacarra ist hier als Marguerite Gautier im ersten Akt zu sehen. Foto: WIlfried Hösl

Armand fühlt sich magisch von ihr angezogen. Sie kam von links, er kommt von rechts, schwupps, er will sich gleich neben sie setzen, aber da gibt es Barrikaden aus anderen Männern. Einer zieht Armand glatt den Stuhl unterm Hintern weg, der Held landet bei seinem ersten Annäherungsversuch einfach auf dem Podex am Boden.

Die Kameliendame lacht! Sie lacht, immerhin, sie lacht stumm, wie es im Ballett üblich ist, aber sie lacht. Das ist doch wenigstens was, denkt sich der nun wirklich nicht auf Anhieb akzeptierte Verehrer Armand, und er will einen zweiten Versuch wagen. Aber da zerren ihn seine eigenen Freunde schon wieder zurück auf die andere Seite der Bühne.

Man könnte das als Anspielung darauf nehmen, dass Armand möglicherweise homoerotischen Neigungen nachging. Im Roman lässt sich das nicht unbedingt herauslesen, aber da das Ballett an etlichen Details abweicht, könnte es auch hier eine eigene Lesart zulassen.

Tatsächlich ist es doch merkwürdig, dass Armand sowohl im Buch als auch im Ballett so unerfahren mit Frauen wirkt. Schließlich ist er kein Teenager mehr, und offenbar verkehrt er auch nicht erst seit ein paar Tagen in der Pariser Halbwelt. Der Begriff „demi-monde“, Halbwelt, geht übrigens auf diesen Roman, auf „Die Kameliendame“ von 1848, zurück, so steht es zumindest im schlauen Programmheft des Bayerischen Staatsballetts.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Im Buch und auch im Ballett „Die Kameliendame“ wirkt Armand irgendwie sehr unerfahren mit Frauen… ob das was zu bedeuten hat? Hier Marlon Dino als Armand und Alina Cojocaru als Titelheldin beim Schlussapplaus nach „Die Kameliendame“ im April 2016 in München. Foto: Gisela Sonnenburg

Dort steht auch ein lesenswerter feministischer Essay von Birgitta Arens, der nicht ganz dezent, aber richtigerweise darauf hinweist, dass eine Menge der Zutaten zur „Kameliendame“ der allgemeinen männlich-patriarchalen Eitelkeit geschuldet sind.

Die Fotos, die verschiedene Besetzungen zeigen – auch der mehr als nur verdiente Direktor vom Bayerischen Staatsballett, Ivan Liška, tanzte einst den Armand – lassen zudem die Poesie dieses Balletts zur Gänze erahnen. Es ist schon ungeheuerlich, was John Neumeier da in nur wenigen Wochen gelang: Seine „Kameliendame“ ist ein Coup d’artiste, wie es ihn wohl wirklich nur alle paar hundert Jahre einmal geben kann.

Dass diese Choreografie nicht vom Himmel fiel, sondern auf Vorläufer wie „Marguerite and Armand“ von Frederick Ashton und auch auf „Onegin“ von John Cranko aufbauen konnte, gehört zur guten Tradition von Kunst und Kultur, die in einem bestimmten Kontext stehen und dort auch stehen wollen. Dass Neumeier aber 1978 spontan zur „Kameliendame“ als Thema fand, obwohl er zunächst geplant hatte, ein „Kleopatra“-Ballett für die damalige Stuttgarter Ballettchefin Marcia Haydée zu kreieren, mutet wie eine göttliche Inspiration an.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Ein tänzelndes Glück beim Schlussapplaus: Nach der „Kameliendame“ während der BallettFestwoche im April 2016 im Münchner Nationaltheater. Foto: Gisela Sonnenburg

In München, wo das Stück seit 1997 auf dem Spielplan steht, glänzten schon Primaballerinen wie Judith Turos, die heute Ballettmeisterin beim Bayerischen Staatsballett ist, und Maria Eichwald in der Titelrolle. Auch die Münchner Solistin Séverine Ferrolier brillierte hier schon – nun ja, Lucia Lacarra ist dennoch unangefochten meine Münchner Favoritin.

Es war am sechsten April 2016 übrigens die 97. Vorstellung der „K-Dame“ in München – und dass Ivan Liška himself den Vater des Armand, den alten Monsieur Duval, tanzte, verlieh der gesamten Veranstaltung weiteres Hochkarat.

Zumal in der Münchner Version der alte Duval ein paar Bedeutungsschritte mehr hat als in den anderen. So sitzt er den gesamten zweiten Akt lang vorn links an der Rampe, als ein böser schwarzer Schatten, und bespitzelt das unerlaubte Liebesglück seines einzigen Sohns. Um es dann, gezielt und kontrolliert, auf scheinbar schwer anständige Art und Weise brutal zu zerstören.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Daria Sukhorukova und Maxim Chashchegorov als Manon und Des Grieux in John Neumeiers „Die Kameliendame“ beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Wilfried Hösl

Aber so weit sind wir jetzt noch nicht. Jetzt tanzen erst einmal Daria Sukhorukova als Manon Lescaut und der himmlisch leidenschaftliche Maxim Chashchegorov (ich bin ja wirklich manchmal für Künstlernamen im Ballett…) als Des Grieux im Theater-im-Theater für Marguerite und ihre Freunde.

Ach! Es ist ja eine so delikate, natürlich auf „Manon“ von Kenneth MacMillan referierende Choreografie! Manon ist zwar eigentlich das süßeste Flittchen, das man sich nur denken kann, aber bei Neumeier hat sie die Weihe des Vergangenen erhalten. Sie steht hier für die nostalgische Vorstellung einer Hurenliebe, die in Marguerites Illusionen zugleich zu einer Art Schutz- und Todesengel wird.

Und Marguerite begreift sofort, dass diese Manon mit ihr zu tun haben wird.

