Sommerzeit ist Liebeszeit München: Nach der gestrigen Vorstellung von John Neumeiers „Ein Sommernachtstraum“ erhielt Matej Urban den Irène-Lejeune-Ballettpreis

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Matej Urban als Oberon und Ekaterina Petina – mit weißem Plüschteddy statt Blumen – als Titania beim Schlussapplaus nach dem „Sommernachtstraum“ am 7.7.15 im Münchner Nationaltheater. Foto: Gisela Sonnenburg

Sommerzeit! Was gibt es da Schöneres als – wie in einem Rausch – der Liebeslust zu frönen. Die verwandelnde Kraft der Liebe hat im Sommer Hochkonjunktur, speziell in milden, regenfreien Nächten… Für die drei Paare in John Neumeiers „Ein Sommernachtstraum“ von 1977, der erotischsten und kaum zu übertreffenden Ballettkomödie überhaupt, ist das Lieben und Glücklichwerden allerdings so einfach nicht. Wie gut, wenn sich dann all die Mühe mit der Beziehung derart lohnt, dass einer der Tänzer auch noch einen Preis bekommt: Die Botschafterin und Mäzenin des Bayerischen Staatsballetts, Irène Lejeune, verlieh im Anschluss an die gestrige Vorstellung – auf offener Bühne und unter dem Geleit von Ballettdirektor Ivan Liška – ihren alljährlichen Preis. Der glückliche Empfänger: Matej Urban, gebürtiger Tscheche, wie sein Direktor am Prager Konservatorium ausgebildet, seit 2011 Solist in München – und an diesem Abend der Darsteller der männlichen Hauptrolle.

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Ivan Liska (links in Schwarz), Urban Matej (in Silber) und Iréne Lejeune (mit pinkigem Schal) bei der Ehrung auf offener Bühne im Münchner Nationaltheater. Foto. Gisela Sonnenburg

Als Herzog Theseus ist er da der Sunnyboy in einem fiktiven, biedermeierlichen Griechenland. Kurz vor der Hochzeit muss Theseus feststellen, dass seine Braut, die hübsche Hippolyta, nicht ganz glücklich mit ihm ist. Außerdem gibt es noch zwei andere Paare – bei Insidern des Stücks gemeinhin nur „die Liebhaber“ genannt – und bei denen geht in puncto Krisenmanagement so richtig die Post ab.

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Matej Urban tanzte auch schon den Gärtner Lysander im „Sommernachtstraum“ in München – hier mit Daria Sukhorukova als seine Helena. Foto: Wilfried Hösl

Die Hochzeitsvorbereitungen laufen auf Hochtouren, die lange Schleppe des Brautkleids wird tänzerisch bestickt, und der Hofmaler verleiht seinem Werk zwischen zwei Arabesken die letzten Tupfer. Shawn Throop (der außergewöhnliche gebürtige Australier, der manchmal auch den Puck tanzt) sticht damit hervor, dass er aus dieser Winzrolle, die nur einen Auftritt hat, ein Maximum an Poesie und Konzentration herausholt. Bravo!

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Ein Bild vom Schlussapplaus nach der Vorstellung „Ein Sommernachtstraum“ und nach der Verleihung des Irène-Lejeune-Ballettpreises am 7.7.2015 im Münchner Nationaltheater. Ganz links. Javier Amo als Demetrius, vorne, neben dem Dirigenten Michael Schmidtsdorff, Katherina Markowskaja. Mittig: Ekaterina Petina vor Ivan Liska und rechts Irène Lejeune vor Matej Urban. Herzlichen Glückwunsch! Foto: Gisela Sonnenburg

Aber auch Javier Amo, der den Offizier Demetrius tanzt – einen der „Liebhaber“ – verdient zusätzlichen Applaus. Mit Aplomb und Anmut, Komik und der so seltenen tänzerischen Selbstironie gewinnt er im Nu die Herzen des Publikums, heimst mit seiner Bühnenpartnerin Katherina Markowskaja als erst schüchterner, dann ulkig-selbstbewusster Helena den meisten Szenenapplaus ein.

