Liebespassion und Muttergefühle Laurretta Summerscales gab ihr Debüt als „Anna Karenina“ von Christian Spuck beim Bayerischen Staatsballett

Laurretta Summerscales als Anna Karenina

Gefasst und doch strahlend: Laurretta Summerscales beim Schlussapplaus nach ihrem Debüt als „Anna Karenina“ in der Choreografie von Christian Spuck beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Bayerisches Staatsballett

Je öfter man so ein vielschichtiges Stück sieht, desto mehr interessieren einen die Details der Darstellung. So ergeht es einem auch mit „Anna Karenina“ in der Version von Christian Spuck. Ausführlich haben wir uns der Münchner Premierenbesetzung des Stücks mit der dramatisch-ergreifenden Ksenia Ryzhkova in der Hauptrolle bereits gewidmet. Aber jetzt gibt es eine weitere beim Bayerischen Staatsballett, und weil hierin die sensationelle Britin Laurretta Summerscales in der Titelrolle brilliert, möchten wir das keineswegs übergehen.

Sehr mädchenhaft ist Laurretta, ein lichter Typ – auch in den schweren Kleidern der Karenina, die Emma Ryott schuf. „Helligkeit“, das gilt hier weniger der Haut- und Haarfarbe, sondern vor allem der Ausstrahlung. Es regiert das leuchtende Naturell!

Das Bayerische Staatsballett hat eine Tradition mit solchen für die Fröhlichkeit so begabten, dennoch sehr diszplinierten Ballerinen: Katherina Markowskaja und Ivy Amista waren in diese bereits einzureihen.

Vor einem Jahr kam Laurretta Summerscales dazu, mit ihren blitzschnellen, anmutigen Bewegungen. Das ist ein besonderer Teil ihres Talents. Dieses Tempo! Wie selbstverständlich wirbelt sie umher. Dass diese Befähigung bei ihr noch auf weitere trifft, wie auf jene großer Wandelbarkeit, macht das Phänomen Laurretta maßgeblich aus.

Und dazu diese himmlisch gute Laune… oh, was für eine Traumtänzerin!

Sie läuft nicht, sie schwebt über den Bühnenboden – und doch erwartet sie als Anna Karenina ein so schweres Schicksal.

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In der erkaltenden Ehe mit Alexej Karenin – hier beweist der soeben zum Solisten beförderte Emilio Pavan starke Auftrittspräsenz – ist sie frustriert, zugleich aber auch lauernd: auf einen Neuanfang.

Eine Frau, die bereit ist, sich zu verlieben: So trifft sie auf den schlaksigen Grafen Wronski, von Jonah Cook mit 100-prozentigem Gefühl gespielt und getanzt. Rückhaltlos sind die beiden verliebt, turteln stürmisch und rasch miteinander vertraut im Heimlichkeitsbereich.

Verbotene Liebe, sie brennt so heiß…

Doch als Wronski vom Pferd fällt und Anna sich auffallend um ihn sorgt, ist es vorbei mit der Heimlichkeit. Es wird öffentlich, dass da eine Affäre läuft. Ein Skandal! Zumal im 19. Jahrhundert.

Anna, eine moralisch Gefallene. Ihr lautes, erschrockenes Luftholen, als sie Wronski stürzen sieht, ist zum Erbarmen.

Laurretta Summerscales darf in diesem Moment, wie alle Besetzungen von Spucks „Anna Karenina“, das Stummheitsgebot im Ballett brechen.

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Spuck knüpft damit an einen Choreografen an, mit dem er immer mal wieder die Sujets teilt, nämlich an John Neumeier. Dieser erlaubt Alina Cojocaru – und nur ihr – als seiner „Kameliendame“, an bestimmten Stellen des Balletts laut ein- und auszuatmen. Alternativ darf in der Besetzung mit Cojoacaru ihr Bühnenpartner Alexandr Trusch auf diese Art röcheln. Als „Nijinsky“ war ihm sogar ein eigenes, erregtes Angstgehechel zugestanden worden.

Aber normalerweise sind BalletttänzerInnen – stumm.

Doch da sind auch noch die kichernden Mädchen, die es manchmal in modernen Balletten gibt. John Neumeier setzt sie mehrfach ein, fröhlich in „Die kleine Meerjungfrau“, gruselig-höhnisch in seiner Version von „Giselle“.