Sie springt von ihrem Sitz auf, von ihrem rotplüschigen Theaterstuhl, und saust auf die Tanzfläche. Ihr Solo hier ist herzzerreißend, sie stöhnt mit dem Körper, sie sehnt sich nach diesem Stückchen Selbstauflösung, das man nur in der Liebe als wunderschön empfinden kann.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Alina Cojocaru spielte und tanzte die „Kameliendame“ in München: sehr authentisch, nicht so ausgestellt. Mit Grandezza! Foto vom Schlussapplaus nach der Vorstellung: Gisela Sonnenburg

Alina Cojocaru gewinnt hier hundert von hundert Punkten, sie reißt einen mit in ihre Welt, in die Imagination der Kameliendame, die so heißt, weil sie immer einen Strauß mit Kamelienblüten bei sich trägt, um ihren Verehren ihren zyklischen Zustand zu verraten: Fünf Tage im Monat sind die Blumen der Dame rot, sonst weiß wie die Unschuld, die sie nur durch die Kraft ihrer eigenen Liebe zurückerhalten kann.

Danach sehnt sie sich!

Der erste Pas de deux mit Armand ist kurz, herzhaft, knackig, aber auch so fatal wie ein Missverständnis. Die Kameliendame, sie ist nicht frei an diesem Abend, und das Ganze endet mit einer Ohrfeige für den Grafen N., der Marguerite mit einer Hartnäckigkeit verehrt, die nur noch von seiner Erfolglosigkeit bei der Dame übertroffen wird.

Ilia Sarkisov tanzt den N. mit der überschwänglich-naiven Geste des reichen Versagers, dem seine Niederlagen nichts ausmachen, weil er sie bezahlen kann.

Das ist ganz richtig interpretiert – und lässt doch ein bisschen wehmütig an all den zauberhaften Zirkus denken, den Alexandr Trusch in den Jahren um 2012 aus dieser Rolle zu machen wusste. Da war der N. ein tumber Clown, ein verliebter Tor, ein spaßhafter Trottel, ein süßer Narr, der nie im Leben daran denken würde, etwas aufzugeben. Aber vielleicht wäre eine so ziselierte Darstellung für die Münchner Version gar nicht passend. Es geht ja schließlich nicht jede Mokkatasse zu jedem Service.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Die Künstler dankten sich gegenseitig nach der Vorstellung – mit aus dem festlich schönen Applaus-Blumengesteck herausgezupften Blüten. Marlon Dino überreichte Alina Cojocaru eine Lilie, sie ihm eine Rose… Foto: Gisela Sonnenburg

Und es naht ja auch der erste Höhepunkt des Abends: Der „Blaue Pas de deux“, auch „Spiegel-Pas-de-deux“ genannt – Armand, der die tolle Marguerite schon aus den Augen verloren hat, rennt seinem lüsternen Freund Gaston (bravourös: Adam Zvonar) hinterher, der knutscht gerade die Halbweltdame Prudence (fantastisch, wirklich hinreißend: Zuzana Zahradniková). Armand tippt ihm auf die Schulter, reißt ihn an der Schulter herum, wo ist bitte diese tolle Frau?

Aber da ist sie doch und scheint nur auf dich zu warten, du armer Irrer! Gaston macht eine Armbewegung, zeigt Armand die andere Bühnenhälfte – und da sitzt schon Marguerite, hingestreckt auf ein Sofa, umschwärmt vom Grafen N. und mindestens ebenso gelangweilt von ihm.

Armand stürmt zu ihr. Sie behandelt ihn wie ein anhängliches Hündchen. Ganz belustigend, so ein junger Mann. Er hat nicht so viel Geld wie die anderen, aber vielleicht gerade darum strengt er sich viel mehr an zu gefallen. Erzählen Sie mir was von sich, mein Lieber!

Etwas später sind sie endlich allein. Aber was für Umstände sind das!

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Im ersten großen Pas de deux liegt er ihr wörtlich zu Füßen: Matej Urban und Daria Sukhorukova sind es hier beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Charles Tandy

Die Kameliendame flüchtete sich hustend in ihre Kemenate. Sie steht vor dem Spiegel, zitternd. Sie sieht: Sie ist krank. Todkrank. Sie verliert ihre Schönheit. Sie muss durchhalten.

Sie zieht sich auf ihre Chaiselongue zurück. Bäumt sich auf, kämpft mit dem Husten. Ruht sich aus. Schließt die Augen.

Armand tritt heran. Er berührt sie. Sie schreckt auf. Er hebt sie an, setzt sie anders hin, platziert sich neben sie, Auge in Auge, er küsst ihre Hand.

Er fällt ihr zu Füßen. Sie will lachen. Aber ist das überhaupt so komisch?

Sie geht zum Spiegel. Er folgt ihr. Sie versucht, sich zu distanzieren. Er rutscht ihr auf Knien hinterher!

Sie kann nicht widerstehen. Sie gibt ihm eine Chance.

Und siehe da: Die ersten Hebungen besteht er glänzend. Er ist ein Mann, keine Frage, und sie, die kranke Frau, die nach irgend etwas sucht, das ihrem Leben, ihrem restlichen Leben, noch einen Sinn geben könnte, ohne, dass sie sich selbst eingestehen wollte, was das wäre – sie gibt nach.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Alina Cojocaru und Marlon Dino beim Schlussapplaus, nach der umjubelten „Kameliendame“ im April 2016 in München. Foto: Gisela Sonnenburg

Stück für Stück. Alina Cojocaru briliert hier mit jeder Geste, mit jedem Blick. Mit jedem Tendu, in das sie ihren Fuß selbstbewusst, aber auch anbietend aufstellt.

Allerdings muss sie ihm erstmal die Rangordnung klarmachen. Was denkt denn dieser wild gewordene junge Kerl, wer er ist? Und wer sie ist?

Ihr Leben ist kompliziert. Und teuer. Sie ist an einen alltäglichen Luxus gewöhnt, den er sich allenfalls mal ein paar Stunden leisten kann.

Ich bin die teuerste Kurtisane von Paris, mein Lieber!

