Der Märchensound der Liebe Mit „Jewels“ von George Balanchine, dirigiert von Robert Reimer, eröffnete die Ballettfestwoche 2019 beim Bayerischen Staatsballett, gefolgt von der „Kameliendame“ von John Neumeier – beides mit Stargästen

"Jewels" zur Ballettfestwoche 2019

Berückend elegant: Langsam geht das Paar rückwärts, bis es im dunkelgrünen Textilgewölk verschwindet… so zu sehen in „Emeralds“ aus „Jewels“ beim Livestream von der Eröffnung der Ballettfestwoche 2019 mit dem Bayerischen Staatsballett. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Am Ende der smaragdfarbenen Stimmungen knien drei Kavaliere in der Mitte der Bühne, formvollendet, die Arme so erwartungs- wie huldvoll geöffnet, den schönen Damen, die ihnen eben noch tanzend zur Seite schwebten, sehnsuchtsvoll nachsinnierend. So edel endet, was zuvor delikate Ensemble-, Paar-, Trio- und Solo-Posen wie scharf geschliffene Edelsteine aneinander reihte. Und das war erst der Anfang eines großen Abends, am Freitag zur Eröffnung der Ballettfestwoche 2019 in München: „Jewels“, die drei Juwelen-Stücke, die George Balanchine am 13. April 1967, also vor genau 52 Jahren, in New York City uraufführen ließ, berücken beim Bayerischen Staatsballetmit erlesenen Linien, erhabenen lebendiger Freude in der Präsentation. Zumal der Abend mit Klängen von Fauré, Strawinsky und Tschaikowsky vom einzigartigen Ballettmaestro Robert Reimer dirigiert wurde. Ein Erlebnis, das nicht nur den Schmuck auf der Bühne, sondern vor allem auch die Augen der Zuschauer funkeln ließ! Aber auch „Die Kameliendame“ von John Neumeier, 1978 in Stuttgart uraufgeführt und 1981 in Hamburg verfeinert, beglückte am Abend drauf: mit vitaler Dramatik, mit nachgerade umarmender getanzter Liebesphilosophie und mit einem gesamtkunstwerkigen Ineinandergreifen der gut nachvollziehbaren Handlung und dem hoch artifiziellen Tanz. Beide Abende boten zudem Stargäste: Ashley Bouder, langjähriger New York City Ballet Star, Alina Somova, Superstar vom Mariinsky Theater in Sankt Petersburg, und Vladimir Shklyarov, ebenfalls vom Mariinsky, schmückten Balanchines Edelsteinballett. Die Neumeier-Stars Anna Laudere und Edvin Revazov vom Hamburg Ballett verliehen dann der „Kameliendame“ zusätzlichen Glanz und Erhabenheit – starker Jubel und Tränen der Ergriffenheit mischten sich beim tosenden Applaus. Was für ein gelungener Doppelauftakt zur Ballettfestwoche 2019! Und, ein extraprima Schmankerl: 24 Stunden lang war die Live-Aufzeichnung von „Jewels“ online auf der Homepage vom Bayerischen Staatsballett kostenfrei für jedermann und jedefrau schier endlos oft anzusehen – und anzuhören! Welch ein Genuss.

Für musikalische Feinschmecker begann das traditionelle Festival heuer zudem mit dem Besten, was die Ballettwelt überhaupt zu hören bekommen kann, denn kein Geringerer als Robert Reimer, der erst in dieser Spielzeit aus Berlin abgeworbene, absolut einzigartige Ballettmaestro, führte den Taktstock bei „Jewels“. Kennern ist der spezifisch weiche, aber nie schwallende Sound, den Reimer bei einem guten Orchestern hervorzubringen vermag, ein Begriff der Vollendung.

Den musikalischen Solisten etwa aus den Bereichen Flöte, Violine, Klavier verhilft Reimer auch in „Jewels“ zu brillant akkuraten, aber nie kalten Vorspielklängen. Es ist, als erzählten sie von der Liebe, und man folgt ihnen ohne Widerwehr. Die einzelnen Orchestergruppen sind derweil gut voneinander abzugrenzen, obwohl sie unmissverständlich in einem intensiven Dialog miteinander harmonieren.

