Der echte Liebestod Alt-Performerin Marina Abramovic kümmert sich in „7 Deaths of Maria Callas“ an der Bayerischen Staatsoper um ihr Jugendidol – auch online als Video on Demand

"7 Deaths of Maria Callas" von und mit Marina Abramovic

Noch schläft sie nur: Maria Callas in ihrem letzten Bett, dargestellt von Marina Abramovic in „7 Deaths of Maria Callas“ an der Bayerischen Staatsoper im Nationaltheater in München. Foto: Wilfried Hösl

Sie starb an der Liebe. So dramatisch und so nüchtern kann man das sagen. Es war ein qualvoller Tod, den die Starsopranistin Maria Callas erlitt, er zog sich über viele Jahre hin. Grund für ihr mentales Ableben, dem das körperliche in Form eines kranken Herzens folgte, war der Superreiche Aristoteles Onassis. Zuerst waren sie ein glamouröses Paar, dann verließ er sie, um mit Jackie Kennedy eine Frau aus seiner sozialen Schicht, also aus dem Geldadel, der High Snobiety von Welt zu heiraten. Die empor gekommene Sängerin wollte er nicht zu seiner Gattin machen. Doch alte Liebe rostet nie: Als Geliebte nahm Onassis die Jahrhundert-Ikone der Opernwelt wieder an, besuchte sie „heimlich“ in ihrem Wohnsitz in Paris, liebte sie, als sei sie seine Mätresse. Offiziell aber blieben er und Jackie zusammen. Welche Frau mit Stolz und Begehren soll das ertragen? Die Callas litt, weinte, verfiel der chemischen Industrie, die mit Tabletten und Alkohol Trost verspricht. Ist das Stoff für ein Theaterstück? Allemal! Marina Abramovic, die für eine Performance-Künstlerin nicht nur viel Erfahrung auch mit extremen Auftritten hat, sondern auch in einem ungewöhnlichen Alter für abendfüllende Abenteuer ist, erkannte das früh. Schon seit 30 Jahren ist sie daran interessiert, ein Callas-Projekt durchzuführen. Die Bayerische Staatsoper wollte ihr schon zum Ende letzter Spielzeit dazu Gelegenheit geben – wegen der Corona-Krise wurde die Premiere nun zum bejubelten Saisonstart. Abramovic trifft die Callas und vice versa – es ist ein Abend der starken Frauen geworden und doch auch einer der sensiblen weiblichen Seelen. „7 Deaths of Maria Callas“ heißt er, weil je eine Arie von sieben dem Tod geweihten Opernheldinnen zur Illustrierung des seelischen Leidens der Callas gesungen werden: von sieben vorzüglichen Diven, die sicher auch mehr von sich zum Fluidum eines Opernschicksals hätten geben können. Doch im Zeichen der Corona-Schutzmaßnahmen ist das Programm handliche eineinhalb Stunden kurz, und dafür bietet dieser ungewöhnliche Opernabend allerhand. Online ist er nun als Aufzeichnung bis zum 7. Oktober 20 kostenlos als Video on Demand zu erleben, unter staatsoper.de – und das ist keine verlorene Zeit!

Nur die Liebe als Grund zu sterben bleibt wie ein Mysterium im Hintergrund: Abramovic geht es vor allem um die Selbstverlorenheit der Callas in Erinnerungen.

Dabei steht keineswegs der besagte Mann im Zentrum, sondern die Musik, zumal jene Arien, die den Weltruhm von Maria Callas mitbegründeten und sie fraglos unsterblich machten. In ihrer Stimme habe ihr ganzes Leben gelegen, befand ihre Sängerkollegin Christa Ludwig.

Und diesen starken persönlichen Impetus fühlen auch Andere, wenn sie die Callas singen hören – es ist die noch immer berühmteste und am meisten anrührende Opernstimme der Kulturgeschichte.

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Abramovic liegt, stark geschminkt, als Callas im Bett. Paris, die letzte Lebensstation der berühmten Künstlerin, ist zunächst nur im Gesicht der in die Luft starrenden, stark atmenden Abramovic präsent. Als Rückzugsort der Stille, wie das Zentrum eines Hurricanes.

Filmbilder auf dem Bühnengrund füllen die optische Leere. Es sind keine Dokumentationen, keine historischen Callas-Auftritte. Sondern es sind symbolische Inszenierungen, die die Callas und oft auch einen Mann zeigen.