Und ich bin krank, erschöpft. Das sagt sie nicht. Das weiß er schon.

Er gibt nicht auf. Er umgarnt sie. Jetzt ist er am Zug, und das nutzt er. Er betört sie mit Pirouetten, mit Grands Pas de chat, mit weit geöffneten, wundervoll erotischen Armen.

Er hebt sie in die Waagerechte, er küsst ihr die Füße. Er lässt sie fliegen, in den Himmel der Seligkeit, und er verehrt sie, als wäre sie eine Göttin.

Das ist mehr als ein Hündchen geben könnte. Sie willigt ein. Sie steckt ihm ihre rote Blume vom Dekolleté ans Revers: Wenn diese Blüte welkt, dann komm zu mir.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Alina Cojocaru und Marlon Dino nach großer Leistung: Beim Schussapplaus vorm Vorhang am 6.4.2016 während der BallettFestwoche. Foto: Gisela Sonnenburg

Sie werden also ein Paar, die teure Nutte und der Anfänger in Liebesdingen. Wie romantisch! Wie unmöglich!

Die nächste Szene ist der blaue Ball. Ein Kronleuchter, prunkvoll und mächtig aus dem Schnürboden gelassen, und etwas Licht – blaues, beseligendes Licht – genügen als Szenerie. Die Kostüme der bildschönen Ensemble-Damen zeigen jedes einen anderen Blauton.

Das Leben, ein einziges Schwofen, eine einzige Vergnügung! Oder etwa nicht?

Das Licht wechselt. Jetzt braucht es gar keinen Kronleuchter mehr. Es ist grellrot, das Ensemble tanzt jetzt einen Maskenball. Jedes Kostüm zeigt ein anderes Rot oder Orange. Der Graf N., der arme Trottel, kommt als Pierrot in Rot-Weiß. Wenn er nur wüsste, wie wenig erotisch er in der Aufmachung einher kommt. Aber er hat ein glitzerndes Diamantarmband für Marguerite bei sich. Damit wedelt er siegesgewiss…

Ja, und die Kameliendame nimmt den Schmuck. Trägt ihn wie einst Manon in MacMillans „Manon“ das kostbare Armband des adligen Verehrers trug.

Aber Marguerites Freunde helfen ihr, den lästigen Verehrer dann abzuhängen. Sie umschließen sie, in einem getümmelhaften Kreis, er sucht sie, sie ist abgetaucht, er wird freudig in die Kulissen geschickt. Such sie doch bitte dort, nach da ist sie getänzelt!

Graf N. läuft in die Irre… mal wieder.

Ach, und wie leicht ist das Leben ohne so einen Stalker!

Das Licht hat wieder gewechselt. Jetzt ist alles weiß. Gaston taucht auf, im Reiterdress, mit der Peitsche in der Hand. Er tanzt – mit Peitsche! Hui, ein schnittiger Lebemann!

Adam Zvonar weiß genau, wie er diese Figur anzulegen hat. Da springt er, als wäre er ein Held. Mit Lust auf Lust!

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Hier springt Tigran Mikayelyan als Gaston durch die „Kameliendame“, die irgendwie besonders gut nach und zu München passt. Liegt wohl am Können des Bayerischen Staatsballetts! Foto: Charles Tandy

Marguerite folgt ihm, mit ihren anderen Freundinnen und Freunden, und sie selbst geht am Arm des alten Herzogs. Das ist ein anderer Verehrer, nicht ganz so lästig wie der Graf N., nicht so verlangend. Er soll den Landaufenthalt – ein veritabler Sommerurlaub – bezahlen, ohne daran teilzunehmen. Er muss ja auf seinen guten Ruf achten und kann so sein ständig schlechtes Gewissen beruhigen. Er hatte eine Tochter, die an Tuberkulose verstarb, und Marguerite erinnert ihn an sein totes Kind. Also tut er so, als wolle er helfen und zu Marguerites Genesung beitragen. Sie soll raus aufs Land, weg von den Ausschweifungen des Stadtlebens. Er weiß nicht, dass sie den sinnlichsten Liebesurlaub, den man sich damals so ausdenken konnte, im Kopf hat. Zum Glück weiß der Herzog das nicht, denn so generös ist er nicht, als dass er diese Art von Kur bezahlen würde.

Peter Jolesch macht das Beste aus seiner Herzogenrolle. Er versucht, nobel zu sein und großmütig zu wirken, wo es sich doch nur um eine Sentimentalität handelt. Jolesch weiß: Dieser Herzog ist kein toller Typ. Aber wenigstens verachtet er die Kurtisane nicht für das, was Männer aus ihr gemacht haben.

Armand, der glückliche, stürmt mal wieder heran. Er kommt ja irgendwie immer auf den letzten Drücker. Aber was für ein Glücksgefühl kann Marlon Dino verströmen, welche Vorfreude! Juchhe! Wird das ein heißer Sommer! Vorhang! Pause!

Und dann ist es soweit. Der Pianoflügel steht auf der Bühne, es wird tiriliert und jubiliert, alle tragen Weiß und Cremefarben – und außer Licht braucht das Bühnenbild wieder nichts, um die helle, frohe Stimmung eines ausgelassenen Sommertags zu transportieren.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Schlussapplaus mit Zuzana Zahradniková im grünen Kleid als Prudence in der Mitte – wow, was für ein Abbild einer Pariser Gesellschaft des 19. Jahrhunderts! Foto: Gisela Sonnenburg

Prudence bringt den Freudentanz am stärksten zum Ausdruck. Mit einem exquisiten, frivolen Solo, das fast nur aus Zehenspitzentanz und Rockwedeln besteht. Es ist wahrlich nicht einfach, dieses weiße Solo, aber Zuzana Zahradniková tänzelt es meisterlich, anmutig, mit genau der richtigen Delikatesse. Es geht hier nicht darum, die Techniken zu beherrschen. Es geht darum, etwas von der Persönlichkeit der Prudence zu zeigen.

