Mehr Anmut, weniger Attacke Elena Vostrotina tanzt als Gast im „Schwanensee“ in der Rekonstruktion von Alexei Ratmansky beim Ballett Zürich – und wird ab kommender Saison dort festes Mitglied sein

Der Schwanensee in Zürich ist historisch

Hier ist Viktorina Kapitonova als Odette beim Ballett Zürich in „Schwanensee“ in der Rekonstruktion von Alexei Ratmansky zu sehen. Foto: Carlos Quezada

Ein seltsamer Königshof ist das! Es gibt den redseligen Prinzen-Erzieher Wolfgang, außerdem ungeklärte Regierungsverhältnisse und, dort unten, am „Schwanensee“, nicht nur die schönen Schwanenmädchen mit ihren langen, offenen Haaren, sondern auch Schwanenkinder. Niedlich, weniger betont brillant, dafür anmutig-menschlich und mit mancherlei Überraschungen gespickt: Die Version des Ballettklassikers, die Alexei Ratmansky nach dem Vorbild der Petipa-Iwanow-Premiere von 1895 rekonstruierte, hat es in sich. Das Ballett Zürich lässt zudem die vormalige Dresdner Primaballerina Elena Vostrotina die Doppelpartie der Odette / Odile tanzen – an der Seite von Shooting Star Alexander Jones.

Alexei Ratmansky ist ein Könner und ein Kenner des russischen Balletts wie kein zweiter, er ist zugleich ein wandelndes Lexikon der alt- und neurussischen Ballettgeschichte, aber auch ein höchst kreativer Choreograf und Coach. Die Liebe zum historisch Genauen auf der einen Seite und zum sensiblen Detaildenken auf der anderen ist für ihn ein- und dieselbe Münze mit zwei Seiten. Da schließt sich nichts aus, sondern da ergänzen sich die verschiedenen Aspekte zu einer Kunst, die mit ihrer Tradition und ihrer Wahrhaftigkeit besticht.

Als Koproduktion vom Ballett Zürich mit dem der Mailänder Scala premierte vor einem guten Jahr in Zürich Ratmanskys „Schwanensee“. Statt einer modernisierten Fassung erstellte Ratmansky – mal wieder – hoch penibel und dennoch voll Gefühl eine historische Rekonstruktion der ersten Aufführung am Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg von 1895.

Seine Grundlage waren die Notationen der Choreografie von Marius Petipa und Lew Iwanov durch Vladimir Stepanov, die vom Mariinsky-Theater stammen, die aber heute in Harvard in der Sergejev-Collection bewahrt werden.

Doch die Notationen sind nicht vollständig, und auch ihre Fortsetzung durch Alexander Gorsky und Nicolai Sergejev lassen viele Fragen offen.

So ist zu den Oberkörpern der Tänzer darin fast nie etwas vermerkt, und auch zur Beinarbeit gibt es große Lücken in der „Partitur“ zu füllen.

Der Schwanensee in Zürich ist historisch

Der schwarze Schwan in „Schwanensee“, von Alexei Ratmansky in Zürich konstruiert. Elena Vostrotina tanzt mit Alexander Jones. Foto: Carlos Quezada

Ratmansky – in diesen Dingen bereits versiert – vollendete das Werk, hielt sich dabei an Fotos, Zeichnungen und andere Dokumente als Inspiration.

Dabei fiel ihm auf, dass nach der Oktoberrevolution in Russland, also in der Zeit der Sowjetunion, in eine ganz bestimmte Richtung geändert worden war: „Neue Ideen waren gefragt. Alles, was nach Anmut, Manierismus oder irgendwie kompliziert aussah, erschien verdächtig. Gefragt waren Athletik, Einfachheit, Attacke.“

Diese Veränderungen machte Ratmansky, soweit es ihm nötig und sinnvoll erschien, rückgängig.

Jetzt hat der „Schwanensee“ wieder mehr Anmut, weniger Attacke – und auch die virtuosen und effektvollen Elemente, die sich im Laufe der Jahrzehnte an Aufführungspraxis einschlichen, wichen einer lieblichen, oftmals handlungstreibenden Tanzart.

Der Pantomime räumte Ratmansky darin den Stellenwert ein, den sie zu Petipas Zeiten hatte: einen sehr wichtigen.