Willem Dafoe mimt den männlichen Partner, privat wie auf der Bühne. Er sieht nicht aus wie Onassis, und er sieht auch keinem Tenor ähnlich, mit dem die Callas sang. Aber er ist ein markantes Gesicht, anziehend, etwas brutal und egoistisch im Ausdruck.

Warum Aristoteles Onassis hier nicht deutlich benannt und gezeigt wird, bleibt ein Rätsel. Vielleicht will Abramovic keinen Rechtsstreit riskieren. Auch wenn der reiche griechische Reeder nicht mehr lebt: sein posthumes Persönlichkeitsrecht könnte durch Filme, die ihn zeigen, berührt werden.

Für die Callas kulminierten in ihrer Beziehung zu ihm all ihre Probleme. Sie fühlte sich nirgendwo zuhause, litt unter Komplexen. Sie war Griechin wie Onassis, und schon ihr Ehemann, der als Manager ihren kometenhaften Aufstieg begleitete, war deutlich älter als sie und eine Art Vaterersatz.

Onassis, der Emporkömmling, eignete sich nun aber gar nicht als Vaterfigur für die Callas. Was er ihr bieten konnte, war der dekadent-luxuriöse Lebensstil der High Society: mit einem unmoralisch-elitären Bewusstsein. Für sie war das wohl faszinierend und es erschien ihr als eine starke Aufwertung ihrer Persönlichkeit, gebaut auf das Gefühl, vom reichsten und insofern auch mächtigsten aller Griechen begehrt zu werden.

„Feelings“, heißt es in Marina Abramovics Redestrom, der vom Tonband kommt. „Gefühle“. Ja, aber welche? Die Probleme, die La Callas zu wälzen hatte, waren wohl keine Einbildung. Der Mann, den sie liebte, erkannte sie nicht wirklich und akzeptierte sie auch nicht wirklich. Im Grunde war sie ihm schlichtweg nicht gut genug, sie war „nur“ eine Künstlerin, wenn auch eine mit Welterfolg, aber keine jener hochwohlgeborenen Geldprinzessinnen, die sein Image seiner Meinung nach stärker heben konnten.

"7 Deaths of Maria Callas" von und mit Marina Abramovic

Sie stirbt mindestens sieben Tode, wenn man ihre seelischen Qualen hochrechnet: Maria Callas in „7 Deaths of Maria Callas“ von und mit Marina Abramovic in München. Foto: Wilfried Hösl

Statt sich über die Oberflächlichkeit und auch Dummheit von Onassis zu ärgern und ihn abzuservieren, blieb ihm die Callas treu. Und sie litt, wie nur ein Mensch leiden kann, der längst nicht so geliebt wird, wie er es verdient. Sie war auf sich allein zurückgeworfen, konnte auch niemandem wirklich vertrauen.

Dieses dauerhafte Leiden, das zu einer depressiven Stimmung als Lebensgefühl wird, transportiert die Inszenierung von Abramovic trefflich. Von Beginn an ist klar: Diese Frau wird im Grunde nie mehr aus ihrem Bett kommen können, nicht mit Körper, Geist und Seele  – es ist ihr Totenbett.

Ihr Wortstrom ist wie ein letzter Monolog. Er ist allgemein gehalten, bis auf einzelne Vor- und Nachnamen könnte jede unglücklich liebende Frau ihn halten. Die Erinnerung an bessere Tage dieser Person, dieser Callas, Erinnerungen an solche glücklichen Zeiten, in denen sie eine Selbständigkeit hatte und ihre Musik und Erfolg zu einem Lebenssinn verband, diese Erinnerung drängt sich auf.

Und kulminiert in Gesang: Jeweils eine Sängerin tritt hinzu, im weißen Nachthemd fast einem Gespenst gleich, und es folgt eine prägnante Arie aus dem „glücklichen“ Lebensteil der Callas.

Sieben Mal wird der Redestrom der Abramovic solchermaßen von entzückend zartem oder auch gutturalem Gesang unterbrochen.

Hera Hyesang Park singt die Violetta aus „La Traviata“, Selene Zanetti die „Tosca“, Leah Hawkins ist Desdemona aus „Othello“, Kiandra Howarth die „Madame Butterfly“, Nadezhda Karyazina eine wunderbar leidenschaftliche „Carmen“, Adela Zaharia die „Lucia die Lammermoor“ und Lauren Fagan die „Norma“, jene Belcanto-Partie, die erst mit der Callas überhaupt in den Olymp der Opernpartien einzog.

