Verordnetes Chaos der Sinne Von poetisch bis sarkastisch: „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman mit dem Ballett Dortmund

Daria Suzi und Francesco Nigro tanzen das liebevolle, fast-klassische Paar in „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman beim Ballett Dortmund. Foto: Ballett Dortmund

Bei Shakespeare ist es die künftige Fürstin Hippolyta, die wild und enthemmt träumt und in  „Ein Sommernachtstraum“ ihre heimlichen Ängste und Lüste mit der Realität verwebt. Bei Alexander Ekman, dem 1984 geborenen schwedischen Erfolgschoreografen, ist es „Der Träumer“ (sehr geeignet als Identifikationsfigur: der zurückhaltende, aber attraktive Tänzer Filip Kvacak). Er ist ein junger Mann von heute, der von seinem puritanischen Ein-Mann-Gitterbett aus auf eine fantastische Reise in ein surreales Traumland geht. Fast wird er zu einer männlich-modernen „Alice im Wunderland“, die allerlei Seltsames sieht und erlebt!  Ekmans „Ein Mittsommernachtstraum“ ist aber zudem – mit teils poetischer, teils krachlederner Musik von Mikael Karlsson – eine opulent-sarkastische Hommage ans schwedische Mittsommerfest: eine schwungvolle Collage aus mal munteren, mal absurden, immer aber ländlich inspirierten Einzelszenen. Vom orgienhaften Heu-Ernten über das kollektive Bestaunen von Riesenfischen bis zum tänzerischen Liebesakt im Dschungel, wobei die Birken kopfüber wachsen: Die Traumszenen schildern keine zusammenhängende Handlung, zitieren aber von John Neumeier über Pina Bausch bis William Forsythe die jüngere Ballettgeschichte. Bei der Stimmungsfindung hilft dabei die markant entrückt anmutende, mit starker Präsenz die Bühne abschreitende Jazzsängerin Hannah Tolf: ihre Klänge erinnern an die oft lyrisch im Andante gehaltenen schwedischen Volkslieder. Was vor allem im ersten Teil des Abends eine sagenhafte Mystik verströmt. Beim Ballett Dortmund reüssiert aber zweifelsfrei auch der Corps aus über 30 Tänzerinnen und Tänzern (darunter das NRW Juniorballett): mit starkem schauspielerisch-tänzerischen Einsatz. Bei allem Spaß ist dennoch Eines nicht zu übersehen: Ekmans Stück ist witzig-charmanter Klamauk und keineswegs ein geniales, mit Tiefgang versehenes Werk. Dennoch ist es sehenswert, weckt es doch mit Verve die Lebensgeister.

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Heu, Heu, nichts als Heu wird hier durch die Luft gewirbelt: Aber es ist anti-allergischer Flachs, der mit einem Brandschutzmittel zusätzlich staubfrei gemacht wurde. Das Ballett Dortmund und sein Publikum in „Ein Mittsommernachtstraum“ freuen sich darüber. Foto: Ballett Dortmund

2015 wurde diese formidabel heutige, clowneske Version von Shakespeares „A Midsummer Night’s Dream“ in der schwedischen Pop-Metropole Stockholm uraufgeführt, in Dortmund fand gestern die deutsche Erstaufführung statt. Ekman hat Einiges verändert und an die Dortmunder Company angepasst.

Der Aufwand an Kulissen, Technik und Requisiten ist allerdings enorm. Hatte Ekman mit seinem ersten Erfolgsstück „Cacti“ (2010) – einer Satire auf den Kunstbetrieb – noch den Schwerpunkt auf Tanz gelegt, wurde der immer schneller werdende Wechsel an technischem Equipment in seinen Werken immer wichtiger. Die Bühnentechniker haben viel zu tun, mehr als die Tänzerinnen und Tänzer. Da soll kein Mittel ungenutzt bleiben, hat man den Eindruck.