Colleen Scott, Münchner Ballettmeisterin und Gattin von Ivan Liška, tanzte die Rolle der Prudence in den 80er Jahren in Hamburg, als ich das Stück dort sah. Und sie ist auch auf der im Handel erhältlichen DVD „Die Kameliendame“ zu bewundern, mit ihrer feminin-munteren, aber auch sehr elegant-schwebenden Stilart, in einer Aufzeichnung von 1987.

Prudence ist ja eine Kupplerin und somit sozusagen das Sinnbild der Käuflichkeit. Aber sie hat hier im Ballett so viel menschlichen Charme und Esprit, dass man sagen möchte: Im Grunde geht es gar nicht um den Sexverkauf. Es sind eigentlich ganz normale Menschen, die hier agieren. Prudence könnte auch eine Verkäuferin von Werbelügen sein, also Inhaberin einer Werbeagentur. Oder Einkäuferin in einem Modekaufhaus. Na, oder Boutiquenbesitzerin in Hamburg-Pöseldorf. Ihre vielen auffallenden Volants am Kleid sprechen sogar ganz dafür, dass sie einen ausgefallenen modischen Geschmack hat, mit dem sie bei Frauen mit Rüschenvorliebe sicher landen könnte.

Im Stück hat Prudence allerdings Marguerite, von der sie vorwiegend lebt – und sie Gaston als Liebhaber.

Noch einmal ein Bild vom Schlussapplaus mit Zuzana Zahradniková, Kollegen und Chef (Ivan Liska, ganz re.) – Schlussapplaus vom 6.4.2016 in München. Foto: Gisela Sonnenburg

Gaston jubiliert, der quirligen Prudence ganz gemäß, allen anderen Männern temperamentvoll voran! Mit der Peitsche tanzt er sein Macho-Solo, witzig, mit Charme, aber er ist ein Gefährlicher, und wenn er die Peitsche durch die Luft sausen lässt, haarscharf am Rocksaum von Prudence (die gar nicht prüde ist) vorbei – dann surrt da ein Geräusch, das Masochisten vermutlich in den siebenten Himmel der Erwartung treibt.

Übrigens tanzte Ivan Liška, wenn er in Hamburg mal nicht als Armand besetzt war, dort den Gaston. Mit Kennermiene! Und sicher profitieren seine Tänzer davon, dass er und Colleen Scott diese Rollen schon so lange so gut kennen.

Gaston alias Adam Zvonar absolviert denn auch tadellos die fröhlich-hohen Sprünge, die vielfachen Pirouetten und die auf einem Bein im Stehen bei feiner Balance ausgeführten, neckischen Ronds de jambe en l’air, olalala!

Gaston präsentiert sich ganz so, als wäre seine Choreografie eine Ansammlung süffisanter Anzüglichkeiten.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Großer Jubel beim Schlussapplaus – nach „Die Kameliendame“ am 6.4.2016 in München beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Gisela Sonnenburg

Er flirtet mit Prudence, er gibt an mit seiner Männlichkeit – und die Jungs und Mädchen um ihn herum schwimmen mit auf seiner Welle, hach, was ist das für ein Vergnügen!

Sein Pas de trois mit Nanina und Prudence ist dann ein Schelmenstück vom Feinsten, der Mann in der Mitte gibt der alten, etwas unbeholfenen Dienerin einen Kuss, und zu dritt meistern sie den Schulterschluss – welch ein Spaß.

Pirouetten en attitude und à la seconde, alles tobt, man spielt ausgelassen wie die Kinder, wirft sich Kissen zu, Marguerite und Armand turteln mittendrin miteinander – bis alles auf einen Schlag erstirbt. Die ganze schöne glückliche heile Welt, die ganze Freude – alles bricht zusammen, von einer Sekunde auf die andere.

Denn der Herzog erschien.

Der böse alte Mann, der glaubt, ein Samariter zu sein, der aber nur ein feiger Spanner ist, er verdirbt den Traum von einem anderen, einem besseren Leben, in dem die Standesschranken aufgehoben sind und Marguerite und Armand mit dem Personal tanzen, als sei es das Natürlichste von der Welt.

Der Herzog guckt böse. Mit einer Armgeste befiehlt er Armand zu gehen. Der fühlt sich ertappt, hatte sich zuerst hinter Marguerite gestellt, ist jetzt aber bereit, sich wie ein geprügelter Köter davon zu schleichen. Er hat ja nicht diese soziale Potenz des Herzogs. Dessen Geld regiert die Welt – auch die schöne Scheinwelt des Vergnügens auf dem Lande.

Aber Marguerite lässt ihren Liebsten nicht gehen.

Sie stellt sich vor ihn. Sie nimmt seine Hand, legt sie um ihren Bauch. Ich gehöre ihm, sagt sie damit. Dann tut sie das Ungeheuerliche. Sie fummelt ihr glitzerndes Diamantencollier vom Hals und wirft es dem Herzog vor die Füße. Was für eine Geste von einer Hure!

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Den Musikern wie hier Simon Murray, dem Pianisten auch in der Landleben-Szene, wird extra applaudiert – auch von den Tanzkünstlern. Foto vom Schlussapplaus am 6.4.2016 in München: Gisela Sonnenburg

Der Herzog ist geknickt. Damit hat er nicht gerechnet. Er muss gehen. An seinem Krückstock. Der alte Mann hat ausgedient. Er hat sich die Sympathie dieser wunderbaren Frau verscherzt. Dachte er wirklich, sie würde wie eine Nonne leben? Er weiß nicht, wie sehr sie ihren Armand liebt. Aber er sieht, dass er, der Herzog, keine Macht mehr über sie hat.

Doch er hat eine Art Double. Da ist noch ein alter Mann, Armands Vater, und was der Herzog nicht vollbrachte, gelingt diesem scheinbaren Ehrenmann.

Die ganze Zeit über saß Monsieur Duval schon vorn an der Rampe, ganz links, und besah sich reglos, aber skeptisch und wohl auch empört, das bunte Treiben dieser Landgesellschaft.