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Noch ein Schlussbild – und rechts die „Handwerker“, die heimlichen Superstars jeder „Sommernachtstraum“-Aufführung… Foto: Gisela Sonnenburg

Stopp! Den meisten Applaus, während das Stück läuft, bekommen natürlich die Handwerker. Handwerker? Ja! John Neumeier schafft es, die grotesk-illustre Truppe, die William Shakespeare in seiner 1605 uraufgeführten Komödie „A Midsummer Night’s Dream“ („Ein Sommernachtstraum“) erfand, als kunterbunte Tänzer durch die heiße Sommernacht tingeln zu lassen. Zimmermann und Schneidermeister, Musiker und Kesselflicker, Schreiner und Bälgenflicker sowie der Weber Zettel geben sich hier zum Klang der Leierorgel ein Stelldichein, um in ihrer Freizeit ein Theaterstück einzustudieren und dieses bei der Hochzeit von Theseus – in Hoffnung auf ein Preisgeld – vorzuführen.

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Ganz viel Liebe und ganz viel Spaß, ganz viel Ehre und ganz viel Anerkennung fürs Ballett: ein berauschender Abend mit Glamour im Münchner Nationaltheater. Foto: Gisela Sonnenburg

Wer bei diesen munter-ulkigen Gesellen nicht herzhaft lachend die Bauchmuskeln strapaziert, muss irgendwas falsch gemacht haben im Leben. Es ist ein Paradestück für „Lachbohnen“ und „Kichererbsen“, und wenn der Bälgenflicker als Jungfer Thisbe in Spitzenschuhen auftritt – der Tänzer Dustin Klein macht das sehr raffiniert – dann glaubt man, dass die Kunst der Parodie soeben neu erfunden wurde.

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Diva und Dirigent stehen hier m Zentrum: Ekaterina Petina als Titania und Michael Schmidtsdorff, versierter Ballettdirigent des Bayerischen Staatsorchesters, nach „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier. Foto: Gisela Sonnenburg

Weniger derb, vielmehr subtil dafür die Crux mit den „Liebhabern“. Es ist das alte Spiel – A liebt B und B liebt A, aber C liebt B auch noch… sprich: Lysander und Hermia lieben sich, aber Helena, die mal mit B ein Pärchen war, liebt ihn noch immer. Da hat E – also der Offizier Demetrius – zunächst keine guten Karten.

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Und noch ein Vorhang! Bravo! Die Künstler vom „Sommernachtstraum“ aus München auf der Bühne, nach der Vorstellung… Foto: Gisela Sonnenburg

Mitgekommen? Nochmal: Der Gärtner Lysander (im Rollendebüt ein sehr softer Lyriker: der Italiener Matteo Dilaghi, der zuvor im Bayerischen Staatsballett II, der Junior Company, tanzte) wird von zwei Frauen geliebt, die verschiedener nicht sein könnten. Helena (schlichtweg bezaubernd: Katherina Markowskaja) ist klein und zierlich, quirlig und sowohl Bustier- als auch Brillenträgerin. Hermia (hervorragend besetzt: Zuzana Zahradníková) hingegen ist groß und breitschultrig, brillenlos und insgesamt schlichter als die verspielte Helena.

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Applaus! Links Javier Amo, mittig Ekaterina Petina mit zugeworfenem weißen Teddybären (statt Blumen, von einem Fan) und daneben Michael Schmidtsdorff, der Dirigent. Alles zusammen eben „Ein Sommernachtstraum“ beim Après. Foto: Gisela Sonnenburg

Helena hingegen wird begehrt vom lustig-sportiven, mitunter aber auch melancholischen Offizier Demetrius (von Javier Amo, wie schon erwähnt, mit wirklich erlesener Grandezza getanzt). Und während Hermia und Lysander sich für ein nächtliches Stelldichein im Wald verabreden – Sommer! Milde Nächte! Olivenhaine in Griechenland! – findet Helena den entsprechenden Liebesbrief, wird eifersüchtig und zeigt den Beweis der geplanten Nacht dem in sie verliebten Demetrius. Dann aber geht der Brief verloren, bis ausgerechnet Hippolyta ihn findet und über den Gedanken, die er bei ihr, der nicht ganz glücklichen Braut, auslöst, einschlummert.

Jetzt erst beginnt der „Sommernachtstraum“ aus dem Titel – es ist der Traum von Hippolyta am Vorabend ihrer Verheiratung. Die an der Waganowa-Akademie in Sankt Petersburg ausgebildete und erst seit dieser Spielzeit beim Bayerischen Staatsballett tanzende Ekaterina Petina weiß ihre Rolle mit ebenmäßiger Weiblichkeit und weicher Geschmeidigkeit zu füllen. Als Hippolyta ist sie mädchenhaft-poetisch, als Titania dann animalisch-feminin.