Christian Spuck lässt in seiner „Anna Karenina“ die Zimmermädchen im Hause des notorisch fremdgehenden Stiwa laut kichern – sie sind zugleich die öffentlichen Meinung, die sich hinter vorgehaltener Hand äußert und dann gewohnheitsmäßig die benachteiligten Ehefrauen verspottet.

Nicht nur Anna Karenina ist eine solche Außenseiterin, als sie nach der Trennung von Karenin in wilder Ehe mit Wronski lebt und darum gesellschaftlich geächtet wird.

Auch ihre Schwägerin Dolly (duldsam, aber nicht zu steif: Elvina Ibraimova) ist nicht glücklich in ihrer Beziehung, lebt gewissermaßen im inneren Exil. Denn Annas Bruder Stiwa, den Javier Amo ganz vorzüglich als Opfer seiner eigenen Triebhaftigkeit gestaltet, kann keiner Frau widerstehen. Er kämpft zwar gegen seine Neigung an, aber es gelingt ihm nicht, sie zu beherrschen.

Die Eheleute streiten, zoffen sich – und früher oder später nimmt Dolly das halbherzige Angebot zur Versöhnung ihres untreuen Gatten an. Der grinst manchmal wie ein Schulbub, den man mit verbotenen Süßigkeiten erwischt hat. Ist das die Normalität, die es wert ist, dass man sie erhält?

Andere Frauen, andere Lebensmodelle:

Laurretta Summerscales als Anna Karenina

Kristina Lindt als Kitty beim Applaus nach „Anna Karenina“ von Christian Spuck beim Bayerischen Staatsballett. Foto: Bayerisches Staatsballett

Kristina Lind als Kitty ist eine weitere Dame, eine noch sehr junge, die zunächst in dieser Gesellschaft völlig deplatziert wirkt. Sie ist verliebt in besagten Wronski, umsonst – aber dafür erhält der hartnäckig um Kitty werbende, burschikose Landbesitzer Kostja alias Jinhao Zhang eine Chance bei ihr. Die feingliedrig-fragile Lind und der elastisch-elegante Zhang sind ein schönes Paar… und das einzige hier im Stück mit Zukunft.

Um Anna legt sich hingegen die erbarmungslose Düsternis der Depression.

Alle Gefühle hat sie hinter sich gelassen, als sie sich für den Tod entscheidet.

Ach, was hat man mit ihr gelitten und geliebt!

Die Liebespassion zu Wronski und die starken Muttergefühle ihrem Sohn gegenüber haben einen so gerührt! Aber auch die Einsamkeit und das Unglück der Ausgrenzung brachte sie einem nahe.

Bei Anna Laurretta Karenina zittert der ganze tanzende Körper, wenn sie leidet!

Dabei konnte sie doch auch so sorglos, so „hell“ im Gemüt sein! Wie schön war es, als sie mit Wronski in Italien lebte, ohne irgendwelchen Verpflichtungen nachkommen zu müssen, ohne fremde Interessen zu vertreten.

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Aber die Schlange der Eifersucht vergiftet ihre Liebe; der Schmerz der Ausgrenzung als geschiedene Frau kommt dazu. Das Opiumfläschchen zerstört diese edle Frau zusehens. Und als ihr auch noch der eigene Sohn unerreichbar erscheint, da fasst sie einen tödlich-traurigen Entschluss.

Anna Karenina scheidet aus dem Leben wie Eine, die nichts mehr zu erwarten hat außer Kummer und Sorge. Sie mag nicht mehr kämpfen, nichts mehr fühlen. Sie hat alles gegeben, doch sie fühlt sich ungeliebt – und sie stellt sich jetzt dem letzten großen Rätsel, das das Leben für uns alle übrig hat.

Niemand weiß, wie man sterben soll. Was ist das, ein guter Tod? Eines lernt man hier: So, wie Anna Karenina stirbt, ist es besonders traurig.

Laurretta Summerscales als Anna Karenina

Noch einmal ein Blick auf Laurretta Summerscales beim Applaus nach „Anna Karenina“ von Christian Spuck in München. Eine tolle Tänzerin! Foto: Bayerisches Staatsballett

Womöglich hätte die klare Stimme der Sängerin Natalia Kutateladze ihr Leben retten können. So gefühlvoll ist sie, und so energisch ist außerdem das Auftreten dieser ungewöhnlichen Sopranistin, die in Spucks Inszenierung eine wesentliche Position einnimmt.

Aber da ist es für die Karenina wohl schon zu spät…

Danke für die Tränen, danke für den Mut!
Franka Maria Selz / Gisela Sonnenburg

www.staatsballett.de

 

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