So haben wir nicht gewettet, mein lieber Sohn, mag er sich denken.

Er will keinen Hedonisten, der nicht studiert, sondern seinen Vergnügungen nachgeht. Er will seinen Sohn zurück haben. Aus vielerlei Gründen. Den wichtigsten sagt er nicht und denkt er nicht. Er will seine Macht ausüben. Er stellt sein eigenes Glück über das seines Sohnes.

Nun gibt es in diesem Roman und auch im Ballett keinen Diskurs darüber, ob die Liebe eine kurze, kleine Chance gehabt hätte. Aber wenn, dann kulminiert sie im so genannten „White Pas de deux“, im Weißen Pas de deux, den Marguerite und Armand jetzt tanzen, nachdem die Spaßgesellschaft sich aufgelöst hat und die Liebenden auf sich allein gestellt sind.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Marlon Dino und Lucia Lacarra in einem weltberühmten Foto – aus dem weltberühmten Weißen Pas de deux aus der, na kla, weltberühmten „Kameliendame“ von John Neumeier. Foto vom Bayerischen Staatsballett: Charles Tandy

Sie löst ihr Haar, Alina Cojocaru macht das mit der Nonchalance einer Grande Dame und doch mit der Schlichtheit eines kleinen verliebten Mädchens, das weiß: Die Party ist vorbei, aber mein Schwarm ist noch da.

Rückwärts kommen die Liebenden aufeinander zu. Er von links, sie von rechts.

Als sie aufeinander stoßen, zieht er sie zu sich. Marlon Dino macht das genau so, wie man es sich als Frau wünscht. Es ist herzerwärmend.

Und Alina Cojocaru hält sich hier genau so wohl temperiert, ohne sich vorzudrängeln und ohne die Szene zu forcieren, wie es wohl sein muss.

Was für ein Paar! (Lucia Lacarra wird wissen, dass es so sein muss – und dass sie selbst dennoch unersetzlich ist, gerade in den Liebesszenen mit Marlon Dino.) Er hebt sie, er wirbelt sie herum, sie lässt sich tragen und biegen, als sei sie ein geschmeidiges, junges Reh.

Ihre nackten Schultern verheißen ihm beständiges Liebesglück, und ihr weißes Kleid hat ja auch nicht von ungefähr die Anmutung eines Brautkleids.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Umarmung aus dem „Weißen Pas de deux“ – „Die Kameliendame“ hier mit Daria Sukhorukova und Matej Urban vom Bayerischen Staatsballett. Foto: Charles Tandy

Er trägt, wie immer in diesem Stück, das zwar eine opulente Ausstattung hat, aber keine Materialschlacht darstellt, seine schwarze Strumpfhose zum weißen Hemd, darüber die schwarze Weste.

Es ist aus Crankos Ballett „Onegin“ stammend, dieses Armand-Kostüm, aber anders als der große Zyniker Onegin verfügt Armand über uneingeschränkte Liebesfähigkeit. Sein Fehler ist nur: Er ist zu naiv. Doch dazu später.

Erst einmal schweben die beiden durchs Liebes- und Lebensglück ohne irgendeine Fessel, sie sind alle Verpflichtungen los oder glauben das zumindest.

Es ist zwar in Deutschland noch ungewöhnlich, für journalistische Projekte zu spenden, aber wenn man die Medienlandschaft um das Ballett-Journal ergänzt sehen möchte, bleibt keine andere Möglichkeit. Im Impressum erfahren Sie mehr. Danke.

Wäre da nicht der Schatten vorne links an der Rampe, Monsieur Duval, von Ivan Liška mit anbetungswürdiger Geduld und später auch souverän-starker Charakterdarstellung verkörpert.

Als die Liebenden am Boden herumtollen und sich im Liebesspiel genießen, als sie sich an den Händen fassen wie das erste Pärchen, das die Menschheit je begründete, als sie sich in die Augen sehen, wieder und wieder, da will man noch nicht wissen, wie die Sache ausgehen wird.

Und dennoch: Man ahnt etwas. Da liegt irgendeine Gefahr in der Luft…

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Noch einmal nach vorn zum Schlussapplaus: Alina Cojocaru und Marlon Dino nach der „Kameliendame“ am 6.4.2016 im Münchner Nationaltheater. Foto: Gisela Sonnenburg

Aber jetzt erweist sie sich erstmal seiner Liebe als würdig, sie trippelt wie ein kleines Kind vor ihm her, fällt vor ihm auf die Füße, wiederholt sein Port de bras am Boden, das er ihr in ihrem ersten großen Pas de deux, dem „Blauen Paartanz“, offerierte.

Doch kaum endet das absolute Tanzglück, kommt Nanina schon mit dem Brief, der den Besuch von Monsieur Duval ankündigt. Man könnte sich jetzt dunkle, fies-grummelige Bässe vorstellen, die jäh in das glückstrunkene Gefiedel einer Violine einfallen.

Marguerite weiß sofort, dass sie diese Sache allein entscheiden will. Heute würden wir Emanzen sagen: Was für ein Fehler! Besprich das mit deinem Jungen, Lady! Aber nein – sie schickt ihn weg.

Und sie lädt den alten bösen Vater zum Tee.

Mit Ivan Liška tritt nun eine geballte Kraft an darstellerischer und tänzerischer Magie auf. Sicheren Schritts, nicht stampfend, aber sehr fest – wie es für manche, eher unromantische Menschen eben typisch ist – kommt er zur Kameliendame, um ihr all ihr Glück zu nehmen.

Sie bietet ihm einen Sitz an. Er kommt rasch zur Sache. Bläht sich auf. Stakst über die Bühne. Macht ihr Vorwürfe. Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Was erlauben Sie sich da? Wissen Sie, wessen Ehre da alles auf dem Spiel steht? Der Junge hat Verwandtschaft! Mich! Seine Schwester! Mich! Vor allem mich!