Ach, so schön ist das!

"Jewels" zur Ballettfestwoche 2019

Ballettmaestro Robert Reimer im Orchestergraben vom Nationaltheater, nach der ersten Pause von „Jewels“ zur Eröffnung der Ballettfestwoche 2019 in München. Faksimile vom Live-Stream: Gisela Sonnenburg

Das Gesamtspiel bezaubert und hält zugleich wach, man ist umhüllt von der akustischen Märchenwelt, diesem typisch Reimer’schen Märchensound, während die Augen umso gieriger das Ballettgeschehen auf der Bühne aufsaugen.

Auch wenn die Balanchine-Stücke in den USA weitaus schneller getanzt und gespielt werden, so möchte man doch all die Finessen, die so nicht möglich sind, wenn man den Schwerpunkt auf Rasanz legt, niemals missen.

Und da ergibt sich noch so ein fantastisches Mirakel: Robert Reimer beherrscht die Kunst der Synchronisierung des Orchesters mit den Tänzern wie kein zweiter, punktgenau setzt er die Taktakzente, die Pausen, die Auftakte, die Schwünge. Kein Diminuendo ist ihm zu schwer, kein Presto zu schnell. Ach, man möchte vier oder sechs oder zehn Ohren haben, um davon immer mehr zu genießen. (Wie das wohl aussähe? Egal, das wäre es wert.)

Das Bayerische Staatsorchester profitiert natürlich sehr von dieser Schulung und Lenkung zur Spitzenleistung.

Und auch das Bayerische Staatsballett plus Stargästen blüht unter dieser musikalischen Behandlung nochmals auf.

Gerade das sensible Erststück von „Jewels“, die „Emeralds“ – also die Smaragde – zur Musik von Gabriel Fauré benötigt dieses Feingefühl in der akustischen Begleitung, um so dermaßen zu funkeln und zu glänzen.

Aus den Tiefen der Romantik holt Reimer anrollende Wogen heraus, während die Melodien leichthin darüber tänzeln, als seien sie ein Wolkenhauch vor nächtlichem Himmel.

Nie wirkt da etwas oberflächlich oder nur poliert. Immer ist echtes Gefühl der Ausdruck, und das ist die wahre Kunst in der Kunst!

Die „Trocks“, wie „Les Ballets Trockadero de Monte Carlo“ liebevoll auch genannt werden, sind immer wieder ein Erlebnis: Die gewitzte Schönheit der Männer, die als Ballerinen furiose Tänze aufführen, reißt einfach mit! Bezaubernd und urkomisch zugleich – für diese Mischung stürmt das Publikum in die Theater. Da lohnt sich auch mal eine Anreise, zumal Leipzig und Graz gerade im Sommer attraktive Städte sind. Hier gibt es mehr Infos und die Tickets. Foto: Anzeige

Die jungen ballettösen Diven Jeanette Kakareka und Prisca Zeisel sind dazu nahezu perfekt auf die sanftmütige, dennoch von lauernder Erotik in Spannung gehaltene Stimmung getunt.

Ihre flatterleicht und supersoft dargebotenen Balancen und Posen, ihre Linien und Haltungen sind aufs Äußerste edel, erhaben, ergreifend.

Aber auch die Herren Emilio Pavan, Henry Grey und Dmitrii Vyskubenko tragen „Jewels“ in jeder Hinsicht.

Bühnenbild und Dekor von Karinska, Balanchines Lieblingsaustatterin, imitieren ja die typischen Erscheinungsweisen der drei Edelsteine Smaragd, Rubin und Diamant in unserer Modekultur.

Der Smaragd steht darin für das edelmütigste Adagio, für die filigranste Feinheit, für das exklusivste Raffinement.