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Die berühmteste Hebefigur aus dem „Sommernachtstraum“ von Neumeier: Titania auf Oberon. Wer würde nicht gern so streiten? Hier Lucia Lacarra und Marlon Dino beim Bayersichen Staatsballett. Foto: Wilfried Hösl

Denn sie tanzt ja eine Doppelrolle: In Hippolytas Traum ist sie die Elfenkönigin Titania, und die wiederum ist eine Amazone, eine richtig moderne Emanze – und sie hat gerade Krach mit Ehemann Oberon, dem Elfenkönig. Erklingen bis dahin die bombastisch niedlichen Töne der bekannten „Sommernachtstraum“-Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy, so ist die Elfenwelt mit Synthi-Akkorden von György Ligeti illustriert. Nebel steigt zwischen drei buschigen Olivenbäumen auf, und die Elfen in mondlichtfarben glitzernden Leotards könnten auch einer Sci-Fic-Serie über Außerirdische entstiegen sein. Mal wieder stammt die Ausstattung übrigens von der lebenden Ballettdesign-Legende Jürgen Rose (siehe auch: „Bücher“).

Der Chef der Elfenbande ist Oberon alias Theseus, von Matej Urban mit jener wohl dosierten Weinerlichkeit – vereint mit Machtbewusstsein – getanzt, wie sie typisch ist für Männer von hohem Rang, denen mal irgendeine Kleinigkeit die Stimmung verdarb. Köstlich ist dieser im silbrigen Catsuit mit Glitzerkappe begabte Feenboss: Keiner, dem man unbedingt bei Nacht und Nebel begegnen möchte (vielleicht ist er eine männliche „Wili“, also ein äußerst gefährlicher Geist). Aber er ist einer, dem man unbedingt gern dabei zuschaut, wie er tanzend und gestikulierend die Geschicke seines seltsamen Völkchens so lenkt.

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Preisträger Matej Urban, mittig, mit Blumen im Arm, um ihn die Kolleginnen und Kollegen, die sich mit ihm freuen. Foto: Gisela Sonnenburg

Zunächst hat er vor, sich für den Streit an seiner Gattin Titania zu rächen – anhand einer Zauberblume, die blind verliebt macht. Puck hilft Oberon dabei, und Puck, Oberons Helfershelfer, ist ein ganz besonders durchtriebenes Kerlchen (siehe hierzu weitere Texte im ballett-journal.de). Der gebürtige Moskowiter Ilia Sarkisov tanz den Puck betont clownesk, wie einen Pierrot vom Jahrmarkt: klamaukig, grell, gern mal etwas übertreibend. Tatsächlich ist dieser Schelm, der Puck, ja fast ein eigenes Genre in der Figurentypologie – und bei Sarkisov wird seine derb-lustige Seite betont und aufs Witzigste herausgestellt.

Und während die zarte Titania sich in den in einen Esel verzauberten Handwerker Zettel verliebt, soll Puck die verwirrten Liebhaber – die aus unterschiedlichen Motiven alle vier im Wald gelandet sind – zu passenden Paaren ordnen. Was prompt schief geht.

Die Irrungen und Wirrungen der vier Liebhaber sind das Kernstück des „Sommernachtstraums“.

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Die freundliche Ausloberin des Ballettpreises, Irène Lejeune, und der diesjährige Preisträger, Matej Urban – am 7.7.2015 im Münchner Nationaltheater. Foto: Gisela Sonnenburg

Da läuft die schöne Helena ihrem Lysander nach, während der fesche Demetrius ihr wiederum nachrennt. Derweil absolvieren Lysander und die groß gewachsene Hermia zarteste Pas de deux mit verliebten Hebefiguren. Besonders beliebt bei diesem Paar ist folgende Kombination: Er hebt sie, hält sie am gebeugten Knie, während sie das andere Bein elegant ausgestreckt, und so mit ihr „bepackt“ rennt er einmal ganz um einen Olivenbaum. Übermut und Lebensfreude, Liebeslust und Vorfreude auf mehr äußern sich in diesem Tanzlauf. Ach!

Dagegen muss einem Helena wirklich Leid tun. Zumal Puck seinen Schabernack mit ihr treibt und ihre Brille bei sich selbst ausprobiert. Ups, da sieht er dann nicht mehr viel, das aber umso lieber – beglückt torkelt die dienende Elfe durch den Wald, bis der Vorgesetzte Oberon streng auf den Plan tritt. Sollte Puck nicht längst gehandelt haben?