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Beim Schlussapplaus guckt er so freundlich – aber als Monsieur Duval ist er ein bürgerliches Monster, was der Rolle auch gemäß ist. Fantastisch: Ballettdirektor Ivan Liska auf der Bühne in „Die Kameliendame“ von John Neumeier, während der BallettFestwoche 2016. Foto: Gisela Sonnenburg

Er steht mit dem Rücken zu ihr, die zart und schüchtern im Korbsessel sitzt, und umfasst mit der rechten Hand auf dem Rücken seine linke. Von der spreizt er alle fünf Finger ab, kräftig. Er droht ihr unterschwellig. Er kann das gut, es wirkt auf sie so rational. Aber es ist die pure Macht, die er ihr zeigt.

Er ist der beste Monsieur Duval, den ich kenne – obwohl die Konkurrenz durch Carsten Jung vom Hamburg Ballett ziemlich groß ist. Aber nur Liška gelingt der Balanceakt zwischen scheinbar Gut und abgrundtief Böse so raffiniert.

Trotzdem lässt Ivan Liška manchmal durchschimmern, dass Monsieur Duval das alles nicht nur leicht fällt. Die Bestie, die er unter der bürgerlichen Oberfläche ist, so zu zeigen. Es wäre ihm wohl lieber gewesen, er hätte einen Anwalt schicken können. Aber das hätte nur Gerede gegeben. Und manche Dinge regelt ein Patriarch auch besser selbst.

Es fällt ihm schwer, diese Dirne als Madame anzusprechen. Aber dann ist er angenehm überrascht von ihren guten Umgangsformen. Ganz schlecht ist der Geschmack seines Sohnes ja nicht, höhöhöhö.

Dennoch: Diese Frau muss aus dem Leben der Familie verschwinden.

Marguerite ahnt noch nicht, wie ernst es Duval mit seiner Ehre ist. Sie glaubt noch, alles werde irgendwie gehen. Sie will den Alten überzeugen, von ihrer aufrichtigen Liebe.

Alina Cojocaru tanzt entzückend dieses kleine Solo vor dem bürgerlichen Ungeheuer vor sich. Ihre Gefühle sind doch so lauterbar! Nicht mal einen einzigen bezahlenden Liebhaber gibt es noch. Sie schwor dem ab, sie entsagt ihrem früheren Leben, sie lebt nur noch für Armand und die gemeinsame Liebe…

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Hier sind es drei der Verehrer von Manon, die sich den verdienten Applaus abholen. Nach der „Kameliendame“ am 6.4.2016 in München. Foto: Gisela Sonnenburg

Dann beschwört sie sogar Manon und ihre sieben Verehrer. Die stehen jetzt im Armand-Kostüm da und halten glitzerndes Geschmeide in der Hand. Manon aber hilft nicht Marguerite. Sie zwingt ihr die Wahrheit auf: Der Alte hat Recht, sagt sie, ihr hättet keine Chance. Warum auch, warum sollt ich eine Chance haben?

Alina Cojocaru schmiegt sich an diese verräterische Seelenfreundin, diese Traumfigur, die ihr nur scheinbar Halt gibt. Dann versucht sie wieder ihr Glück bei dem Alten. Vielleicht hat er ja doch ein Herz.

Es hat keinen Sinn. Er hört sie an, aber nicht, um sie zu erhören, sondern um ihr den Strick um den Hals zu legen. Er antwortet. Sie tanzen zusammen, er zwingt sie in die Knie, allerdings auf eine Art, die nur John Neumeier so einfallen konnte: Sie pirouettiert unter seinen Händen ganz langsam auf einem Fuß, das Spielbein halbhoch gehalten, während sich ihr Standbein ins Plié beugt. Puh. Eine kleine, feine, tödliche Spirale aus Argumenten, die keinen Widerspruch dulden.

Sie versucht es dennoch. Wieder und wieder. Schließlich barmt sie. Bettelt um die Erlaubnis, Armand glücklich machen zu dürfen. Sie ist doch so krank. Vielleicht sollte sie das deutlicher sagen? Oder auch gerade nicht?

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Besetzungszettel aus Hamburg vom September 1981: Damals tanzte Ivan Liska den Armand in der „Kameliendame“. Faksimile: Gisela Sonnenburg

So oder so. Duval ist der Sieger dieses Gesprächs. Er ringt ihr das Versprechen ab, Armand in die Wüste zu schicken. Sein Sohn werde sonst todunglücklich, behauptet er.

Ja, und hätten die zwei Liebenden eine Chance gehabt damals? Hätten sie, weit entfernt von Paris, irgendwo als ehrbares Pärchen ein neues Leben anfangen können?

Man wünscht es sich, aber man weiß es nicht. Man weiß jedoch: Duval macht alle Hoffnungen zunichte und hätte die beiden wohl auch mit seinem Drang nach Wiederherstellung der Familienehre verfolgt, wohin sie sich auch geflüchtet hätten.

Und dann ist da ja noch die ohnehin tödliche Erkrankung Marguerites… Sie entscheidet also für den Alten und gegen sich selbst. Auch gegen ihre Liebe, die sie fortan verleugnen muss.

Ein letzter Pas de deux mit Armand atmet nun diese Bitternis. Er ist zu jung, um ihr verändertes Verhalten richtig zu deuten. Er ist dumm und unbewusst vielleicht auch dem Vater noch zu hörig, um sich gegen sein Diktat oder gegen desse Intrige zur Wehr zu setzen.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Und so sah Ivan Liska als Armand aus: Blick ins Programmheft „Die Kameliendame“ von 1981 in der Hamburgischen Staatsoper. Rechts Liskas Partnerin Chantal Lefèvre, die heute Ballettmeisterin in Wien ist. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Marguerite schickt ihn weg – und streckt noch einmal den Arm nach ihm aus. Alina Cojocaru macht das so feinfühlig und dennoch stark, so empfindsam und dennoch zielsicher, dass es ist, als würde sie mit dieser Geste all ihr Glück opfern und es zugleich in Eins zurückholen wollen. Toll.

