Wie wichtig Toleranz ist Birgit Keil, Chefin vom Badischen Staatsballett, im Interview über „Romeo und Julia“ in der Fassung von Kenneth MacMillan

Romeo und Julia ganz britisch in Karlsruhe

„Romeo und Julia“ sind die Verliebten der Weltliteratur per se! Hier Zhi Le Xu als Romeo und Blythe Newman als Julia in der Ballettversion von Kenneth MacMillan beim Badischen Staatsballett. Foto: Jochen Klenk

Wenn die verliebte Julia nachts vom Balkon steigt – hier nimmt sie dazu eine Treppe – und auf Romeo trifft, dann schlagen alle Herzen höher. Aber in „Romeo und Julia“, dem Stück von William Shakespeare, steckt noch viel mehr als nur eine tragisch endende Teenagerliebe. Die Ballettdirektorin und lebende Legende Birgit Keil holte jetzt die britische Ballettversion des Stücks von Kenneth MacMillan, die ein für die 60er Jahre typisches opulentes, historisierendes Gesellschaftsportrait darstellt, nach Karlsruhe zum Badischen Staatsballett. Heute abend ist Premiere, in der Originalausstattung von Paul Andrews, und im Ballett-Journal erzählt die ehemalige Startänzerin vom Stuttgarter Ballett, was es mit MacMillans Choreografie auf sich hat.

Romeo und Julia ganz britisch in Karlsruhe

Birgit Keil, charmant wie eh und je, im Portrait des Fotografen Ariel O. Greith. Die Ballettchefin vom Badischen Staatsballett hat Grund zur Freude, ist „Romeo und Julia“ doch ein hochkarätiges Stück!

Ballett-Journal: Das Badische Staatsballett wird mit „Romeo und Julia“ in der Version von Kenneth MacMillan premieren. Diese Version ist weltweit beliebt, prägt aber vor allem das Royal Ballet in London. Warum zeigen Sie in Karlsruhe genau diese Fassung? Bedeutet sie Ihnen persönlich sehr viel?

 Birgit Keil: Während meiner aktiven Zeit als Tänzerin mit dem Stuttgarter Ballett war es Kenneth MacMillan, der mich neben meinem Mentor John Cranko als Künstlerin wesentlich geformt hat. Uns verbanden viele Jahre enger Zusammenarbeit und Freundschaft. Durch die Wahl seiner Sujets, mit seiner choreografischen Umsetzung hat er Grenzen des Balletts zurückgedrängt. Unserem Ensemble dieses Werk ermöglichen zu können, war mein Wunsch. Die Premiere von „Romeo und Julia“ widmen wir dem Andenken Kenneth MacMillans, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 25. Mal jährt.

Ballett-Journal: Die Pas de deux darin gelten als zeitlos, als Ausdruck der größtmöglichen Verliebtheit im Ballett, von einem drängenden Verlangen getragen. Nun gibt es viele Liebesgeschichten, aber was ist das Besondere an „Romeo und Julia“?

 Birgit Keil: Shakespeare macht diese Liebesgeschichte zur größten in der Literatur. In Verbindung mit der Musik von Sergej Prokofjew wurde dieses Werk weltberühmt.

Hier vergisst man dann aber auch alles andere: Wenn das „Ballet Revolución“ sein Temperament in Tanz umwandelt, gibt es kein Halten mehr. Da sind Leidenschaft und Schönheit zu heißen Rhythmen vereint, und das neue Programm verspricht, noch fetziger zu sein als jedes andere zuvor. Unbedingt rechtzeitig hier hier Tickets sichern unter: www.bb-promotion.com – und richtig Spaß haben! (Das Foto stammt von BB Promotion / Anzeige)

Ballett-Journal: Sie kannten Kenneth MacMillan, haben mit ihm beim Stuttgarter Ballett als Primaballerina gearbeitet. Erinnern Sie sich gut an seine Haltung zum Stück?

Birgit Keil: Es war ein glücklicher Umstand, dass ich mit Kenneth MacMillan mehrere Stücke kreieren konnte. Angefangen bei meiner ersten dramatischen Rolle, der jüngsten Schwester in „Las Hermanas“ (Anm.: nach „Bernarda Albas Haus“ von Lorca). Doch seine Julia habe ich nie getanzt.