"Jewels" bei der Ballettfestwoche 2019

Prisca Zeisel und Emilio Pavan in „Emeralds“ / „Jewels“ zur Eröffnung der Ballettfestwoche 2019 beim Bayerischen Staatsballett. Faksimile vom Live-Stream: Gisela Sonnenburg

Eine halbe Stunde schwelgt man hier in Gruppenbildern, Pas de deux, Pas de trois und Soli wie in einem melancholischen, dennoch standfesten Traum aus den Sphären der Jardins, der Gärten, wie man die dreidimensional wirkenden Einschlüsse in Smaragdschmucksteinen nennt.

Im Kanon der ballettösen Schulen, denen Balanchine mit diesem Ballett ebenfalls eine Hommage erwies, knüpft das an den Geist der französischen Schule an, die seit rund 300 Jahren in Paris besteht.

An das Italienisch-Spritzige im klassischen Ballett erinnern die jazzig aufgepeppten knapp 20 Minuten, die den „Rubies“ zugeeignet sind.

George Balanchine verbreitete bekanntlich die Legende, ihm sei die Idee zu diesem Themenballett beim Ansehen der nächtlichen Juweliersauslagen auf der Fifth Avenue in New York City gekommen. Man darf aber vermuten, dass ein auf Sponsoren angewiesener Choreograf und Balletttruppenleiter wie er durchaus an die Vorlieben der Reichen gedacht haben mag, die er in diesem Fall nur zu gerne bediente, um an die vollen Taschen der Mäzene zu kommen.

Für sozialkritische Stücke ist es ungleich schwerer, Geld zu bekommen. Denn für die Superreichen und Firmen, die als Spendengeber in Frage kommen, ist es leichter, ihren Geiz zu Gunsten der eigenen Eitelkeit zu überwinden.

Themen wie Luxusjuwelen schmeicheln da mehr als Hardcore-Realitäten.

Die Ballettgeschichte insgesamt ist darum drastisch unterentwickelt, was sozialkritische Sujets angeht.

"Jewels" zur Ballettfestwoche 2019

Das Ensemble vom Bayerischen Staatsballett beherrscht die Posen und Linien in „Emeralds“ aus „Jewels“ auf beglückende Weise! Faksimile vom Live-Stream: Gisela Sonnenburg

Schließlich ist keine Kunstart so aufwändig und damit vom Grundsatz her auch so teuer wie klassisches Ballett in seiner vollen Ausprägung mit Live-Orchester, Ausstattung und mindestens 40-köpfigem Tanzensemble, das täglich trainieren und proben muss.

Die Angewiesenheit auf privates Geld zusätzlich zur staatlichen Finanzierung hat da nicht nur positive Einflüsse gehabt.

Im Vergleich des amerikanischen zum sowjetischen Balletts wird das besonders deutlich.

Yuri Grigorovich hat in der UdSSR viele sozialkritisch angehauchte Märchenstücke und Handlungsballette  kreiert, ohne auf die Gelder von Superreichen angewiesen zu sein. Dafür musste der Propagandafaktor stimmig sein, was der Kunst allerdings nie eine Last ist, wenn es um Utopien wie Gerechtigkeit, Freiheit, Brüderlichkeit, Frieden geht.

Heute wartet man darauf, dass sich das Ballett – gerade in Deutschland, wo es noch die flächendeckenden Strukturen einer staatlich geförderten Tanzkultur gibt – frei macht vom Gehechel nach immer mehr Geld von außen, um sich stärker auf seine Tugenden zu besinnen. Die sind nicht in immens teurer oder auffälliger Ausstattung zu suchen, sondern in literarischen Stoffen, die der Gesellschaft bedeutsame Mitteilungen über sie selbst machen.

Umsonst. Die Gehirne der Choreografen und Ballettdirektoren reichen oft nicht, um über populäre Themenkreise wie „Charlie Chaplin“ (von Ballettdirektor Mario Schröder in Leipzig kreiert) oder auch über abstrakte Beliebigkeitstänze (die es nahezu allerorten bei den Jungchoreografen in Hülle und Fülle gibt) hinwegzukommen.