Dann lässt sie packen und anspannen. Armand findet bloß noch einen Brief vor. Er liest ihn und wird fast wahnsinnig. Es ist ein Abschiedsbrief, der alles und nichts erklärt. Manche Menschen überlegen bei solchen Briefen, sich umzubringen. Armand nicht. Aber er tickt fast aus.

Er tanzt sein „Wut-Solo“, stürmisch, wie es sein Temperament ist. Auch er hält sein linkes Handgelenk von der rechten Hand auf dem Rücken umfasst, er wiederholt die Geste seines Vaters. Unterdrückte Wut, große Aggression bedeutet sie. In der freien Hand hält Armand den Brief.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Ivan Liska, Alina Cojocaru und Marlon Dino beim Schlussapplaus im Münchner Nationaltheater – am 6.4.2016. Foto: Gisela Sonnenburg

Und er tanzt damit, als wäre es sein letztes Aufbegehren. Am Boden, in der Luft. Er tritt in die Luft, er springt in den geöffneten Spagatsprung. Ohne Anlauf. Er hält es nicht aus. Er zerknüllt den Brief, er will ihn nicht mehr sehen. Um umtanzt ihn doch. Und sieht wieder hin.

Marlon Dino tanzt den Schmerz als Rausch. Großartig. Es geht hier ja nicht um Technik, sondern um dieses Außer-sich-Sein. Manche Armands vergessen das. Marlon nicht. Er leidet und wütet und wütet und leidet – mit jeder Körpergeste. Rührend, erregend, anrührend.

Er rennt los, rennt nach Paris.Vom Dorf Bougival nach Paris. Zu Fuß. Fliegend. Er rennt über die Bühne, von rechts nach links. Von links nach rechts. Regen peitscht ihm ins Gesicht. Der Weg ist aufgeweicht, schlammig. Er rennt. Von rechts nach links… er sieht: den Grafen N. nackt ins Bett zu Marguerite steigen. Armand ist dem Wahnsinn nah.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Lucia Lacarra zu Beginn des dritten Akts der „Kameliendame“: Schmerz über den Verlust ihrer Liebe kennzeichnet sie. Großartig fotografiert von Charles Tandy

Pause. Dann ist es Herbst geworden. Auf der DVD liegen jetzt Herbstblätter am Boden. Es ist gut, dass das auf der Bühne nicht der Fall ist. Es wäre rutschig für die Tänzer und würde optisch nicht viel bringen. Im Gegenteil: Wieder ist es das Licht, das die Stimmung bringt.

Da ist eine Parkbank für Marguerite. Teuer gekleidet ist sie. Aber fast wie eine Matrone. So fühlt sie sich. Ohne Liebe. Armand scherzt mit der aufsteigenden Nutte Olympia herum. Köstlich kann er mit ihr Kater und Kätzchen spielen! Mai Kono ist aber auch eine wundervolle Olympia! Sie erinnert ein bisschen an Gigi Hyatt, die diese Rolle auch auf der erwähnten DVD tanzt.

So ein herzliches, liebliches Wesen! Kaum zu glauben, dass sie eine Prostituierte ist. Armand trifft dennoch auf Marguerite, beide können ihr Unglück miteinander kaum fassen. Er wird gemein.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Und noch ein Applaus: Nach der „Kameliendame“ am 6.4.2016 beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Gisela Sonnenburg

Er vollführt einen Coitus interruptus mit Olympia, rechts vorn in der Ecke an der Rampe. Ach, das ist nicht, was er will. Er lässt von ihr ab. Sie geht, ohne gekränkt zu sein. Sie ist ja eine Hure und nicht verliebt.

Da taucht Marguerite auf. Im Pelz. Bei ihm zuhause. Es ist Winter geworden. Er nimmt ihr den Mantel ab. Sie wird fast ohnmächtig.

Es entspinnt sich der wohl schönste, schärfste, süßeste, aber auch bitterste Liebestanz, den die Ballettgeschichte je sah.

Der „Schwarze Pas de deux“ – denn die Kameliendame trägt jetzt ein schwarzes Kleid, wie in Trauer um ihre Liebe – strotzt nur so vor Anspielungen auf die Ballettgeschichte (etwa auf Crankos „Onegin“) und ist doch etwas ganz Eigenes.

Kevin Haigen, der damals den Armand tanzte, überarbeitete die drei großen Pas de deux der „Kameliendame“, darunter diesen, als sie 1981 mit Marcia Haydée als Gaststar neu in Hamburg einstudiert wurden. Die Hebungen wurden schwieriger und komplizierter, der Liebe dieser beiden ungleichen Menschen entsprechend.

Das Publikum ist immer wieder hingerissen, wenn diese artistischen Ausdrucksmöglichkeiten zum Einsatz kommen. Es ist ja ein „Versöhnungsfick“, wenn man so will, und dafür hat das Ganze tänzerisch eine unerhört erhabene Formulierung.

Er hebt sie, er dreht sie, sie lehnt sich an ihn an; aus gemeinsamen Synchron-Schritten werden Mann-und-Frau-Figuren.

Sie will weglaufen, vor dieser tiefen, großen Liebe, sie will nicht, dass alles von vorn beginnt, sie fürchtet den Kummer, den Schmerz. Alina Cojocaru macht das fantastisch, wie sie sich ihm zu entwinden sucht, wie sie in paar Schritte läuft, das Gesicht nach hinten zum Publikum gedreht, entsetzt ist sie da von sich selbst, sie wollte ihn nur um Schonung bitten, nicht um mehr.