Schon beim Einlass erheitern Schriftzüge über der Bühne: „Hast du meinen Mann gesehen?“ Und: „Komm ins Heu!“ Zum Erdbeerpflücken wird aufgefordert, aber auch zum: „Tanzen!“

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Der Träumer guckt durch die Gitterstäbe seines Bettes: Nur Träume können die Welt verändern! So zu sehen beim Ballett Dortmund in „Ein Mitternachtstraum“ von Alexander Ekman. Videostill vom entsprechenden Trailer vom Ballett Dortmund: Gisela Sonnenburg

Vorm Vorhang steht das Gitterbett, darin ruht der schlafende junge Mann. Ein Wecker piept, und aus dem Bühnenraum kommt, leise trällernd, eine junge Frau. Der Träumer, nur in Shorts, erwacht, und Daria Suzi als bestens gelaunte „Hostess“ hilft ihm beim Ankleiden.

Und dann geht die Luzi ab! Mit Heu-Imitat aus anti-allergen beschichtetem Flachs wird eine wahre Zappel-und-Tanz-Orgie als Heu-Ernte mit geschüttelten Körpern absolviert. Das sechsköpfige Orchester befindet sich mit auf der Bühne, in dieser ersten Gaudi-Szene zumindest: Elegant zirpen die Violinen wie in einem Western-Saloon zur großen Heu-Euphorie.

Diese lockt offenbar die Sinnlichkeit hervor.

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Heu, das kein Heu ist, aber beglückt: Das Ballett Dortmund in „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman. Foto: Ballett Dortmund

Da ist Raum für einen zarten modernen Pas de deux ebenso wie für fröhliche Massenhysterie – aber schließlich kommen Tänzer mit Besen und bereiten der Pracht aus Stroh ein Ende.

Dieser Tanz im Heu ist allerdings auch im Rückblick ein Stück im Stück. Das fröhliche Spiel mit den Mengen an Stroh steht für eine paradiesische Selbstverlorenheit, die an das ausgelassene Glück der Kindheit erinnert: unschuldig und nachhaltig prägend, aber ohne Vorsatz oder Verantwortung. Als moralische Aufwertung der Natur sollte man diese Form des Bewegungstheaters eher nicht interpretieren.

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Schweden als ein place to be: Kein Problem trübt die Idylle in „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman beim Ballett Dortmund. Foto: Ballett Dortmund

Ein zu einem Fantasiesymbol umgemodelter Maibaum bildet die neue requisitorische Sensation. Aber auch eine schwedische Fahne flattert im Bild – falls es jemand noch nicht verstanden hat, dass es hier auch um  Werbung für Schweden als Tourismusland geht.

Auf quer liegenden Strohballen (nein, das hier ist nicht „La Fille mal gardée“, aber als Ballettfan denkt man daran) wird getänzelt, am Boden schließlich voll abgehottet. Plastikgläser werden gehalten und fallen gelassen, schließlich sammeln sich alle an der Rampe, bilden eine Reihe – und schauen, schauen, schauen und schauen dem Publikum ins Angesicht.

Das Licht im Zuschauerraum ist nämlich wieder angegangen, und in einer Mischung aus Verstohlenheit und Keckheit sehen sich Künstler und Publikum an. Man muss einfach Sympathie aus der Situation herausholen und kichern – und Alexander Ekman ist damit noch nicht zufrieden. Er spielt mit den Erwartungen der Zuschauer und liebt es, sie hinzuhalten.

Und so trinken die TänzerInnen an der Rampe in einer ästhetisch-stilisierten „Skol!“-Atmosphäre, mit surrealem Impetus und kaum realistischer Manier.

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Die Schweden sind anscheinend ein nur friedliches, nettes Völkchen, feiertauglich und alkoholfest. So zu beschmunzeln in „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman beim Ballett Dortmund. Videostill vom entsprechenden Trailer vom Ballett Dortmund: Gisela Sonnenburg 

Ein Traumbild bleibt ebenfalls haften: viele Tische werden zu einer einzigen langen Tafel über die Diagonale der Bühne aneinandergestellt. Mit weißem Tuch bedeckt und mit zahlreichen Kerzenleuchtern geschmückt, wird es ein symbolhaftes Weltgericht der Sinne – und tatsächlich bleibt es nicht beim gemeinsamen Schmausen und Besaufen.