"Jewels" zur Ballettfestwoche 2019

Keck und doch feminin: Prisca Zeisel in den „Rubies“ in „Jewels“ beim Bayerischen Staatsballett. Faksimile vom Live-Stream der Eröffnung der Ballettfestwoche 2019: Gisela Sonnenburg

Selbst Balanchine ging es in seinen Choreografien um mehr, als nur darum, Schönheit hervorzubringen. Für ihn war Schönheit die Rettung der Welt, in jenem Sinne, wie es Natalia Makarova es einmal der jüngeren Kollegin Julie Kent gegenüber aufschrieb: „Beauty to save the world“. Kent, damals Primaballerina in New York City, heute Ballettdirektorin in Washington D.C., erzählte das in einem Interview – weil sie diese Devise als Motto ihres künstlerischen Wirkens nie vergessen hat.

Ballett als Rettung. Als Rettung wovor? Nicht nur vor äußerer Hässlichkeit, ganz gewiss nicht.

Die negativen Energien, das Böse, Unedle, Niedrige, Zerstörerische, Unreflektierte – all das kann mit Ballett nicht abgeschafft werden. Aber es kann mit Ballett besiegt werden.

Denn die höchste Tugend der ballettösen Körperkunst ist die Liebe.

Sie ist die stärkste emotionale, psychologisch wie physisch wirksame Kraft, über die der Mensch von sich aus verfügt. Ohne sie kann kein Mensch leben, sie wirkt aus unserem Innern hinaus zu den Dingen und Lebewesen, mit denen wir zu tun haben und an die wir denken.

Ob sie wirklich den Tod und die Folter, das Verderben und die Lüge besiegen kann, wie viele hoffen, sei dahingestellt.

"Jewels" zur Ballettfestwoche 2019

Osiel Gouneo und Ashley Bouder: hitzig, dennoch formbeständig – schönste „Rubies“ in den „Jewels“ von Balanchine beim Bayerischen Staatsballett. Faksimile vom Live-Stream der Eröffnung der Ballettfestwoche 2019: Gisela Sonnenburg

Aber unter den lebendigen Werten ist die Liebe der höchste, nicht nur im christlichen Tugendkanon, und weil Ballett auch Eigenschaften wie Tapferkeit und Durchhaltevermögen, Harmoniestreben, Erotik und Freundlichkeit fördert, ist es ganz sicher als immaterielle Waffe für das Gute anzusehen.

Nach diesem Exkurs in die Gefilde der Sonnenburg’schen Ballettphilosophie kehren wir zurück ins Nationaltheater nach München zum Bayerischen Staatsballett.

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Die Pause ist vorbei, der zweite Teil von „Jewels“, die „Rubies“, die Rubine, beginnen.

Spritzig, elegisch, elegant, schelmisch – wie die italienische Lebensart kommt das Stück einher, gewürzt mit jazzigen Einlagen vor allem in der Musik, aber auch in der Choreografie.

Meisterdirigent Robert Reimer schafft es, auch hier den Sound des Romantisch-Erhabenen einzubringen, ohne die akustische Textur des pfiffigen, flippigen Phrasenhaften zu zerstören.

Igor Strawinsky lässt das Klavier im Widerstreit mit den Streichern agieren, und das betont das Dirigat von Reimer.

Nichts klingt hier hart oder abgehackt, aber schon spitz und steil.

Balanchine muss hier die Vorstellung von vielen Rubinsplittern gehabt haben, deren von innen glühendes Feuer sich im vielfachen Lichtspiel vereint.

Innere Hitze entströmt der Choreografie bei jeder Gelegenheit!

Superschöne Stimmung beim Applaus nach „Rubies“ mit Ashley Bouder und Osiel Gouneo sowie Prisca Zeisel (li) beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Wilfried Hösl

Osiel Gouneo tanzt denn auch mit großer Geschmeidigkeit, während Ashley Bouder als Stargast mit Versiertheit, nicht mit Routine, den Hauptdamenpart absolviert.