Nicht nur die berühmte Pantomime im zweiten Akt, in der Odette sich Siegfried als tragisch verzaubertes Wesen vorstellt, ist in voller Länge zu sehen. Sondern Odette „erzählt“ auch in der letzten Szene des Balletts rührenderweise mehrfach, dass sie selbst bald sterben wird.

Der Schwanensee in Zürich ist historisch

Einen Blick in die Stepanov-Notationen zu „Schwanensee“ gewährt das Programmheft vom Opernhaus Zürich zur aktuellen Inszenierung von Alexei Ratmansky. Faksimile: Gisela Sonnenburg

Der Kunst, diese stummen Reden zu präsentieren, maßen Petipas Zeitgenossen hohe Bedeutung bei. Tänzer wurden damals auch als Pantomimen gesehen.

Für die Ballerinen und Ballerini, die diese historische Version tanzen, gibt es zahlreiche neue Herausforderungen.

So werden die Beine nur selten höher als 90 Grad angehoben, und die berühmten Attitüden der „Schwanensee“-Choreografie wirken spannungsreicher, da deutlich niedriger.

Auch das Penché stoppt auf Dreiviertel der Höhe, denn der vertikale Luftspagat war 1895 technisch einfach noch nicht Standard. Der Ausdruck der Bewegung ändert sich so und verwandelt sich zurück zu dem, was er ursprünglich war: Intensität ist hier wichtiger als Virtuosität.

Und sogar die typischen „Flügelarme“, die wir heute mit der „Schwanensee“-Choreografie verbinden, stammen von Agrippina Waganowa – und keineswegs von den Erfindern der in aller Welt getanzten, aber eben auch immer wieder veränderten Choreo. Darum fehlen sie hier in Zürich!

Trotzdem oder gerade deshalb macht es gerade der Primaballerina immensen Spaß, sich in diesen „Schwanensee“ wie in ein besonderes Abenteuer hinein zu begeben.

Zumal die Körper der Tänzerinnen und Tänzer heute ganz anders geformt sind als über hundert Jahren, als die Menschen generell kleiner und stämmiger waren und auch das Schönheitsideal noch nicht von sehniger Magerkeit geprägt war. 

Insofern handelt es sich auf jeden Fall immer um eine sehr heutige Aufführung – die Nostalgie, die sie dennoch für den Zuschauer ausstrahlt, ist das Ergebnis nahezu wissenschaftlicher Akribie.

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Es folgt ein Interview mit Elena Vostrotina, die als Gast in Zürich die Rolle der Odette / Odile tanzt.

Vostrotina (Rufname: Lena) wurde in Sankt Petersburg geboren und auf der Waganowa-Akademie dort ausgebildet. Nach einigen Jahren im Ensemble vom Kirov Ballet (heute wieder: Mariinsky) tanzte sie ab 2006 zehn Jahre lang beim Semperoper Ballett in Dresden, seit 2011 als Erste Solistin.

Ballett-Journal: Elena, Sie haben schon häufig in Ihrem Leben die Odette in verschiedenen „Schwanensee“-Versionen getanzt: in einer klassischen Petipa-Iwanow-Version, in „Ilusionen – wie Schwanensee“ von John Neumeier, in der Fassung von Vladimir Burmeister mit einem sehr smarten Happy End –  und natürlich die Odette / Odile in Aaron S. Watkins Version in Dresden. Jetzt tanzen Sie die faszinierende historische Version in der Rekonstruktion von Alexei Ratmansky in Zürich. Was ist so besonders an der Rolle von Odette / Odile?
Elena Vostrotina: Ich glaube, was für mich „Schwanensee“ und die Rollen der Odette und Odile so speziell macht, ist die Chance, zwei völlig verschiedene Charaktere in einem Ballettstück zu tanzen und zu leben. Die Tatsache, dass die Rollen der Odette und Odile auch nach so vielen Jahren immer noch – künstlerisch und technisch – eine Herausforderung für mich darstellen, macht es für mich außergewöhnlich. Auch die Geschichte von Odette, also die Geschichte einer Frau (oder Prinzessin), die in einen Schwan (eine so wunderschöne Kreatur) verwandelt wird, und von einem Prinzen, der sich in den Schwan verliebt und mit ihm tanzt, hat bereits ihren eigenen Zauber, welche das Ballett unvergleichlich macht. Ich bin sehr glücklich, dass ich die Chance bekommen habe, in Alexei Ratmanskys „Schwanensee“ zu tanzen! Diese wunderschöne Version hat ihren eigenen Charme und viele eigene Details, welche die Rollen der Odette und Odile speziell machen.