Ein Paar nimmt sich den schnellen, hitzigen Sex, den man mit dem Thema „Sommernachtstraum“ unausweichlich verbindet; „sie“ sitzt dafür auf der Tischplatte, „er“ schiebt sich mit blankem Hintern an sie heran.

Der Träumer aber verblüfft vor allem damit, die Hose überhaupt plötzlich heruntergelassen vorzufinden – das eigene Triebleben ist für jede und jeden, die oder der Träume hat, eine Überraschung.

Über der Szenerie befindet sich übrigens eine Uhr mit Datumsangabe, und dort läuft die Zeit von Freitag, dem 20. Juni 2014, an.

Welche Bedeutung das hat, erfährt man allerdings erst gen Ende des Spektakels.

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Kerzenleuchter sorgen für Poesie: Das Ballett Dortmund in „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman. Foto: Ballett Dortmund

Seinen poetischen Höhepunkt hat der Event kurz vor der Pause:

Vier Tänzer strömen mit Kerzenleuchtern in der Hand ins Parkett aus und schauen uns behutsam-verführerisch an. Ganz langsam, ganz zart agieren sie, wie Elfen, die aus einem  fernen Universum auf der Erde gelandet sind.

Kehrt man auf seinen Platz zurück, scheint sich die eine oder andere Sitznachbarin nachgerade elfenhaft verwandelt zu haben. Lächelt sie nicht mit überirdischem Flair? Und blitzen ihre hübschen Augen nicht so vergnüglich auf, wie man es nur aus den Zauberwäldern kennt?

Kein Wunder: Das verordnete Chaos der Sinne, das diese erste Hälfte von Ekmans „Mittsommernachtstraum“ vorführte, hatte die unterschwellige Erotik so mancher Pina-Bausch-Arbeit und das unangestrengte, lässige Savoir-vivre, das man den nordischen Ländern so gerne nachsagt.

Aber im zweiten Teil des insgesamt 135-minütigen Abends wird es dann doch auch mal finster. Da fallen immer größere Fisch-Attrappen von der Bühne oder werden – ein sehr Forsythe’scher Moment – von Tänzern hereingerollt und kurzerhand wieder weggeschoben.

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Um damit zurechtzukommen, ist dann doch ein wenig vom Grundvokabular abendländischer Bildung sprich der modernen Aufklärung notwendig. Denn Fische – und überhaupt die Unterwasserwelt – sind in der Traumdeutung seit Sigmund Freud der Sexualität zugeordnet.

Auch die kopfüber ins Bild ragenden Birken sind zugleich eine Referenz an die schwedischen Wälder wie auch an das Prinzip der Verkehrung im Traum. Wird etwas verdrängt, obwohl es besonders bezeichnet wird, erscheint es als das Gegenteil. Eine Erektion etwa wächst von unten nach oben, aber wenn sich im Traum etwas umgekehrt ausbreitet, so ist anzunehmen, dass hier eine Schamschwelle des Träumenden in der Bilderwelt überschritten wird – und es ist ebenfalls die Erektion gemeint.

Denn das Über-Ich, das Gewissen, ist ja nicht per se im Schlaf ausgeschaltet. Es ist in dem, was mit den Träumen gemeint ist, ausgeschaltet, aber nicht in dem, wie das Gemeinte im Traum dargestellt wird. Weshalb die skurrilsten Träume nur der Form nach schamvoll sind.

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Eine lange, lange Tafel ruft die Tänzer zum Nachtmahl: so zu sehen in „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman beim Ballett Dortmund. Videostill vom entsprechenden Trailer vom Ballett Dortmund: Gisela Sonnenburg

Darum bedeuten auch die dunklen Regenschirme, mit denen die lustigen Schweden hier munter aufgetanzt sind, nicht unbedingt nichts. Es handelt sich vermutlich auch im aufgespannten Zustand um phallische Symbole. Hach, sind wir heute wieder alle überspannt!

Der Fotograf Mr. Canon – Dann Wilkinson, der ein wunderbarer Tänzer ist, ist hier ein wenig unterfordert – hüpft im weißen Overall mit großer Kamera umher.