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

Man freut sich durch alle Hierarchien: Preisträger, Ballettdirektor, Ausloberin und Tänzerkollege bei der Verleihung des Irène-Lejeune-Ballettpreises 2015. Schön! Foto: Gisela Sonnenburg

Also gut. Die Augen der schlafenden Liebhaber werden mit Blumensaft bespritzt, damit sie, wenn sie erwachen, alles oder jeden lieben, das oder den sie als erstes erblicken. Resultat: Demetrius und Lysander sind dann beide ganz vernarrt in Helena, hingegen sie Hermia beide derart verschmähen, als sei sie über Nacht alt und potthässlich geworden.

Es steht an: ein entzückendes Quartett, bei dem die kleine Helena von den beiden Jungs getragen wird – sie reitet gewissermaßen auf beiden, hoch erhobenen Hauptes – und die „Bohnenstange“ Hermia verzweifelt auf sich aufmerksam zu machen sucht. Es ist superbe und so urkomisch, dass man die Augen nicht davon lassen kann!

Oberon ist allerdings wenig davon angetan. Er vertrimmt Puck und vergattert ihn dazu, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Ein Theater-Unwetter erschallt, mit Regen und Wind und ungemütlicher Atmosphäre; es zerstreut die vier Liebhaber in alle Richtungen.

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Ilia Sarkisov als Puck mit roter Blume: ein Irrwisch und Pierrot, ein clownesker Luftgeist, der nicht immer das macht, was man ihm sagt. So im „Sommernachtstraum“ von John Neumeier beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Wilfried Hösl

Als die Liebhaber erschöpft eingeschlafen sind, schleppt der zarte Puck ihre Leiber durch den Wald – und da lässt er sich allerhand einfallen, um sie zu den gewünschten Paaren zurechtzulegen. Er kullert, kegelt, rutscht auf ihnen herum, schleift sie, nimmt sie huckepack, lagert sie wie irgendeinen Gegenstand. Aber am Ende stimmen dann die Paarkonstellationen: Und als erst Hermia, dann Lysander, dann Demetrius und schließlich Helena erwachen, tanzen sie das lieblichste Quartett der Ballettgeschichte.

Sie sind zuerst nur mit sich selbst beschäftigt, immerhin erwachen sie ja aus einem vom Blumensaft verzauberten Zustand. Dann aber interessiert sie relativ rasch der passende Partner – und große Harmonie setzt ein. Demetrius setzt Helena ihre Brille auf, von hinten, während sie diese noch sucht – und das Band zwischen ihnen erhält damit eine ganz besondere Farbe aus Hilfsbereitschaft, Tätigkeit und Dankesgefühlen.

Dann jedoch begegnen sie dem anderen Paar – und erschrecken. Wie peinlich! Was war da noch letzte Nacht? Stritten sich die beiden Jungs wirklich um die eine Helena? Hilfe, was war denn da los?

Umso ehrerbietender grüßen sich die beiden jungen Männer jetzt, und die Mädchen verneigen sich sogar voreinander, können sie es doch nicht fassen, dass sie noch vor wenigen Stunden einander wegen einem Mann die Haare ausreißen wollten.

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Ende gut, Hochzeit toll: „Ein Sommernachtstraum“ von John Neumeier in München, hier mit Ivy Amista und Tigran Mikayelyan in den Hauptrollen. Foto: Charles Tandy

Und dann wird getanzt, poetisch, zwei Paartänze finden nebeneinander statt, implizit nehmen sie aufeinander Bezug. Und noch einmal wird, sozusagen als letzte Vergewisserung, ein Partnertausch unternommen – und die jeweils „falsche“ Dame wieder wohlbehalten beim richtigen Partner abgesetzt. Irrtümer von jetzt ab ausgeschlossen!

Da sind drei Hochzeiten statt nur einer selbstverständlich. Wiewohl Demetrius das fast noch vermasselt, indem er, statt nur einmal, zwanghaft immer wieder pantomimisch beim Fürsten um die Hand von Helena anhält… und als man ihm endlich unmissverständlich die Zustimmung erteilt, da – kippt Helena vor lauter Glück erstmal in Ohnmacht.