Ballett-Journal: Der Choreograf war inspiriert von der Theaterinszenierung des Shakespeare-Stoffs durch Franco Zeffirelli (1960), am Londoner Old Vic. 1965 wurde dann MacMillans „Romeo and Juliet“ in London uraufgeführt. Ist es schwierig, diesen Zeitgeist der 60er Jahre, des Swinging London – und auch das künstlerische Aufbäumen gegen die Konventionen in jener Zeit – heute nachvollziehbar zu machen? Oder ist das Sujet des Stücks nachgerade dafür sehr geeignet?

Birgit Keil: Kenneth MacMillan beschäftigte sich intensiv mit zwischenmenschlichen Beziehungen. Er erforschte mutig Situationen von Charakteren, die Außenseiter, erfunden oder der Literatur entnommen worden sind und brachte sie so realistisch wie möglich auf die Bühne. Meisterwerke haben an sich, dass sie zeitlos sind, ebenso der Stoff aus dem sie gemacht sind.

Romeo und Julia ganz britisch in Karlsruhe

Julia (Blythe Newman) stellt die Kraft der großen Liebe in aller Konsequenz dar. Foto vom Badischen Staatsballett: Jochen Klenk

Ballett-Journal: Es sind ja Elemente sehr expressiver Tanzkunst eingeflochten, etwa in die Figurensprache der Julia, die man zuvor im Ballett kaum kannte. Wie ist es, das mit heutigen Ballerinen zu besetzen, die viel besser trainiert sind als die früheren?

Birgit Keil: Diese Rolle, in all ihrer Vielschichtigkeit, ist bis heute eine Herausforderung für jede Ballerina. Sie erfordert viel mehr als nur eine starke Technik!

Ballett-Journal: Ist Deborah MacMillan, die Witwe des Choreografen, die auch das Bühnenlicht für „Romeo und Julia“ eingerichtet hat, angereist? Arbeitet sie an der Einstudierung mit? Und wer bitte sonst? 

Birgit Keil: Lady MacMillan ist angereist und arbeitet persönlich aktiv an der Produktion mit. Die Einstudierung hat Julie Lincoln übernommen, assistiert von Robert Tewsley, der unter anderem für die Fechtszenen verantwortlich zeichnet.

Romeo und Julia ganz britisch in Karlsruhe

Spielerisch beginnt die Liebe auf einem Maskenball… so in „Romeo und Julia“, klassischerweise auch in der Version von Kenneth MacMillan beim Badischen Staatsballett. Foto: Jochen Klenk

Ballett-Journal: Was sind eigentlich die markanten Unterschiede zu den „Romeo und Julia“-Versionen von John Cranko und John Neumeier?

Birgit Keil: Jeder Choreograf hat seine eigene Handschrift.

Ballett-Journal: Ist es auch reizvoll, MacMillans Version zu machen, weil das Personal insgesamt darin eine so klare Skizze einer Gesellschaft abliefert? Es sind ja noch mehr Rollen darin als die der beiden Titelhelden. 

Birgit Keil: Bei allen drei Choreografen sind nicht nur die Protagonisten gefordert, sondern jeder einzelne Mitwirkende.

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Ballett-Journal: Yuri Grigorovich, der beim Bolschoi-Theater auch bedeutende Versionen des Stücks schuf, kappte im Gegensatz zu den drei westlichen wichtigen „Romeo“-Choreografen (und den meisten ihnen nachfolgenden) nicht den Epilog. Darin versöhnen sich die verfeindeten Familien angesichts ihrer toten Kinder, die sich liebten. Könnten Sie sich vorstellen, dass man „Romeo und Julia“ eines Tages wieder mit Epilog tanzen will? 

Birgit Keil: Ob man in Zukunft die von Sergej Prokofjew komponierte Musik für einen versöhnlichen Epilog benutzen möchte, hängt von dem jeweiligen Choreografen ab und ist seine künstlerische Freiheit.

Romeo und Julia ganz britisch in Karlsruhe

Ein typisches MacMillan-Tableau, das die feudale Gesellschaft historisiert, gleichzeitig analysiert und dennoch bildschön darstellt: Ensembleszene in „Romeo und Julia“ beim Badischen Staatsballett. Foto: Jochen Klenk

Ballett-Journal: Das Thema der großen Teenagerliebe, die an der Feindschaft ihrer Familien scheitert, ist bis heute aktuell. Was können wir als Gesellschaft daraus lernen?

Birgit Keil: Wie wichtig Toleranz ist.

Ballett-Journal: Ich danke Ihnen sehr!
Interview: Gisela Sonnenburg

 „Romeo und Julia“ von Kenneth MacMillan ist am 18.11. und am 22.11.2017 im Badischen Staatstheater zu sehen.

 www.staatstheater.karlsruhe.de

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