Aber die Figur en travestie, die Ekman auf Spitzenschuhen mit Kochmütze und Kochschürze zu Spitzenschuhen ab und an schreiend auftanzen lässt (Luca Bergamaschi macht das sehr toll), fühlt sich wohl vor allem schutzlos und ausgestoßen – und weniger exhibitionistisch.

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Kopflose Jackettträger: So zu sehen in „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman beim Ballett Dortmund. Foto: Ballett Dortmund

Wie aus einer modernen Geisterbahn hingegen wirken die beiden Kerle in Jacketts, die einfach keine Köpfe haben. Sie ersetzen hier die Handwerker, die es bei Shakespeare gibt – und die Persiflagen auf Akademiker sind.

Die Ästhetik der Videoclips von Herbie Hancock drängt sich auf; allerdings sind diese Halbroboter hier äußerst freundlich und nur rein optisch etwas ungewohnt. Zumal, wenn sie kopflos miteinander ein Besäufnis veranstalten!

Die Musik besteht im zweiten Teil oft aus Soundcollagen, die allerdings nicht ganz das Niveau der jazzig-anspruchsvollen Komposition im ersten Teil haben. Dumpfe Rhythmen, wenig variiert, hartes Scratchen und polternde Trommeln bilden wenig Abwechslung.

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Somnambul verliebt: Sae Tamura und Javier Cacheiro Alemán vom Ballett Dortmund in „Ein Mittwommernachtstraum“ von Alexander Ekman. Foto: Ballett Dortmund

Still wird es, Mann und Frau zueinander finden.

Weil hier die Shakespeare’sche Handlung aufgehoben ist und von seinem Drama eigentlich nur das Thema „irre Sommernachtsträume“ übrig blieb, gibt es allerdings keine lüsterne Szene mit Esel und Elfenkönigin. Und auch keine weiteren Irrungen und Wirrungen, etwa wegen einer Zauberblume und einem Streit der Elfenherrscher. Auch eine Versöhnung kurz vor der Hochzeit wie bei Hippolyta und Theseus fällt hier flach.

Dafür gibt es Liebende, also Paare, die sich inniglich einander nähern – und zwei von ihnen berücken ganz besonders.

Da sind Javier Cacheiro Alemán und Sae Tamura, die in ausgedehnt langsamen Stand- und Bodenpositionen barfuß einander verführen, ohne sich zu bedrängen. Man spürt die Faszination im ganzen Zuschauersaal, die sie bewirken!

Aber auch der Spitzenschuh kommt zum erotischen Einsatz.

Daria Suzi, die „Hostess“ vom Anfang und zugleich eine Muse auch von Dortmunds Ballettdirektor Xin Peng Wang, bildet mit Francesco Nigro ein ungewöhnliches Pärchen, das im Zeitlupentempo mit diversen  Drehhebungen und auch klassischen Posen eine offenbar heiße Nacht miteinander verbringt. Wo? Im Dschungel der hängenden Birken natürlich, so sonst?!

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Daria Suzi und Francesco Nigro vom Ballett Dortmund in „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman. Hingebungsvoll! Foto: Ballett Dortmund

Schließlich tanzt aber auch eine Schar Mädchen im schlabbernden Oberhemd auf Zehenspitzen so elegant auf, als handle es sich um eine Truppe verkappter Showgirls, die sich einen Tag Ausritt vom Broadway gönnen und nun durch die Weltgeschichte staksen.

Nebel zieht auf… Und wenn einige Jungs in hautfarbenen Slips den Paaren beim Liebemachen zuschauen, dann könnte man glauben, sie seien männliche Elfen und nur für eine Stippvisite aus der bahnbrechenden „Sommernachtstraum“-Version von John Neumeier von 1977 vorbeigekommen.

An dessen Werk und auch an die Klassiker zum Thema von George Balanchine und Frederick Ashton reicht nun Ekmans Clownerie gewiss nicht heran. Aber sie ist eine willkommene, herzhafte Ergänzung zur großen Ballettliteratur, und sollte sich nun noch Xin Peng Wang eines Tages entschließen, einen eigenen „Sommernachtstraum“ zu inszenieren, so wird man Ekmans Fantasy-Märchen rückwirkend als leckere Vorspeise betrachten.