Der Schwanensee in Zürich ist historisch

Leidenschaftlich und ohne aufgesetzten Effekt: Elena Vostrotina in Alexei Ratmanskys Rekonstruktion des historischen „Schwanensee“ beim Ballett Zürich. Foto: Carlos Quezada

Ballett-Journal: Fühlt sich das auf eine liebenswerte Art nostalgisch an?
Elena Vostrotina: Überraschenderweise fühlte es sich gar nicht nostalgisch an! An dieser Version zu arbeiten und sich dieser Aufführungspraxis anzunehmen, war sehr spannend – und auch ein sehr gegenwärtiger Prozess.

Ballett-Journal: Sie tanzen mit Alexander Jones, der ein Shooting Star beim Stuttgarter Ballett war, bevor er nach Zürich unter das Direktorat von Christian Spuck wechselte. Hatten Sie jemals zuvor mit ihm getanzt? Und wie ist die Bühnenkommunikation mit ihm, mögen Sie ihn als Partner?
Elena Vostrotina: Ich habe zuvor noch nie mit Alexander Jones getanzt und freue mich, dass es jetzt dazu gekommen ist. Er ist ein brillanter Partner, ein fantastischer Künstler und ein wunderbarer Mensch. Ein Prinz, wie er im Buche steht! Er hat mir sehr geholfen und mich bei vielem unterstützt. Ich hoffe, dass in Zukunft unsere Zusammenarbeit weiter wächst und sich entwickelt.

Ballett-Journal: Ich muss das einfach fragen: Vermissen Sie nicht Dresden? Dresden vermisst Sie so sehr! Sie haben zehn Jahre in Dresden beim Semperoper Ballett getanzt, mit großem Erfolg. Würden Sie als Gast dorthin zurückkehren wollen?
Elena Vostrotina: Dresden hat mir sehr viel gegeben und wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Natürlich vermisse ich die Menschen, die ich in Dresden liebgewonnen habe, wie auch die Semperoper. Wenn sich die Möglichkeit eines Gastauftritts ergibt, nehme ich diese sehr gerne an.

Ballett-Journal: Würden Sie bitte die Vorteile Ihres „neuen“ Lebens erklären?
Elena Vostrotina: Die Entscheidung, Dresden zu verlassen und neue Chancen zu ergreifen, hat mir sehr viel gebracht. Daraus habe ich viel gelernt, nicht nur für meine professionelle Karriere, sondern auch für meine persönliche Entwicklung. Außerdem fand ich so auch neue Inspiration.

Der Schwanensee in Zürich ist historisch

Liebe auf den ersten Blick: Siegfried (Alexander Jones) und Odette (Elena Vostrotina) in „Schwanensee“ in der Rekonstruktion von Alexei Ratmansky beim Ballett Zürich. Foto: Carlos Quezada

Ballett-Journal: Was sind Ihre Pläne für die kommende Zeit?
Elena Vostrotina: Ich freue mich auf den Sommer und die Sommerkurse, die ich geben werde. Ich freue mich auch sehr auf den August, da ich ab dann ein festes Mitglied des Balletts Zürich bin.

Ballett-Journal: Herzlichen Glückwunsch! Und haben Sie schon Pläne für Ostern?
Elena Vostrotina: Ja! Hier in Zürich gibt es eine wunderschöne russisch-orthodoxe Kirche. Ich würde gerne dorthin gehen und mit den Menschen dort Ostern feiern.

BallettJournal: Dann wünschen wir jetzt allen viel Gutes, auch für die letzten Tage vor den Feiertagen!
Text und Interview: Gisela Sonnenburg

 „Schwanensee“ in Zürich mit Elena Vostrotina noch einmal am 28.4.2017

www.opernhaus.ch

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