Aber sie bekommt noch einmal alles, was sie sich einst so sehr gewünscht hat.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Applaus für die Musiker von den Bühnenkünstlern: Nach der „Kameliendame“ am 6.4.2016 beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Gisela Sonnenburg

Fast ist der Tanz schon zu Ende, da knien sie sich gegenüber am Boden. Er streckt die Hand aus. Marlon Dino macht das wie ein Friedensangebot. Zuerst ist er beinahe unsicher darin. Dann wird er deutlicher. Und sie zögert. Und zögert weiter. Und legt dann endlich ihr Gesicht in seine Hand, schmiegt die Handfläche hinein. Manche Kameliendamen zeigen ihr Gesicht hier dem Publikum, legen also das Ohr in die Hand. Alina setzt alles aufs Gefühl, nicht auf Show. Und wir verstehen…

Noch einmal gibt es eine sensationelle Hebung, sie erreicht damit ein Vielfaches ihrer eigentlichen Körperhöhe, er hält sie so, dass sie diagonal über ihm schwebt, in einer Attitüde – und dann stürzt diese Paarfigur beseligt gen Boden, die Liebenden rollen aufeinander, kommen zum Liegen, sie unter ihm (im Weißen Pas de deux ist es umgekehrt).

Das ist Liebe, wenn der Orgasmus manchmal fast wie ein Sterben ist, und doch geht es weiter, das Lieben, auch in der Ruhe danach, nach dem großen Sturm, nur im Aufeinanderliegen fühlt und spürt man sich, da brennt man noch immer füreinander, erkennt sich im anderen – und findet sich verschmolzen wie zu einer symbiotischen Kreatur.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Daria Sukhorukova und Maxim Chashchegorov beim Schlussapplaus am 6.4.2016. Im Hintergrund Ivan Liska. Foto: Gisela Sonnenburg

Manon erscheint und lockt Marguerite, sie zeigt ihr, wie es weiter geht. Drei Liebhaber sind es jetzt noch, und sie tragen die Hure auf Händen. Des Grieux aber hat das Nachsehen, die Liebe hat das Nachsehen, in einem entrückten Solo voller Pirouettes en attitude tanzt Maxim Chashchegorov seine Liebeskraft, mit der er letztlich Manon bis in den Tod begleiten wird.

Marguerite und Armand begegnen sich indes noch einmal, da ist er betrunken, vom Sekt und vom Angeben mit anderen Frauen, auf einem Ball, es ist der „Schwarze Ball“, und er macht sich da wieder an sie ran. Sie fühlt sich fast vergewaltigt, er ist so grob, die Leidenschaft schmiedet sie dennoch aneinander… in manchen Inszenierungen ist es ein sehr starker Moment, dass er ihr hier Geld vor die Füße wirft, das braucht man aber in München nicht: Hier zählt die Emotion, ihre Gekränktheit, ihr Märtyrertum und sein blankes Unverständnis.

Beide, Marlon Dino und Alina Cojocaru, halten das durch, tanzen es so psychologisch plausibel, dass man unablässig weinen möchte. Was für eine Tragödie!

Drei Lüster sind es auf diesem letzten Ball, das Ensemble schimmert in schwarzer Seide, Marguerite trägt schwarze Spitze auf hellem Grund, und Prudence und Olympia glitzern in Gold und Goldgrün – sie sind die Gewinnerinnen dieser verlorenen Liebe.

Und ein letztes Mal geht Marguerite ins Theater-im-Theater, begegnet Manon und Des Grieux auf der Bühne, bevor sie, im Mieder, todkrank, mit beiden einen ergreifenden Pas de trois tanzt.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Lucia Lacarra als „Kameliendame“, tanzend mit den Fantasie- und LIteraturfiguren Manon und Des Grieux – beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Gisela Sonnenburg

Des Grieux tanzt hier mit beiden todkranken Frauen, es ist ja Marguerites Fantasie, die wie sehen… und schließlich trägt er seine Geliebte tot davon, während Marguerite am Boden zurück bleibt.

Sie kriecht auf ihre Chaiselongue, und sie beginnt ihr Tagebuch, aus dem dann Armand erfährt, wie es mit ihr zuende ging: einsam und verarmt, elendig, mit Nanina als letztem Halt, der Tod, er war dann wohl eine Erlösung.

Hier in München ist das Kleid aus ihrem ersten Liebesspiel, das blaue Kleid, wichtiger als das Tagebuch. Armand hält es in den Händen und begreift… merkwürdig nur, dass er seinem Vater alles verzeiht, ohne Streit, ohne Abwehr. Denn der Tod hat ohnehin entschieden, wo der alte Duval nicht mehr entscheiden konnte.

Die Kameliendame ist ein unsterbliches Ballett.

Schlussapplaus, anrührend: Das Bayerische Staatsballett nach der „Kameliendame“ im April 2016. Foto: Gisela Sonnenburg

Roberto Bolle hat, wenn er den Armand getanzt hat, gern etwas übertrieben und hollywoodmäßig laut geschluchzt. Zu Beginn vom „Wut-Solo“ haben seine Hände theatralisch heftig gezittert, als sie den Brief zum Lesen hielten, und es gab Leute – wie mich – die auch diese Interpretation ganz großartig fanden.

Zumeist aber ist Armand ein zurückhaltender Trauerarbeiter, still flennt er, schamesrot, erregt ist er, aber nicht depressiv.

So auch Marlon Dino, der das Entsetzen des Armand ganz realistisch spielt; er weiß so unser ganzes Mitgefühl für diesen so früh verstörten Anhänger der wahren Liebe zu gewinnen.

Noch einmal und noch einmal: Hier für Zuzana Zahradniková als Olympia ein weiterer Schlussapplaus nach der „Kameliendame“ von John Neumeier am 6.4.2016 beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Gisela Sonnenburg

Ein Frauenkleid, das blaue Kleid seiner toten Geliebten, bleibt ihm als Trost – und führt ihn womöglich dorthin zurück, von wo er kam, als ihn einst diese fast unmenschlich starke Liebe überwältigte.
Gisela Sonnenburg

Noch zweimal, am 27. Mai und am 3. Juni 2016, im Nationaltheater in München – und dann dort für längere Zeit nicht mehr!

Weitere Texte zur „Kameliendame“ siehe „Bayerisches Staatsballett“ und „diverse Compagnien“ hier im ballett-journal.de.

www.staatsballett.de

ballett journal