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Ähnlich wie in „Cow“ von Alexander Ekman gibt es auch hier eine zweigeteilte Gruppe einer scheinnackigen Urhorde. Aber lieb sind die Wilden, keine Angst! Videostill vom Trailer zum „Mitternachtstraum“ vom Ballett Dortmund: Gisela Sonnenburg

Wer Ekmans „Cow“ 2016  beim Semperoper Ballett in Dresden gesehen hat, erkennt zudem darin einige Selbstzitate des Choreografen wieder. In beiden Stücken taucht eine Gruppe Scheinnackter auf, die sich teilt und spielerisch in zwei Banden gegeneinander antritt.

Und befand sich in Dresden die titelspendende Kuh als höchstes Emblem im oberen Bühnenraum, so ist es im „Mittsommernachtstraum“ ein Bett, das als Fetisch über allem schwebt.

Ein Bett! Wozu braucht man ein Fürstentum? Ruhe dem, der ein schönes, warmes und rückenfreundliches Bett hat!

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Ein Bett! Da! Ganz oben, ganz hinten rechts! Und vorne ein toller Sprung, noch weiter davor eine passionierte Bodenfigur. Das Ballett Dortmund zeigt alles in „Ein Mittsommernachtstraum“ von Alexander Ekman. Foto: Ballett Dortmund

Natürlich erinnert das auch an den Kinderbuch-Klassiker „Peterchens Mondfahrt“, in dem ebenfalls ein äußerst bewegliches Bett sowie auch Birken (!) eine Rolle spielen. Und tatsächlich: Der Träumer schleppt sein Bettgestell, dessen Double so leichthin über allem prangt, mühsam durch die Szenen. Schließlich will er ja irgendwie diesem Chaos entkommen und wieder nachhause…

Als er es geschafft hat, legt er sich gleich wieder schlafen. Und siehe da: Wieder piept der Wecker, wieder öffnet sich der Vorhang, alles ist, wie schon zu Beginn. Und die Hostess, dieses süße Mädchen, kommt herein, freundlich trällernd – aber sie hat Heu in den Manteltaschen und dieses Heu ist es auch, das den Träumer vermutlich für immer verändert hat. So verpasst er dieses Mal nicht, der liebenswerten Dame viel Aufmerksamkeit zu spenden – und mit ihr hinterm Vorhang zu verschwinden. Ein kleiner, feiner, fast banaler Triumph der Liebe – aber ein Triumph!

"Ein Mittsommernachtstraum" ganz ohne Shakespeare von Ekman

Nur Träume verändern die Welt: Ekmans Träumer auf der Bettkante, das wilde Traumgeschehen im Hintergrund. So zu sehen im Trailer zu „Ein Mittsommernahtstraum“ von Alexander Ekman vom Ballett Dortmund. Videostill daraus: Gisela Sonnenburg

Die Uhr über der Bühne ist derzeit Amok gelaufen und hat laut der Datumsanzeige ein ganzes Kalenderjahr durchgemacht, sie zeigt jetzt 2015 an: Mittsommernacht ist ja zum Glück alle Jahre wieder… Und in Schweden wird die Sommersonnwende ausgiebig gefeiert.

Da ist es fast tautologisch, dass die Übertitelung nun „Fröhliche Mittommernacht!“ lautet – ein wenig ironisch klingt das beinahe.

Das Publikum aber ist auch im Februar davon begeistert, und manche haben sich vielleicht vorgenommen, bis zum Juni einfach durchzufeiern.

Jedenfalls gab es Standing ovations für die Künstlerinnen und Künstler, und dass Ekman bei der Einführung im Gespräch mit Chefdramaturg Christian Baier kurz vor der Premiere gestanden hatte, es ginge ihm „nur um Spaß, nicht um Regeln“, zeitigte in diesem Fall ein Konzept mit starkem Widerhall.
Gisela Sonnenburg

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