Bis zum finalen Hochzeitstanz ist es jetzt nicht mehr weit. Demetrius rückt mit Gefährten und deren Bräuten an – zackig-drahtig tanzen sie eine Variation. Auch Lysander und seine Gärtnersgehilfen mit Damen zeigen – Blumenstäbe und einen Rosenbogen führend – wie tänzerisch-repräsentativ Ballett sein kann.

Der große Pas de deux des Hauptpaares jedoch überstrahlt alles: Fast mutiert Hippolyta zu einer Aurora aus „Dornröschen“, so perfekt und glücklich mutet jetzt ihr Tanz an. Da lässt sie sich willig führen, hebt das Bein seitlich gestreckt oder hinten zur Attitüde, und alle Ängste und Probleme, die sie vor der Heirat hatte, scheinen durch die nächtliche Traumarbeit gelöst.

Oder war es doch kein Traum? Die rote Blume taucht bei Hofe wie in der Elfenwelt auf, hin und her scheint diese Wunderrose zu wandern, und plötzlich sind wir noch einmal bei Titania und den Nebelschwaden. Dieses Nachspiel komplettiert die Handlung und besiegelt die Ähnlichkeit zwischen Menschentanz und Elfenballett, dafür wechselten die Protagonisten noch einmal unter vielen hinter den Kulissen helfenden Händen flott das Outfit. Und wieder erklingen Ligetis schwebende Synthi-Akkorde, wieder heben sich die Trockeneisnebel. Titania liegt schlafend auf dem Rücken, wohlig ausgestreckt, und Oberon schleicht sich heran – die rote Blume sicher mit sich führend.

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Ein letzter Blick auf die Hauptprotagonisten der Preisverleihung: Ivan Liska (links vorn), Matej Urban (mittig) und Irène Lejeune (rechts vorn). Alles Gute! Foto: Gisela Sonnenburg

Er benetzt Titanias Augen und wartet in unverdächtiger Entfernung – ganz Kavalier und Gentleman – kniend auf ihr Erwachen. Und wie erwartet versagt der Blumensaft seinen Dienst nicht: Titania, die Zänkische, ist plötzlich lieblich-verliebt, ja hingebungsvoll ihrem Gatten zugewandt, und während er sie noch einmal souverän empor hebt, versteht man das Geheimnis einer funktionierenden Beziehung: Anstrengung von beiden Seiten, richtungsmäßig immer aufeinander zu.

Der Applaus, der auch schon während des Stücks immer wieder aufflammte, tost nun – und dann tritt Ballettchef Ivan Liška hinzu und bittet um Gehör. Bei ihm steht Irène Lejeune, eine in ihrer Art einzigartige Sponsorin und Verehrerin des Balletts – die Spannung steigt, denn gleich wird Lejeune den Gewinner des Irène-Lejeune-Ballettpreises 2015 bekannt geben. Diesen hat sie speziell fürs Bayerische Staatsballett erfunden. Da: Sie bittet Matej Urban, den Theseus und Oberon des Abends, der auch schon ein samtiger Lysander war, zudem in „Portrait Richard Siegal“ toll auffiel, der ein hinreißender Lucien in „Paquita“, ein faszinierend-finsterer „Mann im Schatten“ in „Illusionen – wie Schwanensee“, auch ein passionierter Armand in der „Kameliendame“ sowie ein tiefsinniger „Onegin“ ist, hervorzutreten – und tatsächlich ist er der Glückliche, der dieses Jahr von Lejeune geehrt wird, mit einer Urkunde, einem Blumenstrauß und einem Preisgeld in Höhe von 5 000 Euro.

"Ein Sommernachtstraum" ist ein Traum der LIebe.

In der Pause und bei Ende der Veranstaltung war das Nationaltheater in München noch von keinem Regen benetzt… Foto: Gisela Sonnenburg

Es freuen sich alle mit ihm und über den gesamten Event – und dass das für den Abend angesagte Unwetter mit Regen- oder sogar Hagelstürmen zunächst ausblieb und erst morgens um halb drei einsetzte, mag von mir aus durchaus mit der positiven Energie des Abends im Nationaltheater zu tun gehabt haben.
Gisela Sonnenburg

Weitere Texte zum „Sommernachtstraum“ unter „Bayerisches Staatsballett“:

www.ballett-journal.de/bayerisches-staatsballett-puck-aus-ein-sommernachtstraum/

www.ballett-journal.de/bayerisches-staatsballett-ein-sommernachtstraum-john-neumeier/

www.staatsballett.de

 

 

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