Prisca Zeisel ist aber die eigentliche Überraschung hier: mit unnachahmlicher Weiblichkeit – die niemals nuttig wirkt – verleiht sie dem zweiten Damensolopart jenseits der Technik einen keck-munteren, ja freudig-befreiten Ausdruck; sie tanzt den Rubinstein, als sei dieser nach langer Schmach im Tresor endlich wieder ans Licht gekommen. Dagegen verblassen andere uns bekannte, mehr sportive Interpretationen dieser Rolle, und Zeisel kommt das Privileg zu, hier wirklich – wenn auch im Kleinen, wenn man so will – erfolgreich Neuland zu betreten.

Bedenkt man, dass Prisca Zeisel auch in den ziselierten „Emeralds“ schon außerordentlich brillierte, muss man ihr besonderen Dank zollen. Es ist nicht zu übersehen: Zeisel, die bis 2010 an der aktuell öffentlich wegen den Übergriffen einer bestimmten Lehrerin stark geschmähten Ballettschule des Wiener Staatsballetts ausgebildet wurde, entwickelt sich von Spielzeit zu Spielzeit weiter, sie reift sichtlich zu einer ersten Kraft im Bayerischen Staatsballett.

Man würde ihr die Beförderung zur Ersten Solistin sehr wünschen!

Für die zweite Pause liefert „Rubies“ denn auch zweifelsohne genügend Gesprächsstoff.

Und dann geht es ins finale Stück, zu den „Diamonds“, den Diamanten, die im Reigen der Grundlagenschulen des klassischen Balletts für das russische Ballett stehen.

"Jewels" zur Ballettfestwoche 2019

Ehre, wem Ehre gebührt: Alina Somova, Vladimir Shklyarov und das Bayerische Staatsballett beim Applaus nach „Jewels“ in München. Foto: Wilfried Hösl

Die dänische Schule, die für das romantische Ballett des 19. Jahrhunderts wichtig ist, hat Balanchine hier übrigens deshalb nicht bedacht, weil sie keine Grundlage, sondern eine Spielart des klassischen Tanzes ist.

Allerdings wurden in Sankt Petersburg, wo auch Balanchine die Ballettkunst am Mariinsky erlernte, nicht wenige Einflüsse der Dänen spürbar, vor allem bei den Ports de bras, deutlich weniger in der Beinarbeit, die tatsächlich vom Russischen in der Linienführung stark abweicht. Insgesamt aber setzt das Russische auf eine große Wirkung von einer sehr großen Bühne aus für einen ebenfalls großen Zuschauersaal, während man in Kopenhagen, wo Auguste Bournonville den dänischen Ballettstil erfand, für ein kleineres Publikum von einer kleineren Bühne aus tanzte.

An die besondere Delikatesse des dänischen Stils traute sich Balanchine vielleicht nicht so richtig heran, zumal sie seinem eigenen Ideal, das er aus dem Sankt Petersburger Stil entwickelte, nicht wirklich zu Gute kam.

Auch die britische Schule des Balletts, die erst im 20. Jahrhundert entstand und nicht mit dem zu verwechseln ist, was das Unternehmen „Royal Academy of Dance“ verbreitet, findet sich nicht in Balanchines Juwelenreigen, es war ihm viel zu süßlich und neckisch.

"Jewels" zur Ballettfestwoche 2019

Alina Somova beim Bayerischen Staatsballett in „Diamonds“ / „Jewels“ von George Balanchine: strenge, aber nicht kalte Linien. Wunderbar. Foto: Wilfried Hösl

Das vielmehr Athletisch-Verspielte, das Balanchine modernerweise ins klassische Ballett einfließen ließ, welches er ansonsten aber auf seine Essenz reduzierte, sodass es bei allem Variantenreichtum der Choreografien stets eine gewisse Strenge ausstrahlt, ist seine Erfindung.