Yoel Gamzou dirigiert dazu das Bayerische Staatsorchester mit zarter Hand – außer den Arien hat das Orchester auch überleitende Collagen zu bewältigen. Der volle Klang aus dem Orchestergraben ist übrigens – Corona-Schutzmaßnahmen hin oder her – gerettet, was für einen Abend in der Oper in der Tat nicht unwesentlich ist.

Szenisch ist man allerdings stark vom filmischen Geschehen abhängig.

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Als Höhepunkt zerschlägt Callas-Abramovic auf der Leinwand ihr Spiegelbild, in einer Schwarz-Weiß-Aufnahme, und man wundert sich beinahe, dass dieser von Verzweiflung sprechende Akt nicht in Zeitlupe immer wieder wiederholt wird. Denn der Selbsthass scheint es doch vor allen anderen Problemen zu sein, der geeignet ist, Abramovics Callas-Rezeption zu erklären.

Das letzte Schlafzimmer von Maria in Paris ist nachgestellt. Großbürgerliche Altbau-Wände, edles Mobiliar ist zu sehen, das ebenfalls edle Langeweile verbreitet.

Die Stimme vom Band beschreibt die Situation: „Four pillows – a little damp.“ Vier Kissen, ein wenig feucht. Ein seidenes Nachthemd, auch dieses ist nass vom Schweiß der Leidenden. „Öffne deine Augen!“ Sie ruft es sich wohl selbst zu. Und findet kurz aus dem Bett, somnambul, fast torkelnd.

Ein Wasserglas, die Lesebrille, das Tagebuch befinden sich auf dem Nachttisch. Dazu aber suggeriert alptraumhaft ein vom Orchester begleiteter Chor, der wie Geisterstimmen in einem Psychothriller klingt, dass in Marias Zustand alle Normalität bedrohliche Züge hat.

Sie ruft die Männer, die sie geprägt haben, zu Hilfe, von Karajan bis zu Giancarlo – aber sie bleibt allein. Sie steht, streckt die Beine, den Rücken – aber die vorgegebene Gymnastik macht sie nicht. Lieber trägt sie, zaghaft schreitend, die Blumenvase auf den Tisch in der Zimmermitte. Und hält beschwörend die Hand auf das Environment – Glocken erklingen. Es wird morgens.

Einzelne Schritte werden mitgezählt. 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9. Sie geht zum Bett. Setzt sich. Setzt die Brille auf. Sortiert alte Briefe und Fotos. Onassis. Er ist allgegenwärtig in ihrem Kopf, auch wenn das Bild in ihrer Hand einen Dirigenten zeigt. Sie ist allein, nur das ist hier wichtig: ihre unendlich schmerzhafte Einsamkeit, mit der sie überhaupt nicht zurecht kommt. Der echte Liebestod ist gar nicht romantisch, er ist schmutzig und fies – auch das wird hier deutlich.

Eine Sängerin tritt mit Mundschutz als Nachtschwester auf. Musik-Salat folgt. Man spürt: Irgendwas gerät aus dem Lot. Kommt so der Tod? Er ist wohl schon da.

Dann erscheint Callas-Abramovic im goldenen Glitzerkleid. Dazu singt die echte Maria Callas vom Band: ihre berühmte „Norma“-Arie „Casta Diva“ („Keusche Göttin“). Abramovic steht kerzengerade da, das enge Abendkleid betont ihre Rundungen – und sie imitiert in zurückhaltender Manier die typische Gestik der Callas. Die Hand wird aufs Dekolleté gepresst.

Bis das Licht sich in Dunkel wandelt. Die Arie bricht ab. Stille. Applaus.

Keusch war die Callas nicht, aber sie litt, wie nur eine Göttin leiden kann.

"7 Deaths of Maria Callas" von und mit Marina Abramovic

Sie steht, sie hält die Balance, aber sie ist so todgeweiht wie die Opernheldinnen, die sie einst verkörperte: Maria Callas in „7 Deaths of Maria Callas“ von und mit Marina Abramovic. Foto von der Bayerischen Staatsoper: Wilfried Hösl

Daran hat Abramovic eindringlich erinnert, und wer ihr in Gedanken folgt, muss das Frauenbild, das unsere Gesellschaft immer noch hat, radikal hinterfragen. Dafür gebührt Abramovic nicht nur Anerkennung, sondern auch Dank – und all die großen und kleinen Onassis-Typen sollten sich darauf gefasst machen, dass moderne Frauen sich ihnen nicht mehr bedenkenlos ausliefern wie einst Maria Callas.
Gisela Sonnenburg

www.staatsoper.de

 

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