Denn: Die USA hatten vor Balanchine nicht wirklich einen eigenen Ballettstil, sie hatten auch kein herausragend gutes Ballett. Dafür hatten die USA mit Protagonistinnen wie Martha Graham ein frühes starkes Aufblühen der ballettfreien Bühnentanzbewegung.

Balanchine trat 1948 mit der Mission in New York City an, ein amerikanisches Ballett zu schaffen. Er war in diesen Gedanken, der ihm zudem eine solide Finanzierung durch amerikanische Industrielle eintrug, sogar fast nationalistisch verstiegen.

Die Wurzeln dieses amerikanischen Balanchine-Balletts spiegelt „Jewels“: Die französisch, italienisch und natürlich russisch geprägte Basis bildet den Ausgangspunkt für all die Kapriolen und Geometrien, aus denen George Balanchine seine Wunderwerke kreierte.

Diamonds“, dessen abschließender Pas de deux auch als Gala-Stück sehr beliebt ist, bot schon vielen Primaballerinen Gelegenheit zu exquisiter Virtuosität.

Uljana Lopatkina ist als eine der ganz Großen hier in Erinnerung.

Die Schwierigkeit: Die Dame muss kühl und erhaben sein, darf aber nicht kalt und unmenschlich wirken.

Balanchines Edelsteine sind zugleich Menschen mit Beziehungen auf der Bühne!

"Jewels" zur Ballettfestwoche 2019

Alina Somova in den Armen von Vladimir Shklyarov beim Bayerischen Staatsballett, im Grand Pas de Deux der „Diamonds“ bei den „Jewels“. Wow! Foto: Wilfried Hösl

Mit Alina Somova holte Ballettdirektor Igor Zelensky eine der bekanntesten Primaballerinen unserer Zeit auf die Bühne vom Nationaltheater.

Sie enttäuschte nicht. Zart und schlank, holte sie aus der Choreografie alles an Akkuratesse und Majestät heraus, blieb dennoch, ihrem Typ entsprechend, mädchenhaft und adrett dabei.

Ihr Partner, Vladimir Shklyarov, bot ein Abbild des absoluten Gentleman, dabei verschmitzt und selig lächelnd.

Keine Sekunde war es langweilig, diesem Paar zuzusehen!

Shklyarovs Sprünge und Pirouetten bezauberten zusätzlich, und allein Alinas Kopfhaltungen sind ein Studium und eine Promotion wert.

Aber auch das Bayerische Staatsballett schlägt sich tapfer mit dieser immer wieder aufbrausenden, berauschenden Nummer.

Auch ein schöner Rücken kann entzücken, zumal das exzellente Damenbein dazu passt: Vladimir Shklyarov und Alina Somova beim Bayerischen Staatsballett in den „Diamonds“ der „Jewels“. Faksimile vom Live-Stream der Eröffnung der Ballettfestwoche 2019: Gisela Sonnenburg

Robert Reimer am Dirigentenpult ließ die Klänge von Peter I. Tschaikowsky zunächst fast verhalten und sehr differenziert ganz langsam hochkochen, um dann Steigerung auf Steigerung zu feiern.

Ach! Könnte man doch immerzu solche musikalischen Darbietungen genießen…

Darüber vergisst man dann, dass die Herren vom Bayern-Corps bei den synchronen Sprüngen nicht immer ganz so präzise waren, wie sie es hätten sein sollen.

Aber das ist Ballett live, und das Vergnügen wird durch solche Kleinigkeiten nicht wirklich getrübt.

Die walzernden, an „Schwanensee“ erinnernden Kombinationen der Corps-Damen – die indes nicht zu sehr an die Geisterhaftigkeit der Schwäne erinnern dürfen, sondern lebendiger wirken müssen – bleiben als äußerst lieblich im Gedächtnis.

Ja, und dann der Grand Pas de deux der beiden russischen Stars – was für ein Highlight!

Ein Märchentraum aus Verliebtheit und Solidarität eröffnet sich, ein Kosmos, der zwar nur aus zwei Menschen besteht, aber dennoch Perspektiven für alle eröffnet.

Am Ende dann kniet der Kavalier nicht im Profil vor seiner Dame, sondern frontal, mit dem Gesicht zum Publikum. Und er nimmt die Hand der Ballerina, küsst sie – was für eine hübsche Liebkosung als Schlusspunkt!

"Jewels" zur Ballettfestwoche 2019

Alina Somova und Vladimir Shklyarov in der Schlusspose der „Diamonds“ der „Jewels“ beim Bayerischen Staatsballett – hinreißend! Faksimile vom Live-Stream: Gisela Sonnenburg

Balanchine hat damit all seinen Sinn für Schmelz und Charme, für Humor und Liebreiz in einer deutlich verständlichen Geste vermittelt.

Aber sensationell wirkt dieser Handkuss nur, weil wir zuvor so viele akrobatisch-intensive, federleicht wirkende Tanzhöhepunkte gesehen haben.

Tanzhöhepunkte en masse liefert nun auch „Die Kameliendame“ von John Neumeier, die seit ihrer Münchner Premiere mit Lucia Lacarra in der Titelrolle beim Bayerischen Staatsballett aus dem Repertoire nur unschwer wegzudenken ist.

Anna Laudere und Edvin Revazov in der „Kameliendame“ von John. Neumeier in München – ein legendäres Paar, die bisher modernste Besetzung dieser bedeutenden Partien. Foto: Wilfried Hösl

Mit Anna Laudere kam eine unvergleichliche Primaballerina vom Hamburg Ballett in dieser Saison als Stargast nach München.

Ihre „Kameliendame“ ist – wie die von Lacarra – legendär, hat ein ebenso einprägsames, unverwechselbares und dennoch selbstredend ganz anderes Flair.

Wo die zierliche Lacarra animalisch-geschmeidig ist, agiert Laudere mit hehrer, geradliniger Haltung.

Man hätte diese beiden großartigen, dabei so gegensätzlichen Diven gern mal gemeinsam auf der Bühne gesehen, vielleicht in einem Frauen-Pas-de-deux von John Neumeier, etwa aus „Songfest“ nach Musik von Leonard Bernstein.

In der „Kameliendame“ gastiert Laudere mit ihrem Ehemann und langjährigen Bühnenpartner Edvin Revazov als Armand, und er ist ein Highlight für sich, fraglos überaus begabt im Partnern, aber auch in den Solopassagen, und allein schon sein „Wutsolo“, als sich seine Geliebte von ihm per Brief getrennt hat, lohnt den Besuch dieses insgesamt weltbedeutenden Handlungsballetts nach orchestrierter Musik von Fréderic Chopin.

Beim Bayerischen Staatsballett fiel aber auch Elvina Ibraimova positiv auf, und zwar als Kupplerin Prudence, die der Luxuskurtisane Marguerite, der „Kameliendame“, die Freier und Gelder zuführt.

Kristina Lind als Manon, eine literarische Traumfigur, war ebenfalls mal wieder herausragend in ihrer Partie, und mit Yonah Acosta war die Rolle des Gaston, des Freundes von Armand, himmlisch-temperamentvoll besetzt.

Kristina Lind vom Bayerischen Staatsballett ist eine virtuos-innige Manon in der „Kameliendame“ von John Neumeier. Foto: Wilfried Hösl

Die tragische Lovestory – ein Ballett, das einen stark sozialkritischen Hintergrund hat – nahm so unter dem Dirigat von Michael Schmidtsdorff erneut ihren Verlauf, und auch nach dem 60. Mal des Besuchens wird man nicht müde, in der „Kameliendame“ immer wieder neue Details und bekannte Schönheiten zu entdecken.

Das ergeht nicht nur uns so.

Wer jetzt ganz still ist, hört noch den Applaus nachhallen, der in München erklang, nach diesem Meisterwerk aus Liebe und Märchenhaftem, aus Schönheit und Wahrhaftigkeit. Merci!
Franka Maria Selz / Gisela Sonnenburg

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